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Popkolumne, Folge 33

Billie Eilish vs. „Nylon“, Daniel Johnstons Tod: Die Popwoche im Überblick

Manchmal sorgen Algorithmen für seltsam-magische Momente. Für meinen nächtlichen Nachhauseweg wählte mir die Zufallswiedergabe vorgestern einen der zugleich hoffnungsvollsten und tieftraurigsten Songs aus, den ich kenne: „Life In Vain” von Daniel Johnston, eines dieser Stücke, das mich verlässlich tief berührt, egal, wie schnöde die Situation ist, in der es mich abholt. Ewig nicht gehört, ewig schön. Als ich Mitwochabend durch den Nachrichtenfeed scrollte, den Song noch immer im Ohr, realisierte ich, dass Johnston tot ist: verstorben mit 58 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Mach’s gut, alter Freund. Du wirst fehlen. Das ganz spezielle Gefühl von Unschuld, Hoffnung und Verzweiflung, das in deinen Songs entsteht, wird bleiben.

Debatte der Woche: Billie Eilish und „Nylon“

Billie Eilish ist überall. Gerade noch tritt sie auf dem Lollapalooza Berlin auf, turnt mit Engelsflügeln durchs Video zu ihrem Song „All the good girls go to hell” und ruft zum Klimastreik am 20. September auf. Billie Eilish ist ein Teenstar, wie man ihn noch nicht erlebt hat. Und immer wieder fällt auf: So richtig scheint die Welt noch nicht bereit zu sein für einen sehr jungen Popstar, der sich und seinen Körper auf Eilishs Art und Weise präsentiert, der sich nicht sexualisieren (lassen) möchte.

Erst vor einigen Monaten fühlten sich ein paar Twitteruser mit Triebstau genötigt, Eilishs Oberweite zu kommentieren, als ein Foto von ihr im Tanktop im Netz auftauchte. Kürzlich leistete sich, zumindest aus Sicht der Künstlerin, auch noch das deutsche Lifestyle- und Kulturmagazin „Nylon“ einen Fauxpas: In seiner jüngsten Ausgabe wollte die Redaktion Eilish als eine Künstlerin würdigen, die aktuell die digitale Kunst prägt – und zeigte sie auf dem Cover in einer fast bis zur Unkenntlichkeit gephotoshoppten Variante ihrer selbst, als glatzköpfiger robotergleicher Avatar mit nackten Schultern.

Eilish reagierte stinksauer, zeigte sich fassungslos darüber, eine 17-Jährige unbekleidet und ohne Haare zu zeigen, und beklagte, in den kreativen Prozess nicht eingebunden gewesen zu sein oder ihr Ja zu der Covergestaltung gegeben zu haben. „Nylon“ reagierte mit einem beschwichtigenden Statement, ein gleichnamiges US-Magazin distanzierte sich – und Eilishs Fans wüteten gegen die Redaktion. Case closed: Da war jemand offenbar mächtig übergriffig einer jungen Künstlerin gegenüber. So richtig kann ich nicht aufhören, über den Fall nachzudenken.

Sicher: Die Gründe für Billie Eilishs Wut sind offensichtlich. Wenn es zwei Charakteristika gibt, die den Look der 17-Jährigen definieren, sind es ihre langen, mal schwarz, blond, und mal neongrün gefärbten Haare – und ihre konsequent bunten, müllsackweiten Baggy-Klamotten. Eilish hatte in der Vergangenheit erklärt, dass sie diese Uniform unter anderem gewählt hat, weil sie ihre Musik zentrieren will und nicht möchte, dass ihr Körper in der Öffentlichkeit diskutiert und bewertet wird.

Diese selbstgewählte Inszenierung zu opfern, um sie als Avatar ohne Kleidung darzustellen, fühlt sich mit Sicherheit seltsam für die Künstlerin an, vielleicht sogar verstörend. Zumal sie offen darüber spricht, dass sie in der Vergangenheit unter Dysmorphophobie gelitten hat, also ein von Wahrnehmungsstörungen geprägtes Verhältnis zu ihrem Körper hatte. Solche Aspekte sollten Redaktionen (oder Künstler) mitbedenken, wenn sie Werke wie das „Nylon“-Cover gestalten. Und doch stellt sich die Frage, ob ein kreativer Umgang mit Künstlern – oder vielmehr: deren Bühnenfiguren – tatsächlich so verwerflich ist, wie Eilish und viele ihrer Fans es hier darstellen. Billie Eilish mag ein Popstar sein, der in großem Maße als „authentisch” gilt, als Antithese zu den als Plastikstars verschrienen Teen-Idolen der 90er und Nullerjahre.

Trotzdem ist ihre Bühnenpersona Billie Eilish eine Kunstfigur, die immer auch Deutungen unterliegt, die um- und weitergedacht werden kann – auch ohne ihre Einwilligung. Eilishs Wunsch, ihre öffentliche Rezeption komplett kontrollieren zu können, ist nachvollziehbar, aber utopisch. Immerhin lebt Popkultur auch von Zitaten und Hommagen – wie gelungen diese sind, steht natürlich immer zur Debatte. Logisch: Kunstschaffende gegen ihren Willen zu sexualisieren oder in anderweitig respektloser Weise darzustellen, ist ein No-Go. Allerdings darf man durchaus darüber diskutieren, ob man die stark verfremdete Abbildung einer Künstlerin als transhumanes Wesen mit nackten Schultern – das schließlich auch geschlechtslos sein könnte – bereits als üble Pornofizierung sehen muss. Und wie die Kunstgeschichte aussähe, wenn alle künstlerischen Darstellungen vom Motivgeber autorisiert werden müssten.

Video der Woche: Kim Gordons „Air BnB“

Nicht, dass man jemals ernsthaft Angst gehabt hätte, ihre Post-Sonic-Youth-Karriere könnte Kim Gordon auf Abwege führen. Immerhin hat sich Gordon immer eher als Bildende Künstlerin, weniger als Musikerin oder gar Rockstar verstanden – musikalische Alleingänge auf Biegen und Brechen hatte sie also nicht nötig, ebenso wenig wie Best-of-Boxen und würdelose Touren, auf denen sie vor allem ihr eigenes Erbe verwaltet. Kurzum: Klar, dass von Kim Gordon kein peinliches Spätwerk zu erwarten war. Aber man fragte sich – vor allem angesichts der eher routinierten Soundexperimente mit ihrem Duo-Projekt Body/Head – dann doch, wie relevant ihr Schaffen immer noch ist. Das Video zu „AirBnB”, der zweiten Singleauskopplung aus ihrem Album NO HOME RECORD, zeigt vor allem eines: Gordon mag diejenige gewesen sein, die über die künstlerische Integrität von Sonic Youth wachte, die lieber zu viel Sperrig- als Gefälligkeit einforderte – aber sie ist eben auch eine Künstlerin mit feinem Sinn für Humor.

Der Clip zeigt nichts als weiße Schrift auf schwarzem Grund. Wir erfahren, dass das Video (angeblich) in einem schicken AirBnB in den Hollywood Hills gedreht wurde, aber dass leider kein Geld für die Produktion übrig war; dass das Appartement ganz in Schwarz und Weiß gehalten ist, inklusive Hündchen, und dass sie im Bild zu sehen sei, wie sie in Top und Leder-Cape mit ihrer Gitarre über den Boden kriecht. Das Tolle an dieser Assoziationsreise: Wir können uns nicht nur genau vorstellen, wie die stereotype Rockstar-Inszenierung im instagramtauglichen Luxusloft ausschaut – wir müssen uns auch eingestehen, wie gut uns dressierten Äffchen der ganze Unsinn vermutlich gefallen würde.

Verhasster Klassiker: TEN von Pearl Jam, den Schwiegermutterlieblingen des Grunge

Nachdem Kollege Volkmann in der vorherigen Popkolumne meine Rubrik „Verkannte Kunst” gekapert und ein Plädoyer für Kelly Osbourne gehalten hat, gibt es von mir nun endlich auch mal hier: HASS. Und zwar für eine Band, gegen die man eigentlich nichts haben kann, eigentlich nichts haben darf, weil sie wirkt, als könnte man alle ihre Mitglieder zu jeder Tages- und Nachtzeit wecken, um nach einem Bier oder einem Achtkantschlüssel zu fragen; weil sie nicht nur eine „spitzenmäßige Live-Combo” (Melodie & Rhythmus) ist, sondern auch „große Gefühle und harte Riffs verbindet” (Apotheken-Umschau): Pearl Jam, die Schwiegermutterlieblinge des Grunge. Die Pathosflegel, die immer ein bisschen aussehen wie die Jungs in der Schule, die zurückgelehnt und mit verschränkten Armen mit dem Ethiklehrer diskutiert haben, und mit Melodien, die so groß, mächtig und bedeutungsschwer auf einen zurollen, dass man sich unter ihnen wegducken will, um sich heimlich mit den Schmuddelkindern in die Raucherecke zu verziehen. Ich habe als Teenager ungefähr sechs Wochen lang versucht, ihr „Magnum Opus” (Bild der Frau) TEN zu mögen, den albernen Feuerzeuge-Raus-Refrain von „Alive” erhebend zu finden; von Eddie Vedders Versuch, im Opener „Once” Worte wie schmauchende Fetzen klingen zu lassen, ebenso mitgerissen zu werden wie von Kurt Cobains Keifen – aber es hörte sich nur an wie Brunftschreie aus einem ungelüfteten Jugendzimmer. Irgendwer hat mal geschrieben, Pearl Jam seien eine Band wie ein großer Bruder. Ich wollte immer Einzelkind sein.

Julia Lorenz schreibt für den Musikexpress sowie für Medien wie taz, Zeit, Zitty und tip Berlin über Musik und alles, was anfällt. Im Wechsel mit Linus Volkmann schaut sie in unserer Popkolumne auf die vergangenen Tage zurück.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

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