Früher vs. heute

Fick Dich, Hüfthose: So schmerzlich hat Billie Eilish der Generation Britney gefehlt

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Es ist 2001, ich bin 12, gehe in die sechste Klasse und bin in David verknallt, weil wir gut zusammen lachen können und er niedlich dabei aussieht. Er lacht dann aber einmal ziemlich unniedlich, als ich ihm das Verknalltsein gestehe, er steht nämlich eher auf Christina Aguilera und Mädchen, die gaaaanz im Entferntesten so aussehen wie sie, also lange blonde Haare, flacher Bauch, gepushte Brüste, lange Beine, das Classic-Programm. Ich merke, dass es offenbar auf das Gemeinsamlachen nicht ankommt, sondern der Körper das Wichtigste ist. Ein anderer Körper. 20 Jahre später ist David rechter Dynamo-Dresden-Hool. Und ich Idiotin habe ihm die Maxi von „Lady Marmalade“ geschenkt. Lost Cause.

Mit 12 hat eigentlich noch keine von uns Aguileraähnliche Körperformen, aber man kann sie vorgaukeln: Das wichtigste Utensil dabei ist die Hüfthose. Diese stellt etwas her, das wir dann für weiblich halten: Haut und „Hüften“. Das Sichtbare wird zusätzlich im Solarium gebräunt, einige stopfen sich auch noch die BHs aus, damit das Bild passt. Bald wachsen tatsächlich der ein oder anderen hier und da irgendwelche Rundungen. Bei mir tatsächlich die Hüften und ein Hintern, aber alles ist viel zu viel für die Hüfthose. Zu alldem was wir haben oder was uns fehlt haben Leute Meinungen. Not My Responsibility.

Ab da passiert es: Ich werde zu einer Frau gemacht. Mir ist das nicht klar, ich bin selbst überrascht, vielleicht hätte ich mir lieber etwas anderes ausgesucht, ganz bestimmt sogar. Ich will eigentlich noch eine Weile ich sein. Rumspringen, Buden bauen, laut sein, lustig sein, rülpsen, dreckig sein, Fahrrad fahren. Aber die Männer auf der Straße, sie haben Pläne mit mir, Vorschläge für mich. Und die Männer in den ersten Internetchaträumen. Und die Werbung und die Serien. Dazu kommt all das, was wir – zu Frauen Gemachten – untereinander weitertragen, was wir draußen gelernt haben über „uns“ und voneinander einfordern. Sexualisierung und Abwertung sind nun unsere ständigen Begleiter. Wir müssen jetzt liefern. Uns liefern. Für mehr Männeraufmerksamkeit. Your Power.

Aber es passt nicht und das tut es bis heute nicht. Es reicht nicht aus. Ich lerne, dass der Frauenstempel bedeutet, ein Leben lang zu trainieren, wie man es richtig macht, dieses Frausein. „Bravo“ & Co. wussten ganz genau, wo es langgeht, beziehungsweise nicht langgeht. Sie verraten es uns mal subtil, mal ganz direkt, sind dabei mal widersprüchlich, aber immer sehr eindrücklich. Britney hat ein Bäuchlein? Peinlich! Christina zeigt ihren Po? Sexy! J.Lo hat die perfekten Körperproportionen, Anastacia ist irgendwie „freakig“, weil sie zwar auch bauchfrei, blond und schlank ist, aber diese Brille dazu trägt. Und welches ist euer Lieblings-No-Angel? Stimmt jetzt ab! Das Teeniepopleben Anfang der 2000er ist eine einzige Vorbereitung auf ein Casting. Bald tritt man vor die Jury, ob nun bei „Popstars“ oder „Are You Hot?“ – die Wenigsten werden bestehen. Ich schiele neidisch zu den Jungs, die weite Baggies tragen dürfen, wo die Boxershorts rausgucken, aber die Regeln für die Geschlechtergestempelten sind auf der Realschule nicht minder hart als die in der „Bravo“. Nichts passt. idontwannabeyouanymore.

Was sind denn die Gegenentwürfe, wenn man nicht in linken Zentren aufgepäppelt wird, sondern vor Radio und TV aufwächst? Avril Lavigne war es auch nicht. Die Songs über Boys und doofe andere Girls kamen hier und da maximal mal in anderen Colorierungen rüber. Klar war vieles toll, klar waren Christina und Britney und Beyoncé und Avril toll. Aber identifizieren, Freundschaften auf Augenhöhe mit ihnen schließen war schwer vorstellbar. Sie kannten diese ganzen Frauseincodes, die manche von uns einfach nicht lernen wollten. 2001 wurde also viel zu spät die beste musikalische Freundin, die ich damals gebraucht hätte, geboren. Die verdammte Billie Eilish.

Man soll ja nicht zu viel romantisieren, man soll in nichts zu viel reinprojizieren, man soll nichts bereuen und so weiter, aber ich sage es hier so wie es ist, Hand aufs Herz, geradeheraus und verwette 70 Mark Zeitungaustragegeld: Meine Jugend und die von vielen anderen wäre eine bessere gewesen, wenn es statt Hüfthosen Billie Eilish in unserem Leben gegeben hätte. Wenn wir gesehen hätten, dass Körper nicht klein und zart sein müssen, nicht eingepresst werden müssen, wenn wir gesehen hätten, dass wir nicht hinter Stangen und in Tangas verschwinden müssen, wenn wir ein Vorbild gehabt hätten, das uns gezeigt hätte, dass wir Raum einnehmen dürfen, klobig sein dürfen, „unvorteilhaft“ (Müllwort), bunt, schrill, breitbeinig, nicht ständig gefällig. Wenn uns jemand auf so prominentem Posten gezeigt hätte: Ihr könnt auch mit Freundinnen und Geschwistern Spaß haben und nicht nur mit Boys, ihr könnt eure Geschichten selbst erzählen, ihr könnt euch und eure psychischen issues ernst nehmen. Aber Billie lehrt ja auch: Nicht zu streng mit sich sein, fokussieren auf das, was wichtig ist, nach links und rechts gucken. Also lass ich’s jetzt mal gut sein. Cause I’m in love with my future.

Aber fick dich, Hüfthose.

Dieser Text erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 08/2021. Paula Irmschlers Popkolumnen-Texte für musikexpress.de findet Ihr hier.


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