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„Tote Mädchen lügen nicht“: In Staffel 3 erwarten uns Amok und Abtreibung

Am 18. Mai hat Netflix die zweite Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ veröffentlicht – und damit unglücklicherweise am gleichen Tag, als ein Schüler in Houston, Texas Amok lief. Die Serie, in der eine Schülerin posthum erzählt, wer sie warum in den Suizid trieb, stand schon in der ersten Staffel in der Kritik. Suizid würde darin romantisiert und als Ausweg dargestellt werden. Nun, da besonders das Ende der zweiten Staffel für Schlagzeilen sorgt, muss die Kritik erweitert werden: Wie viel Gewaltdarstellung in einer Serie mit der Altersfreigabe FSK 16 ist okay? Spendet eine Szene, in der ein potentieller Amokläufer sich durch einen Mitschüler in letzter Sekunde aufhalten lässt, Hoffnung? Oder ist sie im Gegenteil gefährlich? Wie mitschuldig am Zustand unserer Gesellschaft ist man als Zuschauer, wenn man 13 neue Folgen lang förmlich darauf wartet, dass etwas passiert?

Fest steht: „Tote Mädchen lügen nicht“ ist mit seiner zweiten Staffel nochmal komplexer geworden. Nicht hinsichtlich der Handlung, die ist schnell erzählt und recht durchschaubar. Sondern hinsichtlich seiner Außenwirkung. Die Kollegen von „Indiewire“ haben das unter dem Titel ’13 Reasons Why’: Season 2’s Dramatic Ending Isn’t Just Bad Timing, It’s Dangerous‘ ausführlich zusammengefasst, Elternverbände in den USA forderten bereits die Löschung der kompletten Serie aus Netflix‘ Angebot – als ob das den darin behandelten Problemen helfen würde.

Fest steht aber auch: Mit den geballten Plottwists, Wendungen und Geschehnissen der finalen Folge haben Serienentwickler Brian Yorkey und sein Team zwar etliche Cliffhanger für eine dritten Staffel ausgeworfen, aber der Glaubwürdigkeit nicht unbedingt einen Gefallen getan. Auch abseits von Amoklauf und Gewaltszenen: Die finale Folge der 2. Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ bot schlichtweg too much of everything. Die Spannung auf eine dritte Staffel will ja gesichert sein.

Was im Finale der 2. Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ Maßgebliches passierte – und was deshalb in Staffel 3 passieren könnte:

Clay hält die Waffe, mit der Tyler Amok laufen wollte

Es ist die finale Szene der 2. Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“: Clay kann Tyler in letzter Sekunde durch Zureden davon abhalten, mit einer Maschinenpistole Modell AR 15 – das gleiche Modell übrigens, das der Amokläufer des Parkland-Massakers in Florida im Februar benutzte – den Schulball zu stürmen und Amok zu laufen.

Tyler will mit einer AR 15 die Schule stürmen.

Die Polizei nähert sich mit Sirenen, Tony fährt Tyler in letzter Sekunde mit seinem Auto vom Fast-Tatort davon. Blöd für Clay: Plötzlich steht er da mit der Waffe in der Hand. Was wird er damit tun? Sie verstecken? Die Wahrheit erzählen und Tyler ausliefern? Sich eine ganz andere Geschichte ausdenken? Clay als Tatverdächtiger scheint einerseits eine naheliegende Möglichkeit zu sein, um in Staffel 3 einzusteigen. Schließlich wurde er zuvor von Justin abgehalten, mit einer anderen Pistole auf Bryce zu schießen. Andererseits ließe sich dieser Verdacht binnen weniger Minuten ausräumen: Ein paar herausrennende Schüler haben Tyler gesehen, bevor sie sich in Sicherheit brachten. Außerdem schickte der vor seinem geplanten Amoklauf eine SMS an seinen ehemaligen Kumpel Cyrus, in der er seine Tat ankündigte.

Monty wird (nicht) drangekriegt wegen des Missbrauchs an Tyler

Bryce und Monty (r.)

Montgomery de la Cruz war lange Zeit nur eine Nebenfigur in „Tote Mädchen lügen nicht“, ein Sportsfreund von Bryce Walker, dem Bullying offenkundig sehr viel Spaß bereitete. Zum Ende der 2. Staffel hin wird er zu einer zentralen Figur: Er war es, der diverse Mitschüler und Eltern anonym bedrohte, die im Fall Hannah Baker vor Gericht gegen die Schule und gegen Bryce aussagen sollten. Sein Motiv: Die Sportmannschaften der „Liberty High“ sind sein Leben, dessen Grundlage er nun in Gefahr sieht. Er ist es denn auch, der mit zwei Handlangern Tyler schwer verprügelt und ihn mit einem Besenstiel sexuell missbraucht – und somit dafür sorgt, dass der nach einer Therapie fast geläuterte Tyler doch auf Rache sinnt und Amok laufen will.

Nach der bisher kontroversesten Szene in einer an kontroversen Szenen nicht armen Serie verspürt man als Zuschauer unweigerlich Mitleid mit Tyler, Brian Yorkey erklärte in der Zwischenzeit ausführlich, warum sie seine Geschichte so erzählten und warum sie auch die schreckliche und unvermittelte Gewaltszene so zeigten. Der Serienschöpfer sagte unter anderem, dass der Schmerz, den die Zuschauer beim Anblick dieser Szene erfahren, nicht annähernd dem Schmerz gliche, den die viel zu zahlreichen Opfer solcher Taten ihr Leben lang spürten.

Und Montgomery? Der löst durch seine Tat Bryce Walker fast als Hassobjekt Nummer 1 ab. In einer dritten Staffel könnte es also darum gehen, ob er dafür drangekriegt wird oder nicht. Dafür müsste Tyler aber aussagen – bisher wissen außer ihm nur die drei Täter von dem Missbrauch.

Chloe ist schwanger von Bryce

In der 1. Staffel trat sie gar nicht auf, in der 2. Staffel ist sie Bryces neue Freundin: Cheerleaderin Chloe, die trotz hartnäckiger werdender Gerüchte lange Zeit nicht glauben will, dass ihr Freund ein Vergewaltiger ist. Je größer ihre Zweifel werden, desto eher kriegen Jessica und Hannahs Mutter Chloe dazu, vor Gericht gegen Bryce auszusagen. Sie macht in letzter Sekunde einen Rückzieher, hat zu viel Angst – und erzählt Jessica in der letzten Folge auf dem Mädchenklo, dass sie schwanger ist. Womit sie leider doch noch länger an Bryce gebunden sein könnte, als ihr lieb ist. Möglicher Themenkomplex in Staffel 3 also: Abtreibung oder nicht?

Könnte mit dem Thema Abtreibung zum Mittelpunkt der dritten Staffel werden: Chloe.

Jessica ist eigentlich wieder mit Alex zusammen, hatte aber Sex mit Justin

Auch wenn sie nicht so recht zusammenpassen wollen, freut man sich für beide: Jessica und Alex, die in der 1. Staffel schon mal ein Paar waren, finden wieder zusammen. Für beide markiert das eine Art Einschnitt, ein „Endlich wieder nach vorne schauen“: Jessica kämpfte und kämpft noch immer mit den psychischen Folgen ihrer Vergewaltigung durch Bryce und der Angst, ohne eindeutige Beweise öffentlich gegen ihn auszusagen oder nicht; Alex fand und findet nach seinem Suizidversuch körperlich und geistig wieder ins Leben.

Jessica und Alex werden wieder ein Paar.

„Leider“ ist da aber auch noch Justin: Clay und Tony holten ihn als Drogensüchtigen von der Straße zurück und „lockten“ ihn damit, dass Jessica, die einst auch mit ihm zusammen war, ihn wieder haben wolle. Das war eine Notlüge, von der Justin selbst irgendwann erfährt und rückfällig wird. Auch in der letzten Folge sieht man, wie er sich einen Schuss setzt. Kein Happy End für ihn also, obwohl Clays Eltern ihn doch adoptieren wollen? Jein: Während des Schulballs haben er und seine immer noch geliebte Jessica überraschend Sex. Ein neuer Konflikt zwischen ihm, ihr und Alex scheint also unvermeidbar.

Justin wird vom drogenabhängigen und gewalttätigen Freund seiner Mutter beobachtet

Jessica und seine Drogen sind aber nicht Justins einziges Problem: In einer Szene sieht man, wie der Freund seiner drogenabhängigen Mutter, ein gewalttätiger Junkie, ihn mit bösem Blick aus dem Auto heraus beobachtet. Justin hatte ihm zuvor ein paar versteckte hundert Dollar stehlen wollen, aber nur ein paar Scheine mitgenommen, weil seine Mutter warnte: „Wenn er das herausfindet, bringt er mich um!“ Nun, wie es aussieht, hat er es herausgefunden und will sich auch Justin ein für alle Mal vorknöpfen.

Justin lebt in einem Junkie-Haushalt und wird bedroht.

„11 Reasons Why Not“

Sie hätten aus der 2. Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ auch eine Fast-Feelgood-Staffel machen können: In der letzten Folge überreicht Hannahs Mutter Olivia Baker Clay eine Notiz von Hannah, die sie auf ihrem Computer fand. „11 reasons why not“ stand darauf, und darunter mindestens einmal Clays Spitzname „Helmet“. Man erfährt, was Hannahs Mutter nochmal ausspricht: Nur drei Gründe mehr, und Hannah hätte sich vielleicht nicht umgebracht. Gerne würde man als Zuschauer jeden dieser Gründe erfahren – aber das wäre natürlich weit weniger dramatisch gewesen.

Staffel 3 ohne Hannah Baker

Aus dieser neuen Liste könnten in Staffel 3 trotzdem durchaus „schöne“ Rückblicke gesponnen werden. Wird aber wohl nicht passieren, denn: Katherine Langford, die Hannah Baker spielt, wird in der am 6. Juni 2018 offiziell bestätigten dritten Staffel „definitiv“ nicht mehr dabei sein, wie Brian Yorkey zuvor erklärte. Es gebe aber „noch genug über die anderen Charaktere zu erzählen, was wir noch nicht wissen“. Ach was, siehe oben.

Begeht in der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ Suizid: Hannah
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