Interview

Serious Klein: Lernt Deutschlands größtes Rap-Versprechen kennen

Wenn man YOU SHOULD’VE KNOWN, das Debütalbum des Rappers Serious Klein, hört, ist man vor allem überrascht. Überrascht darüber, wie konzise und homogen dieser Erstling produziert ist. Überrascht darüber, dass dieser Typ, der in perfektem englischen Duktus flowt und spittet, doch tatsächlich aus Deutschland kommen soll (auch wenn Herkunft eigentlich nicht als Argument für Qualität herhalten darf). Überrascht, dass er im Netz als „Bochums Antwort auf Kendrick Lamar“ gepriesen wird.

Dabei ist nicht die zugesprochene Ähnlichkeit zum wahrscheinlich größten und wichtigsten Rapper der Gegenwart das, was so überrascht. Vielmehr ist es die Verortung dieser Musik, dieses Typen im Ruhrpott. Opel-Werk, Currywurst, Herbert Grönemeyer, Zweitliga-Fußball, international für Aufsehen sorgender Rap? Das will einem nicht so recht in den Kopf gehen.

„Bochums Antwort auf Kendrick Lamar“ kommt gar nicht aus Bochum

Serious Klein schmunzelt. „Ich möchte gleich mal klarstellen, dass ich gar nicht aus Bochum komme“, sagt er – und hebt die Geschichte auf die nächste Absurditätsstufe: „Ich bin in der Kleinstadt Oer-Erkenschwick aufgewachsen.“ Bochum sei ein Label, das ihm irgendwann die Magazine aufgedrückt hätten, erklärt er und führt uns in seine musikalische Sozialisation ein, die ihn irgendwann in die in Bochum kulminierende HipHop-Szene des Ruhrgebiets führte.

„Mit 12 habe ich angefangen mich mit Musik zu beschäftigen. Ich bin durchs Fernsehen auf Leute wie Nelly aufmerksam geworden und habe die dann cool gefunden“, erinnert sich „Seri“, der mit bürgerlichen Namen Kelvin Boakye heißt. Besonders wichtig die musikalische Entwicklung des 27-Jährigen sei seine Mutter gewesen, durch sie habe er begonnen, „mich mit Leuten wie Kool & The Gang, Michael Jackson und Luther Vandross zu beschäftigen.“

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Erweckungsmoment in einem Schulprojekt

Seine Leidenschaft für die Musik hat er dennoch noch einige Jahre für sich behalten. Irgendwann hat ein Schulfreund mitbekommen, dass Kelvin zu texten begonnen hatte und ihn motiviert, damit weiterzumachen. „Seri“ machte weiter und erlebte seinen Erweckungsmoment in einem Schulprojekt.

„Wir mussten einen Song schreiben. Plötzlich hörten Leute mein Zeug – und fanden es auch noch megagut. Da hat es für mich so richtig angefangen.“ Damals, mit 16 Jahren, sei er in die HipHop-Community des Ruhrgebiets eingestiegen. Er hat Shove Island kennengelernt, der ihn unter seine Fittiche nahm und bis heute einer seiner Produzenten ist.

Von Beginn an setzte Serious Klein auf Englisch als Sprache seiner Kunst – auch wenn ihm bis heute Menschen einreden wollen, damit als deutscher Rapper aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. „Das war für mein Ego schon Anreiz genug, niemals auf Deutsch zu rappen und es den Leuten zu zeigen“, sagt er und erklärt, warum er sich so sicher im Englischen fühlt: „Meine Eltern stammen aus Ghana. In unserer Muttersprache fließt Englisch zu einem großen Teil ein, sodass mich die Sprache immer umgeben hat.“

Kürzlich veröffentlichte Serious Klein mit „The Seed“ einen im Heimatland seiner Eltern, Ghana, entstandenen Kurzfilm – hier im Stream:

Das größte Rap-Versprechen, das Deutschland zu bieten hat

Erstes Aufsehen erregte Serious Klein mit seiner 2013 erschienenen EP „The Serious Outlook“. Es war ein erstes Anklopfen des damals noch als Phantom durch die Soundcloud-Playlists wandelnden Rappers. Doch bald sollte aus dem schemenhaften Talent das werden, was er heute ist: das größte Rap-Versprechen, das Deutschland zu bieten hat. Großen Anteil an dieser Entwicklung hat ein Typ, den „Seri“ heute seinen „kleinen Bruder“ nennt: Rascal, Produzent aus Aachen, schrieb ihn 2013 an und bat Serious Klein darum, auf einen seiner Beats zu rappen. Der Rapper erinnert sich noch gut an diese schicksalshafte Nacht:

„Zu der Zeit habe ich eigentlich solche Anfragen immer abgelehnt, weil ich mit Shove Island zusammengearbeitet habe und es für mich auch keinen besseren Producer gab. Aber, warum auch immer: Rascal habe ich geantwortet.“ Eine kluge Entscheidung. Denn das, was der Nachwuchsproduzent für ihn hat, haut Serious Klein um.

„Seine Drums waren unglaublich. Das habe ich noch nie vorher gehört“, erinnert er sich an den Beginn der fruchtbaren und einflussreichen Beziehung. „Wir haben zusammen so krass dazu gelernt. Damals war Rascal längst nicht das Mastermind, das er jetzt ist.“ Serious Kleins Lob ist keinesfalls ein Freundschaftsdienst: 2017 gewann Rascal für seine Mitarbeit an Chance The Rappers COLORING BOOK einen Grammy.

Mit Rascal an Bord nimmt Serious Kleins Karriere noch einmal weiter an Fahrt auf: Er droppt Track um Track, spielt Shows in ganz Europa – und darf sogar mit Alicia Keys auf der Bühne stehen. „Ich hänge das aber nicht so an die große Glocke – auch wenn es andere gerne machen“, sagt „Seri“ und erinnert sich an die zwei vielleicht verrücktesten Tage seines bisherigen Musikerdaseins.

„Alicia Keys war 2016 auf einer Promo-Tour und trat bei jedem Stopp mit einem „Local Act“ auf.  Sie hat sich an meine Bookingagentur gewendet, die ihr mein Zeug und das weiterer Künstler geschickt hat. Sie hat aber wohl direkt gesagt, dass sie mit mir performen will. Sie fand mein Zeug echt heftig und meinte, dass ich bald die ganze Szene zerlegen würde.“ Gibt schlechteres Lob, als das, das „Seri“ damals am Telefon erreichte.

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Support für Alicia Keys, Casper als Fan

„Ich war an dem Tag in Paris. Ich hab‘ erstmal gegooglet, ob es noch eine andere Alicia Keys gibt, weil ich mir das einfach nicht vorstellen konnte“, reüssiert er. Noch am selben Tag ging es mit dem Flieger nach Berlin, wo die Show stieg. „Ich habe extra meinen Live-DJ mitgenommen, weil ich dachte, er könne, wenn er schon mit mir auf der Bühne steht, ein paar Fotos machen. Und was war? Secret Show, absolutes Fotoverbot.“

Bis heute hat Serious Klein keinen fotografischen Beweis dafür, dass er mit Alicia Keys auf der Bühne stand. Auch weil er nach dem Konzert zum Luft schnappen ins Freie ging: „Als ich zurück kam, war da niemand mehr. Wusste ich ja nicht, dass Alicia und die Crew direkt nach dem Konzert abhauen würden.“

Trotz dieses Highlights drohte seine Karriere zu stagnieren: Er hatte sich bei der Arbeit an seinem Debütalbum festgefahren. „Wir haben die ganze Zeit gesagt, dass wir nun ein Album aufnehmen, wir haben die ganze Zeit auf dieses Album hingearbeitet – und dabei vergessen, zwischendurch auch Musik zu releasen.“ Im Newcomer-Haifischbecken aus Soundcloud-Mikrohypes ein eklatanter Fehler, den „Seri“ und sein Team ums „555“-Kollektiv clever lösten: Sie veröffentlichen eine EP mit eigentlich fürs Album geplanten Tracks – „Summer 03’s Problem“.

„Durch ‚Summer 03′ haben wir international Gehör bekommen“, ist sich Serious Klein sicher. Nicht verwunderlich, hört man sich noch einmal die 2016 erschienene 6-Tracks-EP an: Direkt der Opener „Stageverse“ macht keine Gefangenen mit seinem Synthbasslauf und Serious Kleins aggressiv-akzentuierten Bars. Tracks wie diesen, oder auch „Strawberryblues“ und „Party With The Squad“, hört man selbst aus US-Rap-Hochburgen wie L.A., Atlanta oder NYC nicht allzu oft.

Diesmal nutzte Serious Klein den Buzz perfekt aus und legte einfach weiter nach, Track um Track. Im März 2018 luden ihn die Berliner Colors Studios zur Session ein – und „Seri“ löst Alicia Keys‘ Vorhersage ein: Er zerlegt mit nicht weniger als einem Mikro die ganze Rap-Szene. Die Performance seines herausragenden „91 Flex“ hat bis heute bereits über 1 Million Klicks bei YouTube gesammelt.

Serious Klein war endlich dort, wo er hinwollte: Seine Hörerschaft wuchs konstant, Rapper wie Casper gaben sich als Fans zu erkennen – und in der Schublade lag das Album, das er seit Jahren herausbringen wollte.

„In den vergangenen drei Jahren ging es karrieretechnisch so steil bergauf: Ich spielte zum ersten Mal beim splash!, lernte Künstler wie Lary kennen, die mich mit auf ihr aktuelles Album HART FRAGIL nahm. Diesen Werdegang, den wollte ich einfangen – und habe es mit YOU SHOULD’VE KNOWN geschafft.“

Mit YOU SHOULD’VE KNOWN hat Serious Klein ein Debütalbum abgeliefert, das dem „krassen Maßstab“ Kendrick Lamar wahrlich gerecht wird. Nicht nur sind Produktion und Beatpicking auf einem außerordentlich hohen Niveau, auch hat „Seri“ bereits seinen eigenen Flow gefunden, der ihn aus der breiten Masse der zeitgenössischen Rapper jederzeit herausstechen lässt. Mit Tracks wie „Black To Black“ traut er sich darüber hinaus – ähnlich wie der große K-Dot – gesellschaftspolitische Missstände anzuprangern. Er selbst sagt dazu: „Ich fühle mich verpflichtet, nicht einfach wegzugucken, sondern auch über Rassismus zu sprechen.“

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Er ist sich aber auch darüber im Klaren, dass nicht jeder so genau hinhört: „Von 100% sind es immer 85%, die ein Album feiern, weil der Beat cool ist“, rechnet Serious Klein vor. „Dann hast du aber noch immer 15%, die genau hinhören und dir Feedback zu deinen Texten geben. Das sind auf jeden Fall die Leute, die ich catchen will.“ Klar ist: Serious Klein hat es, spätestens mit YOU SHOULD’VE KNOWN, verdient, dass alle Rapfans Deutschlands ihn zu 100% auf dem Schirm haben.

Hört Euch „YOU SHOULD’VE KNOWN“ von Serious Klein hier im Stream an:


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