800. MUSIKEXPRESS-Ausgabe

Mia Morgan: Darum und so sehr veränderte ELECTRA HEART von Marina & The Diamonds ihr Leben

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Im Sommer, als ich achtzehn war, halb die Pixel meiner gerade legalen Webcam-Selbstportraits in pastellener Spitzenunterwäsche, halb Sonnenbrand und stumpf gefärbtes Haar auf weißen Laken, hitzetrunken quer über dem Bett unterm Dachfenster liegend, da habe ich mich in all meiner Lethargie unendlich lebendig gefühlt. Wie das Wichtigste in der großen, weiten Welt. Und diese lockte mich mit trügerischen Versprechen von meinem Very Own American Teen Dream. Der fügte sich zusammen aus Fotos, Videos und Songs auf meinem tumblr-Dashboard. Aus bei Nacht in Neonfarben leuchtenden Tankstellen, blaugrünen Pools unter einem endlosen Sternenhimmel, Lana Del Reys „You Can Be The Boss“ und mit viel Spucke küssenden, zum Sterben schönen Pärchen in Motelbetten.

Aber ich blieb dieser Welt fern. Zu jung für jedwede außerhalb der Instandhaltung meines Blogs und der Unterdrückung meines Hungers liegenden Verantwortung, aber alt genug, um für noch ältere Männer in weißen Kniestrümpfen auf Omegle zu tanzen, verfiel ich, zwischen zwei Anorexien und Depressionen, einer von März bis Oktober dauernden, rosaroten Ekstase, in der ich mir mein Leben als den Plot eines Coming-Of-Age-Films vorstellte. In diesem spielte ich die Hauptrolle: Ich war ein Indie-Sleaze-Rapunzel, ein Dornröschen, dessen Schlafgemach statt von Dornenranken überwuchert, zugemüllt war mit leeren Flaschen Cola Light, billigem Make-Up und Sanrio-Plüschtieren.

Mia Morgan

Die meiste Zeit über war ich alleine da oben, online, bis ich eigentlich zur Schule musste (aber zur Schule ging ich nur noch selten), melancholisch, sehnsüchtig von Jungs und Mädchen und dem Leben als richtige Erwachsene träumend. Ich lackierte mir die Fußnägel und klebte Collagen in meine Tagebücher. Aber dann, im Juli, verließ ich einmal meine Kammer, um sechs Stunden Zug zu fahren, nach Stuttgart, wo ich nach fünf Jahren MSN-Chats, gegenseitigen Lookbook-Hypes und Reblogs endlich meinen Internet-Freund Dennis in the flesh treffen würde. Er holte mich am Gleis ab, seine hochgewachsene, schlaksige Silhouette in der Ferne trieb mir Freudentränen in die Augen. Wir rannten aufeinander zu und fielen mit unseren Armen ineinander wie ein Liebespaar. Er drückte mir dutzende Küsse auf die Wange und die Stirn, mit einer selbstverständlichen Innigkeit, die ich aus keiner Freundschaft vor unserer gekannt hatte und die ich bis heute mit ihm teile.

Dann stiegen wir zusammen um in einen Bummelzug und fuhren in seine Heimatstadt Villingen-Schwenningen. Er hatte gerade erst den Führerschein gemacht und ein altes, klappriges Auto erstanden, das vor dem Bahnhof parkte. Darin war es tausend Grad heiß und es roch nach schwerem Jungsdeo und Pfirsich-Wunderbaum. Bevor Dennis den Motor startete, fragte er mich: „Hast du eigentlich das neue Album von Marina & The Diamonds gehört?“

Zwei Jahre zuvor hatte er mir das erste Album, THE FAMILY JEWELS, via MSN geschickt, ich hatte „Are You Satisfied“ als den Song befunden, den ich selbst am besten von allen singen konnte, und tat das abendlich unter der Dusche, und obgleich ELECTRA HEART schon seit einigen Monaten draußen war, hatte ich noch nichts davon mitbekommen. Ich schüttelte also den Kopf. Daraufhin holte Dennis eine selbstgebrannte CD aus dem Handschuhfach, schob sie in den Player, und nach zwei zu langen Sekunden Stille, die mich auf der Aufnahme noch immer irritieren, knallte „Bubblegum Bitch“ los. Es war inständig geschehen um mich.

Dennis fuhr viel zu schnell über die Landstraße, ich streckte den Arm aus dem offenen Fenster, mein Herz sprudelte über, denn hier war die von lauter Musik untermalte Sommer-Montage in meinem eigenen Film: Die einsame, schwermütige Antiheldin hatte endlich einen Verbündeten gefunden. Und er brachte ihr und ihrem Leben einen neuen Soundtrack: Das Album, das von diesem Julitag an ihr liebstes sein, sie nachhaltig prägen und bei der Entstehung ihres ersten eigenen Albums inspirieren würde.

Einsamkeit, Herzschmerz, Über- und Hochmut, die Komplexität des Frauseins

Musik gemacht hatte ich lang vor dieser Platte, in Schülerbands und Chören, mit der verstimmten Gitarre meiner Mutter oder dem kaputten Schlagzeug meines Opas, aber letztlich war ELECTRA HEART, dann, viele Jahre nach ihrem Erscheinen, die ausschlaggebende Motivation für mich, groß ausproduzierten Pop zu machen, statt beim dürftigen Klang meiner Lo-Fi-Wave-Demos zu bleiben. Marinas zweites Werk feierte einen Tag vor dem Erscheinen meines Debüt-Albums FLEISCH zehnjähriges Jubiläum.

Die Tage bei Dennis im Sommer 2012 verflogen zu „The State Of Dreaming“, „How To Be A Heartbreaker“ und „‚Radioactive“. Wir saßen mit nassem Haar auf seinem Bett und bloggten nebeneinander, schauten Musikvideos von Marina, Lana und Gaga. Wir fuhren nach Konstanz und sonnten uns am türkis glitzernden Wasser des Bodensees. Wir tanzten in seinem giftgrün gestrichenen Zimmer und erzählten uns gegenseitig von unserem Liebeskummer. Nach Hause wollte ich eigentlich gar nicht mehr. Am Bahnhof machten wir ein Automatenbild, wegen welchem jedes Portmonee, das ich seitdem durchgebracht habe, ein kleines Fotofach haben musste.

Ich weinte beim Abschied. Im Zug zurück hörte ich „Starring Role“ und „Lies“ und weinte noch mehr. Traurig war ich nicht wirklich, bloß überwältigt vom bloßen Sein und Fühlen, von der Schwere tiefster Verbundenheit zu einem anderen Menschen, vom Sommer. Und von der Musik auf ELECTRA HEART und den Dingen, von denen Marina darauf sang: Einsamkeit, Herzschmerz, Über- und Hochmut, die Komplexität des Frauseins und was das alles bedeuten kann.

Für den Rest dieses rosaroten Sommers blieb ich unter meinem Fenster liegen, spielte das Album über meine Laptop-Speaker, oder sonnte mich in meinem rosa Vichy-Karo-Bikini im Garten, Kaugummi kauend, Marina im Ohr. In meinem Kopf sah ich aus wie Alicia Silverstone in „The Crush“. An manchen schwülen Nachmittagen ging ich alleine in die Stadt und flanierte in kurzen Röcken, mit „Primadonna“ in den Ohren, über die Einkaufsstraßen Kassels und bildete mir ein, alle drehen ihre Köpfe und verzehren sich nach mir.

ELECTRA HEART und was ich, wie auch sicherlich viele andere, mit dem Werk verbinden, ist nicht so squeaky clean wie in „E.V.O.L.“, einer ursprünglichen B-Seite, die erst mit der Jubiläums-Version der Platte vor einigen Wochen offiziell erschienen ist und seitdem bei mir hoch und runter läuft, besingt.

Sowohl produziert von Dr. Luke, als auch Distributor inofizieller Hymnen in der „Coquette“-Szene, die vom ursprünglichen „Lolita“-tumblr in den vergangenen Jahren zu TikTok migriert und keine kleine Nische mehr ist, wird ELECTRA HEART für mich immer mit sexualisierter Gewalt und Infantilisierung der Frau assoziiert sein. In all meiner Begeisterung für das Album muss ich mich stetig daran erinnern, dass die Welt, in der ich zu „Valley Of The Dolls“ um meine eigene Achse getänzelt bin, auch eine düstere war.

In „Sex Yeah“ singt Marina von der sexuell übersättigten Gesellschaft, davon, dass nichts mehr provozieren kann, wo alles ausgereizt ist, und von der daraus resultierenden Entfremdung von der eigenen, ursprünglichen Sexualität. In diesem Sommer und den nächsten habe ich nicht selten, in der Hoffnung, zu gefallen, die volljährige und doch noch kindlich dumme Dolores Haze für Männer gemimt. Wie falsch und nachhaltig schädlich für meine Selbstwahrnehmung im sexuellen Kontext das war, ist mir, wie viel zu viele andere Dinge, zu spät klar geworden.

Wenn ich tumblr für etwas hasse, dann dafür, dass es mir die schlimmsten Dinge als Thrills verkauft hat, die das stumpfe „bird’s eye view from up above“-Leben erst lebenswert machen. Was absoluter Quatsch ist. Das weiß ich mit achtundzwanzig. Vor zehn Jahren jedoch hab ich mir jeden blauen Fleck für meinen Blog hübschfotografiert.

Mein Teen Dream war ein Albtraum, wie der American Dream selbst. ELECTRA HEART, in Person, war Marinas amerikanisiertes Alter Ego: Housewife, Beauty Queen, Homewrecker, Idle Teen. Überspitzte Stereotypen junger Frauen, in dieser ihnen (zumindest den schönen und wilden unter ihnen) vermeintlich weit offen stehenden Welt, vereint im exzentrischen, nimmersatten lyrischen Ich, das Marina mit totblondiertem Haar und einem Herzchen auf der Wange darstellte. Mal Opfer emotionaler Gewalt, mal selbst die eiskalte Herzensbrecherin. Ambivalenz und Rüschen resonieren mit mir. Natürlich begann ich, kurz nachdem ELECTRA HEART in mein Leben trat, mir auch ein solches Herzchen auf die Wange zu malen. Über die Jahre ist ein falscher Leberfleck daraus geworden, der alsbald auf die andere Wange, die Nase und das Kinn streute. Diese aufzumalen gehört zu meiner morgendlichen Routine wie L-Thyroxin und in Hafermilch ersaufender Espresso.

Mia Morgan ist keine Kunstfigur – die Überheblichkeit von Marinas ELECTRA HEART hat ihr aber Mut gemacht

Manchmal werde ich gefragt, ob Mia Morgan eine Kunstfigur sei, was ich vehement verneine. Die Mia auf der Bühne ist die selbe wie die, die nun quer über dem Bett unter dem nächsten Fenster liegt, ganz gleich ob Mia Morgan nun mein tatsächlicher Name ist oder nicht. Es ist der, auf den ich höre, der, den ich mir ausgesucht habe. Ich folge keinem Konzept in meiner Selbstdarstellung, sondern nehme und gebe mich, wie ich gerade komme. „I’ve lived a lot of different lives, been different people many times“. Dennoch hat mir die Überheblichkeit von ELECTRA HEART Mut gemacht, mein wahres Selbst so komplex und impulsiv zu inszenieren, wie es das braucht, um glücklich mit sich zu sein. Und das bedeutet an dem einen Tag etwas ganz anderes als am nächsten. „All I ever wanted was the world“, und mir diese im Rahmen des möglichen so zu machen, wie sie mir gefällt, ist der Antrieb, mit dem ich mich aus Kummer, Angst und Tiefen ziehen kann.

Mia Morgan

In „Living Dead“ singt Marina von der Furcht, zu isoliert von der Außenwelt zu sein, um das Leben so richtig leben zu können. Obwohl ich die meiste Zeit über weltfern in meinem Dachzimmer lag, scheint mir, als hätte ich in meiner Jugend wirklich nur in diesem einen Sommer, so richtig gelebt. Vielleicht, weil ich’s mir so schöngeredet und im Kopf zu etwas gemacht habe, das es nicht war. Vielleicht, weil in der Retrospektive alles immer besser wirkt. Vielleicht kann ich deswegen nicht richtig loslassen. Vielleicht auch, weil mich seit ELECTRA HEART kein Album mehr mit ausnahmslos jedem Song auf eine auch nur annähernd vergleichbare Art und Weise abgeholt, hochgehoben und in eben jene rosarote Ekstase geworfen hat. So, wie ich auf Vergeltung für den verpassten Teenage Dream warte, warte ich auf Musik mit nachhaltiger popkultureller Auswirkung wie ELECTRA HEART. Beizeiten habe ich Angst, dass das in der TikTok-Era nicht mehr möglich ist. Und dennoch ist „Bubblegum Bitch“ erst vergangenes Jahr auf eben dieser App viral gegangen, und ist nun Marinas meist gestreamter Song.

In der Festival-Saison 2021 haben meine Band und ich ihn gecovert, und dass die meisten im Publikum mitsingen konnten, rührte mich. Unter den Leuten, die meine Musik mögen, ist Vertrautheit mit ELECTRA HEART beinahe Vorraussetzung. Wir alle teilen Erinnerungen an diese Rapunzel-Jugend, die auf in den Kinderschuhen steckenden sozialen Medien stattfand. „Teen Idle“ insbesondere bringt den Halbschlaf der depressiven tumblr-Jugend, auf die einige dutzende meiner Freund:innen ebenso zurückschauen, wie ich, auf den Punkt: Die schmerzlich klaffende Lücke zwischen den Erwartungen an eine Highschool-Drama-Prom-Queen-Jugend und der tristen Wirklichkeit, in der wir uns alle hässlich gefunden und die Finger in den Hals gesteckt haben, um uns ein bisschen leichter und schöner zu fühlen. All das, während wir halb Kinder waren, die unbedingt erwachsen werden, halb Erwachsene, die unbedingt noch Kind bleiben wollten.

„Teen Idle“ ist der letzte Song auf meiner Pre-Show-Playlist, der erklingt, bevor meine Band und ich die Bühne betreten. Über die Sehnsucht nach einer nicht aufholbaren Jugend und noch immer blutende Wunden aus Teenagertagen habe ich FLEISCH geschrieben.

„Adolescence didn’t make sense, a little loss of innocence, the ugly years of being a fool, ain’t youth meant to be beautiful?“

Ohne ELECTRA HEART hätte es FLEISCH so nicht gegeben. Und im rosaroten Sommer, als ich achtzehn war, hätte mir der Soundtrack zu meinem American Teen Dream Movie gefehlt, oder bei Gott, ich hätte stattdessen noch mehr Lana Del Rey hören müssen, und dann wäre ich jetzt wahrscheinlich noch psychisch kranker, als ich eh es eh schon bin.

Mia Morgans Debütalbum FLEISCH ist am 29. April 2022 erschienen, lest hier unsere Rezension dazu. Dieser sehr persönliche Text von Mia Morgan über Marina & The Diamonds‘ ELECTRA HEART ist in gekürzter Version in der 800. Ausgabe des Musikexpress erschienen.

Mia Morgan

Hört FLEISCH von Mia Morgan hier im Stream:

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