Queen
QUEEN II COLLECTOR’S EDITION
Universal (VÖ: 27.3.)
Manifest des barocken Hardrock – klanglich freigelegt, historisch eingerahmt und im Detail neu justiert.
Vor dem rituellen Unboxing empfiehlt sich zur Einstimmung ein Abstecher zu YouTube: Queens erste Performance bei „Top Of The Pops“ am 21. Februar 1974 markiert einen Durchbruch von historischem Ausmaß. „Fear me you loathsome, lazy creatures / I descend upon your Earth from the skies …“, deklamiert Freddie Mercury in „Seven Seas Of Rhye“ wie ein Eroberer. Dass die Band überhaupt dort stand, war Zufall – vorgesehen war Labelmate David Bowie mit „Rebel Rebel“. Weil der verhindert war, schickte der EMI-Promochef die Newcomer Queen ins Rennen. Die waren noch bis zum Jahresende 1973 als Support von Mott The Hoople unterwegs gewesen und daher in bester Übung für einen solch publicity-trächtigen Auftritt. Noch im Januar hatte Mercury sich nach dem Konzert beim australischen Sunbury Pop Festival mit den prophetischen Worten verabschiedet: „Wenn wir nach Australien zurückkommen, wird Queen die größte Band der Welt sein!“
Queen waren bei der BBC also vom Kampfeswillen gepackt, was sich auf das TV-Publikum von zehn Millionen übertrug – kurz danach stand der Song über eine Fantasiewelt, die Mercury sich im Kindesalter mit seiner Schwester Kashmira ausgedacht hatte, als erster von 24 Singles der Gruppe in den britischen Top Ten. Im Outro des Songs erklingt das Music-Hall-Traditional „I Do Like To Be Beside The Seaside“, das in „Brighton Rock“ auf dem Nachfolger SHEER HEART ATTACK wiederkehrt – da werfe noch jemand dem Werk dieser Band mangelnde Kohärenz vor! Als Fragment hatte „Seven Seas“ bereits den Erstling beschlossen, der 2024 als QUEEN I im umstrittenen „Rebuild“ mit KI-bearbeitetem Gesang neu erschien. Die Fan-Kritik scheint angekommen: Das Remix-Team aus Justin Shirley Smith, Joshua J. Macrae und Kris Fredriksson setzte diesmal auf Freilegung statt Überformung.
Drei Discs liefern stimmigen Kontext, lassen Die-Hard-Fans aber mit den Achseln zucken
Die beste Stimme der Rockgeschichte bleibt weitgehend im O-Ton. Auf der ersten, der sogenannten „weißen Seite“ der LP, überwiegend von Brian May komponiert, gewinnt „Father To Son“ an Transparenz, ohne Wucht einzubüßen; die „White Queen (As It Began)“ schwebt in noch luftigeren Höhen. Die von Mercury verantwortete „schwarze Seite“ um den „March Of The Black Queen“ wurde ebenfalls verfeinert: „Ogre Battle“ und „The Fairy Feller’s Master-Stroke“ profitieren durch die klarere Staffelung, Chöre und Overdubs greifen präziser ineinander.
Auch Mick Rocks Chiaroscuro-Titelbild entfaltet neue Wirkung. Das kreuzförmig arrangierte Gruppenbild – inspiriert von einem Marlene-DietrichMotiv aus „Shanghai-Express“ (1932) – ziert nun, in Einzelporträts zerlegt, vier der fünf CDs, welche die zwei Vinylscheiben mit dem 2026er-Mix ergänzen. Das relativiert jedoch deutlich die internen Gewichte: Schlagzeuger Roger Taylor steuerte lediglich „The Loser In The End“ bei, Bassist John Deacon debütierte als Songwriter erst im Jahr darauf mit „Misfire“.
Drei Discs liefern stimmigen Kontext, lassen Die-Hard-Fans aber mit den Achseln zucken: CD3 versammelt lediglich Instrumentals; die BBC-Tracks von CD4 erschienen bereits auf ON AIR (2016); CD5 kompiliert Liveaufnahmen aus LIVE AT THE RAINBOW ’74 (2014) und A NIGHT AT THE ODEON – HAMMERSMITH 1975 (2015). Ein editorisches Fragezeichen bleibt bei der angeblichen „Rainbow“-Version von „The March Of The Black Queen“ aus dem „March 1974“, die am 31. März 1974 gar nicht gespielt wurde; es ist die Fassung vom 20. November ’74.
QUEEN II bleibt das schlüssigste und zugleich härteste Album der Band
Einer von zwei kleinen Patzern, denn auch der legendäre Liner-Notes-Hinweis „… and nobody played the synthesizer … again“ stimmt nicht ganz: Im Outro von „Seven Seas“ begleitet Produzent Roy Thomas Baker den Singalong mit einem kaum hörbaren Dubreq-Stylophone – streng genommen ein Synthesizer. Von größtem Reiz ist CD2, „Sessions“: 15 unveröffentlichte Demos plus der ausproduzierte Weihnachtssong „Not For Sale (Polar Bear)“, einst im Repertoire von Queens Vorgängerband Smile. Fehlstarts, abrupte Enden, Guide-Vocals, May statt Mercury am Mic („As It Began“ – von ’69!), Mercury statt May am Mic („Some Day One Day“), „The Loser In The End“ als Funk-Ausflug in die HOT-SPACE-Zukunft, Geblödel und die üblichen Sticheleien erden selbst superkomplexe Stücke wie „The Fairy Feller’s Master-Stroke“, inspiriert vom vatermeuchelnden Maler Richard Dadd.
QUEEN II bleibt das schlüssigste und zugleich härteste Album der Band, nur „Funny How Love Is“ tanzt aus der Reihe. Die Platte machte Queen kompatibel für Fans von Led Zeppelin und Deep Purple und bereitete mit ihren vielschichtigen, unberechenbaren Kompositionen den Weg zu „BoRhap“.


