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Portrait

Nellie Bly: Die Investigativjournalistin, die in 70 Tagen die Welt umrundete

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Nellie Bly – die Investigativjournalistin, die in 70 Tagen die Welt umrundete

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn Frauen es schaffen, gesellschaftliche Barrieren zu sprengen und neues Terrain einzunehmen, das ihnen vorher verwehrt geblieben war. Die Geschichten schreiben, die sonst niemand gehört hätte. Die Genderrollen überwinden und öffentlich anzweifeln. Eine Person, die genau dies tat, war Nellie Bly. Mit nur 23 Jahren veränderte sie die gesamte Journalismus-Branche, als sie sich Undercover für zehn Tage in eine psychiatrische Anstalt einwiesen ließ, um die Missstände vor Ort aufzudecken. Ihr daraufhin veröffentlichtes Werk „Ten Days in a Mad-House“ brachte ihr internationalen Ruhm ein.

Im Jahr 1888 hatte Nellie Bly eine weitere große, sensationelle Idee: Inspiriert von Jules Vernes Bestseller „In achtzig Tagen um die Welt“ beschloss sie, eine Weltreise zu unternehmen – und ebenjenen Rekord brechen. Mit Erfolg: Innerhalb von 72 Tagen reiste die damals 25-Jährige alleine, nur mit einer Tasche bepackt, um den gesamten Globus. Damit stellte sie einen Weltrekord auf – und sicherte sich ganz klar einen Platz auf den Rängen der mutigsten Frauen des 19. Jahrhunderts. Vorhang auf für Nellie Bly.

Nellie Bly kommt am 5. Mai 1864 unter dem Namen Elizabeth Jane Cochran zur Welt. Sie ist die Tochter von Michael Cochran, einem erfolgreichen Kaufmann, Richter und Postmeister – so erfolgreich, dass die Gegend um Pittsburgh, Pennsylvania herum, wo Nellie Bly geboren wurde, damals noch offiziell „Cochran Mills“ hieß. Ihr Vater hatte bereits zehn Kinder mit seiner ersten Frau Catherine Murphy, als er Nellies Mutter Mary Jane Kennedy kennenlernt. Die beiden verlieben sich und bekommen fünf weitere Kinder – eines davon ist Elizabeth. Aufgrund ihrer häufig pinken Klamotten fängt sie sich als Kleinkind den Spitznamen „Pinky“ ein, der bis ins Teenageralter an ihr haften bleiben sollte. Im Jahr 1871, als Elizabeth gerade einmal sechs Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Der Verlust hinterlässt nicht nur emotionale Schäden – ohne die finanziellen Rücklagen von Michael Cochran kann Elizabeths Mutter den Hof und die Ländereien nicht mehr halten und beschließt somit, ein weiteres Mal zu heiraten. Ein großer Fehler, wie sich herausstellen sollte: Entgegen der Sicherheit, die sich Familie Cochran durch die neue Heirat versprochen hatte, stellt sich der zweite Ehemann als missbräuchlich und gewalttätig heraus. So lässt sich Mary Cochran nach kurzer Zeit wieder scheiden und die gesamte Familie zieht um nach Pittsburgh.

Ihr wütender Antwortbrief beeindruckt den Chefredakteur

Im Jahr 1879 schreibt sich Elizabeth mit nur 15 Jahren bei der heutigen „Indiana University of Pennsylvania“ ein, muss ihre Universitätsbildung jedoch schon ein Jahr später aufgrund von Geldproblemen abbrechen. Kurze Zeit später liest das junge Mädchen einen Artikel mit dem Titel „What Girls Are Good For“ (deutsch: „Wofür Mädchen gut sind“) in der Zeitung „Pittsburgh Dispatch“ und ist empört: So heißt es in dem Text, Frauen seien ausschließlich dazu da, Kinder zu gebären, gute Ehefrauen zu sein und sich um den Haushalt zu kümmern. Kurzerhand verfasst Elizabeth Cochran einen wütenden Antwortbrief unter dem Pseudonym „Lonely Orphan Girl“ (deutsch: „Einsames Waisenmädchen“), in dem sie ihre gegenteilige Meinung zum Ausdruck bringt. Beeindruckt von ihrer Passion und Überzeugung schaltet der Herausgeber der Zeitung George Madden daraufhin eine Anzeige, in dem er die anonyme Schriftstellerin darum bittet, sich zu offenbaren. Als die Jugendliche seinem Wunsch nachgeht, erhält sie ihren ersten schriftstellerischen Auftrag und schreibt den Text „The Girl Puzzle“, in dem sie auf die prekäre Situation von Frauen nach einer Scheidung eingeht und für eine Aktualisierung des Scheidungsgesetzes plädiert. George Madden ist begeistert – und bietet ihr einen Vollzeitjob als Redakteurin an.

Da es sich damals für Frauen so gehört, legt sich Elizabeth Cochran schnell ein Pseudonym an, unter dem sie von nun an ihre Texte veröffentlichen kann. Sie wählt den Namen „Nelly Bly“, nach dem bekannten gleichnamigen Song von Stephen Foster. Warum daraus letztendlich „Nellie Bly“ wurde, ist bis heute nicht offiziell geklärt werden können – die häufigste Begründung lautet, ein Redakteur hätte den Namen aus Versehen falsch geschrieben. Nellie Bly beginnt ihren neuen Job überaus motiviert und euphorisch – sie ist sich durchaus bewusst, wie selten eine Frau an solch eine hohe Position im Journalismus herankommt. Doch auf Begeisterung folgt schnell Desillusionierung: Anstatt wichtige gesellschaftliche Themen abzudecken erhält sie ausschließlich journalistische Aufträge über „Frauenthemen“ wie Gartenarbeit, Mode oder Klatsch und Tratsch. Schon bald macht sich bei ihr eine Unzufriedenheit und Langeweile bemerkbar, sie möchte mehr – „etwas tun, was noch kein Mädchen zuvor getan hat“, wie sie selbst später sagen wird. Kurzerhand bewirbt sich die 21-jährige Jungjournalistin für eine Auslandskorrespondenz nach Mexiko – und ihr Chef stimmt dem Plan zu. Während ihrer sechsmonatigen Reise verfasst Nellie Bly mehrere regierungskritische Artikel, in denen sie unter anderem gegen die Inhaftierung eines Journalisten protestiert und auf die menschenrechtsverletzenden Handlungen der Regierung aufmerksam macht. Schon bald wird ihr von Seiten des mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz mit einer Verhaftung gedroht und die junge Frau flieht zurück in die USA.

Ihr Auftrag: Sich in eine psychiatrische Anstalt einschleusen

Trotz ihres mutigen Auslandaufenthalts werden Nellie Bly beim „Pittsburgh Dispatch“ bald wieder nur die „Frauenthemen“ zugeschoben und im Jahr 1887 hat sie endgültig genug: Überzeugt davon, mit ihren Talenten woanders besser aufgehoben zu sein, kündigt sie bei der Pittsburgher Zeitung und zieht nach New York. Doch ihr Plan geht zunächst nicht auf. Vier Monate lang wird Nellie Bly von Zeitungen abgewiesen, die kein Interesse daran haben, eine Frau einzustellen. Erst bei der Redaktion von der renommierten „New York World“ hat sie Erfolg: Durch pure Überzeugungsarbeit schafft sie es, ein Vorstellungsgespräch bei dem Chefredakteur Joseph Pulitzer (ja, der Pulitzer) zu ergattern, der ihr wiederum einen Deal vorschlägt. Sollte sie es schaffen, einen Auftrag von ihm umzusetzen, würde er sie daraufhin einstellen, verspricht er ihr. Ihre Aufgabe: Sich in die berüchtigte psychiatrische Anstalt für Frauen auf Blackwell’s Island einzuschleusen und die schreckliche Behandlung ihrer Insassinnen aufzudecken. Nellie Bly zögert keine Sekunde. Doch die Umsetzung ihres Auftrags erweist sich als überaus kompliziert. Wie sollte sie es schaffen, undercover in die Nervenheilanstalt zu kommen? Die Journalistin fasst einen Plan.

Eines Abends besucht sie ein Frauenhaus, bleibt die ganze Nacht wach und macht mit unüblichem Verhalten auf sich aufmerksam. Sie schreit, fängt an zu weinen, bezeichnet die anderen Frauen als wahnsinnig. So dauert es nicht lange und die ängstlichen Bewohnerinnen holten die Polizei, um die „Verrückte“ zum nahegelegenen Gerichtsgebäude zu bringen. Nach einer kurzen Untersuchung wird Nellie Bly – die sich als „Nellie Brown“ ausgibt – als geistesgestört erklärt und in die psychiatrische Klinik eingeliefert. Auf Blackwell’s Island sind die Umstände schlimmer als Nellie Bly zuvor gedacht hätte: Die Patientinnen werden dazu gezwungen, den ganzen Tag auf harten Stühlen zu sitzen und zu schweigen, zu essen gibt es vergammeltes Essen und dreckiges Wasser und beim Duschen wird ein- und dasselbe Wasser für alle Frauen benutzt – egal, welche Krankheiten sie auch haben mögen.

Nach zehn Tagen der grausamen Behandlung wird Nellie Bly von der „New York World“ aus dem Asylum herausgeholt und sie schreibt ihre Erlebnisse in einem Buch namens „Ten Days in a Mad-House“ nieder. Darin heißt es unter anderem: „Ich verließ die Irrenanstalt mit Freude und Bedauern – Freude darüber, dass ich noch einmal den freien Atem des Himmels genießen konnte; Bedauern darüber, dass ich nicht einige der unglücklichen Frauen mitnehmen konnte, die mit mir gelebt und gelitten haben und die, davon bin ich überzeugt, genauso gesund sind, wie ich es selbst war und bin.“

Inspiriert von „In achtzig Tagen um die Welt“ möchte sie ebendies tun – die Welt umrunden

Ihr Enthüllungswerk macht Nellie Bly schlagartig berühmt, eine Undercover-Aktion wie diese hatte es zuvor noch nie gegeben – jedenfalls nicht von einer Frau. Es ist primär die Enthüllung, die Beweislage und Faktenschärfe, die Nellie Blys Arbeit so beliebt macht – zu dieser Zeit verdienen die Zeitungen vor allem mit reißerischen Schlagzeilen und sensationellen, aber nicht immer wahrhaftigen Geschichten Geld. „Ten Days in a Mad-House“ verschafft Nellie Bly jedoch nicht nur nationalen Ruhm; es lenkt auch die Aufmerksamkeit auf die tatsächlichen Missstände in den psychiatrischen Kliniken. So führt die öffentliche Empörung nicht nur zu einer gerichtlichen Untersuchung, sondern sogar zu einer Erhöhung der staatlichen Fördermittel um 800.000 US-Dollar für psychiatrische Einrichtungen.

Nur ein Jahr nach ihrem journalistischen Durchbruch hat Nellie Bly eine weitere wagemutige Idee: Angeregt von Jules Vernes Erfolgsroman „In achtzig Tagen um die Welt“ (1873) möchte die junge Journalistin ebendies tun – die Welt umrunden. Allein. Eine große Sensationsgeschichte witternd stimmt die „New York World“ ihrem Plan zu und am 14. November 1889 um 9:40 Uhr betritt Nellie Bly den Schiffsdampfer „Augusta Victoria“, der sie nach Europa bringen soll. Ihr einziges Gepäck besteht aus dem Mantel und Kleid, das sie an hat, sowie einer kleine Tragetasche mit Kosmetikartikeln und 200 US-Dollar, die sie in einem Beutel um den Hals herum trägt.

Nellie Blys Weltreise sorgt international für großes Aufsehen, überall wo sie hinkommt, wird sie jubelnd in Empfang genommen. Der Grund dafür ist simpel: Nicht nur galt es zu dieser Zeit mehr als unüblich, dass eine Frau alleine auf Reisen geht – noch unüblicher war es, dass eine Frau einen Weltrekord brechen wollte. Die mediale Berichterstattung ist sogar so groß, dass die Zeitschrift „Cosmopolitan“ eine eigene Reporterin losschickt, die Nellie Bly überholen und vor ihr zurückzukehren soll. Die „New York World“ wiederum verspricht sich aus der Geschichte einen Haufen Geld und organisiert ein „Nellie Bly Guessing Match“, bei dem die Leser:innen dazu aufgefordert werden, Blys Ankunftszeit in den USA auf den Tag und die genaue Stunden- und Minutenanzahl zu schätzen. Als Hauptpreis lockt die Zeitung mit einer komplett bezahlten Reise nach Europa, inklusive Taschengeld. Nellie Bly selbst genießt die Reise und die Aufmerksamkeit, die ihr auf der ganzen Welt entgegengebracht wird.

Sie bricht den Rekord der schnellsten Weltumrundung aller Zeiten

Ihre Weltumrundung führt sie zunächst nach Großbritannien, Frankreich – wo sie sich einmal zum Kaffee mit Jules Verne trifft – über den Suezkanal nach Ceylon, Singapur, Hongkong und Japan. Da sie ausschließlich mit Dampfschiffen und den bereits bestehenden Eisenbahnlinien fährt, hat sie jedoch immer mal wieder mit zeitlichen Verzögerungen zu kämpfen, die ihre Reiseplanung durcheinander bringen. Wenn auch zwei Tage hinter ihrem eigentlichen Zeitplan kommt Nelly Bly am 25. Januar 1890 um 15:51 Uhr wieder in New Jersey an – und bricht damit den Weltrekord der schnellsten Weltumrundung aller Zeiten. Sie war genau 72 Tage, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden unterwegs.

Die Weltreise macht aus Nellie Bly einen Star. Doch anstatt sich weiter der Investigativ-Arbeit zu widmen, kündigt sie ihren Job bei der „New York World“, um eine Reihe von Romanen zu verfassen, die nacheinander im wöchentlichen Blatt „New York Family Story Paper“ erscheinen. Zwischen 1889 und 1895 soll sie über elf Romane geschrieben haben, die jedoch Jahrhundertelang als verschollen galten. Bis jetzt: Alle elf Romane sind dieses Jahr wie durch ein Wunder aufgetaucht.

Im Jahr 1895 heiratet Bly den schwerreichen Millionär Robert Seaman, der etwa vierzig Jahre älter ist als sie. Als er knapp zehn Jahre später verstirbt, übernimmt seine Frau die Firma „Iron Clad Manufacturing Co.“, die Stahlbehälter wie etwa Milchkannen und Kessel herstellt. Zwar gibt sich Nellie Bly alle Mühe, humanere Arbeitsbedingungen inklusive Gesundheitsleistungen und soziale Absicherung bei der Firma zu etablieren, doch ein Händchen für Geschäfte hat sie leider nicht: Unter ihrer Leitung geht die Stahlfabrik nach einigen Jahren bankrott. Zuvor entwickelt die Journalistin jedoch noch zwei außerordentliche Erfindungen – eine innovative Milchkanne und eine stapelbare Mülltonne – für die sie beide das Patent anmeldet.

Nach ihrer Zeit als Unternehmerin wendet sich Nellie Bly wieder mehr dem Schreiben zu: So reist sie während des ersten Weltkriegs vermehrt nach Europa, um über die Kriegssituation an der Ostfront zu berichten. Damit ist sie die allererste Frau, die das Kriegsgebiet zwischen Österreich und Serbien bereist hat. Ein weiteres Thema, das Nellie Bly in ihren letzten Lebensjahren vermehrt beschäftigt, ist das Frauenwahlrecht: Im Jahr 1913 schreibt die nun 49-Jährige einen Artikel mit der Überschrift „Suffragists Are Men’s Superiors“ (deutsch: „Frauenrechtler:innen sind den Männern überlegen“) und sagt voraus, dass das Wahlrecht für Frauen erst um das Jahr 1920 herum eingeführt werden wird. Sie sollte Recht behalten. Im Jahr 1922 stirbt Nellie Bly im Alter von 57 Jahren an einer Lungenentzündung. Die Welt des Journalismus wird sie für immer in Erinnerung behalten.

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