Highlight: 6 Rap-Alben, die 2018 bleibenden Eindruck hinterließen

Festivalbericht

Wicked! 5 Erkenntnisse, die wir vom Kosmonaut Festival 2019 mitgenommen haben


Am 5. und 6. Juli luden die Chemnitzer Heimatimagebeauftragten Kraftklub einmal mehr an den Stausee Rabenstein am Rand ihrer sächsischen Geburtsstadt. Das dort zum siebten Mal stattfindende Kosmonaut Festival hat sich längst zu einer attraktiven Säule im deutschen Festivalkalender entwickelt – verständlich, kann man sich vom kühlen Wasser des Badestrandes aus die Auftritte von Deutschrapgrößen wie KIZ und Nura ebenso entspannt anschauen wie die Hoffnungsträger der Gitarrenmusik, in diesem Jahr etwa Die Nerven und Shame.

Auch 2019 nahmen wir einige Erkenntnisse vom Kosmonaut mit, die wir im Folgenden für Euch aufgearbeitet haben. Die schönsten Schnappschüsse des Festivalwochenendes findet Ihr übrigens oben in unserer Bildergalerie.

Kosmonaut Festival 2019 – 5 Erkenntnisse aus Karl-Marx-Stadt

You Can’t Stop The Hardcore!

Eine liebgewonnene Tradition des Kosmonauts ist der alljährliche geheime Headliner. Im eigens errichteten Wettbüro können Besucher aus einer Liste potenzieller Überraschungsacts ihren Tipp aussuchen und mit etwas Glück Tickets für die kommende Festivalausgabe gewinnen.

Anzeige

In diesem Jahr fanden sich neben internationalen Acts wie The 1975 und The Streets unter anderem auch Dendemann und Die Orsons auf der Liste wieder – und wurden bereits am frühen Freitag als die Favoriten für den noch freien Headliner-Slot unter den Besuchern gehandelt. Es sollte jedoch komplett – und sehr überraschend! – anders kommen.

Denn nicht Dende oder Mike Skinner kamen um kurz vor 23 Uhr auf die Bühne, sondern zwei leichtbekleidete Tänzerinnen und zwei schwarz gekleidete Herren, die sich hinter einer Armada von Keyboards positionierten. Spätestens nachdem die Bandansage das Zelebrieren von „25 years of Hardcore“ ankündigte, dürfte es auch dem letzten Besucher gedämmert haben: Verdammt, die geheimen Headliner sind tatsächlich die zuvor als Witz in der Liste ausgemachten Scooter!

Scooter beim Kosmonaut 2019

Und so kam der leibhaftige und auch mit 55 Jahren platinblonde H.P. „Fucking“ Baxxter auf die Bühne gehüpft und deklarierte das Motto der kommenden Stunde: „You Can’t Stop The Hardcore!“

Kraftklubs Felix „Brummer“ Kummer hatte zuvor bereits gesagt, die Band habe sich mit dem geheimen Headliner einen Traum erfüllt, doch auch sie dürften überrascht gewesen sein, wie positiv, ja euphorisch, das Chemnitzer Publikum Scooter aufnahm.

Der für seine Nonsense-Motivationsansagen bekannte Baxxter hatte leichtes Spiel, nahmen ihm die Zehntausend vor der Bühne die meiste Arbeit doch ab: Es wurde gesprungen, „Döp-Döp-Dödö-Döpdöpdöp“ und „Wicked!“ gegrölt und in den kurzen Verschnaufspausen, die sich der ostfriesische Hampelmann Baxxter gönnte, der nächste Hit gefordert.

Und Scooter lieferten. Sie lieferten eine Hi-NRG-Show, die ihren ungekrönten Höhepunkt fand, als Baxxter bei „Fire“ für die Schwanzrock-Gitarrenlicks selbst zur Gibson Flying V griff und Funken in den Chemnitzer Nachthimmel schoß. „Wicked!, dieser Auftritt war einfach nur „Wicked!“

Deutsche Acts können internationale Klasse

Es wird ja immer wieder gerne auf der deutschen Popmusik herumgehackt, Kleinkarierte mit zu großem Patriotismus nörgeln, abgesehen von Kraftklub und, well, Scooter, würde deutsche Musik im Ausland niemanden interessieren, kurzum: Deutschen Acts – egal, welcher Spielart – fehle es an Klasse, um international mithalten zu können.

Das Booking des Kosmonaut 2019 hat sich ziemlich ins Zeug gelegt, dieses Quatsch-Argument noch einmal nachdrücklich zu entkräften.

Da wäre zum einen Serious Klein, im Ruhrpott-Kaff Oer-Erkenschwick aufgewachsener Rapper, der mit seinen englischsprachigen Versen über Gott und die Welt (wortwörtlich!) sich bereits in einer Liga mit J. Cole und Drake, aber ebenso Kendrick Lamar und Chance The Rapper, bewegt und seine Beats vom Grammy-prämierten Produzenten Rascal aus Aachen geliefert bekommt. Beim Kosmonaut unterstreicht Serious Klein mit einer packenden Performance, das für ihn der Nachmittagsslot beim Kosmonaut nur der Anfang sein kann.

Weiter sind da schon die Leoniden. Das Quintett aus der Pop-Entwicklungsregion Kiel hat mit seinen zwei binnen eines Jahres veröffentlichten Studioalben bereits einen beachtlichen Roster an genuinen und dennoch massentauglichen Hits zusammen, mit dem sie den Platz vor der Kosmonaut-Hauptbühne bereits am späten Nachmittag mehr als nur sehr gut ausfüllen können.

Für die Leoniden könnte der Headliner-Slot eines Mittelklasse-Festivals wie dem Kosmonaut in nicht allzu ferner Zukunft vollkommen unbedenklich zuzutrauen sein. Das Songmaterial haben sie, wie bereits erwähnt, bereits jetzt zusammen, ein drittes Album könnte ihren Status als Traumband eines jeden Festivalbookers nur noch weiter bestärken. Auch aufgrund ihrer Agilität auf der Bühne und ihrem Hang zu „idiotischen Oh-Oh-Gesängen“, wie es Sänger Jakob in Chemnitz nennt, finden sich die Leoniden auch in den Line-ups internationaler Festival wie dem Sziget – und das ganz ohne teutonisches Brunstgegrummel á la Rammstein.

Der Austropop-Hype will nicht abebben

Wanda, Bilderbuch, Bilderbuch, Wanda: Diese beiden Bands haben in den vergangenen fünf Jahren enorm viel für den Popstandort Österreich geleistet. Doch Austropop ist mehr als nur Maurice Ernsts Koketterie und Marcus Wandas Rock’n’Rock-Lifestyle. (Austro-)Pop ist nämlich auch Retromanie und Selbstreferenz, Hype und Trend.

Genau das spiegeln die beiden österreichischen Acts Flut und Jugo Ürdens wieder, die beim Kosmonaut zu den Entdeckungen zählten. Während erstere eine superglatte 80s-Space-Pop-Pastiche boten, die in Momenten zu einer Wave-Pop-Version von „Spinal Tap“ zu verkommen drohte, ritt Jugo Ürdens das nicht totzukriegende Autotune-Trap-Hypepferd auf einen noch etwas weniger ausgetretenen Pfad.

Allein diese beiden Acts, die musikalisch Lichtjahre auseinander liegen, zeigen, wie spannend und divers die popkulturelle Realität in der Alpenrepublik ist und wir nicht unbedingt das bald erscheinende neue Wanda-Album benötigen, um genau darüber zu sprechen und zu schreiben.

Blond for ESC

Das Trio, bestehend aus den beiden Kraftklub-Schwestern Lotta und Nina und Bassist Johann, ist der wohl derzeit am grandiosesten sortierte Gemischtwarenladen des deutschen Pop. Blond können alles – und wollen alles: Indie-Rock trifft bei ihnen auf HipHop, NDW clasht mit Bubblegum-Pop und Gutelauneklamauk, für Coverversionen und Trickkleider ist ohnehin immer Zeit.

Blond beim Kosmonaut 2019

Nicht nur Guildo Horn dürfte eine Träne der Rührung verdrücken beim Anblick dieses Live-Wahnsinns, den das Trio auf die Beine stellt. Mit „Spinaci“ haben Blond obendrein bereits jetzt einen Song im Köcher, dessen Refrain von Tel Aviv bis Trondheim wohl jede Partycrowd mitgrölen kann – und will. Also, ARD, macht’s möglich: Blond for ESC 2020!

Gender Equality hört auf dem Zeltplatz auf

Viel wurde in diesem Jahr über das Thema Gender Equality auf Festivals gesprochen und diskutiert. Branchenriesen wie den Zwillings-Open-Airs Rock am Ring/Rock im Park und Hurricane/Southside wurden ihre „Würstchenparade“-Line-ups vorgeworfen, andernorts gegen die schlechte Bezahlung der wenigen weiblichen Headliner, die der Festivalbetrieb zulässt, gewettert.

Doch was bringen all diese Diskussionen, all das Lob hierzulande für die Initiativen, die etwa ein ohnehin als äußerst progressiv geltendes Festival wie das Primavera initiiert haben, wenn auf den Campingplätzen – und somit bei der Festivalbasis – der blanke Sexismus blüht?

Nun darf natürlich nicht von einem Festival auf alle Open-Airs der Republik geschlossen werden, aber so war es doch bemerkenswert, mit welch einer Menge an stupiden und offen frauenfeindlichen Schildern, Fahnen und Aktionen man bei einem Gang über die Zeltstadt des Kosmonauts konfrontiert wurde.

„Gratis für alle Frauen: Brustvergrößerung durch Handauflegen“, „Titten-raus-es-ist-Sommer-Zone“, „Kondom-Testbetrieb“ sind nur drei „Slogans“, die die Camps geziert haben. Hinzu kamen die nicht totzukriegenden, entehrenden Punktetafeln, mit denen Frauen beim Gang übers Campinggelände bewertet wurden und eine Menge lauter Pfiffe und Geifereien, wenn wieder einmal eine Dame sich im Bikini auf den Weg zum Badestrand gemacht hat.

Wie so oft sind auch beim Kosmonaut – und bei anderen Festivals – diese dumpfen Idioten (hoffentlich) in der Minderheit. Solange sie jedoch nicht von einer wehrhaften Mitte an ihrem Unsinn gehindert werden und auch Veranstalter und Ordner nur durch Hinweisschilder auf das Unterlassen sexistischen Quatsches hinweisen, wird sich auch an dieser Form eines toxischen Macht- und Geschlechterbildes nichts ändern. Not so wicked.

Erik Lorenz
Erik Lorenz
Erik Lorenz
Anzeige

iPhone XR für 1 €* im Tarif MagentaMobil L mit Top-Smartphone

  • 6,1″ Liquid Retina Display
  • leistungsstarker Smartphone Chip
  • revolutionäres Kamerasystem

Bei der Telekom bestellen

„Kosmos Chemnitz – Wir bleiben mehr“: Festival gegen Fremdenhass feiert im Juli Premiere
Weiterlesen