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ME-Hotlist

Das sind die vielversprechendsten Newcomer*innen 2021

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Popmusik wird immer diverser. Was man seit Jahren merkt, wird besonders beim Blick auf die neuen und jungen Künstler*innen immer offensichtlicher. Die um 2000 geborene Generation, die auf diesen Seiten versammelt ist, performt vieles, wofür die Millennials (und die vor ihnen) gekämpft haben, immer selbstverständlicher.

Superpower Empathie: Arlo Parks

Schon vor der ersten Platte als Stimme ihrer Generation gehandelt: Arlo Parks erzählt in ihren ultra-intimen HipHop-Indie-Songs, was um sie herum passiert. Und viele erkennen sich darin wieder.

„We’re a super sad generation, killing time and losing our paychecks“, diagnostiziert Arlo Parks 2019 in einer ihrer ersten Singles. Im Video dazu liegen Teenager*innen eng umschlungen auf Zimmerböden, Köpfe ruhen sich auf Oberschenkeln aus, es wird in Zeitlupe getanzt und triumphal melancholisch geschaut. Der Song handelt vom Ketamin-Nehmen, von Prom Queens und davon, dass in L. A. alles bestimmt besser wird. Parks singt sanft und cool verschlafen, dazu läuft ein HipHop-Beat. Seit „Super Sad Generation“ gibt es Leute, die sie die Stimme ihrer Generation nennen. Wie ist das so, wenn man gerade erst zwanzig geworden ist?

„Meine Generation besteht aus Millionen von Individuen mit verschiedenen Erfahrungen und Persönlichkeiten. Ich würde nicht sagen, dass ich für irgendjemanden spreche.“ Stattdessen beschreibe sie einfach nur, was um sie herum passiere: mit ihr selbst, mit ihren Freund*innen, mit Leuten, die sie auf der Straße beobachtet. Um sie herum, das bedeutet: Hammersmith, Westlondon. Dort ist sie aufgewachsen und dort wohnt sie bis heute mit ihren Eltern. Schon als Kind, mit sieben oder acht, fängt sie an zu schreiben. Zuerst kurze Geschichten über Abenteuer und den Wilden Westen, dann auch Gedichte. Zu Hause läuft derweil alles von Prince über französischen 80s-Pop bis Otis Redding und Jazz. Sie selbst findet erst so richtig zur Musik, als sie mit 13 HipHop entdeckt. THE LOW END THEORY von A Tribe Called Quest sei ein früher Favorit gewesen, und DORIS von Earl Sweatshirt. „Damals sind meine Vorstellungen von Musik und Poetry verschmolzen.“

Seit 2018 veröffentlicht Arlo Parks Songs auf Spotify, mittlerweile sind die Klickzahlen dort achtstellig. Sie nimmt trotzdem immer noch am liebsten daheim auf, sie fühlt sich nicht wohl in Studios. Viele der Stücke ihres Debütalbums sind in einer Airbnb-Wohnung im Osten Londons entstanden, in die sie sich mit ihrem Songwriting-Partner und Produzenten Luca Buccellati eingemietet hatte. Ein neutraler Raum, ideal als kreative Bubble, wie Parks es beschreibt. Für gewöhnlich fängt alles mit einer Playlist an, auf der Parks Songs sammelt, die sie gerade mag. Dazu liefert sie einen Text, eine Art Beipackzettel, in den sie reinschreibt, wie sie sich einen neuen Song vorstellt. „Ich sag Luca darin also zum Beispiel: Okay, ich will, dass sich das wie Portishead anfühlt, aber die Drums sollen wie dies oder jenes klingen. Er fängt an einen Beat zu bauen und ich schreibe die Lyrics direkt darüber.“ Ihre Texte modelliert, verfeinert sie hinterher noch, klar, aber die Grundidee, das Gerüst eines Songs, das entsteht in diesem Moment.

Der anschmiegsame, schon auch nostalgische Sound, den die beiden produzieren, ist extrem zugänglich: irgendwo zwischen entspanntem HipHop, TripHop, Lo-Fi-R’n’B und Indie-Folk. Entscheidend für den Hype, der gerade um Parks entsteht, ist aber was anderes: ihre ultraempfindsame Stimme und – mehr als alles andere – das, worüber sie singt. Parks hat die Sensibilität ihrer Vorbilder Frank Ocean, Radiohead („Lieblingsband aller Zeiten“), Earl Sweatshirt und Portishead genommen, auf die Spitze getrieben und auf ihre ganz eigenen, privaten Song-Erzählungen übertragen. Und die sind mindestens so intim wie ihre Machart in Privatwohnungen.

Den Namen ihres Debütalbums COLLAPSED IN SUNBEAMS hat Parks aus einem Buch von Zadie Smith, in dem ein Dackel in einem Sonnenstrahl kollabiert. „Der Titel bedeutet für mich die Idee von etwas Bittersüßem: Man weiß nicht, ob jemand aus Freude oder Melancholie zusammengebrochen ist.“ Was damit gemeint ist, wird schnell klar: „I see myself ablaze with joy, sleepy eyed, feeding our cat or slicing artichoke hearts, I see myself sitting beside you, elbows touching, hurt and terribly quiet.“ Das ist der Arlo-Sound. An anderen Stellen meint man, eine Ähnlichkeit zur Popgeneration der 90er auszumachen: in der „Killing time and losing our paychecks“-Zeile zum Beispiel, auch damals standen Traurigkeit und diese gelangweilte Antriebslosigkeit hoch im Kurs. Aber Parks ist nicht zynisch, nicht nihilistisch, ganz im Gegenteil: Sie nennt Empathie ihre Superkraft. „Sie erlaubt es mir zu schreiben und Geschichten zu erzählen, die sich echt anfühlen.“ Und sie fühlen sich nicht nur so an, sie sind echt. Alle Figuren in den Texten seien reale Leute, meist Freund*innen, sagt Parks, manche tauchen sogar unter ihren tatsächlichen Namen auf. Und auch die Situationen, in die sie geraten, seien so oder zumindest so ähnlich wirklich passiert. In „Caroline“ streitet ein Paar an einer Bushaltestelle. „Das habe ich nur ein paar Sekunden lang mitbekommen, also musste ich Vermutungen anstellen, worüber sie streiten, und mir vorstellen, wohin die Story von da aus gehen würde. Aber es geht immer um Sachen, die ich sehe. Ich find’s am aufregendsten, diese banalen Alltagsmomente zu nehmen und etwas daraus zu machen, das sich schön anfühlt.“

Ein Beispiel: „I had a dream we kissed and it was all amethyst“ (ein Amethyst ist ein in schönstem Violett splitternder Quarz). So startet „Eugene“ in eine brennende Eifersuchtsszene, die mit „I can’t deal“ endet. Mit etwas nicht fertig werden, und es einfach so sagen. Darum geht’s. „Emotionalität sollte nicht mit Schwäche gleichgesetzt werden. Man hat oft Angst, Dinge auszusprechen, auch vor Menschen, die man liebt. Das ist etwas, das ich ändern möchte“, sagt Parks. Das gilt gerade auch im Umgang mit mentaler Gesundheit – ein Thema, das im Zusammenhang mit der Generation Z immer wieder thematisiert wird. Und auch hier geht Parks von alltäglichen Situationen aus. „Let’s go to the corner store and buy some fruit, I would do anything to get you out your room“, versucht sie einen depressiven Freund in „Black Dog“ zu trösten. „Ich glaube, dass sich unser Vokabular erweitert hat und wir mehr über psychische Probleme sprechen. Es geht in die richtige Richtung.“

Sich selbst zu offenbaren, wenn auch auf inszenierte Weise: Passiert das nicht ständig in den sozialen Medien? Klar, aber Parks’ Zugang ist alltäglicher und intimer. Mitschreiben, was um sie rum passiert. In Betten und Wohnungen, im Garten der Familie, beim gemeinsamen Gemüse-Schneiden. Auf Gerüche achten, auf Farben, auf die Art, wie jemand gerade schaut. Fotos machen von kleinen Dingen, in denen das Große steckt. Nicht umsonst ist „Porta 400“, der letzte Song auf COLLAPSED IN SUNBEAMS, nach einem Kodak-Film benannt. Arlo Parks erzählt radikal spezifisch und gerade dadurch universell. Wenn die Leute sie deswegen zur Stimme ihrer Generation machen, dann ist es halt so. David Numberger

Woher: Westlondon
Klingt wie: Cleo Soul, Frank Ocean, Lorde, Nilüfer Yanya
Anspieltipps: „Green Eyes“, „Hurt“
Neue Musik: das Debüt COLLAPSED IN SUNBEAMS ist am 29. Januar 2021 erschienen

High Energy Vibes: Cookie Kawaii

Mehr als ein TikTok-Star: Cookiee Kawaii vermischt Clubmusik, Footwork und HipHop in Zweiminütern mit unendlich viel Swag.

Irgendwann tanzten sogar die Enten zu Cookiee Kawaii. Die Musikerin aus Irvington, New Jersey hatte noch nicht mal einen Account auf der Plattform TikTok, als sie im Sommer erfuhr, dass das Video zu ihrem Song „Vibe (If I Back It Up)“ von 2019 dort gerade durch die Decke kracht. Dass Tausende Fans Sequenzen teilen, in denen sie zum feder-leichten 160-BPM-Beat des Songs tanzen. Wenige Wochen später waren es schon fast zwei Millionen, darunter eben auch das Kult gewordene Video einer Ente, die ihre Schwanzfedern im „Vibe“-Rhythmus rattern lässt.

Cookiee Kawaii ist Tochter zweier House-DJs und schon seit 2011 in der Musik- und Clubszene von New Jersey aktiv. Deren hypnotischen Sound machte sie mit „Vibe“ einem Massenpublikum bekannt: Es ist eine zugleich druckvolle und entspannte, von zerhackten Samples und Stakkato-Rhythmen geprägte Hochgeschwindigkeitsmischung aus House und HipHop, die sie auf ihrem im August erschienenen Mixtape „Club Soda, Vol. 2“ mit R’n’B zu verspielter Clubmusik für die Post-Pandemie-Zukunft verwebt. Der Hype um Cookiee Kawaii zeigt, dass TikTok-Trends manchmal auch schrägen, eigenwilligen Künstler*innen die ganz große Bühne bereiten. Andererseits beweist sie im „Vibe“-Video, dass sie nicht nur Underground, sondern alles sein kann: Schwarze Tipi Hedren, die von Hitchcocks Horrorvögeln attackiert wird, Marching-Band-Anführerin, Alien auf einem Wüstenplaneten – und das in nur 84 Sekunden.

Cookiee Kawaii hat mal gesagt, ihre Schreibsessions seien außerkörperliche Erfahrungen. Meistens könne sie sich nicht mehr daran erinnern, wie ihre Songs entstanden seien. Hellwach aber klingen sie immer. Julia Lorenz

Woher: New Jersey, USA
Klingt wie: DJ Sliink, Yaeji, Kelis
Anspieltipps: „Vibe (If I Back It Up)“, „Quarantine And Chill“
Neue Musik: bis auf Weiteres müssen wir uns mit dem aktuellen Mixtape begnügen

Party like it’s 2005: The Lathums

Die neuste Retrowelle ist da: Vieles an The Lathums erinnert an die goldenen Nullerjahre des Post-Britpop.

Der Blick zurück führt selten zu neuen Erkenntnissen, im Fall der Lathums lässt er sich aber nicht ganz vermeiden: Natürlich muss man an all die Hype-Bands denken, die uns „NME“ und Co. Anfang des Jahrtausends im Wochentakt präsentierten. Es ist unklar, ob das Quartett um Alex Moore nun eine singuläre Nachhut darstellt oder ob sich im ewigen Kreislauf der Pop-Nostalgie ein neues Revival andeutet. Im (Post-)Britpop-Bingo kann man auf jeden Fall viele Kreuzchen machen. Die Herkunft? Wigan, nahe Manchester, das gleich doppelt Pop-Geschichte schrieb, einmal als Heimstätte des Northern-Soul-Nachtclubs Wigan Casino, schließlich als Herkunftsort von The Verve. Der Look? Leicht angeschmiert, aber in Fred Perry. Der Sound? Ein Mix aus Indie-Traditionen, der sich manchmal auf die Smiths und die Housemartins bezieht, aber in seinen flotteren Momenten auch an Frühnuller-Größen wie Hard-Fi oder die Dead 60s erinnert.

Dass James Skelly von The Coral bisweilen am Mischpult sitzt, hört man ebenfalls. Einem Song wie der herzrührenden Ballade „All My Life“, die es immerhin auf Platz eins der britischen Vinyl-Single-Charts schaffte, ist aber durchaus auch eine gewisse Breitenwirkung, ein Eindringen in die Gebiete der Sam Fenders oder Lewis Capaldis zuzutrauen. Ihren ersten Auftritt hatten die Lathums übrigens auf einem Junggesellinnenabschied, dessen Motto „Coachella“ war. Was folgte, waren die Entdeckung durch Tim Burgess (The Charlatans) und viele, viele Konzerte, zunächst rund um Manchester, bald aber in ganz Großbritannien. Heute, zwei Jahre später, haben sie bei Island Records unterschrieben. Ein Album soll auch kommen. Und wer weiß, vielleicht sehen wir sie ja 2022 beim tatsächlichen Coachella.

Woher: Wigan bei Manchester
Klingt wie: The Coral, The Housemartins, Libertines
Anspieltipps: „I See Your Ghost“, „All My Life, „The Great Escape“
Neue Musik: Album kommt im August

Die MIDI-Harfen atmen: Smerz

Wenn Genre zur Lachnummer wird: Das skandinavische Duo Smerz spielt R’n’B mit digitalen Harfen und viel Eigensinn.

Auf einer kargen Bühne im schwarzen Nichts wird Smerz’ Catharina Stoltenberg durch die Luft gewirbelt, dreht sich von einem Tänzer zum nächsten, jederzeit in Kontrolle, jederzeit ausgeliefert. Ein norwegischer Volkstanz, weiße Kostüme, weiße Mützen, sich blähende Röcke. Eine Kulisse, die eine Situation andeutet wie seinerzeit Lars von Triers „Dogville“. Oder ein ESC im Limbus? Ein Traum? Im nächsten Bild schon läuft minutenlang ein Abspann über ein bukolisches Idyll in der Dämmerung, die nervösen synthetischen Beats und Flächen weichen nächtlichen Streichern. Das ist also das Video zu einer Doppel-Single einer der heißesten Newcomer-Bands 2021. Hä?

„Dieses Konzept von Genres, das ist auch irgendwie lustig“, lacht Henriette Motzfeld. Weil Genres so unmittelbar kommunizieren, was sie sind, was sie von dir wollen. „Was macht das mit dir als Hörer*in, wenn du ab dem ersten Ton schon weißt, welche Art von Musik das ist? Du kriegst gleich einen ganzen Packen Referenzen!“

Die Pakete, die Smerz aufladen, sind riesig, aber alle leer. Schließlich hat das Duo aus Kopenhagen hörbar Spaß daran, Genre-Prototypen aufeinanderprallen zu lassen und zu mischen: Trance mit Klassik, R’n’B mit norwegischer Folklore, Ritual und Footwork. Klingt ein wenig wie die Hyperversion jeder dritten wichtigen Band seit circa 2005, ist aber doch der nächste Schritt, denn hier geht es nicht mehr ums Prinzip, sondern darum, Ästhetik und Lebenswirklichkeit nicht künstlich zu trennen. Smerz sind wie Billie Eilish für Erwachsene: „An einem bestimmten Punkt im Arbeitsprozess machen wir Musik so, wie man durch das Internet browst, mit Offenheit gegenüber allem, was passiert.“ Konzept happy little accidents, weil: So funktioniert auch Leben. „Schon durch den Alltag zu kommen, ist ein Ritual. Ich glaube, die Essenz der Musik ist im Moment der Zwischenraum, der sich zwischen den alltäglichen kleinen Problemen, die dir begegnen, und den Träumen spannt, etwas Größerem im Leben.“

Stand bei den bisherigen EPs der beiden eher nordisch unterkühlter Elektro-Pop mit R’n’B-Einschlag im Vordergrund (der nicht versteckte, dass die beiden Fans der Serie „Girls“ sind), hat das Duo nun einen Haken geschlagen: gleiche Denke, neue Musik. Stoltenberg und Motzfeld kennen sich aus der Schule in Oslo, freundeten sich aber erst an, als beide nach Kopenhagen gingen, um klassische Komposition zu studieren. Hier entwickelte sich über die Jahre nicht nur eine bewegliche musikalische Zusammenarbeit, sondern auch eine fast symbiotische freundschaftliche Beziehung, die viel mit Vertrauen und Aufrichtigkeit zu tun hat und damit, Leben und Kunst ineinander fließen zu lassen.

Der Klang, in dem die beiden 2021 ein massives Debütalbum vorlegen werden, ist freier, aber zugleich doch stärker konzeptualisiert. Bisher bestand der Clou darin, dass zwei Geigen-Frauen Elektro- Pop machen. Die viel bessere Geschichte ist nun, wie sie sich die Klassik wieder aneignen. „Wir wollten innerhalb des elektronischen Klanguniversums arbeiten, mit Loops und künstlichen Sounds, aber mit traditionellen Instrumenten, die wir selbst gar nicht spielen können“, erklärt Motzfeld. So wird der Elektronik mehr Luft und das intuitive Tempo der Klassik mitgegeben – und striktere Kompositionsregeln. Analoges Instrumentarium aufnehmen und als Samples und Synth-Sounds am Computer spielen. Oder: echte Streicher über Computer- Sounds von Streichern improvisieren lassen. Die Grenzen verschwimmen, die MIDI-Harfe beginnt zu atmen.

Das Ergebnis klingt manchmal wie DJ Rashad, manchmal wie CocoRosie, manchmal wie ein David-Lynch-Soundtrack. Over-the-Top Trance-Beats treffen einen quellklaren Sopran in der norwegischen Dorfkirche, um von dort zum „Rap Interlude“ weiterzuziehen. Unheimlich, wunderschön, grotesk. Kammermusik, um ein Universum auszufüllen. Zumindest eines aus Träumen.

Woher: Kopenhagen via Oslo
Klingt wie: CocoRosie, Holly Herndon, DJ Rashad, Rihanna
Anspieltipp: „I Don’t Talk About That Much“
Neue Musik: das Debütalbum BELIEVER erschien am 26.2.

Dancehall aus der Vorhölle: Pa Salieu

Die britische Rap-Hoffnung Pa Salieu erzählt Geschichten von der Straße – meisterhaft und (fast) frei von Gangster-Romantik.

Pa Salieu weiß, wovon er spricht, wenn er im Song „Frontline“ zu Maschinengewehr- und Sirenensamples über die Härten der Straße rappt: Er selbst wurde bei einem Drive-by-Shooting niedergeschossen, ein paar Schrotkugeln stecken angeblich noch immer in seinem Kopf. „Frontline“ sei ein Song über sein Viertel Hillfield, hat Pa Salieu mal im Interview gesagt, aber „Frontlines“ gebe es auf der gesamten Welt.

Der 23-Jährige wurde in Großbritannien geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Gambia, bevor er mit seinen Eltern nach Coventry zog – eine Industriestadt in den Midlands, die im Englischen ein Synonym für die Vorhölle ist: „Send Them To Coventry“, der Titel seiner im November erschienenen Debüt-EP, bedeutet auf Deutsch in etwa, dass man jemanden ignorieren, schneiden, zum Teufel schicken soll. Als Jugendlicher kassierte Pa Salieu eine Vorstrafe, weil er ein Messer zur Selbstverteidigung bei sich trug. Und weil Nine-to-five-Jobs für ihn nicht infrage kamen, bot Rap den Ausweg.

Pa Salieu schenkt allen Hoffnung, die es dem Grime-Superstar Stormzy übel nehmen, seine Street Credibility an Ed Sheeran verkauft zu haben. Mal mischt Pa Salieu seinen Sound, der sich vor allem aus Grime, Afrobeat und politisiertem Dancehall speist, mit der Härte des UK Drill, dann wieder zitiert er UK Jungle. Aus dem brutalen, ungerechten Leben in seiner Hood erzählt er in ureigener Modulierung, verherrlicht aber nichts am Gangsterleben: Im letzten Song der EP, „Energy“, fragt er seine Schwestern und Brüder, warum sie ihre Energie mit all der Gewalt verschwendeten – an der Frontline in Coventry, an den Frontlines auf der ganzen Welt.

Woher: Coventry, UK
Klingt wie: ein Grime-Star für alle Fans von UK-Pop, J Hus, Ambush Buzzworl
Anspieltipps: „Frontline“, „Energy“
Neue Musik: bald (mehr dürfen wir nicht verraten)
Live (wenn alles gut geht): UK-Termine im Mai

Alles machen, nichts fühlen: Dry Cleaning

Es sprechen viele Gründe für Dry Cleaning: am Mikro eine Göttin der Postpunk-Coolness, hinter ihr beseelte Indie-Nerds und Texte über Social Angst.

Florence Shaw, Sängerin von Dry Cleaning, spart nicht mit Worten. Ihr Sprechgesang schichtet Zeile auf Zeile, größere Unterschiede in der Betonung gibt es in der Regel nicht, ihre Lyrics wirken wie eine Litanei. Und doch ragen immer wieder Textstellen heraus. „Do everything, feel nothing“ zum Beispiel, das große Dilemma der Moderne. Oder „And thanks very much for the Twix“ und „Why don’t you want oven chips now?“ – es geht häufiger ums Essen in ihren Texten, wobei: eher ums Stopfen als ums Genießen.

Die Auftritte der Londoner Band bei Gigs, Streaming-Sessions oder Promo-Videos zeigen, dass Florence Shaw bei ihren Mantras komplett regungslos im Raum steht. Nicht gelangweilt, sondern mit einer sonderbaren Mischung aus Arroganz und Konzentration, wie Skispringerinnen, die oben auf dem Balken schon wissen, dass sie gleich zur Bestweite fliegen werden. Hinter ihr die Band: Drei Jungs, die auch Mathematik-Studenten sein könnten, spielen Mucker-Postpunk. Also nicht diesen super-stylishen Indie-Disco-Sound mit den schlanken Krawatten, sondern differenziert-kantige Gitarrenmusik mit Bassläufen, wie sie in den Probierräumen der Music Stores gespielt werden.

Diese Art von „Female-Coolness trifft Nerd-Typen“ ist nicht neu. Es gab sie im Ursprungs-Postpunk bei Romeo Void, später bei Black Box Recorder oder Life Without Buildings. Oder ganz aktuell bei der Irin Sinead O’Brien (ihre brillante EP „Drowning In Blessings“ ist eine dicke Empfehlung). Was Dry Cleaning besonders macht, ist die Spannung, die hier in der Luft liegt. Man wartet in jedem Moment darauf, dass Florence Shaw ihre Pose verlässt, dass sie schreit und quietscht. Dass genau das jedoch nie passiert, ist das Beste, was dieser Musik passieren kann.

Zwei EPs hat die Band 2019 in Eigenregie veröffentlicht und danach beim Sehnsuchtslabel 4AD unterschrieben – für Indie-Bands auch heute noch eine große Sache. Die erste Veröffentlichung dort: „Scratchcard Lanyard“, aus dem die genannten Zitate stammen. Im Video ist Florence Shaws Gesicht als riesige Visage auf der Bühne eines Miniatur- Live-Clubs inszeniert. Jede Änderung in ihrer Mimik wird zu einer großen Sache. Am Ende stößt sie den Hauch des Todes aus und wartet mit hochgezogener Augenbraue darauf, dass ihr Bassist auch fertig wird. Was für eine Dominanz in Mimik und Wortgewalt!

Woher: London
Klingt wie: Sacred Paws, Shame, Stella Sommer, die mit Saint Etienne Joy-Division-Cover spielt
Anspieltipp: „Scratchcard Lanyard“
Neue Musik: das Debütalbum soll im Frühling kommen

Hyperkreativ: Quinn, alias P4rkr, alias Osquinn.

Die Hyperpop-Szene macht vor, wie unabhängig Musiker*innen im Jahr 2021 sein können. Ihre spannendste Vertreterin ist 16 und hat viele Namen: Quinn, P4rkr, Osquinn.

Die amerikanische Produzentin, Sängerin, Rapperin und Songwriterin Quinn veröffentlicht ihre Songs unter den Namen osquinn und P4rkr, wobei man sie auf den großen Streaming-Plattformen vor allem unter letzterem findet. P4rkr nannte sie sich vor ihrem Coming-out als Trans und hält vorerst aus Gründen der Findbarkeit daran fest. Aus ihrem Schlafzimmer heraus produziert Quinn kurze, mal aggressive, mal erstaunlich elegische, aber immer dezent zerschranzte Pop- und Rapsongs, in denen ungefiltert emotionale Lyrics auf Stimmeffekte, Glitch-Sounds, Trap-Beats, Meme-Humor, spacige Synths und immer wieder schamlos eingängige Momente treffen. „Hyperpop“ nennt man diese Musik – und wer einen P4rkr-Song hört (oder einen von anderen Vertreter*innen wie 100 Gecs, SEBii, Glaive oder David Shawty), weiß sofort, warum.

Quinns Label heißt ironisch „my fucking bedroom lol“, ihre Songs entstehen in einer Community, die sich vor allem auf SoundCloud und der Video- und Chat-App Discord trifft. Für die digitale Distribution nutzt sie den unabhängigen Dienst DistroKid. Mehr DIY geht heutzutage wohl nicht. Ihren ersten Song produzierte Quinn übrigens auf einem iPhone. Öffentlich reden hört man sie bisher leider selten, Interviewanfragen ertrinken in ihren Social-Media-DMs oder werden ignoriert. Wer Quinn besser kennenlernen will, sollte den Podcast „Masked Gorilla“ mit ihr als Gast hören (Folge 33). Gerade arbeitet sie an einem Album, auf dem sie einige kreative Köpfe ihres Netzwerks featuren will. „Ich merke, dass sich gerade viele für mich interessieren. Das fühlt sich gut an, aber ich will die ganze Szene mitziehen. Es gibt sehr viele, sehr tolle, wahnsinnig kreative Menschen, die alle ein größeres Publikum verdienen.“ Guter Spirit. Daniel Koch

Woher: ein Jugendzimmer im nördlichen Teil Virginias
Klingt wie: Rico Nasty, Kurt Cobain, Super Mario, Lil Peep, AG Cook
Anspieltipps: „Mbn“, „Oblivion“
Neue Musik: bestimmt bald, aber man erreicht sie ja nicht, um nachzufragen

Tiflis Takeover: Creams

Das coolste Musikvideo der vergangenen Monate kommt von einer Newcomerin aus Georgien. Creams auf dem Weg zum nächsten DIY-Popstar.

Auf die Gefahr hin, banal zu klingen, fangen wir trotzdem hiermit an: Natia Chichinadze ist wirklich saucool. So einfach ist das. Und dann doch wieder nicht, weil der Hip- oder Coolness-Faktor für Popmusik zwar so entscheidend ist, aber auch viel schwerer greifbar als die Musik selbst oder die in Zahlen messbaren Erfolge. Deswegen guckt man sich am besten selbst das Video zu „Die 4 You“ an: In handverlesenen, coolen/uncoolen 90s-Vintage-Klamotten und mit ungerührter Mine performt die 25-jährige Künstlerin hier ihre Debütsingle: im Strobo-Licht in der georgischen Steppe, im Inneren eines pinken Spielhauses oder auf der Heckklappe eines Sportwagens, der über eine Landstraße schleicht. Und immer sind sich Ausgelassenheit und Monotonie ganz nah.

Creams kommt aus Georgien, diesem kleinen, politisch angespannten Land an der äußeren Grenze Europas. Wenn man hier nicht einfach selbst aktiv wird, passiert auch nichts. Deswegen ist die junge Szene in Tiflis so erfinderisch und die Partys so gut, deswegen schreibt Natia Songs, seitdem sie 14 ist, und finanziert ihre Musik mit mehreren Jobs. Community und DIY-Ethos sind hier wichtiger als anderswo. Aus diesem Lebensgefühl macht Creams magnetischen Dark-Pop mit soften Beats, tiefem Gesang und viel Attitude. In den Texten geht es um übertriebene Liebesschwüre in der Sommerhitze und das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Community als schönste Waffe gegen die Umstände. Oder wie es in „Run“ heißt: „In the name of god, in the name of high fashion.“ Annett Scheffel

Woher: Tiflis, Georgien
Klingt wie: Grimes, Billie Eilish, Tirzah, The xx
Anspieltipp: „Die 4 You“
Neue Musik: die EP „Sleep On Me“ erschien am 20.1.21 (inkl. Kurzfilm)

Im Club aufräumen: Park Hye Jin

Mit ihrem Mix aus leicht verschlafenen Deep House und Rap hat Park Hye Jin das Zeug zur neuen Lieblings-Produzentin.

Bevor es Park Hye Jin nach Melbourne, London und ihren jetzigen Wohnsitz L.A. verschlug, musste sie ganz schön viel putzen – und zwar nicht nur Klinken. Aufgewachsen ist sie in Seoul. Mit 20 begann sie zu rappen, ein paar Jahre darauf hatte sie außerdem genug DJ-Skills zusammen, um sich endlich in Clubs ausprobieren zu können. Doch das Problem: Die Läden der südkoreanischen Hauptstadt schienen nicht gerade auf sie und ihre Mischung aus Deep House, Trap und diesen somnambulen Vocals auf Englisch und Koreanisch gewartet zu haben. Die Home-Producerin hatte zwar jahrelang an Sounds und Styles getüftelt, doch Kontaktpflege in die hiesige Clubszene? Fehlanzeige.

Park Hye Jin stand an dem Punkt, den viele Künstler*innen nur zu gut kennen: Was nützt dir die geilste Hook, der schärfste Übergang, die tollste Melodie, wenn es am Ende des Tages dann doch keiner zu hören bekommt außer Mutti, Vati und ein zwei Dutzend Instagram-Follower*innen? Park Hye Jin nahm es sportlich… wenn ihr kein Club DJ-Gigs offerierte, dann bot sie halt an, nach Geschäftsschluss beim Aufräumen zu helfen. Barhocker hoch und durch. Durch diesen astreinen Cinderella-Move knüpfte sie in einem angesagten Laden der Stadt Bande – erst mit dem Personal und schließlich auch mit den Verantwortlichen. So bekam sie ihre Chance, nutzte diese und feilte 18 Monate weiter an ihren Skills, allerdings eben in der Rolle des Resident DJs.

Von da aus ging es in die Welt: internationale Gigs, Aufenthalte in Australien, Europa, der Umzug nach Kalifornien. Die heute 26-Jährige ist mit ihrem eigenwillig aufgewühlt wie entrückten Sound ein globaler Hingucker geworden. Die Auszeit des Corona-Jahres hat sie für neue Produktionen genutzt, im Sommer erschien ihre EP „How Can I“ auf dem Label Ninja Tune, dann eine gemeinsame Single mit R’n’B-Visionär Blood Orange („Call Me“) und zuletzt im Dezember „Clouds“, mit Produzent Nosaj Thing. Der Boden ist also mehr als bereitet – und dieses Jahr wird es wirklich spannend. Denn man munkelt, dass diese eigenwillige Karriere nun endlich in das Debütalbum, also DAS Debütalbum fließen wird. Der Rest geht dann von selbst. Linus Volkmann

Woher: Seoul, Südkorea
Klingt wie: Kelly Lee Owens, Daft Punk, Yaeji
Anspieltipp: „Like This“
Neue Musik: Debütalbum ist in Planung

Über aller Sau: Biig Piig

Beste Medizin gegen den Großstadtkater: die kosmopolitische R’n’B-Schlafzimmerdisco von Biig Piig.

Eminem, The Cranberries, Meat Loaf, Spice Girls – Jessica Smyth steht in bester Tradition von Popstars, die sich nach Essen benannt haben. Ihren Künstlernamen Biig Piig entnahm die 22-Jährige einer Speisekarte mit originell betitelten Pizzen. Das Alias befreit sie: „Mit so einem Namen kann man sich auch mal danebenbenehmen“, sagt sie. Musikalisch hat sie mit den eingangs Erwähnten herzlich wenig zu tun: Smyth macht leicht benebelten Bedroom-Pop, getrieben von HipHop-Beats, getragen von Rap und Gesang – meistens auf Englisch, wie in ihrem bisher größten Erfolg „Perdida“ aber auch gerne mal auf Spanisch. Woher kommt’s? Aus Spanien natürlich! Dort verbrachte die im irischen Cork geborene Smyth ihre Kindheit. Das mediterrane Klima sollte ihrem Asthma-geplagten Bruder helfen. Mit zwölf Jahren zog sie mit ihrer Familie nach London.

Ihre Nachmittage verbrachte Smyth damit, Amateurvideos von Akustik-Coverversionen zeitgenössischer Hits auf YouTube zu studieren. Als 14-Jährige stand sie bereits auf Open-Mic-Bühnen, bald schon stellte sie ihre ersten eigenen Songs ins Netz: Folkpop mit leichtem Punk-Einschlag. Ihre künstlerische Bestimmung fand sie aber erst per Anschluss an das DIY-Kollektiv Nine8. Deren Kernmitglied Ava Laurel brachte sie über eine Hausparty zum Rap. Dort pumpte ein DJ J-Dilla-Beats, das Mic wurde herumgereicht und als Smyth an der Reihe war, sah sie ihre Zukunft: „Ich hatte keine Ahnung, was ich da mache. Aber ich legte einfach los und das kam echt gut an bei den Leuten. Ava drehte sich zu mir und sagte: ‚Jess, das ist die Musik, die du machen musst!‘“

Ava Laurel sollte recht behalten: „Perdida“ steht bei zehn Millionen Spotify-Streams, mit Zeilen wie „I just wanna lay here and smoke my cig and drink my wine and think. I wanna lay here until my hurting is done“ spricht Smyth ihrem Publikum aus der Seele, vom Alltagskack erschlagene Millennials zwischen Herzschmerz und Zukunftsängsten. Und wir dürfen ihr beim Großwerden zuhören, wie sie ihren Sound dabei stetig erweitert: Für ihre 2019er-Single „Don’t Turn Around“ legte Slowthai-Produzent JD Reid ein Sample-Fundament aus Claudja Barrys Discoklassiker „Love For The Sake Of Love“, auf ihrem aktuellen Stück „Feel Good“ vereint Smyth die neue Tanzbarkeit mit den Akustikgitarren ihrer Anfangstage. Außerdem ließe sich der Song wunderbar nach Billie Eilishs „Bad Guy“ auflegen. Thiink Biig! Stephan Rehm Rozanes

Woher: geboren in Irland, aufgewachsen in Spanien, wohnt in Westlondon
Klingt wie: SZA, Arlo Parks, Princess Nokia, Rosalía
Anspieltipp: „Feels Right“
Neue Musik: neue Singles sollen schon bald folgen
Live (wenn alles gut geht): UK-Festivals im Sommer

Shy oder Scheide?: Shygirl

Welcome in Weirdoland: Pop-Gestaltwandlerin Shygirl tarnt feministische Gedankenexperimente als Dancefloor-Hits.

„Touch me, touch me, don’t be shy“, sang Lady Gaga 2013 auf ihrem ARTPOP-Album. Schüchtern sollte es also nicht sein, das sexuell signifikante Gegenüber, sondern touchen, was das Zeug hält – damit die Lady sich als „G.U.Y.“, also „girl under you“ hingeben konnte. Vordergründig. Andererseits spielte „G.U.Y.“ klar darauf an, dass die Lady gewissermaßen in die Rolle des Typen, des Guys schlüpft – und eben auch die dominanten Ansagen macht, nicht schüchtern zu sein. Dieses auf dem Dancefloor so geil abgehende Verwirrspiel ums mutmaßliche Shysein treibt Shygirl definitiv aufs nächste Level. Denn Shygirl, kleiner Spoiler, scheint so gar nicht shy zu sein, sondern streckt in ihren Lyrics den Arsch hoch und lässt die Titten raushängen. Warum auch nicht? Vor Schleim und anderen Körperflüssigkeiten hat sie ja auch keine Panik.

Shygirl, das ist Blane Muise, 25, die aus dem Süden Londons kommt und dort nunmehr im Osten wohnt. Eine Zeitlang hat sie als Assistentin für Fashion-Fotografie gearbeitet, sich dann aber auf den entsprechenden Partys mit ihren 90-60-90-Normierungen nur abgeturnt gefühlt. Dann lieber Musik machen! 2018 kam die Debüt-EP „Cruel Practice“. Shygirl packt schon auch Madonna, Moloko (mit Róisín Murphy) und Kylie Minogue auf ihre Playlist, ihre eigenen Tracks sind doch aber härter kinky und edgy als die der genannten Damen des gehobenen Mainstreams. Shygirl arbeitete zusammen mit den gefeierten Electro(nica)-Produzent*innen Arca und der im Januar 2021 verstorbenen Sophie im Semi-Underground. Also, wie war das doch gleich mit Shygirl und der Schüchternheit? In den Texten scheint sie großspurig und rotz- bis scheidensaftfrech.

Im Interview gesteht sie allerdings ein: „Ich stecke Dinge in meine Songs, die ich im echten Leben niemals sagen würde. Ich sage einfach diese subversive Scheiße, die ich als Mann sagen könnte, ohne dass irgendwer mich sexbesessen nennen würde.“ Gedankenexperimente für den Tanzboden also. Mit dem Zotigen und Anstößigen als Medium für den Reclaim des eigenen, weiblichen Körpers und seiner Gelüste schlittert Shygirl auf einem Terrain, das im US-HipHop auch Megan Thee Stallion sehr gut kennt. Shygirl denkt klanglich allerdings eher von europäischen Clubsounds her und vom Londoner Grime, dessen Slang sie auch verwendet, etwa „leng“ für „mega attraktiv“. Auf ihrer im November erschienenen neuen EP „Alias“ schlüpfte sie hyperempathisch in verschiedene Rollen. 2021 dürfte noch mehr anstehen. Shygirl ist Gaga: The Next Generation. Stefan Hochgesand

Woher: London
Klingt wie: Grimes, Megan Thee Stallion, Peaches, Sophie
Anspieltipp: „Freak”
Neue Musik: im November ist die EP „Alias“ erschienen, ein neues Musikvideo zu „Tasty“ kam im Januar
Live (wenn alles gut geht): Europa-Tour im Mai und Juni (Berlin: 11.6.)

Der Stehaufpoet: Mustafa

Musik, die wir 2021 dringend brauchen: In den HipHop-Folksongs von Mustafa geht’s ums Wiederaufstehen, trotz allem.

War Mustafa ein Wunderkind? Oder ein Kind seiner Wunden? Regent Park heißt die Neighbourhood, in der Mustafa Ahmed,
Jahrgang 1996, im kanadischen Toronto aufwuchs. Was wie ein schickes Viertel klingt, ist eine der ältesten Sozialbausiedlungen
Kanadas, geprägt von karibischen Einwander*innen – weshalb Mustafas muslimische Familie aus dem Sudan abermals zu den
Underdogs gehörte. Während der Papa als Sozialarbeiter schuftet und die Mama sudanesische Traditionals in der Küche singt,
wird Mustafa verhaltensauffällig: Sein bester Freund ist das Synonymwörterbuch. Denn Mustafa schreibt Gedichte. Und zwar
so gute, dass die Lehrer*innen zweifeln: Sind die echt von diesem 12-Jährigen? Also schreibt Mustafa vor den Augen aller ein neues Gedicht darüber, wie das Fernsehen unsere Vorstellung von Schönheit korrumpiert. Beweis geliefert.

Und aus Mustafa wird Mustafa the Poet, das Wunderkind, das bei Poetry Slams abräumt. Doch im Laufe der Jahre beginnt er zu zweifeln: Sind Gedichtwettbewerbe, bei denen er mit einem Text über einen erschossenen Kumpel Punkte ergattert, nicht pervers? Im Kopf von Mustafa, Teil der islamischen Hip-Hop-Crew Halal Gang, beginnen sich die Grenzen von HipHop
und Folk aufzulösen: Stammt die Zeile von Nas oder von Sufjan Stevens? Egal, Hauptsache wahrhaftig! Bei Mustafa geht’s nicht
um Nutten und Mäuse, sondern um Verlust und das Wiederaufstehen, trotz allem. Und wie man hört, gibt es auf dem Debütalbum, an dem Mustafa gerade arbeitet, Beiträge von Jamie xx und James Blake. Drake und The Weeknd zählen auch schon zu seinen Fans. So kann’s laufen. Stefan Hochgesand

Woher: Toronto, Kanada
Klingt wie: The Weeknd, Drake, Sampha, Moses Sumney
Anspieltipps: „Stay Alive“, „Air Forces”
Neue Musik: das Debütalbum erscheint am 12.3. und heißt WHEN SMOKE RISES

Was wurde eigentlich aus…

…den Newcomern, die wir 2020 vorgestellt haben? Wie lief das Jahr für sie? Hatten sie Erfolg?

Okay Kaya

Nach ihrer LP war eigentlich eine große Tour durch Europa und Nordamerika geplant. Stattdessen schrieb sie in der Heimquarantäne gleich ein neues Album/Mixtape: mit Lo-Fi-Vibes und dem tröstlichen Titel SURVIVING IS THE NEW LIVING. Kam im August (leider fast unbemerkt) via Jagjaguwar.

Spotify-Faktor: 1,6 Mio. Streams für „Ascend And Try Again“
Höhepunkt: So scheiße kann 2020 nicht gewesen sein, wenn es zu dieser anspielungsreichen Zeile inspiriert: „I wanna feel like Bill Withers did / When he rhymed intuition with wishing“.
ME-Sternefaktor: 4,5 von 5 Sternen

Porridge Radio

EVERY BAD war mit seinen rohen, hitzigen Songs 2020 eines dieser Alben, auf das sich alle Indie-Rock-Fans (und viele andere) einigen konnten. Dafür gab’s einen festen Platz in den Jahresbestenlisten (ME Platz 12) und sogar eine Nominierung für den Mercury Prize.

Spotify-Faktor: knapp über 1 Mio. Streams für „Sweet“
Höhepunkt: Coverten in einer Londoner Kirche Leonard Cohen („Who By Fire“) ohne daran zu scheitern – im Gegenteil. Googlen lohnt sich.
ME-Sternefaktor: 4,5 von 5 Sternen

Celeste

Erst überall als Newcomer des Jahres gefeiert. Musste dann das geplante Debütalbum Corona-bedingt auf 2021 verschieben. Stattdessen Profilschärfung mit einer Handvoll smoothen Soul-Pop-Singles.

Spotify-Faktor: 26 Mio. Streams für „Stop This Flame“
Höhepunkt: Ihre Gänsehaut-Performance bei den Brit Awards im Februar: nur sie, ein Lichtkegel und diese unfassbare Stimme.

Black Country, New Road

Die Ruhe vor dem Sturm – nach zwei heiß begehrten Singles 2019 ließen die Südlondoner uns das ganze lange Jahr auf ein Debütalbum warten. Das kommt jetzt! Und ist großartig.

Spotify-Faktor: 180 000 Streams für „Science Fair“
Höhepunkt: Vor dem Lockdown gab’s noch eine UK-Tour in rammelvollen, brennenden Clubs, die den Buzz das ganze Jahr am Laufen hielt.
ME-Sternefaktor: 5 von 5 Sternen

Girl in Red

Während die Fanbase weiter wuchs, werkelte die Norwegerin am Debütalbum. Und veröffentlichte fleißig weiter: Singles, Videos, Instagram-Botschaften. Zuletzt erschien eine kuschelige Weihnachtssingle über lesbische Liebe: „Two Queens In A King-Sized Bed“.

Spotify-Faktor: 21 Mio. Streams für „Midnight Love“
Höhepunkt: Die Single „Rue“ schlägt mit ihrem dunkleren, poppigen Sound eine interessante Richtung ein. Dazu gibt‘s ein tolles Video nachts in einem spukhaft erleuchteten Nadelwald.

Dieser Texte erschienen zuerst im Musikexpress 02/2021.


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