Highlight: Die besten Alben von Talk Talk (und aus ihrem Umfeld) im Überblick

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Talk Talk: Wie die Stille in den Pop kam

Mark Hollis ist der Welt abhandengekommen. Seit 2001 hat er auf keinem Album mehr mitgespielt. Seit 1998 hat er keine eigene Musik mehr veröffentlicht und seitdem auch kein Interview mehrgegeben, niemandem. Verabschiedet hat er sich mit den Worten, er wolle sich seinen Kindern widmen. Doch die müssten längst erwachsen sein. Angeblich verbringt er Zeit „auf dem Golfplatz“. Wahrscheinlich ein Witz. Mark Hollis hat nicht einmal eine eigene Homepage. Sein Kontakt mit dem Musikbusiness beschränkt sich auf die „Broadcast Music Inc.“ (BMI), die Urheberrechte von Künstlern wahrnimmt. Eine angelsächsische GEMA, die jedesmal kassiert, wenn irgendwo auf der Welt „It’s My Life“, „Dum Dum Girl“ oder „Life’s What You Make It“ zur öffentlichen Aufführung kommt.

Wie auch immer Hollis lebt, er lebt von den vierteljährlichen Schecks der BMI. 2003 covern No Doubt „It’s My Life“, der Erfolg bringt Hollis ein kleines Vermögen ein. Als er dafür 2004 von der BMI bei einer glanzvollen Gala geehrt werden soll, ist er „leider verhindert“. Er fährt dann später mit dem Taxi im Büro vorbei, um sich das alberne Zertifikat abzuholen. Hollis scheint die Situation sichtlich unangenehm, er könnte sich kaum weiter von dem BMI-Typen wegbeugen. Jemand hat die Übergabe fotografiert, es ist das letzte bekannte Foto von Mark Hollis, 57, Rentner, Such a shame.

Diese Geschichte könnten wir aber auch ebenso gut mit Sebastian Schipper beginnen lassen. 2005 arbeitet der Regisseur („Absolute Giganten“) am Drehbuch für seinen neuen Film „Ein Freund von mir“. Darin geht es unter anderem um den speziellen Zauber langer Autofahrten. Das Flirren der Fahrbahnmarkierungen, das Verwischen der Landschaft ringsum. Rote Rücklichter in der Dunkelheit, warmes Glühen auch vom Armaturenbrett her. Die Straße selbst, die immer irgendwann zum Tunnel wird. Schipper stellt in seinem Kopf den Soundtrack hierfür zusammen. Die traurig-schönen Gravenhurst sorgen für den Score. Einen Song braucht es noch, das alles zusammenzuhalten, und dieser Song kann nur von Talk Talk sein, denkt sich Schipper. Über Umwege kommt er an eine E-Mail-Adresse, von der er hoffte, sie gehöre Mark Hollis. Er formuliert seine Bitte und schickt das Drehbuch mit dazu. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten – eine E-Mail mit vier Wörtern: „I like the project.“

Kooperation

Unsere Interviewanfrage hat Hollis hingegen nicht beantwortet. Texte wie dieser hier gehören nicht zu den Projekten, die er mag. Vielleicht besteht seine musikalische Mission ja gerade in der Stille, die er verbreitet. Auf die Stille hat er von Anfang an hingearbeitet, die Stille hat sich in seinem Werk ausgebreitet, und nun hat sie es übernommen. Was umso erstaunlicher ist, wenn man sich vor Augen führt, aus welcher Ursuppe Talk Talk entstiegen. Als sie erstmals die Bühne betraten, wurde die beherrscht von Bands wie Duran Duran, Kajagoogoo, The Human League und Culture Club. Die Achtziger. Jede Menge Synthesizer und noch mehr Produktion.

Geboren ist Mark Hollis 1955 in Tottenham. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Irgendwann beginnt er ein Studium der Kinderpsychologie, folgt aber bald lieber seinem älteren Bruder Ed – der sich in der Punkszene der Spätsiebziger als Texter, Produzent und Manager der Pubrock-Kapelle Eddie And The Hot Ross einen Namen gemacht hat. Dessen Verbindungen zum Musikgeschäft macht Mark sich zunutze. Seine erste Band, The Reaction, kommt über die Veröffentlichung einer Single „I Can’t Resist“ (1978) nicht hinaus. Zu ihren Songs gehört auch eine Skizze namens „Talk Talk“, nach der Hollis seine zweite Band benennt. Die gründet er zusammen mit dem Bassisten Paul Webb, Drummer Lee Harris und Keyboarder Simon Brenner. 1981 wird ein Vertrag mit der Plattenfirma EMI unterschrieben. Damit gehen die Probleme schon los.

Hätte man damals schon ahnen können, wo das alles eines Tages enden würde? Ja und nein. Einerseits verkündete Hollis schon 1982 dem „NME“ mit irritierendem Selbstbewusstsein: „Wir haben keinen Gitarristen, um die Melodien besser rüberbringen zu können. Die Rhythmussektion liefert den Beat, und das Keyboard liefert die Melodie, was es viel besser kann als eine Gitarre. Deshalb ist unser Line-up einem Jazz-Quartett ähnlicher als einer Rockband.“ Andererseits ist auf ihrem Debüt „The Party’s Over“ auch unter dem Mikroskop nicht ein einziges Jazz-Molekül zu erkennen.

„Ich will Songs schreiben, die man auch in zehn Jahren noch hören kann“

Was vor allem an Colin Thurston lag. Der Produzent hatte an der Seite von Tony Visconti schon mit David Bowie („Heroes“) und Iggy Pop („Lust for Life“) gearbeitet, doch lagen seine wahren Qualitäten zu Beginn der 80er-Jahre anderswo: Thurston war verantwortlich für den Sound der frühen Duran Duran. Und die waren nicht nur optisch, sondern auch klanglich das kommerzielle Maß aller Dinge. Kein Wunder also, dass die EMI den Newcomern Thurston als Produzent vor die Nase setzten – und Talk Talk als Wiedergänger von Duran Duran vermarkteten. Sogar auf gemeinsame Tour wurden die Gruppen geschickt. Allzu gerne hätte man den verhuschten und mit beeindruckenden Segelohren ausgestatteten Mark Hollis als niedlichen kleinen Bruder des erotisch aufgeladenen Simon LeBon aufgebaut. Doch ihr auf New Wave gebürsteter Synthiepop wurde nur mäßig erfolgreich – am ehesten noch in Südafrika und Neuseeland.


Mark Hollis (Talk Talk) ist tot
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