Popkolumne, Folge 48

Warum Politik zu den „Golden Globes“, aber leider nicht auf Laura Sophies TikTok-Account gehört: Die Popwoche im Überblick

Ich wage schon jetzt die Prognose: Etwas Besseres als die Panne des österreichischen Senders ORF, die Vereidigung der neuen Regierung mit Untertiteln der Telenovela „Alisa – Folge deinem Herzen“ zu senden, wird uns in diesem Jahr nicht passieren. Aber bestimmt trotzdem genug Spannendes, genug Ärgerliches, genug Schönes und Kommentarwürdiges – so ging’s zumindest schon mal los. In diesem Sinne: Ein spätes frohes Neues von mir!

Veranstaltung der Woche: Golden Globes 2020

Björk im Schwanenkleid, Jennifer Lopez im tropengrünen Flatter-Dings. Die Bilder von Filmpreisverleihungen, nach denen vor allem über spektakuläre Oufits der geladenen Stars diskutiert wurde, erscheinen heute fast rührend, wie Relikte aus vermeintlich unschuldigeren Zeiten. Als am vergangenen Sonntag die Golden Globes in Los Angeles verliehen wurden, hat sich einmal wieder gezeigt: Ohne zumindest vage politische Gesten kommt heute fast keine bedeutende Hollywood-Veranstaltung mehr aus.

Der gebürtige Neuseeländer Russell Crowe zum Beispiel blieb der Verleihung fern, weil er seine Wahlheimat Australien nicht verlassen wollte, während dort der Busch brennt. Seine Rede, die eigentlich eher ein Plädoyer für Umweltschutz war, ließ er von Jennifer Aniston vortragen.

Ein wahrscheinlich weniger konsensfähiges Thema griff Michelle Williams, die für ihre Rolle in der Miniserie „Fosse/Verdon“ ausgezeichnet wurde, in ihrer Rede auf: Sie sprach, mehr oder weniger deutlich, über reproduktive Rechte. „Ich bin dankbar für die Anerkennung der Entscheidungen, die ich getroffen habe, und auch dankbar dafür, dass ich in einem Moment in unserer Gesellschaft gelebt habe, in dem ich die Wahl hatte“, sagte sie und deutete in Folge an, damit die Wahl zu meinen, sich für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden – während sie schwanger auf der Bühne stand. Kein Widerspruch, sollte man meinen. Aber in Zeiten eines konservativen Backlashs, in denen „Pro Choice“-Gegner und religiöse Eiferer Abtreibungen als große Verantwortungslosigkeit oder gar Mord zu zeichnen versuchen, ist Williams‘ Auftritt Offenheit verdammt wohltuend. Weil bei ihrem Auftritt alle Skeptiker leibhaftig sehen konnten: Schau an, eine Frau kann sich für Abtreibungen aussprechen – und zugleich Kinder lieben. Man darf die großen, politischen Gesten auf Hollywood-Events durchaus für „Virtue Signalling“ unanständig reicher Leute halten. Aber manchmal haben sie eben doch ziemlich viel Power.

Debatte der Woche: Der dritte Weltkrieg fällt doch aus

Deutschland hat ein neues Meme: die Schülerin Laura Sophie, mit 2,2 Millionen Followern auf der Plattform auf Tiktok, weiteren 828.000 auf Instagram gewissermaßen Social-Media-Berühmtheit, deren Gesicht jetzt für mehr steht, als eine 18-Jährige eigentlich aushalten kann – die Beklopptheit des Influencertums, überhaupt den bedauernswerten Zustand der politischen Bildung unter der berühmten Jugend von heute, die vermeintlich nix kann, außer ihre Larven in eine Selfie-Kamera zu halten.

Was passiert ist: Vor wenigen Tagen lud Laura Sophie ein Video auf TikTok hoch, in dem sie in sportlichen 59 Sekunden erklärte, warum wegen der Ermordung Qasem Soleimanis („einer der wichtigsten Männer vom Iran“) wahrscheinlich der dritte Weltkrieg ausbrechen wird. Ja, nicht jede*r kann eine Mai Thi Nguyen-Kim sein, die Wissen so teengerecht wie korrekt vermittelt. Aber was Laura Sophie so erzählte („Sobald Amerika anfängt zu kämpfen, im Krieg zum Beispiel, treten Deutschland und Frankreich mit ein, weil das sind alles Länder der Nato“) war leider so alarmistisch wie krachend falsch – und zu allem Überfluss noch getoppt von einem weiteren TikTok-Video, in dem sie sich shiny-happy tanzend darüber freut, dass Deutschland diesmal nicht Schuld am Krieg sein wird.

Es folgten, logisch, Häme und wüste Beschimpfungen, aus der Troll-Ecke wie von etablierten Journalisten. Immerhin kam hier alles zusammen, was bei Menschen unter, sagen wir, 25 Jahren heftigste Abwehrreflexe auslöst: ein junges Girl, das sich im Netz an Selbstmarketing versucht. Eine Plattform, die man diffus ablehnt (weil: zu alt zur Nutzung, irgendwas mit China). Und internationale Politik, quasi die Königsdisziplin im Diskurs, aus der sich die Kids eh mal schön raushalten sollten.

Die Videos sind mittlerweile gelöscht, die Urheberin hat sich entschuldigt (womit sie vielen Politikern und Journalisten einiges an Größe voraus hat) – aber die Spottfigur Laura Sophie ist etabliert. Und das ist ziemlich eklig. Ganz abgesehen davon, dass man sich durchaus fragen darf, wie gut man selbst mit 18 Jahren internationale Beziehungen erklärt hätte; wie genau die Menschen, die sich nun über die Schülerin beömmeln, eigentlich über die Kräfteverhältnisse in der Welt Bescheid wissen: Es ist ein Teenager, auf den man hier eindrischt, eine junge Person, die noch viel lernen wird – und nun wahrscheinlich auch schon gelernt hat. Zum Beispiel, dass man sich mit großer Reichweite besser nicht an komplizierten Themen verhebt. Dass (zu) viele Follower ihre Erklärung für bare Münze nehmen, dass sie ihre kruden Theorien unbenommen verbreiten konnte, ist ein Riesenproblem – aber nicht ihres.

Die ganze Chose legt offen, dass sich mit TikTok gerade mal wieder ein Massenmedium unter jungen Menschen etabliert, das von der Generation 35+ nicht ernst (genug) genommen wird. Auch die Tagesschau nutzt die Plattform vor allem, um witzige Videos zu verbreiten – und eben nicht für den Iran-Crashkurs in Kurzvideoform. Klar, dass Kids (nein: alle) besser damit beraten wären, jeden Tag fünf Tageszeitungen zu lesen. Unpolitisch zu sein, kann sich heute niemand mehr leisten. Auch klar, dass sich nicht alles auf der Welt in dreißig Sekunden erklären oder in spaßige Memes verpacken lässt. Aber bis man eine Idee hat, wie sich politische Bildung besser mit dem Mediennutzungsverhalten vieler Teens vereinen lässt, könnte man zumindest aufhören, sich dermaßen hämisch über den hilflosen Erklärungsversuch einer 18-Jährigen zu beömmeln.

Album der Woche: The Chap – Digital Technology

Ein Titel, so rührend antiquiert wie eine AOL-CD. Oder hat jemals jemand DIGITAL TECHNOLOGY gesagt und KI gemeint? Vermutlich nicht. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die britisch-deutsche Metapop-Band The Chap in der Ankündigung ihres so benannten neuen Albums zwar behauptet, es solle sich anhören, als versuche eine Künstliche Intelligenz zu klingen „wie talentierte Europäer im Jahr 2019“ – aber am Ende doch eher den Zauber der „Oldschool Technology“ beschwört. Hypnotisch, idiosynkratisch, aber bizarrerweise sehr „handgemacht“ klingen die Songs zwischen elektronischem Pop, apokalyptischem Techno und Krautrock. Dass es für diese hübsche Schrullen-Rave-Platte im „Krieg der Sterne“vom Musikexpress dafür keine höhere Wertung gab: So unerklärlich wie meine Faszination für Modem-Sounds.

Verkannte Kunst: Extreme – „More Than Words“

In grauen Vorzeiten, in Tagen vor Drake und Debatten über „Toxische Männlichkeit“, namentlich: in den 90ern reifte gerade unter harten Boys im Pop der Wunsch, endlich mal was zu fühlen. Metallica schrieben mit „Nothing Else Matters“, die (nicht zu Unrecht vergessenen) Hardrocker Mr. Big mit „To Be With You“ Songs, zu denen Papa prima zum Weinen in die Garage gehen konnte. Der beste, weil konsequent kitschigste seiner Art ist wahrscheinlich „More Than Words“ von Extreme – der Akustikballade gewordene Glaube einer Metal-Band, mit einer Gitarre und zwei Männerstimmen, die ordentlich losknödeln, die Herzen der Welt weich wie frisches Mett klopfen zu können. Bei einigen Papas (überhaupt: Menschen) klappt das bis heute. Alle anderen erinnert wenigstens der grenzdebile Albumtitel PORNOGRAFFITTI daran, dass auch in den 90ern nicht alle so cool wie Chloe Sevigny waren.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


Golden Globes 2020: Das sind die Gewinner im Überblick
Weiterlesen