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20 Jahre „Donnie Darko“: Wie der rätselhafte Independent-Film zum geliebten Kultklassiker wurde

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2001 kam „Donnie Darko“ als Spielfilmdebüt des damals 26-jährigen Drehbuchautors und Regisseurs Richard Kelly in die amerikanischen Kinos und blieb katastrophal unbeachtet – nur um dann binnen weniger Jahre zum absoluten Lieblingsfilm und schließlich zum Kultklassiker zu avancieren. Das schreit nach Erklärungsversuchen.

Zum Trailer von „Donnie Darko“ auf YouTube

Vom Kinoflop zum DVD-Hit

Zunächst einmal stellt „Donnie Darko“ als Kinoflop und DVD-Hit keinen Einzelfall dar. Ähnlich erging es einigen bis heute nachwirkenden Filmen jener Zeit, etwa dem heißgeliebten „The Big Lebowski“ (1998), Terry Gilliams „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) und natürlich David Finchers „Fight Club“ (1999). All diese Filme konnten in den amerikanischen Kinos kaum oder nur knapp ihr Budget einspielen. Dennoch nimmt „Donnie Darko“ mit seinem Mini-Budget von 4,5 Millionen Dollar, von denen er gerade mal eine halbe Million innerhalb seiner sechsmonatigen US-Kinoauswertung wieder einspielen konnte, einen Sonderstatus in Sachen Kinoflops ein.

Dass offenbar nur wenige Amerikaner*innen „Donnie Darko“ damals im Kino schauen wollten, hatte viel mit der gesellschaftlichen Stimmung zu tun: Der Kinostart war am 26. Oktober 2001, also nur sechs Wochen nach den Terroranschlägen des 11. Septembers. Beworben wurde er vom Verleih kaum, da sein Inhalt in mehrfacher Weise als problematisch in dieser sensiblen Zeit galt. So ist ein wichtiger Bestandteil des Plots das herabfallende Triebwerk eines Passagierflugzeugs. Die im Film zu sehende Schriftart mutete nach Ansicht amerikanischer Vermarkter zudem Arabisch an und das düster-melancholische Sujet um Zeitreisen, Psychosen und Tod wurde als wenig verlockend eingestuft.

Zum Glück wendete sich aber das Blatt nach dem DVD-Release im März 2002: Über Mund-zu-Mund-Propaganda – vielfach in Form von Online-Chats – verbreitete sich die Popularität des Films in den USA, Großbritannien und auch hierzulande dermaßen, dass es in den kommenden Jahren zu Wiederaufführungen kam, über die „Donnie Darko“ doch noch sein Budget einspielen konnte.

Erwachsenwerden im Multiversum der 1980er

Was faszinierte also die Zuschauer*innen dermaßen, dass es „Donnie Darko“ unverhofft aus dem Flop-Tal schaffte? Vermutlich vieles, was die Verleiher bei der Filmpremiere auf dem Sundance Film Festival 2001 abgeschreckt hatte: So lässt sich „Donnie Darko“ schwer einem bestimmten Thema oder Genre eindeutig zuordnen. Auf den ersten Blick kreist der Plot um Coming-of-Age-Themen, wendet sich dann aber einem Existenzdilemma zu, das alle Altersklassen betrifft. Dieses entwickelt sich aus Donnies Nachforschungen zu Parallelwelten und Zeitreisen, womit der Film sich genremäßig irgendwo zwischen Mystery und Science-Fiction mit tragikomischen Elementen ansiedelt. Zudem bestand Richard Kelly darauf, die Handlung ins Jahr 1988 zu versetzen, kurz vor der Präsidentschaftswahl zwischen Republikaner George Bush Senior und dem Demokraten Michael Dukakis, womit er dem Film auch eine soziopolitische Dimension öffnete, die wiederum auf die Gegenwart verwies.

Und so erleben wir mit, wie Titelheld Donnie Darko (Jake Gyllenhaal) im Verlauf des Films nicht nur mit der ersten Verliebtheit, scheinbaren Psychosen und rätselhaften Ereignissen fertigwerden muss, sondern auch, wie in der Vorstadthölle um ihn herum konservative und liberale Werte gegeneinander antreten, während vermutlich das Ende der Welt bevorsteht. Dies alles erzählt „Donnie Darko“ zudem in traumwandlerischen Sequenzen, die zusammen mit der gedämpften Farbpalette, geschmeidiger Kameraarbeit und einem schwermütigen 80er-Soundtrack (darunter INXS, Joy Division, The Church und natürlich Gary Jules‘ Tears-for-Fears-Cover „Mad World“) eine finster-melancholische Atmosphäre erschaffen, die unwiderstehlich eigentümlich anmutet.

Das Geschenk der Vieldeutigkeit

Dass „Donnie Darko“ aber nicht bloß aus der verfrühten Versenkung hervorkam, sondern sich im Verlauf von zwei Jahrzehnten auch ins popkulturelle Gedächtnis einnisten konnte, hat wiederum mit der enormen Vieldeutigkeit des Plots zu tun. Diese unterwandert bewusst die klassische Drei-Akt-Struktur und bietet anstelle eines Endes einen Ausgang, der auf den Anfang verweist und für ewiges Kopfzerbrechen zur Rolle von Paralleluniversen, Zufall und Vorbestimmung in Donnies Heldenreise sorgt. Unzählige Foren, Artikel, Grafiken, Videobeiträge setzen sich von 2002 bis heute mit der ‚richtigen‘ Deutung von „Donnie Darko“ auseinander. Zweifellos wurde diese auch unzählige Male in Freundeskreisen spätabends (mitunter berauscht) debattiert.

Weiter befeuert wurden diese ausufernden Diskussionen durch die offizielle Website zum Film, die unter anderem Auszüge aus dem im Film eingebetteten (fiktionalen) Sachbuch „The Philosophy of Time Travel“ enthielt. Hier konnte man Näheres zur Theorie von Tangentenuniversen, Artefakten und den „manipulierten“ Lebenden und Toten nachlesen und in die eigene Deutung von „Donnie Darko“ einfließen lassen. Die Vieldeutigkeit von „Donnie Darko“ erstreckt sich über diesen (von Physikern eher belächelten) Parallelwelten-Plot aber noch hinaus auf ewig verhandelbare Fragen nach Zufall und Vorbestimmung, freiem Willen und den Umgang mit unser aller Sterblichkeit.

Einmaliger Geniestreich?

„Donnie Darko“ nimmt einen interessanten Platz in der Filmgeschichte ein, zumal weiter angeregt diskutiert wird, ob dieser Film nun als prätentiöses, überladenes Debüt oder endgültig als Must-See-Klassiker einzustufen ist. Bei dieser Abwägung spielt auch eine Rolle, dass Regisseur Richard Kelly an seinen unverhofften Erfolg mit „Donnie Darko“ bislang leider nicht anknüpfen konnte. Sein zweiter Spielfilm „Southland Tales“ (2006) lief bei den Filmfestspielen von Cannes, konnte aber weder Kritiker*innen noch das Publikum überzeugen. Ähnlich erging es ihm auch 2009 mit „The Box“.

Wer „Donnie Darko“ liebt, wünscht Richard Kelly ganz bestimmt nicht diese Art von Misserfolg. Aber tragischerweise trägt ebendieser dazu bei, seinen Debütfilm noch unvergesslicher zu machen. Anders als im Fall von etwa Quentin Tarantinos oder Christopher Nolans Gesamtwerk konnten Kellys weitere Filme „Donnie Darko“ bislang nicht überschatten. Genauso wenig konnte dies die grauenhafte Fortsetzung „S. Darko“ von 2009, an der Kelly nicht beteiligt war. Nichtsdestotrotz arbeitet er seit 2017 wohl an einer eigenen Fortführung der Geschichte um Donnie. Und wie es der widersinnigen Natur von „Donnie Darko“ entspricht, weiß man nicht so recht, ob man sich freuen oder fürchten sollte.

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