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Blackout Tuesday
Highlight: Xavier Naidoo im Interview: „Ich bin ein Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“

Popkolumne, Folge 38

Xavier Naidoos Antisemit-Urteil, Conceptronica und Aquas „Barbie Girl“: Die Popwoche im Überblick

Schon klar, Reynolds’ Zwischenruf riecht arg nach piefigem Anti-Intellektualismus, den man ausgerechnet ihm, dem großen Kritiker des Ewiggleichen, nicht unbedingt zugetraut hätte. Es gibt schließlich keine Verpflichtung für Künstler, alle mit ihrer Musik erreichen zu müssen. Dass allerdings gerade Räume für komplizierte, experimentelle Musik neue Ausschlüsse schaffen, während sie zugleich einige alte beseitigen; dass in vielen entsprechenden Räumen recht strenge, unausgesprochene Coolness-Regeln herrschen, dass bei Podiumsdiskussionen bei den einschlägigen Festivals am Ende doch dieselben Auskenner wie überall das Wort führen – darüber darf man durchaus mal nachdenken, obwohl all diese Phänomene nicht neu sind. Nur: Progressive Kunst als „Schuldigen“ zu adressieren, ergibt wenig Sinn.

Verkannte Kunst: Aqua und ihr „Barbie Girl“ (1997)

Sie werden es ja längst bemerkt haben: Meist breche ich mir in dieser Rubrik gewaltig einen dabei ab, in großen Worten nach dem gesellschaftlichen Mehrwert belächelter, gar verlachter Machwerke des Pop zu fahnden. Teils aus der tiefen Überzeugung, dass Underdogs nicht nur verteidigenswert sind, wenn sie insgeheim doch zu den cool kids gehören, teils aus Liebe und Solidarität für alle, die sich bei Partys ob ihres „schlechten Geschmacks“ immer von den Auskennern (weibliche Form nicht mitgemeint) mit dem Wissen um die „richtigen“ Bands vom Laptop vertreiben lassen müssen.

Aber in manchen Stücken kann man selbst, wenn man die gewagtesten Denk-Stunts unternimmt, nicht mehr erkennen als das Offensichtliche – und manchmal reicht das ja auch. Fuck Inhalt, wenn die Form so prächtig unterhält wie im Fall des allerbesten, allernervigsten Eurodance-Bonbons aller Zeiten: „Barbie Girl“, die milchzahnige Konsumismus-Hymne der lang vergessenen dänischen Band Aqua.

Sie erinnern sich vielleicht: Eine Gruppe, deren Bestimmung war es, herauszufinden, mit wie viel Stevia-süßem, mit höchstgepitchter Stimme gesungenem Stumpfsinn man Menschen konfrontieren kann, bevor sie durchdrehen – quasi die schlumpfbunte Inversion von notorischen Nervenkostüm-Strapazierern wie Swans. Mehr Camp, genialere Neunziger-Visuals als im Video zu „Barbie Girl“ gehen nicht – mehr verklemmte Anspielungen auch nicht. Immerhin: Das Ding war seinerzeit schlüpfrig genug, um den Barbie-Hersteller Mattel zur Klage gegen die Band zu bewegen.



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