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Drangsal im Interview: „Man muss Pop nicht verstehen“

Ein Pappaufsteller von Britney Spears, das wäre toll, sagt Max Gruber. Irgendetwas, das an Pop erinnert, diesem schmucklosen Raum sein Chefetagen-Flair nimmt. Hier, im Büro seiner Berliner Plattenfirma, treffe ich Max, der sich Drangsal nennt, um über sein zweites Album ZORES zu sprechen. Max deutet auf ein Flipchart in der Zimmerecke. „Die ‚1‘ hab ich da hingeschrieben“, sagt er. „Eigentlich wollte ich nach jedem Interview, das ich geführt habe, Punkte für die Journalisten vergeben. Aber mir ist schnell aufgefallen, dass das keine lustige Idee ist.“ Max grinst. „Ausnahmsweise mal.“

Max hat sich entschieden, keinen Ärger zu machen. Dabei war er vor zwei Jahren angetreten, um genau das zu tun. Als Drangsal brachte er dem deutschen Pop mit seinem gründlich durchgestylten 80er- Sound, was dieser so lange vermissen ließ: Glam und Abgründigkeit, Dekadenz und ein bisschen Größenwahn. Max Gruber kann einen ganzen Raum unterhalten – und Menschen mit einem einzigen Blick in die Hölle schicken. Ein „Nein“ aus seinem Mund ist scharf wie ein Fallbeil. Vielleicht vergessen manche Journalisten deshalb, ihm neben Charisma auch zu bescheinigen, einen richtig guten Humor zu haben.

Drangsal: Die streng frisierte Lichtgestalt straight out of Herxheim, einer 11 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz. Mit dem Titel seiner ersten Platte von vor zwei Jahren, HARIESCHAIM – dem altertümlichen Ortsnamen Herxheims –, brachte er die ländliche Pfalz auf die Poplandkarte. Und auch der Titel seines neuen Albums ZORES ist eine Hommage an die Region: ein Dialektwort, das so viel bedeutet wie „Ärger“ oder „Zank“. Während Künstler wie Tocotronics Dirk von Lowtzow aus ihrem Provinz-Exodus eine Befreiungsgeschichte gestrickt haben, trägt Max seine Kleinstadt- Herkunft auch nach Jahren in Berlin wie ein schräges Accessoire mit sich herum – ohne sich dabei der Heimattümelei verdächtig zu machen. Im Gegenteil: Antiquierte Begriffe wie „Zores“ klingen in der glamourösen Drangsal-World wie Codeworte für eine Fetischparty.

Sein Debüt HARIESCHAIM war tollster 80s-Pastiche. Aber, darin war man sich weitgehend einig: mehr auch nicht. Zu gut geklaut, zu clever ausgedacht. Wer Drangsal jedoch als schneidigen Wave-Epigonen mit gut sitzenden Lederhosen abheften will, den stößt Max mit größter Freude vor den Kopf. Bekennt sich auf Facebook zu seiner Fanliebe für Metallica. Oder tauscht den schicken Szenelook auf der Bühne schon mal gegen Sandalen und einen Schlapphut, „ein schlimmes Outfit“, das er sich bei seinem Helden Maynard James Keenan von Tool abgeschaut hat. Wohl wissend, dass viele Fans das ätzend finden. Warum? Weil er Lust darauf hat.

Und nun die nächste Volte: Auf seinem neuen Album klingt Drangsal, der Trockeneisnebel-Popper, auf einmal wie Farin Urlaub zu „Westerland“-Zeiten, das muss er selbst zugeben. Schien seine Stimme auf HARIESCHAIM noch im Synthesizer-Nebel zu verschwinden, steht sie auf ZORES im Mittelpunkt satt produzierter, manchmal fast schlageresk euphorischer Lieder.

Weniger Soundflächen, mehr Song: ZORES ist hochkonzentrierter Pop. Kaum zu glauben, dass Max in den letzten Monaten vor allem Metal gehört haben will.

DRangsal
Das zweite Album von Drangsal, ZORES ist am 27. April 2018 erschienen.

Musikexpress: Hast du denn keine Lust, selbst mal so richtig heavy zu werden?

Max Gruber: Das stünde mir nicht. Mit „Gerd Riss“ habe ich immerhin versucht, den kompromisslos asozial-aggressivsten, stumpfesten, schnellsten Drangsal-Song aller Zeiten zu schreiben. Und dabei ist dann dieser schwülstige Münchner-Freiheit-Befindlichkeitspopsong über einen Motorradfahrer rausgekommen.

Ein Problem mit Kitsch scheinst du ja eh nicht zu haben, wenn du in deinen Songs mit Pop-Phrasen wie „Ich lieb’ dich so“ spielst.

Das ist vielen Leuten so sauer aufgestoßen! Aber das ist genau die Reibung, die ich erzeugen will: Meint der das jetzt ernst? Who cares! Leute, die in Songs „Oh Baby“ sagen, sollte man grundsätzlich nicht ernst nehmen.

Über eine Zeile habe ich trotzdem lange nachgedacht …

Warte! Darf ich raten, über welche?

Rate!

„Die heutige Musik, ein Parasit für die innere Republik“?

Genau, eine Zeile aus deinem Song „Weiter nicht“.

Tadaaaa! Das dachte ich mir. Ich wollte mal schauen, wie viel Polemik mir steht, wie viel davon ich tragen kann. Und „heutige Musik“ schließt mich ja nicht aus … Aber sorry, was war deine Frage?

Ich habe die Aussage so verstanden: Der Parasit, das ist einer, der sich einnistet in der „inneren Republik“ – und von ihr profitiert. Pop, dem die herrschende Mentalität nützt. Zeitgeist-Musik. Wie klingt die für dich?

Ich meine damit nicht unbedingt die Bundesrepublik, „Republik“ hat sich einfach auf „Musik“ gereimt. „Die heutige Musik, ein Parasit für die Hirne der Leute“ – das klingt nicht gut. Aber trotzdem ist das eine interessante Frage. Es ist schon ein Problem, dass es keinen guten, handgemachten Pop mehr gibt. „Was du Liebe nennst“ von Bausa ist zum Beispiel ein Überhit, ich liebe die Melodie, aber ich mag Trap einfach nicht. Dieser Witz ist auserzählt. Und die Texte mancher Rapper … Wenn die in ihren Songs davon erzählen, dass sie Mädels ohne Kondom bumsen wollen, ist das einfach keine gute Message.

Seine eigene Jugend klang anders. Bands wie Korn oder Slipknot haben seine Ästhetik „mies geprägt“, sagt er. Max, der Popkultur-Junkie, gehört zur letzten Generation, die mit Musikfernsehen sozialisiert wurde. Als Jugendlicher stieg er gern in die Abgründe von MTV und VIVA2 hinab, schaute Trash-Sendungen wie „Celebrity Deathmatch“. Eine Liebe hat dabei bis heute überdauert: die zum Wrestling. „Ich hatte eine Phase, in der ich nichts anderes geschaut habe“, sagt Max. „Vier Tage hintereinander, danach war ich fast hirntot.“

Was fasziniert dich an diesem Pseudo-Sport?

Wrestling ist eine Flucht in eine andere Welt. Jeder weiß, dass die „Kayfabe“, die Wrestling-Realität, nicht echt ist.

Eine Telenovela, in der sich die Darsteller prügeln …

Ich liebe einfach Inszenierungen. Alles am Wrestling ist so theatralisch! Jeder hat eine Persönlichkeit, ein besonderes Outfit, eine eigene Einmarschmusik. Darauf musst du dich einlassen können. Natürlich heißen Roman Reigns und Brock Lesnar nicht wirklich so, und die hassen sich auch nicht, sondern sitzen im Bus nebeneinander.

Mit seinem Faible für Wrestling ist Max in guter Gesellschaft. Der französische Semiotiker Roland Barthes hat das „Catchen“, wie man es damals noch nannte, in einem Essay als „Spektakel des Exzesses“ gewürdigt – und die Arena als Ort, an dem Mythen entstehen. Ein Ort, an dem der uralte Widerstreit von Gut und Böse in ein Riesenevent überführt wird, mit Pomp und Feuerwerk.

Wrestling ist ein Millionengeschäft, dessen Erfolg beweist, wie sehr es die Menschen in unseren komplizierten Zeiten nach Drastik verlangt. Nach Gutem, das gut ist. Und nach Bösem, das man hemmungslos böse finden darf – und nicht „problematisch“ oder „schwierig“. Alles auf Show. Nach diesem Prinzip funktioniert auch Drangsals Musik. In der Pop-Arena will Max lieber ein schriller Schausteller wie der Undertaker sein – und kein kumpeliger Sportsfreund wie Philipp Lahm, der trotz Millionengehalt behauptet, ein stinknormaler Kerl zu sein.

Nur folgerichtig, dass vieles an Drangsals Performance irritieren muss: von Auftritten bis hin zum Artwork. Auf dem Cover von ZORES richtet ein Vater im Kreis seiner Familie ein Gewehr auf einen Punkt in der Ferne. Wer sich den Jungen auf dem Bild genau anschaut, erkennt es vielleicht: Es ist der kleine Max, auf dem Arm der Mama, neben Papa und Schwester. Happy Family mit Flinte. Lange hing das Polaroid-Bild am Kühlschrank zu Hause in Herxheim.

Ein seltsames Foto, trotz seiner Bedrohlichkeit hat es etwas total Idyllisches. Oder ist es eher umgekehrt?

Ich mag es, dass man nicht weiß, auf was oder auf wen geschossen wird. Das Bild sagt dir: Verpiss dich aus unserer Welt, bleib weg aus unserer Blase! Das Wort „Zores“ kann auch eine Gruppe Asozialer meinen, was gut zu dem Bild passt. Und auch zu mir, weil ich ein ziemlich jähzorniger Mensch bin. Mit diesem Begriff lässt sich ja durchaus zusammenfassen, welches Image ich bislang nach außen transportiert habe.

„Im Grunde bin ich ein Dorftrottel“

Drangsal, der Kotzbrocken. Schon jetzt sind Grubers Hasstiraden legendär. Jennifer Rostock, Balbina und Isolation Berlin mussten sich schon seinem vernichtenden Urteil stellen; seinen „Preis für Popkultur“ nahm er vor zwei Jahren mit den Worten „Hauptsache nicht AnnenMayKantereit!“ entgegen. Man kann solche Äußerungen als Ausfälle eines präpotenten Großsprechers lesen – oder als Versuch, die öde Wellnesskultur im deutschen Indie zu unterwandern.

Für den Menschen Max Gruber ist dieses Anti-Image nicht unkompliziert, denn Drangsal ist keine Kunstfigur. Drangsal ist Max, und Max ist Drangsal, das betont er immer wieder. Seine Lösung: Max nimmt sich ernst – und zugleich gewaltig auf die Schippe, indem er die Egomanen-Nummer komplett überdreht. „Jedem das Meine“ fordert er im gleichnamigen Song auf ZORES; im Video zu seiner Single „Turmbau zu Babel“ ertrinkt er als Narziss im See, verliebt in sein eigenes Spiegelbild. „Sehr passend, schließlich sind ‚Ich‘ und ‚Du‘ die häufigsten Wörter auf der Platte“, sagt er. Und überhaupt: Was harmoniere besser mit ihm, dem „Pop-Unsympathen“, wie Max sich selbst nennt, als die biblische Story vom Turmbau zu Babel – die Ur-Geschichte über menschliche Hybris? Eben.

Hast du manche deiner Rants eigentlich bereut?

Schon. Aber nie, was ich gesagt habe, sondern wie, wann und wem.

Urteilst du schnell?

Ja. Urteile ich richtig? Nein. Ist meine Meinung fundiert oder wichtig? Nein. Null! Im Grunde bin ich ein Dorftrottel, nicht dumm, aber zu gleichen Teilen Herxheimer Asi wie Indie-Hipster-Dude. Was ich sage, ist nicht mehr oder weniger wert als die Ansichten anderer. Nur weil ich einen Künstler doof finde, soll das nicht heißen, dass ich besser bin.

Entschuldigen wirst du dich also bei niemandem.

Ich werde nicht zurückrudern und sage: „Hey, sorry für die letzten zwei Jahre!“ Mich können immer noch alle am Arsch lecken. Aber ich bin auch müde mittlerweile. Und geläutert. Die neue Platte von Isolation Berlin finde ich jedenfalls spitze.

Ärgert es dich, wenn Menschen deine Art falsch verstehen?

Ich glaube, bei mir gibt es nichts falsch zu verstehen. Man muss Popmusik nicht verstehen. Ich sehe zwar ein, dass Leute manche Dinge, die ich tue, nicht nachvollziehen können, aber das ist mir egal. Ich mag bipolares Auftreten. It’s all part of the fun!

Es muss doch ganz schön anstrengend sein, Bühnenfigur und Privatperson so verschmelzen zu lassen …

Ja. Aber ich bin dafür, sich absolut nackt zu machen. Jeder sollte mit allem offen umgehen dürfen, ohne dass es jemanden stört, beleidigt oder anekelt. Niemand sollte sich für irgendetwas schämen. Du musst den Leuten deine Art in die Fresse reiben, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Und deshalb trenne ich Künstler und Privatmensch nicht.

Max geht damit ein Wagnis ein. Während man sowohl die freundlichen Mützenträger in den Charts wie auch die Thees Uhlmänner des Indie bedenkenlos zum Kaffee bei Oma mitnehmen würde, erinnert uns Drangsal daran, dass es nicht die Aufgabe von Künstlern ist, Everybody’s Darling zu sein. Dass es eine Zeit gab, in der Pop kein Spiegel unseres mediokren Lebens war. Sondern schillernde Oberfläche, unter der es gärt und brodelt. Der Republik der braven Deutschpoeten hat er den Krieg erklärt. Nicht mit seinen Stänkereien, denen der Medienbetrieb mehr Bedeutung beimisst als er selbst – sondern mit seinem Streben nach Drama, das die bleierne Normalität transzendiert.

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