Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 32

Mit Trettmann, gegen GZUZ & die AfD, für Ilgen-Nur: Volkmanns Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 35/2019

Kennt Ihr das? Man guckt solange auf YouTube alte Werbeblöcke aus seiner Kindheit, bis man verrückt wird? Hey, mir haargenau so passiert. Ausagiert habe ich die Eindrücke nun in einer eigenen Retro-Koch-Session. Also Dinge zubereitet, die es von damals noch gibt und die irgendwie im Sortiment der Supermärkte überlebt haben. Nicht geplanter Schwerpunkt dabei: Doktor Oetker. Es gab nämlich Paradies Creme, Quarkfein und Götterspeise. Davor eine Fünf-Minuten-Terrine. Urteil: Die süßen Sachen allesamt geil – wenn nicht noch mehr (siehe Foto). Die Terrine: Davon bekommt man ja schon beim Einnehmen Skorbut. R.i.P. an alle, die sich davon seit den Achtzigern ernähren.

DEBATTE DER WOCHE: Trettmanns „Stolpersteine“

Große Platten werfen ihre Schatten, naja, will nicht schon wieder was ins Musikjourno-Phrasenschwein schmeißen… Ich meine halt einfach sowas wie: Dank des genauso schleichend- wie nachhaltigen Erfolgs des Albums „#DIY“ hat 2019 wirklich jeder Trettmann auf dem Zettel. Damit büßt er allerdings auch die sympathische Joker-Rolle ein. Es häufen sich die Diskussionen, warum Trettmann denn mit GZUZ von 187 Straßenbande zusammenarbeite. Die Mutter der Kinder von GZUZ hat jenem zuletzt via Instagram schwere Vorwürfe gemacht. Es ging um häusliche Gewalt, sie veröffentlichte ebenfalls ungute Chat-Nachrichten ihres Mannes. Und Trettmann (zärtlich: Tretti), der neue everbody’s darling, rehabilitiert diesen mutmaßlichen Frauenschläger durch coole Features? Soll man jetzt auch von Trettmann ablassen?

Nun, sicher ist, dass man im September an dem Thema kaum vorbeikommen wird. Der Song „Stolpersteine“, ein Vorbote aus dem neuen selbstbetitelten Album TRETTMANN, macht es einem jedenfalls nicht leichter. Trettmann verknüpft darin deutsche Biographien aus der Nazi-Zeit mit dem Raver von heute, der gerade von der After Hour heimkommt. Die Verbindung zwischen beiden Ebenen: Stolpersteine. Was für eine starke Erzählung.

Also Trettmann, enttäusch‘ uns nicht, wenn es um die GZUZ-Sache geht…

DEBATTE DER NÄCHSTEN WOCHE: Sachsen hat gewählt!

Alle Comedy-Plattformen reiben sich schon die Meme-Generatoren: Die Sachsen mal wieder! Aber auch alle anderen im eigenen Social-Media-Laden werden einem das kommende Wochenende zur AfD-Hölle machen. Ja, auch mich beunruhigt dieser Rechtsruck, der via Sachsen wahrscheinlich in neue Höchstwerte gegossen wird. Aber kleiner Anstoß vorab: Verlagert Eure Empörung darüber doch in die reale Welt, spendet für Flüchtlingsinitiativen oder backt Kuchen für die örtliche Antifa. Das routinierte Entsetzen und Poltern in dem safe space der eigenen Blase stellt jedenfalls bloß die eigene Katharsis aus. Und die ist faul und folgenlos. Also spart es Euch einfach und überlasst am Wochenende den unvermeidlichen Posting-Aktivismus zur Causa AfD anderen. Es werden auch dann immer noch mehr Sofa-Bekenntnisse als genug zusammenkommen.

ALBUM DER WOCHE: Ilgen-Nurs „Power Nap“

Freundinnen und Freunde von Gitarrenmusik, wir haben es nicht leicht in dem aktuellen Kapitel des Pop-Almanachs, oder? Trotzdem schwänze ich die Selbsthilfegruppen, gehe viel lieber zu Ilgen-Nur. Auf deren Debüt drehen sich die Uhren rückwärts, krachiger Dark-Shoegaze, der viel Hall auf die Verzerrer legt und dazu ruft dich diese spannungsgeladene Stimme von irgendwo zwischen Wachsein und Gruft. Love it!

Das Video zu „Easy Way Out“ wartet übrigens mit Referenz auf den Clip von Radioheads „Karma Police“ auf. Dort werden ja auch im Dunkeln und in mystischer Stimmung Passanten auf nächtlichen Highways umgenietet.

FILM DER WOCHE: „Und dann kam Polly“

Ok, will auch nicht bei jedem Punkt so viel labern. An dieser Stelle hier einfach nur das: „Und dann kam Polly“ ist garantiert eine der besten RomComs auf Netflix ever. Ben Stiller als reizdarmgeplagter Versicherungs-Profi wird in den Flitterwochen betrogen, verliebt sich in die unstete Jennifer Aniston, die gewalttätige Kinderbücher zeichnet. Eine liebevolle (wir Filmjournalisten sagen gern: hinreißende) Komödie, die vor allem auch in den Nebenrollen brilliert. Allen voran Alec Baldwin und der 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffman. Guckt’s heute, dankt mir später.

MEME DER WOCHE: Ein Klassiker

VERKANNTE KUNST: Kelly Osbourne

Kelly Osbourne
„Sleeping In The Nothing“
(VÖ 07.06.2005)

An dieser Stelle findet sich gemeinhin die verhaltensauffällige Hate-Kolumne „Verhasster Klassiker“. Doch wie sang uns schon einst Dirk von Lowtzow? „Man findet ja nicht immer etwas, was einem gerad‘ nicht passt“. Wie recht der Gandalf der Hamburger Schule damit hat.

Außerdem will doch auch ich mal lieben dürfen! Daher leihe ich mir heute die Rubrik meiner Kolumnen-Kollegin Julia Lorenz, die nämlich feiert am Schluss regelmäßig Acts, die sonst bloß als Trash gelten. Ein wahrlich perfekter Ort, um darauf hinzuweisen, dass Kelly Osbourne im Rahmen ihres TV-Ruhms rund um die MTV Reality-Show „The Osbournes“ sehr gute Musik gemacht hat.

Ja, ich meine damit auch die Pop-Punk-Singles „Papa Don’t Preach“ und vor allem „Shut Up“, aber 2005 erschien das Album „Sleeping In The Nothing“ – es erzeugte wegen des bereits abebbenden TV-Ruhms leider überhaupt keinen Nachhall. Wie schade das ist! Als Produzentin und Songwriterin fungierte Linda Perry, die hinter den Kulissen für so manchen Chart-Hit Sorge trug und den Älteren noch als Sängerin der 4 Non Blondes sogar bildlich vor Augen sein dürfte. „Sleeping In The Nothing“ ist dunkler Synth-Pop, wahnsinnig eingängig, wahnsinnig stimmungsvoll. Den Grad, wie dieses Meisterwerk unterschätzt wird, obszön zu nennen, kratzt nur an der Oberfläche. Kelly, I feel you!

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

Linus Volkmann

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