Titelgeschichte ME 08/2021

Es war einmal in Los Angeles: Warum Billie Eilish der größte Popstar unserer Zeit ist

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Es gibt eine Szene im Film „Once Upon A Time in Hollywood“, in der Regisseur Quentin Tarantino seine eigene Welt beerdigt. Wie ein geprügelter Hund stromert der Western-Schauspieler Rick Dalton, gespielt von Leonardo DiCaprio, an einem Filmset herum. Er trifft die Kinderschauspielerin Trudi Fraser, die in ihrem persönlichen Stuhl thront und konzentriert ihren Text lernt. Der ehemalige Superstar Dalton beeindruckt sie wenig: Fraser ist entwaffnend klug, hochprofessionell, lässig und selbstbewusst in ihrem Wissen darum, dass ihr die Zukunft gehört.

Dalton hingegen muss im Gespräch über ein Buch, das ihn gerade bewegt, bald weinen. Er weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist. Und Trudi weiß das auch. Sie tröstet ihn, ist sogar bereit, gönnerhaft darüber hinwegzusehen, dass er sie „Pumpkin Puss“ genannt hat: Sie möge solche Namen nicht, aber der alte Mann sei halt traurig. Wenn man so will, ist die Sängerin Billie Eilish eine Figur wie Trudi Fraser. Und der Rest des Popbetriebs Rick Dalton.

Billie Eilish ist der größte lebende Popstar – und der unwahrscheinlichste

Man könnte Billie Eilish, 19 Jahre alt, als mächtigsten Teenager der Welt bezeichnen. Sie ist der größte lebende Popstar – und der unwahrscheinlichste. Mit dunklem, von allem Pomp und Ballast befreitem Elektro-Pop aus tausend Zitatquellen und ihrer intensiven Flüsterstimme füllt sie größere Stadien als das Gros der Stadionrocker und EDM-Grob- klotze. Als Aushängeschild der „Generation Z“, die Magazine angeblich so zeitgemäß wie Disketten findet, schaut sie in Outfits zwischen Missy Elliott, Michelinmännchen und Riesenstrampler von mindestens so vielen Mode- wie Musikmagazincovern, immer mit einem Blick wie auf Tranquilizern.

Eilish ist eigensinniger und vermeintlich echter als einst die Popstars aus dem „Mickey Mouse Club“, zugleich zugänglicher als Avantgardistinnen wie Grimes oder FKA Twigs, die noch vor Kurzem das Hier und Jetzt definierten. Was Eilish interessiert, fließt in ihren Sound und ihre Ästhetik ein, sei es der Gruselfilm „The Babadook“ oder die Emo-Kultur der Nullerjahre. „I wanna end me“, singt Billie Eilish im Song „Bury A Friend“, und Millionen Teenager wollen es ihr gleichtun. Zumindest in Gedanken, zumindest ein bisschen.

Auf Instagram hat Eilish über 87 Millionen Abonnent*innen, als jüngste Preisträgerin hat sie den Grammy für die „Platte des Jahres“ bekommen. Sie ist die erste im 21. Jahrhundert geborene Künstler*in mit einem Nummer-eins- Hit in den USA. Jede ihrer US-Touren war ausverkauft, sie sang beim Coachella und bei den Oscars. Die alte Glitzerwelt verzehrt sich nach dieser seltsamen Jugendlichen mit den giftmüllfarbenen Haaren. Aber ausgerechnet die tat zuletzt, was man am wenigsten von ihr erwartet hätte: Sie umarmt die Glitzerwelt zurück.

Auf der Juni-Ausgabe der britischen „Vogue“ ist Eilish mit Corsage und blonden Haaren zu sehen: Ein bisschen Pin-up-Traum in Beige und Altrosa, ein bisschen 80er-Madonna. Als Inspiration für den Look diente, so liest man im Interview, die Pulp-Magazin-Ikone und Bodybuilderin Betty Brosmer. Während der Konzertbetrieb ruhte, hat Billie Eilish an ihrem zweiten, bis zuletzt ziemlich streng geheim gehaltenen Album HAPPIER THAN EVER gearbeitet. Und vorher noch schnell das Konzept „Billie Eilish“ über den Haufen geworfen. Man könnte ihre Geschichte als Hollywood-Märchen erzählen – oder als Lehrstück über die Funktionsweise des heutigen Popbetriebs.

Das Märchen geht so: Es war einmal ein Mädchen, das in Los Angeles aufwuchs, genauer gesagt in Highland Park, eine dieser Gegenden, die lange nicht als beste Ecke der Stadt galt, aber irgendwann cool wurde. Eilishs Eltern Maggie Baird und Patrick O’Connell sind Schauspieler*innen aus der zweiten Reihe, keine Superstars, dafür von so späthippieskem Laissez-faire, dass sie Eilishs Bruder Finneas – den man als Schauspieler aus Serien wie „Glee“ oder „Modern Family“ kennt – erlaubten, seiner kleinen Schwester den Mittelnamen „Pirate“ zu verpassen.

Finneas und Billie Eilish Pirate Baird O’Connell (so ihr voller Name) wurden zu Hause unterrichtet. Dazu soll eine besondere Regel gegolten haben: Wer an Musik arbeitete, musste nicht ins Bett. Also arbeiteten die beiden an Musik. Eilish sang mit vier Jahren im Kinderchor, mit sieben „Happiness Is A Warm Gun“ bei Talentshows.

Ihre Aufstiegsgeschichte ist längst legendär: Vor sechs Jahren luden sie und ihr Bruder den Song „Ocean Eyes“, den Finneas eigentlich für Billies Tanzlehrer geschrieben hatte, auf Soundcloud hoch. Labels wurden auf Eilish aufmerksam. Auf einmal saß die 13-Jährige in Meetings und wurde hofiert, als sei sie die nächste Beyoncé.

Immer wieder streiten Fans erstaunlich emotional über die Frage, ob Eilishs Eltern früher wirklich so „fucking poor“ gewesen seien, wie sie einmal im Interview behauptet hat. Menschen lieben Geschichten über das Internet als großen Gleichmacher, wo eine jede und ein jeder die Chance hat, zum Star zu werden. Aber solche Geschichten funktionieren natürlich besser mit Aschenputteln als mit Töchtern aus gutem Hause.

Eilishs Erfolg ist ein Familienprojekt: Ihre Eltern wachen, als Gegenentwurf zu den Joe Jacksons und Jamie Spears der Popgeschichte, streng darüber, dass ihre Tochter nicht ausgebeutet wird. Ihr Bruder erklärte erst kürzlich im Interview, er habe kein Problem damit, dass seine Schwester als Solokünstlerin wahrgenommen wird, obwohl sie als Duo arbeiten. Es sei schließlich ihre Welt, die sie in ihren Songs offenlege. Obwohl Eilish bald professionelle Hitschreiber vor die Nase gesetzt wurden, schreibt und produziert sie bis heute alles mit ihrem Bruder.

2017 erschien ihre erste EP „Don’t Smile At Me“, zwei Jahre danach ihr Debüt WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?. Als sie schon 14 Songs in den US-Top 100 hatte, mehr als jede Künstlerin vor ihr, ging sie noch zum Kinderarzt. „Ich habe meine Zahnschiene rausgenommen, und das ist das Album“: Mit diesen Worten beginnt Eilishs erste LP. Ein Lachen zwischen Ausgelassenheit und Panik – dann klopft der Bass, der so viele ihrer Songs trägt, im Opener „Bad Guy“ los. Mit ihrer elektri- sierenden Stimme fantasiert sich Eilish, die ihr Liebesleben aus der Öffentlichkeit heraushält, die nie Interesse an Alkohol, Drogen und Eskapaden zeigte, ein Alter Ego als garstiges Mädchen zurecht. „I’m that bad type / Make your mama sad type / Make your girlfriend mad tight / Might seduce your dad type“, singt sie, während sie sich im Video zum Song windet wie ein Besessene aus einem japanischen Horrorfilm. „Bad Guy“ klingt, wie Teenager sind: verspielt und abgeklärt, lethargisch und berstend vor Energie. Ein Song gewordenes Augenrollen und Zähneblecken zugleich.

Man könnte sagen, Billie Eilish ist eine neue Art von Jugendidol. Sie stellt über ihre Social-Media-Kanäle größte Nähe zu ihren Fans her, hat als Künstlerin aber keine Angst vor Inszenierung und Rollenspielen – wie im Song „Bellyache“, wo sie die Serienmörderin gibt. Sie muss keine puritanische Prinzessin wie Mandy Moore, keine Traumverkäuferin wie Mariah Carey, aber auch keine klassische Antiheldin sein. Im Gegensatz zu Künstlerinnen wie Amy Winehouse oder Courtney Love steht sie für das Versprechen, dass es mit versehrt wirkenden Charakteren nicht zwingend ein böses Ende nehmen muss.

Billie Eilish macht kein Geheimnis aus ihren mentalen Problemen

Eilish leidet nicht am Ruhm, sondern findet ihn „pretty cool“, macht aber auch kein Geheimnis aus ihren mentalen Problemen. Aus der Depression, die sie bekam, nachdem sie als Teenager nach einer schweren Verletzung das Tanzen aufgeben musste. Aus den Schlafparalysen und Albträumen, die sie im Zuge ihres frühen Erfolgs heimsuchten. Wie viele Menschen mit psychischen Krankheiten geht sie nicht den Kurt-Cobain-Weg in die völlige Selbstzerstörung – sondern zum Psychologen. Ein untragischer Superstar als Projektionsfläche für düsterste Gefühle: Auch das ist neu, auch das bindet junge Fans an Billie Eilish. Erwachsene hingegen lieben sie, weil sie in jeder Faser ihres Seins vermittelt, die Gegenwart zu sein. Wer Eilish kapiert, so ihr Versprechen, kapiert die Jugend. Selbst Künstler, die sonst eher als Bewahrer der guten, alten Zeit bekannt sind, suchen ihre Nähe: Dave Grohl und Eddie Vedder sind erklärte Fans, Jack White brachte auf seinem Label Third Man Records eine Live-LP von Eilish raus. Und selbst der Mann, der lange als Verkörperung allerklassischster, allermuffigster Gentleman-Werte galt, schmückte sich mit ihrer Musik: Für den nächsten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ sang Eilish den Titelsong.

In der Poplandschaft gilt sie als Rule-Breaker. Sie selbst kann mit dem Label wenig anfangen. „Welche Regel soll ich denn gebrochen haben?“, sagte sie mal. Es ist eine Frage, die nur bei oberflächlicher Betrachtung kokett klingt. Denn tatsächlich ist sie als Outlaw in guter Gesellschaft auf dem Pop-Olymp. Da wären Lil Nas X, der schwule HipHop-Cowboy, dessen Nummer-eins-Abo in den Charts erst Billie Eilish beenden konnte. Die offen bisexuelle Halsey, der androgyne Ex-Boybandstar Harry Styles oder der Reggaeton-Neudenker Bad Bunny. Sie alle sind ziemlich jung, ziemlich erfolgreich, ziemlich weit entfernt vom Ideal der heteronormativen Highschool-Musical-Popstars. Die Persona Billie Eilish ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Und sie hat sich nicht im Alleingang erfunden.

Auch Billie Eilish ist eine Marke

Eilishs Märchen ließe sich nämlich auch so erzählen: Es war einmal ein Mädchen, das einen sehr klugen Hofstaat hatte. Vor ihrem Kickstart schlossen Finneas und sein Manager einen Vertrag mit Apple Music, der ihr einen kleinen Beraterstab bescherte. Gemeinsam mit Eilish wurde ihr Image sorgsam entworfen, die Nachwuchshoffnung mit Luxusmarken wie Chanel bekannt gemacht. Bald schon schickten ihr die Labels, die Eilish in ironischer Billo-Ausführung trug, echte Designerstücke. Es war Justin Lubliner, Chef des Interscope-Sublabels Darkroom, der mit ihr so lange an ihrer Ästhetik feilte, bis aus dem spleenigen, aber stilsicheren Teen eine Marke wurde. Heute ist Eilish Werbebotschafterin, zum Beispiel für Adobe oder Calvin Klein, und immer noch eng mit Apple verbandelt: R.J. Cutlers Dokumentation „Billie Eilish: The World’s A Little Blurry“ über ihren Aufstieg gibt es exklusiv beim hauseigenen Dienst Apple TV+ zu sehen. Zur Veröffentlichung von WHEN WE ALL… startete Spotify 2019 eine gigantische Kampagne, inklusive Multimedia-Playlists und anderen Gimmicks. Eilish weiß die Streamingdienste für sich zu nutzen, muss sich aber auch ihren Mechanismen beugen.

Früher reichte es, wenn sich Madonna zweimal pro Jahrzehnt neu erfand. Heute unterhält Billie Eilish ihre Fans quasi permanent: mit neuen Frisuren, neuen Remixes. Hauptsache, sie verschwindet nie aus den Social-Media-Feeds. Der Popstar Billie Eilish ist optimiert für die Bedürfnisse seines Publikums, ohne dass Warencharakter oder Massentauglichkeit ihrer Musik je so offensichtlich scheinen wie in der Goldenen Ära des Teenpop.

Gleichzeitig ist sie mehr als ein clever gezüchtetes Industriegewächs. In „The World’s A Little Blurry“ sieht man, wie Eilish die Idee zum Video für „When The Party’s Over“ im heimischen Garten entwickelt, perfektionistisch wie Quentin Tarantinos hochbegabter Kinderstar. Eilish ist ungeschliffenes Genie und Hochglanzprodukt in Personalunion.

Vor allem ist sie Medienprofi. Es wäre also naiv, anzunehmen, Eilish und ihr Team hätten nicht geahnt, welche Debatten sie mit dem jüngsten „Vogue“-Cover lostreten. Es war ein Mindfuck mit Ansage, denn die bewusste Entscheidung gegen Sexualisierung im klassischen Sinne war lange Teil von Eilishs Erzählung gewesen. „Die Sache ist, ich kann tun und lassen, was ich will“, sagte sie dem Modemagazin.

 

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Lange konnte Eilish ihren eigenen Körper nicht ertragen, wollte groß und dünn wie ein Model sein. Ihre Baggy-Kleidung wurde zum Start ihrer Karriere ihr Schutzmechanismus gegen die Gnadenlosigkeit der Yellow Press. Niemand sollte wissen, wie es unter ihrer Kleidung aussieht. Eilish wollte sich dem Blick der Öffentlichkeit, vor allem dem männlichen Blick entziehen, um ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln. Eine Entscheidung zum Wohle der Seelenhygiene, die immer ein Politikum war.

Denn die Welt ertrug es kaum, dass Eilish ihren Körper nicht zeigen wollte. Zweimal tauchten Paparazzi-Fotos von ihr im Tanktop auf, die gehässig kommentiert wurden. „Obwohl ihr meinen Körper nie gesehen habt, berührt ihr ihn – und verurteilt mich dafür. Warum?“, fragt sie im Kurzfilm „Not My Responsibility“, den sie als Antwort auf die ständigen Grenzüberschreitungen gedreht hat.

„Es geht darum, wie man sich gut fühlt“

Eilishs neuen Look feiern manche als Geniestreich oder Befreiungsschlag, andere sind schlicht enttäuscht von ihrem liebsten Tomboy. Beide Reaktionen sind verständlich. Denn einerseits kann man sich fragen, wie selbstbestimmt die Entscheidung zur originellen Verhüllung wirklich ist, wenn man sie aus Furcht vorm Urteil der messerwetzenden Massen trifft. Andererseits: Warum ist eine Frau im androgynen Schlabberlook, die über Abgründe singt, ein fantastisches Role Model – während die gleiche Person im Gaultier-BH nur ein gewöhnliches Sternchen sein soll?

Eilish war so klug und solidarisch, sich immer gegen „Slut Shaming“ auszusprechen, gegen alle also, die sie dafür loben wollten, so herrlich anders als die anderen, offensiv erotischen Mädchen zu sein. Sie selbst will ihre Corsage noch nicht mal zum Statement umdeuten, sondern gab zu, dass sie schlichtweg ihren Bauch nicht mag. „Es geht darum, wie man sich gut fühlt“, sagte sie kürzlich der „Vogue“. „Wenn du dich operieren lassen willst, lass dich operieren. Wenn du ein Kleid tragen willst, aber andere sagen, dass du zu dick dafür bist – fuck it. Wenn du dich gutaussehend fühlst, siehst du gut aus.“

Wenn man es sich einfach macht, sieht die Nummer nach dem ziemlich angesagten, aber oft auch ziemlich banalen Anything-goes-Feminismus aus: Alles, was sich gut und „empowernd“ anfühlt, wird schon irgendwie progressiv sein. Viel interessanter aber ist es, wenn man sich die Lyrics ihres neuen Songs „Your Power“ anschaut. In dem adressiert Eilish einen Mann, der seine Macht gegenüber einer jüngeren Frau missbraucht. In den Jahren seit ihrem Durchbruch habe sie „ziemlich verrückte Scheiße“ erlebt, sagte Eilish kürzlich dem US-„Rolling Stone“. Worte wie „Trauma“ fallen, über Details schweigt sie sich aus. Auf HAPPIER THAN EVER soll es nun um das ganze Pandämonium der Erfahrungen gehen, die junge Frauen im Popbetrieb sammeln. Oder vielmehr: die Frauen im Leben sammeln. „Fast keiner der Songs ist fröhlich“, sagt sie.

Ein Album über gesellschaftliche Machtkämpfe und emotionalen Missbrauch im Glamour-Look zu präsentieren, ist – dank Pop- stars wie Beyoncé – keine ganz neue Idee. Eine schlechte aber auch nicht. „Ich hoffe, viele Leute trennen sich wegen meines Albums von ihren festen Freunden“, sagte Eilish im „Rolling Stone“-Interview. Es soll nicht übermäßig ironisch geklungen haben.

Die Welt hat sich weitergedreht

Billie Eilish wurde in eine brennende Welt hineingeboren. Für sie gab es keine Jugend ohne Debatten über Sexismus und rassistische Polizeigewalt auf allen Kanälen, ohne Furcht vor der Klimakatastrophe. Schon „Ocean Eyes“ handelte davon, sich unter „Napalm Skies“ zu verlieben. Viele junge Künstler – wie der 2017 verstorbene Rapper Lil Peep – reagieren auf die Zumutungen der Zeit mit Weltflucht, mit drogenschwangerem Nihilismus und Gesichtstattoos als Absage an eine solide Zukunft; Greta Thunberg, die andere Hoffnung ihrer Generation, reagiert mit unverbrüchlichem Idealismus. Eilish, die Kämpferin mit den schweren Lidern, vereint Phlegma und aktivistisches Sendungsbewusstsein. In ihren Insta-Stories macht sie auf den Klima- wandel aufmerksam, unterstützte im US-Wahlkampf Joe Biden und beweist in Statements, ihrer Liebe zu Schimpfwörtern zum Trotz, oft großes politisches Feingefühl.

Lange hat Eilish, aus Perspektive ihrer woken Fans, alles sehr richtig gemacht. Bis jetzt. Nun aber teilte Eilish ein Video vom Dreh ihres neuen Songs „Lost Cause“ auf Instagram, in dem sie mit einer Posse Freundinnen herumtobt, und versah es mit der Caption „I love girls“. In Folge wurde ihr von vielen vorgeworfen, ohne Bezug zur LGBTIQ-Szene mit queeren Codes zu spielen, um Auf- merksamkeit zu erzeugen – „Queerbaiting“ nennt man diese Strategie. Dann geriet ihr Freund Matthew Tyler Vorce wegen einiger älterer rassistischer und homophober Postings in die Kritik. Und schließlich war da noch ein TikTok-Video, das Eilish als 13- oder 14-jähriges Mädchen zeigt, wie sie einen diskriminierenden Begriff verwendet. Eilish entschuldigte sich umgehend.

Die Welt hat sich weitergedreht, seit Britney Spears in Interviews über ihre Brüste reden musste. Aber eben auch, seit Madonna sich Schwarze Voguing-Kultur aneignete, seit die heterosexuelle Katy Perry „I Kissed A Girl“ sang. Billie Eilish muss viele Kämpfe ihrer Vorgängerinnen nicht mehr schlagen, dafür aber einige neue. In einer Welt, in der die Sensibilität für Diskriminierung höher denn je ist, muss sich eine weiße, am Ende ja doch ziemlich normschöne Musikerin genauer als früher überlegen, womit sie provozieren kann – und womit sie nur verletzt. Eilish muss als gute Feministin glaubhaft bleiben, gleichzeitig aber vermarktbar in einer Welt der weißen Männer. Wie das Mädchen in Tarantinos „Once Upon A Time in Hollywood“ steckt sie die alte Garde in die Tasche, ist aber immer noch Teil von deren Welt.

Es war einmal ein Mädchen aus Los Angeles, dem die Zukunft gehörte. Billie Eilishs Geschichte ist ein Märchen. Aber auch Märchen sind manchmal ganz schön gruselig.

Dieser Text erschien zuerst als Titelgeschichte der Musikexpress-Ausgabe 08/2021.


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