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Skater, Punk, Zecke, Rocker, Popper, Grufti, Öko: Wie man sich in den 90ern seine Szene-Identität selbst basteln konnte

Die 90er. Das war nicht nur Techno, Tamagotchis und Eurotrash. Auch die Geburtsstunden von Grunge, zweitem Golfkrieg, deutschem Musikfernsehen, „Pulp Fiction“ und Fish-Eye-Optik lagen in diesem Jahrzehnt. „Seine Bewohner vollzogen die Deutsche Einheit, erfanden das Internet, bewunderten die totale Sonnenfinsternis, feierten die Loveparade in Berlin, jubelten den Spice Girls und Nirvana zu, schufen einen nie gekannten Aktienboom und waren im TV live dabei, als Sarajevo beschossen und Helmut Kohl abgewählt wurde“, zählt Joachim Hentschel exemplarisch weiter auf. Er hat über diese Geschichte und Geschichten nämlich ein Buch geschrieben.

Unter dem ganz offensichtlich nach der gleichnamigen Fanta-4-Single benannten Titel „Zu geil für diese Welt“ – übrigens auch das erste Musikvideo, das 1994 auf Viva ausgestrahlt wurde – trägt der 1969 geborene Kulturjournalist „Euphorie und Drama“ jenes Jahrzehnts zusammen. Die ineinander einhergehenden Kapitel heißen zum Beispiel „Nutella mit Wildfremden: Willkommenskultur an der deutsch-deutschen Grenze“, „Von Homer bis Tupac: Eine Historie der kaputten Helden“ und „Meine schöne alte Handymöhre: Die Sehnsucht nach der frühen Digitalisierung“. Hentschel berichtet darin „von den ersten Raves, spricht mit VIVA-Moderatorinnen, besucht Revival-Partys, liest in alten BRAVO-Ausgaben – und ergründet so die Seele eines Jahrzehnts, das historisch eingeklemmt zwischen Mauerfall und 9/11 sehnlichst darauf wartet, von uns wiederentdeckt zu werden.“

Wer noch hadert und Entscheidungshilfe braucht, ob er dieses Buch guten Gewissens seiner Schwester oder seinem Bruder unter den Weihnachtsbaum legen soll, reichen wir Abhilfe: Lest hier ein Probekapitel aus „Zu geil für diese Welt“ mit dem Namen „Alles geht, nichts muss: Wie man sich seine Szeneidentität selbst basteln kann“.

„ZU GEIL FÜR DIESE WELT. Die 90er – Euphorie und Drama eines Jahrzehnts“ ist am 2. November 2018 im Piper-Verlag erschienen.

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Alles geht, nichts muss: Wie man sich seine Szeneidentität selbst basteln kann

Ich weiß noch, was wir damals immer sagten, als es in den 90ern an die ersten historischen Rückblicke auf die 80er ging. Wir sagten: »Die 80er waren das Jahrzehnt des ›anything goes‹.« Also: die Zeit, in der eine breite Auswahl an Lebensstilformen und Subkulturen, Lieblingssportarten und sexuellen Wärme- und Kältegraden, Haarsprays und Stiefelabsatzmodellen sichtbar wurde. In der viel Neues auch auf Kleinstadtpausenhöfen so weit tolerierbar erschien, dass es plötzlich als ernsthafte Option für die eigene Biografie zur Verfügung stand. Theoretisch für jeden. In der Praxis natürlich nur für die, die sich derart selbstständige Entscheidungen leisten konnten.

Es gab Mode. Es gab verschiedene Attitüden. Es gab eine Mobilität der Styles und Lifestyles, gesendet über vermeintlich kurze Drähte aus Brooklyn, London, Paris, Tokio. Es gab die Punks, die Ökos, die Breakdancer, die Gruftis. Es gab die Zecken, die Skater, die Rastas, die Popper und die Rocker. Manche waren sogar echte Feinde und Opponenten, wie Road Runner und Karl der Kojote im Cartoon, sehr aufregend. Es gab Schwule und Lesben, die nicht mehr nur als schwerstproblematische Jugendliche oder Sketchfiguren zu sehen waren, sondern als lustvolle Besitzer und Nutzer ihrer eigenen, coolen Zeichensysteme. Es gab Haargel. Es gab Sprühdosen. Es gab BMX-Räder. Es gab Jugendgangs wie die Kneipenterroristen, die Blue Brothers, Tigers und Mad Dogs aus Kiel, die 1991 im berühmten Dokumentarfilm »Youth Wars« gezeigt wurden.

Über die 90er sagten wir in den 90ern natürlich noch nichts, denn wir waren mittendrin. Doch man spürte es schon: Die Phasen hatten sich verschoben. Schon wieder. Das reine »anything goes« war vorbei. Wenn, dann waren die 90er die Dekade des »everything goes«. Alles ging, gleichzeitig.

»Grunge, Punk, Hip Hop, Rap, Rave und Reggae sind bereits heute nicht nur Musikrichtungen, sondern Lebensstile«, leitete die Bravo im Frühjahr 1994 einen doppelseitigen Trendreport ein. »Immer mehr Fans stylen sich total – das Outfit wird zur Botschaft und zum Erkennungszeichen.« Daneben ein Foto, auf dem sechs Teenager im Fotostudio als lustige Nach-Schulschluss-Clique posierten: die Grungerin Pizzy (15, Karohemd und Löcherjeans), der Punk Marcel (13, Ananasfrisur und schwarzer Müllhaldenpullover), der Reggae-Typ Tobias (13, Dreadlocks und Militärjacke), das Rave-Girl Micha (17, weiße Trägerhose und Red-Bull-Dose), der Rapper Wayne (17, Baseballkappe und Dr.-Dre-Pullover) und der Hip-Hopper Marc (17, Basketball und Ringelhemd), ein Typ, den man heute wohl eher schräg um die Ecke der Skater einordnen würde.

Piper

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