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Popkolumne, Folge 112

Fear of missing outside – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Liebes Tagebuch,

ich bin jetzt 14. Hänge viel zu Hause rum, hab viele Hausaufgaben, trinke Energydrinks, glotz TV. Ab und zu treff ich paar Freunde draußen, noch vor Sonnenuntergang kriegen wir die Oberpanik, müssen unsere Körper schnell in die Bahn oder aufs Fahrrad hieven, wir müssen um 9 in der Bude sein, sonst gibt’s Ärger zu Hause … Nee, stimmt nicht, es gibt Ärger draußen. Hä?

Die supersinnvolle Ausgangssperre kickt rein. Während andere Städte wenigstens um 10 die Bürgersteige hochfahren um dann abzukassieren, weil oh Schreck, sich Leute sehen wollen, bleibt Köln stabil bei um 9. Aber gut, dann ist halt noch genug Zeit, sich mit Fusel einzudecken und dann in einer Wohnung weiterzumachen, um sich geil anzustecken. Am nächsten Tag dürfen die Leute dann in die Straßenbahnen, in die Büros und Fabriken, na logen.

Immerhin ist das Wetter wieder besser und viele in meinem Umfeld sind schon geimpft, einem chilligen Sommer steht bald nichts mehr im Weg. Jetzt muss man nur noch irgendwie Ignoranz aufbringen dafür, dass 80 000 Menschen sterben mussten, wir während der Pandemie deutlicher als je zuvor spüren durften, dass die Wirtschaft wichtiger ist als unser Leben und dass natürlich ärmeren Regionen der Welt und Leuten ohne Zugang zum Gesundheitswesen der geile Impfsaft noch eine Weile vorenthalten bleiben wird.

Kackdebatte der Woche: #allesdichtmachen

So gut wie alles wurde zu #allesdichtmachen schon gesagt, blabla, 53 privilegierte Schauspieler*innen ließen sich in Altbauwohnungen dabei filmen, wie sie „ironisch“ oder gar „satirisch“ „die Coronamaßnahmen“ und ihre Folgen affirmierten, alles halt nicht ernst gemeint, schon verstanden. Ich hätte das okay, vielleicht sogar gut gefunden, wenn sie wüssten, wo der Feind steht. Doch diese Videos von Jan Josef Liefers und Co. richten sich nicht etwa dagegen, dass seit einem Jahr ein vernünftiger Shutdown vermieden wird, nicht gegen die Bevorzugung von Wirtschaft vor Privatem oder gegen Pandemiekorruptionsgeschichten der CDU. Nee, es geht gegen „die Maßnahmen“ und die sind, weil sich schon kaum jemand mehr vorstellen kann, dass es andere Maßnahmen als die geben könnte, in denen wir uns privat einschränken müssen, eben nur ebenjene private. Und diesem Narrativ gingen dann viel zu oft auch die Kritiker*innen auf den Leim. Ihr seid gegen DIE MASSNAHMEN (wie gesagt: offensichtlich wirklich nur die privaten)? Dann seid ihr für Corona!

Ich werde, so dumm die Schauspieleraktion war, sicher nicht als unausweichlich ansehen, dass sich Leute nicht uneingeschränkt draußen sehen dürfen, während Arbeitengehen okay sein soll und nicht genug Wohnraum für alle Menschen zur Verfügung steht, um einander aus dem Weg zu gehen. Man muss auch nicht die Corona-Betroffenen instrumentalisieren, um einen Punkt gegen die Hansel in den Videos zu machen. Man muss nicht behaupten, dass sie sie auf dem Gewissen haben. Auch wenn die mit ihrer peinlichen Rumdängelei um Worthülsen natürlich das Tor weit öffnen für Verschwörungsdenken. Es sind allerdings andere dafür verantwortlich, dass in der Pflege gespart wird, die Kultur nicht genug gefördert wird, um jeden Preis ein wirtschaftlicher Shutdown verhindert wird und Mieten in Städten so unbezahlbar sind, dass Leute beengt zusammenleben müssen.

Statt gegen die politischen Verfehlungen auf die Straße zu gehen, kacken wir uns lieber gegenseitig an, wer denn jetzt am meisten schuld ist und überlassen die Straßen den Querdenkern. Ich verstehe das natürlich, kenne das, es ist einfacher und man fühlt sich halt ohnmächtig und irgendwo muss es hin. Noch nie wurden deutsche Schauspieler*innen jedoch so überschätzt wie in der vergangenen Woche. HAXAN hat das Thema zum Glück jetzt ohnehin beerdigt: „In Baader-Meinhof warst du scheiße“, hehe.


Teenies der Woche: NRW-Abiturient*innen gegen Farhad Manjoo

Ich komme leider nicht mehr drauf, was in meinem Englisch-Abi dran war, wahrscheinlich George Orwell oder so, aber ich hätte auch sonst was zu meckern. In der Zwölften und gefühlt auch Elften und Zehnten nervte Herr S. uns unaufhörlich mit „The Wall“ von Pink Floyd. Wir fanden es damals schrecklich, das waren Oldies, alte Männer, langweilig. Wir wollten Timbaland. Ich hab erst später gecheckt, dass es wirklich ein gutes Album ist. Der Lehrer war so ein richtiger Rock-Papa und wir mussten jeden Track sezieren, er hatte eine wahnsinnige Freude dabei, konnte es aber „nicht so rüberbringen“. Es wäre jedenfalls damals noch nicht möglich gewesen, Waters, Gilmour, Mason oder Wright auf Twitter so zu beshitstormen, dass sie auch noch reagiert hätten.

Das können die Kids aber heutzutage, also ist payback-time. Schüler*innen in NRW mussten nämlich eine Kolumne des„New York Times“-Autoren Farhad Manjoo in ihrer Abiprüfung analysieren. Es ging irgendwie um Einfamilienhäuser und es gab zu viele komplizierte Wörter, also schrieben sie Manjoo und beschwerten sich. Cool und normal.

Die Kommentare bei Twitter und Instagram unter seinen Profilen sind sehr lustig. Unter anderem erteilten die Schüler*innen ihm NRW-Verbot. Und Manjoo hat sich sogar entschuldigt! Bestimmt will er nach NRW.

Video der Woche: Chloe Moriondo – „I Eat Boys“

Ich muss etwas aufpassen, dass es nicht bald creepy wird, aber ich liebe diese Teeniegeneration, ja, ich „feiere“ sie. Sie schreiben lustige Kommentare, ihre Klamotten sind cool, sie sind politisch gut drauf und machen vor allem sehr schöne Musik. „I Eat Boys“ von der 2002 geborenen Chloe Moriondo kam Anfang April raus und hat mich vor fast zwei Wochen aus meiner kürzlichen Popresignation rausgeholt. Ein Song, der klingt wie aus einer 2000er-High-School-Komödie, aber das Ermorden von Jungs zum Thema hat – was will man da mehr? Und auch das Video dazu ist der Hammer, am Anfang wird Moriondo mit ihrer Freundin belästigt und man ahnt, was dann passiert. Sommer, komm ran!

Podcast der Woche: „FOMO – Was habe ich heute verpasst?“

Geil, da ist das Ding! Das ist der Podcast, den ich gebraucht habe. Spätestens seit der Schauspieler-Action von letzter Woche hab ich so gar keinen Bock mehr, jeden Tag in die sozialen Netzwerke zu gucken. Aber Dena Zarrin, Teresa Guggenberger und Yasmin Polat machen das jetzt für mich und fassen mir von Montag bis Freitag alles zusammen, was ich verpasst habe oder zeigen mir, worüber ich froh sein kann, es verpasst zu haben. Sie droppen mir die News aus Pop, Internet und auch ein bisschen Politik. Sehr beruhigend, nachher kann man das was relevant ist eventuell mal googlen.

Song der Woche: Saweetie, Doja Cat & Katja Krasavice – „Best Friend“

Katja Krasavice goes jetzt auch USA. Nachdem sie beim Remix von „Best Friend“ ein paar Lines beisteuern durfte, kletterte der Song noch mal in die Billboard Charts. Auch in Deutschland wird es sicherlich funktionieren, schließlich war Krasavice letztens mal wieder auf Platz 1 mit ihrem neuen Album. Aber auch wenn’s eine durchschaubare Nummer ist, für die Zeile lohnt sich das halt: „Machen Cash, doch glaub mir, dass hier keiner von uns kochen kann“. Yes.


Richtigstellung der Woche: „LOL: Last One Laughing“

Fälschlicherweise behauptete Linus Volkmann in seiner Kolumne der vergangenen Woche, „Last One Laughing“ sei ein „Flop“. Das ist natürlich nicht so. Die Sendung ist total wholesome. Für mich ist „LOL“ auf eine coole Weise unschuldig, es geht einfach nur ums Feixen und ich musste es tun. Klar ist Torsten Sträter eine Fehlbesetzung gewesen, aber jede Gruppe braucht so einen Langweilon, damit alle anderen glänzen können, und es ist schade, dass viele nicht den Raum hatten / bekamen / ihn sich nicht nahmen, von denen man hätte mehr erwarten können. Aber ich liebte die „RTL Samstag Nacht“-Feelings, dieses Gefühl, dass ich jetzt lache, ohne zu wissen warum, weil ich mir „RTL Samstag Nacht“ und überhaupt diese ganze Kölner Comedywelt in einer Zeit reinzimmerte, als ich noch nicht groß über Humor nachgedacht habe. It’s all about the Feixen. Und dann noch ganz viel Teddy Teclebrhan obendrauf. Einfach unhatebar.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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