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Meinung

Zwischen den Stühlen: Warum MUSIC TO BE MURDERED BY Eminems Rolle im HipHop hinterfragen lässt

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Es ist ein Teufelskreis. Auf seinem 2017 erschienenen Album KAMIKAZE verbrachte Eminem – der wohl reichste und berühmteste Außenseiter des US-HipHop – die meiste Zeit damit, sich über alle Hater seiner vorherigen Platte REVIVAL und sämtliche gesichtstätowierte Newcomer des Genres aufzuregen. Sein neues Album MUSIC TO BE MURDERED BY, das wie der Vorgänger ohne Vorwarnung veröffentlicht wurde, startet wiederum mit dem knapp dreiminütigen Intro „Premonition“, in dem Eminem all jene beleidigt, die KAMIKAZE nicht mochten. Die Ernsthaftigkeit, mit der Eminem gegen das böse Gerede anzurappen versucht, nimmt ihm damit leider genau die Selbstironie, die ihm einst zum Erfolg verholfen hat.

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Seit zehn Jahren wird die Musik des Marshall Mathers III zumindest von der Kritik eher belächelt als abgefeiert. Dabei hat der Rapper seit THE EMINEM SHOW-Zeiten nichts an Talent oder MC-Qualitäten verloren. Im Gegenteil: Auf MUSIC TO BE MURDERED BY zeigt Eminem wieder einmal, dass ihm in Sachen Double-Time-Rap und brillanten Wortspielen niemand das Wasser reichen kann. Das Problem ist vielmehr, dass Eminem selbst nicht mehr weiß, wo sein Platz im HipHop liegt.

Die bösartig-ironischen Punchlines jenseits der Gürtellinie seines Alter Egos Slim Shady funktionierten zu den Zeiten, als Mathers selbst mit einer zerstörerischen Ehe, Drogenproblemen und dem Ringen um Anerkennung zu kämpfen hatte. Aber als cleaner, schwerreicher und international erfolgreicher Mittvierziger kauft ihm das leider niemand mehr so recht ab. Da bleibt die Frage: Wer ist er dann, wer will er sein? Das musikalische Genie, das HipHop revolutioniert hat? Oder der Softrapper mit Features von Beyoncé, Ed Sheeran und Rihanna? Diese mutmaßliche Unsicherheit zieht sich auch durch MUSIC TO BE MURDERED BY und macht daraus ein Werk, das einerseits an glorreiche Zeiten anknüpfen und andererseits alte Fehler wiedergutmachen möchte. Zum Beispiel an den folgenden Stellen.

Das Prinzip „Stan“ funktioniert nicht immer

Als erste Single des neuen Albums veröffentlichte Eminem „Darkness“, ein Track aus der Sicht des Las-Vegas-Shooters Stephen Paddock, der im Jahr 2017 59 Menschen erschoss. Eminems eindringliche Stimme, die rücksichtslose Brutalität des Textes und das unterlegte bedrückend-entzerrte Sample von „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel erinnert unwillkürlich an „Stan“, Eminems Meisterwerk aus dem Jahr 2004. Doch es ist nicht Stan, der als Opfer seiner Umstände zum Täter mutiert, sondern ein Massenmörder, den Eminem portraitiert. Wenn Eminem Zeilen wie „But if you’d like to know the reason why I did this / You’ll never find a motive, truth is I have no idea“ rappt, wirkt „Darkness“ wie ein ungelenker Versuch, einen Attentäter in eine mitleidige Figur zu verwandeln. Dass dies nicht funktioniert, zeigt sich spätestens in dem Musikvideo, in dem einer sehr detailtreuen Darstellung des Massakers ein Aufruf gegen Waffengewalt folgt. Was möchte er mit „Darkness“ also ausdrücken? Ob gesellschaftskritischer Aufruf gegen die absurden Waffengesetze in der USA oder absichtlich inszenierter Schockeffekt á la „Stan“ und „Kim“ – Eminem kann sich augenscheinlich wohl nicht entscheiden. Und das spürt man.

Eminem – Darkness (Official Video) auf YouTube ansehen

Eminems künstlerische Absichten verschwimmen

Ähnlich ambivalent verhält es sich bei dem aktuellen Shitstorm, den Eminem wegen einer Zeile in seinem Song „Unaccommodating“ erlebt: Dort spielt er auf das Manchester-Attentat bei einem Ariana-Grande-Konzert im Jahr 2017 an, Fans und Manchesters Bürgermeister Andy Burnham reagierten entsetzt. Im Gegensatz dazu steht, dass der Rapper nach dem Anschlag knapp 2,3 Millionen Dollar an die Angehörigen der damaligen Opfer spendete. Egal, ob man die besagte Zeile „I’m contemplating yelling ‚bombs away‘ on the game / Like I’m outside of an Ariana Grande concert waiting“ als einen Eminem-typischen Grenzgang oder für gänzlich unnötig befindet: Seine künstlerischen Absichten wirken diffus und man bleibt mit der Frage zurück, was das Ganze denn eigentlich sollte.

Obendrein wurde Eminem stark dafür kritisiert, dass er auf dem 2017 erschienenen KAMIKAZE ordentlich Seitenhiebe gegen jüngere Kollegen wie Lil’Yachty, Lil Pump und Machine Gun Kelly austeilte. Dies resultierte in einem Twitter-Schlagabtausch, wie es ihm HipHop häufig so üblich ist. Zwei Jahre später finden sich auf MUSIC TO BE MURDERED BY neben Features von Anderson .Paak, Royce da 5’9“ und Ed Sheeran auf einmal auch Beiträge der 27-jährigen Young M.A und des kürzlich verstorbenen Juice WRLD – zwei Idole der jüngeren Generation Rap. Dazu entschuldigt sich Eminem in dem Song „No Regrets“ offiziell für frühere Disse gegen Earl Sweatshirt und Tyler, The Creator. Ein Versöhnungsangebot? Zynisch betrachtet wohl eher ein Zurückrudern, das so gar nicht zu Eminem passen möchte. Denn wenn Eminem immer eines war, dann das: konsequent.

Die Tatsache, dass Eminem einen Track namens „No Regrets“ für geeignet hält, um sich öffentlich zu entschuldigen, betont Eminems Unsicherheit auf MUSIC TO BE MURDERED BY. Das ist schade, weil MUSIC TO BE MURDERED BY ein solides, retroangehauchtes Album ist, das an Eminems beste Zeiten zurückerinnern lässt. Eigentlich.

Eminems neues Album MUSIC TO BE MURDERED BY im Stream hören:

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