Highlight: 15 bemerkenswerte Alben, die 2019 ihr Zehnjähriges feiern

Liste

2000-2015: Die 50 besten Alben des neuen Jahrtausends

10. PJ HARVEY – LET ENGLAND SHAKE (2011)

10 PJ Harvey - Let England Shake
10 PJ Harvey – Let England Shake

Yeovil ist eine malerische Stadt, geprägt von jahrhundertealter Architektur, umgeben von saftigen Wiesen und atemberaubend geschwungenen Hügeln. Polly Jean Harvey hat die meiste Zeit ihres Lebens dort verbracht, für sie ist es der ideale Rückzugsort. Weit weniger begeistert ist sie mittlerweile über das Land, in dem Yeovil liegt. Der Zwiespalt gegenüber England ist so stark, dass sie darüber in ihrer Musik sinnieren muss. Häufig holt sie in ihren Erzählungen weit aus. Das Land sei nicht durch Pflüge, sondern durch Panzer und Marschschritte zur Blüte getrieben worden. Kein befriedigender Gedanke, wie sie findet: „I live and die through England, it leaves sadness, it leaves a taste, a bitter one.“ Immer wieder verweist Harvey auf die Schönheit der Natur, aber genauso häufig spricht sie über Tote, Witwen und Waisen. Sie verfällt dabei nicht in den unwirschen Tonfall des Punk wie zu Beginn ihrer Karriere. Ihren Unmut bringt sie ironisch mit einer kindlich wirkenden Stimme zum Ausdruck. Einmal vermischt sich der Verdruss mit Zügen von Komik, wenn sie fragt: „What if I take my problems to the United Nations?“. Die Musik changiert zwischen dem Folk einer Shirley Collins, dem ätherischen Sound der späten Kate Bush und in einem Fall dem Reggae von Niney the Observer. Andere Musiker schrecken vor kritischen Äußerungen und politischen Stellungnahmen ja lieber zurück. Polly Harvey kann das nicht mehr. Sie musste einfach etwas sagen. So hat eine große Künstlerin das Album ihres Lebens gemacht. (Thomas Weiland)

9. THE STREETS – ORIGINAL PIRATE MATERIAL (2002)

9 The Streets - Original Pirate Material
9 The Streets – Original Pirate Material

Großbritannien 2002, eine Momentauf-nahme aus dem präsoziologischen Raum: Sauftouren und Playstation-Junkies, prügelnde Typen und Pillenkinder in den Vorstädten. Mike Skinners Album ORIGINAL PIRATE MATERIAL bildet dieses Leben in Nahaufnahme ab. Im Clubhit „Has It Come To This?“ berichtet er, was mit den Leuten um ihn herum so los ist – „sex, drugs & on the dole“ heißt das dann in Abwandlung eines berühmten Rock-Slogans. Ein Cockney-Reporter auf Piano-Loops und chemisch manipulierten Beats. Musik zum Schnüffeln. Ihr Produzent kennt das alles auch: bei Burger King gejobbt, die Toiletten sauber gemacht und solche Sachen. Später ein Büro-Job, Geld fürs Equipment. Hinter den Jalousien seines Schlafzimmers macht er sich im Alleingang daran, einen so schmutzigen wie eleganten Hybriden zu kreieren. Neu war der Streets-spezifische Mix von 2Step, HipHop und Reportage. Die Samples sind schlampig editiert und mit den US-Größen des HipHop will der 23-jährige Storyteller es gar nicht aufnehmen. Lieber erinnert er sich an das Brodeln auf dem Massive-Attack-Debüt BLUE LINES. Mike Skinner kommt das Verdienst zu, eine dezidiert britische Glaubwürdigkeit in der Musik zur Zeit zu finden. Mit diesem Debüt bringt er auch die bislang letzte allgemein anerkannt coole Sau des Brit-Hop in den Fokus der Öffentlichkeit, den geezer. Der unauffällige Junge mit dem Milchgesicht, der smart genug war, sich mit den unauffälligen Jungs gemein zu machen, die irgendwo am schiefen Ende einer Beziehung gelandet waren, in den Seilen eines Brandy-Katers oder im Nichts der großen Langeweile. (Frank Sawatzki)

8. BLOC PARTY – SILENT ALARM (2005)

8 Bloc Party - Silent Alarm
8 Bloc Party – Silent Alarm

In einer perfekten Welt hätte es die mediokre Jugend- und Großstadtkritik des Nachfolgers A WEEKEND IN THE CITY nie gegeben. Aber hätte eine perfekte Welt denn zuvor ein Album wie SILENT ALARM ausgespuckt? Ohne Wut, Enttäuschung, suchende Liebe kein SILENT ALARM – das alles muss ja irgendwo hin. Die Emotion muss Regie führen und Darsteller finden, die wissen, wie man sie umsetzt, damit ein solches Album entstehen kann. Mit SILENT ALARM setzten Bloc Party Statements, Fragezeichen einer Generation, die von dem musikalischen Selbstverständnis von Kele, Russell und ihren Gitarren umspielt wurden, das Schlagzeug von Matt Tong ein Dauerfeuer (wer es wagt, „Luno“ auf dem Bauch nachzutrommeln, wird verdammt sein). Ob England „brannte“, konnte Bloc Party egal sein. Diese Band war ganz nahe bei sich und dabei so grimmig wie funky, so präzise und zerbrechlich in den stillen Momenten. Und so kam sie einem ganz besonders nahe, bis man selbst „so fucking useless“ jaulte, sich den Schweiß in jeder erdenklich-epischen Sekunde von „Like Eating Glass“ vom Leib tanzte, wieder und wieder beim finalen Ausbruch der Hymne „So Here We Are“ in sich zusammenfiel (und sogar lernte, „This Modern Love“ für seine Hochzeit auf dem Klavier zu spielen). Dass dieses Album auch zehn Jahre später keinen Millimeter weichen muss, nicht an Meinung, Wucht, Bedeutung und Gefühl verloren hat, ist keiner perfekten, aber einer stilsicheren Welt zu verdanken. (Christopher Hunold)

Auf der nächsten Seite stellen wir die Plätze 7-4 vor:


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