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Darum solltet Ihr Sufjan Stevens spätestens jetzt lieben lernen

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20 Jahre nach seinem Debüt veröffentlicht Sufjan Stevens am 25. September sein zehntes Studioalbum THE ASCENSION. Im Rahmen dieser Neuerscheinung haben wir sein musikalisches Schaffen genauer unter die Lupe genommen. Hier kommen fünf Gründe, weshalb ihr Euch von Sufjans Songs verzaubern lassen solltet – falls Ihr das nicht längst getan habt.

1. Seine Musik ist ein Mysterium

Der 1975 in Detroit geborene Multi-Instrumentalist, Songwriter und Komponist lässt sich musikalisch nicht so leicht einordnen. Grob anzusiedeln zwischen Folk, Indie, Alternative Pop und Electronica spielt er mit den Genres und erschafft mit seinen Texten ganz eigene Welten. Wovon diese eigentlich handeln, ist dabei manchmal schwer zu sagen. Dadurch, dass Stevens nur wenig über sein Privatleben verrät, liegt es beim Rezipienten, die Songinhalte für sich selbst zu interpretieren. So wird der Musik unabhängig ihres ursprünglichen Zwecks eine subjektive Bedeutung verliehen. Individuelle Erfahrungen, Erinnerungen und Begegnungen können mit den Symbolen und Pronomen verknüpft werden, die Stevens in seinen Songs (an wen oder was auch immer adressiert) benutzt. Singt er von Gott, einem Geliebten oder seiner verstorbenen Mutter? Der mehrdeutige Ausdruck seiner Überzeugungen, gemixt mit unzähligen geografischen und spirituellen Referenzen, lässt massig Raum für Spekulation und Interpretation.


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2. Er geht den Dingen auf den Grund

Sufjan Stevens‘ intensive Beschäftigung mit den Themen seiner Texte zeigt sich insbesondere darin, dass seine Alben häufig konzeptionell angelegt sind: Das 2001er-Album ENJOY YOUR RABBIT handelt die Tiere des chinesischen Horoskops ab, PLANETARIUM (2017) unser Sonnensystem, CARRIE & LOWELL (2015) seine verstorbene Mutter Carrie, die ihn und seinen Vater verließ, als er gerade mal ein Jahr alt war. Ganz besonders kommt der Ansatz allerdings in seinem „50 State Project“ zu fassen. Mit der Behauptung, er habe ein Album für jedes der 50 Bundesstaaten geplant, veröffentlichte Stevens die Platten MICHIGAN (2003) und COME ON FEEL THE ILLINOISE (2005), die Land und Leute genau betrachtete. Vor allem für sein Illinois-Album reiste er mehrfach zu verschiedenen Locations, las lokale Literatur und Geschichtsbücher und befasste sich mit Immigrationsdokumenten. Daraus entstand eine Sammlung von Instrumentals („To The Workers of The Rock River Valley Region, I have an idea concerning your predicament, and…“), verträumten, inhaltlich brutalen („John Wayne Gacy, Jr.“) und manchmal auch maximalistischen Indie-Tracks („Chicago“). Sein Statement zu der Anzahl der geplanten Alben stellte sich dann jedoch als Marketing-Gag heraus. Schade eigentlich, die faszinierenden und vielschichtigen Alben zu den beiden Bundesstaaten ließen auf mehr Einblick in die amerikanische Seele hoffen.


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3. Stevens besinnt sich auf das Wesentliche, ohne vor Experimenten zurückzuscheuen

Während andere Künstler*innen immer künstlicher und Produktionen immer lauter und stilisierter werden, besinnt sich Sufjan Stevens auf das Wesentliche zurück. Seine Songs wirken zerbrechlich und intim, was neben den aufgegriffenen Themen vor allem an der musikalischen Aufbereitung liegt. Sie glänzen durch dezente Störgeräusche und Verschleppungen, simple Instrumentalisierung und liebevolles Storytelling, das ab und zu sogar den Chorus verschluckt. Dazu kommt der Mut zur Überraschung: Wenn man einen Blick auf seine Diskografie wirft, zeigt sich, dass Stevens durchaus nicht vor Experimenten zurückscheut. So kommt das 2010er-Album AGE OF ADZ mit elektronischen Beats daher, APORIA (2020) mit New-Age-Sound und die neue Single „Video Game“ mit poppigen 80s-Synth. Damit richtet er sich zwar nicht immer nach den aktuellen Musiktrends, macht aber eben genau das, worauf er gerade Lust hat. Anstatt sich zwanghaft immer wieder neu zu erfinden, erkundet Stevens die verschiedenen Facetten seiner Songwriter-DNA. Und gerade dadurch, dass er so intuitiv gegen den Mainstream arbeitet, gehört er zu den relevantesten Künstler*innen unserer Zeit.


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4. Er lässt die Menschen ihre Traurigkeit annehmen

Anstatt Zuhörer*innen von unterschiedlichen Überzeugungen zu entzweien, appelliert seine Musik an einen allumfassenden, gemeinsamen Nenner: die menschliche Erfahrung. Durchzogen von Metaphern und explizierter Analyse von Leben und Tod besitzen seine Texte häufig eine einzigartige, fast existenzialistische Verletzlichkeit. Mal zärteln sie („All Of Me Wants All of You“), mal erzählen sie von Trauer und Zweifel („Death With Dignity“), oft berichten sie von autobiografischen Beziehungen beziehungsweise dem, was davon noch übrig bleibt („Should Have Known Better“). Und obwohl sich Stevens dabei ganz seinem Kummer hingibt, vermitteln die Songs auf gewisse Weise Sicher- und Geborgenheit. Man fühlt sich in seinen negativen Gefühlen bestätigt und weiß zugleich, dass es weitergeht – eine musikalische Katharsis sozusagen.


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5. Dieser Musiker steht zu seinem Glauben – ohne fundamentalistisch zu sein

Sufjan Stevens‘ Musik beschäftigt sich ausgiebig mit seinem eigenen Glauben, bedient sich an der Symbolik des Christentums, rückt Gott und Religion in einen komplexen, modernen Kontext. Und obwohl er sich explizit von christlicher Genremusik distanziert, ist Spiritualität in seinen Texten allgegenwärtig. Während das 2007er-Album SEVEN SWANS sogar ganz konkrete Bibel-Geschichten („Abraham“) zitiert, zeigt sich der Großteil seiner Werke eher subtil religiös: Tauben in „America“ oder „Fourth of July“, apokalyptische Szenarien („The Seer’s Tower“), eine namenlose Jesusfigur („All the Trees of the Field Will Clap Their Hands“). Alle diese Motive kommen allerdings nicht ohne Diskurs daher. Anstatt seinen Glauben zu idealisieren, zeigt sich Stevens durchaus kritisch. Er scheut nicht davor zurück zweifelnde Fragen zu stellen, seinem Unmut Luft zu machen oder die Widersprüchlichkeit des göttlichen Willens und Werkens anzuprangern. In „Casimir Pulaski Day“ singt er: „Tuesday night at the Bible study; We lift our hands and pray over your body; But nothing ever happens.“ So wirft die Religion letztendlich mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Das macht ihn aber auch zu einem Kind unserer Zeit. Kritisch und auf der Suche nach Antworten, manchmal traurig, hadernd mit dem, was ist, aber letztendlich kraftvoll und voller Hoffnung auf bessere Zeiten.


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Zuletzt veröffentlichte der Singer-Songwriter zusammen mit seinem Stiefvater Lowell Brams das New-Age-Album APORIA (2020). Brams und Stevens musizieren bereits seit Jahrzehnten zusammen und gründeten 1999 mit Asthmatic Kitty Records sogar ein gemeinsames Plattenlabel. APORIA entstand im Laufe der Jahre aus verschiedenen Jam-Sessions heraus, wie die beiden Musiker in einer offiziellen Pressemitteilung erklärten.

Sufjan Stevens‘ noch aktuelles Solowerk trägt den Titel CARRIE & LOWELL (2015) und ist ein Tribut an seine verstorbene Mutter, die er eigenen Angaben zufolge auf diesem Album durch die Linse ihrer Ehe zu Brams betrachtet. 2019 erschien außerdem Stevens‘ Ballett-Partitur zu dem 2017 im New Yorker Balletttheater uraufgeführten „The Decalogue“.

Stevens‘ zehntes Studioalbum, THE ASCENSION, erscheint am 25. September 2020 via Asthmatic Kitty Records. Er selbst beschreibt die neue Platte als „einen Ruf nach persönlicher Transformation und der Verweigerung, sich dem System um uns herum zu unterwerfen und einfach mitzuspielen.“ Mit „Sugar“ gibt es nun auch eine neue Single aus dem Werk zu hören.


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THE ASCENSION-Tracklist:

  1. Make Me An Offer I Cannot Refuse
  2. Run Away With Me
  3. Video Game
  4. Lamentations
  5. Tell Me You Love Me
  6. Die Happy
  7. Ativan
  8. Ursa Major
  9. Landslide 
  10. Gilgamesh
  11. Death Star
  12. Goodbye To All That
  13. Sugar
  14. The Ascension
  15. America


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