Die Bosse des K-Pop (3): Lee Soo-man und SM Entertainment

Wer sich längere Zeit mit dem K-Pop-Geschäft befasst, merkt schnell, dass es eher dem Profisport gleicht als dem Label-Geschäft, das wir aus Europa und Amerika kennen. Im Grunde sind es seit Jahren vier große Produktionsfirmen und ihre Ableger, die Koreas Popmaschinerie dominieren. Deren Aufgaben gehen weit über das Label-Business hinaus. Sie casten die Bands, bilden ihre „Idols“ schon ab dem Teenager-Alter aus, designen Bandkonzepte und Images, kooperieren mit TV-Sendern, liefern Musikjournalismus-ähnlichen Fan-Content, haben manchmal eigene Shops und Videoplattformen und sind aktiv dabei, Entertainment auch von technischer Seite in die Zukunft zu denken. Alle vier dieser Produktionsfirmen werden von Männern geführt, die seit Jahren im K-Pop-Game aktiv sind: als Idols, Produzenten, Songwriter, Manager und Geschäftsleute. Diese wollen wir euch in der Artikelreihe „Die Bosse des K-Pop“ nach und nach vorstellen (hier gibt es die erste und hier die zweite Folge).

Eine Schlüsselfigur der „Korean Wave“

Heute soll es um die 1989 gegründete Firma SM Entertainment gehen – eine der sogenannten „Big Three“ des K-Pop – und dessen Gründer Lee Soo-man. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren der „Korean Wave“ der 80er-Jahre, die den Grundstein dafür legte, dass Popmusik einer der erfolgreichsten Kulturexporte Südkoreas wurde. Lee Soo-man, der 1952 geboren wurde, ist zwar streng genommen schon seit 2010 nicht mehr geschäftsführend bei SM Entertainment, aber er prägt die wichtigen Bereiche, bringt sich im Artist Development ein, verantwortet das internationale Geschäft und erschließt neue Konzepte an der Schnittstelle zwischen Technik und Entertainment. Es wundert also nicht, dass er auf dieser Website in einem Artikel zu Wort kam, der um die Frage kreist, ob es die Band Aespa aus seinem Hause irgendwann als Roboter gibt und in einem Artikel, der das Konzept NCT Hollywood vorstellte – eine Kooperation mit HBO, bei der man eine amerikanische K-Pop-Band casten will.

Aber Lee Soo-man spielt auch immer wieder gerne den etwas onkeligen Ziehvater seiner Acts. Zum Beispiel kürzlich bei NCT 127, die gerade ihr aktuelles Album „Sticker“ promoten.

@official_nctNCT 127을 조종하는 백마법사 🧙‍♂️🪄When NCT 127 needs to stick together, who do you call? 👏🙏#NCT127 #Sticker #NCT127_Sticker♬ 오리지널 사운드 – NCT Official

 Vom Sänger zum Musikmanager

Wie viele spätere Big Player im K-Pop startete Lee Soo-man seine Karriere auf Seiten der Musiker. Sein Debüt als Sänger gab er 1971, als er noch in Seoul studierte. Sein größter Hit „행복 (Happiness)“ war noch eine klassische Erbauungsballade zwischen Schlager und Pop, wie sie zu der Zeit in Korea bevorzugt wurde. Hier sieht man ihn bei einem TV-Auftritt im Jahr 1993.

1993 hatte er SM schon gegründet. Doch bevor es dazu kam, verließ Lee in den 80ern das Land, weil er die Zensurbestrebungen der damaligen Regierung von Chun Doo-hwan nicht länger ertragen wollte. Damals ließ Lee Soo-man gleich die komplette Entertainment-Industrie hinter sich, zog nach Amerika und studierte in Los Angeles technische Informatik. Hier erlebte er aus nächster Nähe, wie die Pop-Welt dank MTV & Co. in eine neue Ära katapultiert wurde. Vor allem die unmittelbare Verbindung von TV und Musik und der Aufstieg internationaler Superstars wie Michael Jackson inspirierten den ebenso Musik- wie Technik-affinen Lee.

Die MTV-Revolution im Gepäck

Als er 1985 nach Seoul zurückkehrte, hatte er seine ganz eigene Vision für die südkoreanische Popmusik. Lee Soo-man trat allerdings nicht mehr in erster Linie als Sänger in Erscheinung, sondern als TV-Host und DJ. In dieser Zeit sammelte er das Geld, mit dem er 1989 SM Studio gründete, das dann später zu SM Entertainment wurde.

Der erste Künstler, mit dem Lee durchstarten wollte, war Hyun Jin-young. Was nur leidlich funktionierte und von Lee Soo-man selbst als Misserfolg bezeichnet wurde. Hyun Jin-young war groß und gut aussehend, ein etablierter Tänzer, der auch recht passabel singen und später rappen konnte. War das Debütalbum noch ein Flop, nahm Lee Soo-man dann auf das zweite Album massiven Einfluss in Sachen Musik und Image. Er kleidete Hyun in Baggy-Hosen und erhöhte den HipHop-Anteil in der Musik. Leider fiel der Release in die Zeit des Hypes um Seo Taiji and Boys, die als musikalische Urväter des Genres gelten. Trotzdem feierte es passable Erfolge.

Die Geburt des „Idol Systems“

Kurz nach Album Nummer drei passierte dann etwas, das bis heute großen Einfluss auf das K-Pop-System hat. Hyun Jin-young verstrickte sich in einen Drogenskandal und musste eine Haftstrafe wegen des Konsums und Besitzes von Marihuana antreten. Seine Karriere war am Ende – da die Öffentlichkeit und auch seine Fans hart mit ihm ins Gericht gingen. Lee Soo-man, der viel Geld dabei verlor, lernte seine Lektion. Und erfand das bis heute bewunderte wie gefürchtete In-House-System, mit dem er versuchen wollte, nicht nur die musikalischen und technischen Fähigkeiten seiner Idols zu formen, sondern auch Charakter und Persönlichkeit zu schulen. Dass das nicht immer funktioniert, greifen wir später im Text auf. Das Firmengebäude in Seoul wurde somit zur Kaderschmiede für den perfekten Popstar – und wurde nicht nur zur Arbeitsstelle von Idols, Produzenten, Textern und Songwriterin, sondern ebenso für Choreographen, Designern, Gesangs- und Schauspiel-Coaches, Managern, Image-Beratern und einer großen Marketing-Abteilung.

Dieses System wurde von nahezu allen großen Produktionsfirmen übernommen und brachte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einige der erfolgreichsten K-Pop-Acts hervor. Super Junior zum Beispiel oder die überaus erfolgreiche Girlgroup Girls’ Generation.

Bandkonzepte und „Culture Technology“

Nach ebenfalls sehr empfehlenswerten Acts wie Red Velvet und Shinee ging 2016 das NCT-Bandkonzept an den Start. „NCT“ steht für „Neo Culture Technology“ und ist eine recht mannstarke Boygroup, die in allerlei Sub-Units aufgeteilt werden kann, die Namen tragen wie NCT U, NCT 127, WayV oder NCT Dream. Im letzten Jahr brachte SM die komplette Band für ein Mash-up namens „Resonance“ zusammen, das recht deutlich zeigt, wie groß diese Truppe werden kann.

In den letzten Jahren zeigte sich, dass Lee Soo-man vor allem daran arbeitet, K-Pop in Sachen Technik – er nennt eben das „Culture Technology“ – und internationalem Erfolg voranzubringen. Eine Strategie, die er schon in diesem Vortrag an der Stanford Universität im Jahr 2011 ausführlich darlegte:

Lee Soo-man ist übrigens ein gern gesehener Dozent und Gast an Elite-Universitäten und hat schon in Harvard, beim MIT und der Cornell University gesprochen.

Supergroups und Avatare

Zwei Projekte aus der jüngsten Vergangenheit liegen ihm dabei besonders am Herzen. So launchte er 2019 eine neue K-Pop-Supergroup aus seinem Hause, die recht unverhohlen auf einen internationalen bzw. amerikanischen Erfolg konzipiert war. SuperM, deren unfreiwillig komischen Super-Hit „Jopping“ jeder mal gehört haben sollte, versammelte Idols aus Bands wie Shinee, EXO, NCT 127 und WayV. In dieser BBC-Doku zum Thema hat Lee Soo-man auch wieder einen der berüchtigten onkeligen Auftritte:

Das zweite, aktuelle und sicher die Zukunft prägende Projekt ist der Ausbau des „Culture Universe“ von SM Entertainment, wie Lee Soo-man es nennt. Hier ist die irrsinnig erfolgreiche Girlgroup Aespa ein wichtiger Faktor, deren Name sich von dem Wort „Avatar Experience“ ableitet und die konzeptuell an VR- und Gaming-Welten anknüpfen will. Mit großem Erfolg. Obwohl die Band erst drei Songs veröffentlich hat, ist sie eine K-Pop-Instanz, deren Musik- und World-Building-Videos Millionen Klicks haben. Lee Soo-man hat dabei eher ein Multiverse wie das von Marvel im Sinn als ein herkömmliches Musik-Set-up. Andere Bands wie NCT und EXO spielen ebenfalls in ihren Songs und Videos immer wieder auf dieses Multiverse an und tragen so zum Worldbuilding bei.

Die Zukunft des K-Pop hat Platz für Roboter

Auch hier sucht Lee Soo-man immer wieder die Nähe zu akademischer Bildung und Forschung. In diesem Sommer verkündete die südkoreanische Elite Uni KAIST (Korea Advanced Institute of Science and Technology) eine offizielle Kooperationsvereinbarung zur gemeinsamen Erforschung von digitalem Content, Künstlicher Intelligenz, Robotik und der „Culture Technology“ von SM. Bei seinem Vortrag an der KAIST sagte er mit Blick auf Aespa: „Die Zukunft des Entertainments wird eine Welt sein, in der es Celebrities und Roboter gibt. Die Avatare sind die Vorstufe davon.“ Diese Welt habe mit Aespa bereits begonnen. Außerdem verriet Lee: „Wir arbeiten bereits an Möglichkeiten, wie man Musik, Videos und Social Media mit der Robotik verbinden kann, und wie man diese mit Celebrities und Kultur zusammenbringt.“

Die dunklen Seiten von SM

Diese faszinierende und für viele Musikfans sicher auch ein wenig verstörende Zukunftsdenke darf aber nicht überstrahlen, dass SM Entertainment in all seinen Jahren nicht immer glänzte. Das von Lee Soo-man etablierte In-House- oder „Idol System“ steht zu Recht immer wieder in der Kritik – und SM im Ruf, besonders hart mit seinen Idols umzuspringen. Aussagen über Knebelverträge, einer zu harten Ausbildung und einem miserablen Umgang mit der mentalen Gesundheit der Idols begleiten die lange Geschichte der Firma. Zwei Suizide sorgten für immer wieder aufflammende Kritik. Außerdem ranken sich um die Band EXO diverse Skandale – zuletzt wurden Vergewaltigungsvorwürfe gegen Kris Wu, ehemaliger Teil von EXO, erhoben. Auch einer der jüngsten Skandale geht auf die Kappe eines SM-Angestellten: Lucas – Mitglied von WayV, NCT und SuperM – wurde des Gaslightings beschuldigt. Er habe seine Prominenz genutzt, um junge Frauen zu manipulieren, habe ihnen eine Beziehung vorgegaukelt und sich von ihnen finanziell haushalten lassen.

All das sind Dinge, bei denen sich Lee Soo-man bzw. SM Entertainment dann erstaunlicherweise plötzlich sehr wortkarg geben.

 


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