Highlight: Die besten Alben von Talk Talk (und aus ihrem Umfeld) im Überblick

Nachruf

„Heaven bless you in your calm – my gentle friend“: Nachruf auf Mark Hollis

Wenn jemand mit 64 Jahren stirbt, sagen die Menschen: Das ist zu früh. Mit 64 stirbt man nicht. Mit 64 nimmt man vielleicht ja doch noch mal eine Platte auf. Doch Mark Hollis, ein aus Tottenham stammendes musikalisches Genie, hatte eigentlich schon 1991 mit diesem törichten, die Zeit und den Fluss der Musik zum Stocken bringenden Käse aufgehört. Da war er Mitte 30 und seine Band Talk Talk Geschichte.

Sieben Jahre später erschien dann trotzdem noch ein Album, sein erstes und letztes Solowerk. Es trug keinen Titel, nur seinen Namen, darunter ein Schwarz-Weiß-Foto eines bedröppelt dreinschauenden sardischen Osterbrot-Lamms. MARK HOLLIS war trotz namhafter, Big-Band-großer Besetzung eine kammerkleine, leise Platte, der die Töne, Harmonien und Muster aus dem Jazz, moderner Klassik, Folk und Blues zuflogen wie Schneeflocken. Hollis hatte besonderes Augenmerk auf die impressionistisch anmutenden Holzbläser-Arrangements gelegt, die er zuvor geschrieben hatte, wie er sagte, einfach weil er sich darin ausprobieren wollte.

Denn Mark Hollis ist immer Musiker geblieben, er hatte nur irgendwann beschlossen, aus allen Verwertungsketten auszusteigen, sein Werk sich selbst vorzuenthalten.

Kooperation

Die Band Talk Talk, die er 1981 gemeinsam mit Lee Harris und Paul Webb gegründet hatte, war damals schnell Charts-relevant geworden. Sie hatte sich den angesagten „neuromantischen“ Synthiepop-Sound angeeignet, vermochte Songs mit so melancholischen wie anhänglichen Melodien zu schreiben und sie nicht zuletzt dank Mark Hollis‘ nasal-klagender Stimme dramatisch in Szene zu setzen.

Im Nachhinein darf man als Fan natürlich gerne behaupten, man habe auch schon diesen frühen Hits angemerkt, dass in dieser Band etwas Außergewöhnliches steckt. Zum Beispiel bei diesem Elefantentröten aus „Such A Shame“ oder dessen Ende, bei dem der offene Schlussakkord immer wieder neu gesetzt wird, als fiele es dem Stück schwer, sich zu verabschieden. Und warum sah uns dieser britische Junge mit der Seemannsmütze im Video von „It’s My Life“ nicht in die Augen, sondern sang umso energischer auf einen fernen imaginären Punkt zu? Nun, die EMI, ihr Label, war froh, dass er in der von ihr geforderten zweiten Version des Videos überhaupt an den richtigen Stellen des Liedes die Lippen bewegt.

Während wir noch Duran Duran und Depeche Mode meinten, war Hollis längst schon bei Miles Davis und Debussy

Die Wahrheit war: Während wir noch Duran Duran und Depeche Mode meinten, war Hollis längst schon bei Miles Davis und Debussy. So schnell Talk Talk im Mainstream angekommen waren, so schnell bemühten sie sich, von diesem zu verabschieden. Ihre dritte, schon halbakustisch eingespielte Studioplatte THE COLOUR OF SPRING war zwar ihr größter kommerzieller Erfolg und steht als Meisterwerk an der Spitze jener Alben, die dieses Format in der zweiten Hälfte der 80er als gesamtheitliche und genreüberschreitende Kunstform zu reaktivieren versuchten – doch im Rückblick wirkt sie immer noch wie ein Kompromiss. Mark Hollis und sein 1983 zur Band gestoßenes Kompositions- und Produktions-Gegenüber Tim Friese-Greene hatten sich längst auf einen neuen Weg gemacht.

Was danach 1987 und 1988 von 16 Musikern plus dem Chelmsford Cathedral Choir über 14 Monate in einem zum Studio umgebauten, weitgehend abgedunkelten Gotteshaus in London-Highbury erschaffen wurde, die ausgesperrte EMI fast in den Wahnsinn trieb und bis heute andere Musiker ihre eigenen Kompositions-, Arrangement-, Spiel- und Aufnahmen-Ideen neu denken lässt, darüber wurden längst unzählige Aufsätze und Hymnen geschrieben, auch in unserer Zeitschrift. Auch wenn der Satz „Man kann es schlecht erklären“ freilich als Totschlagargument gegen jede Form des Musikjournalismus eingesetzt werden kann, soll hier tatsächlich nicht mehr als eine Empfehlung dafür stehen, heute Abend noch diese beiden finalen Talk-Talk-Alben – SPIRIT OF EDEN (1988) und seinen Bruder LAUGHING STOCK (1991), erschienen auf dem wiedererweckten Jazz-Label Verve – zu hören und dabei nur das zu tun! Sehr laut, in einem abgedunkelten Zimmer.

Ein Schöpfer tief berührender Kunst

Was sich dabei über Klang, Improvisation, Dynamik, Hingabe und wohl auch Spiritualität lernen und begreifen lässt, ist tatsächlich sehr schwer in Worte zu fassen. Und auch die Worte, die Mark Hollis, der als Sänger nunmehr ganz brüchig und flehentlich geworden ist, hier vorträgt und mit dem Füllfederhalter schwer leserlich aufs Textblatt übertragen hatte, lassen sich nicht so einfach erfassen. Es geht um die Natur, das Leben, Leid, Schönheit, Erlösung.

Dass der Schöpfer dieser tief berührenden Kunst, die sich so unvergleichlich frei entfaltet zwischen (Post-)Rock, klassischer und kirchlicher Musik, Jazz, Dub, Folk, Blues und vielem mehr, so früh beschloss, aus der Öffentlichkeit herauszutreten, ließ sich durch die wenigen Interviews, die er zuvor gegeben hatte, übrigens sehr gut nachvollziehen. So kompromisslos er darin in seinem Urteil über die aktuelle Musik war, so unmöglich und auch unerträglich er bald den Gedanken gefunden hatte, seine hochsensiblen Werke live vorzutragen, so erhellend war es doch, ihn über die Musik als solches – und die Stille – reden zu hören. Jetzt, wo er dazu nichts mehr sagen kann, müssen wir einfach selbst die Ohren aufmachen.


Die besten Alben von Talk Talk (und aus ihrem Umfeld) im Überblick
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