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Konzertbericht

Lieder über die Vergänglichkeit der Dinge

 „What is that song you sing for the dead?“, singt Sufjan Stevens ganz zu Beginn des Abends. Und er trägt, während er das fragt, sein eigenes Totenlied vor: Death With Dignity. Mit dem ersten Song seines im März erschienenen Albums CARRIE & LOWELL eröffnet er auch sein Konzert im Berliner Admiralspalast. Vor den weichen Farben alter Super-8-Filme – warm-flimmernde Bilder einer fernen 70er-Jahre-Kindheit mit Weihnachtsgirlanden und Waldspaziergängen – steht Stevens hinter seiner Gitarre und haucht die ersten Zeilen dieses zutiefst persönlichen Albums: über die Beziehung zu seiner Mutter, Carrie, die sich wegen einer unglückseligen Mischung aus bipolarer Störung, Depressionen und Alkohol nie richtig um ihre Kinder kümmern konnte und 2012 starb. Die Zuschauer sind sofort drin in seinem Kosmos aus seltsam schimmernden Kindheitserinnerungen: Andächtig sitzen sie in den roten Theatersesseln. Ganz am Ende des Abends wird irgendwo ein Plastikbecher umfallen – es ist das einzige Mal, dass der geruhsame Melodienstrom kurz unterbrochen werden soll.

Auch wenn sie auf der Bühne opulenter klingen, gespielt mit vielen verschiedenen Instrumenten, bleiben Stevens‘ Lieder zaghafte, zarte und vor allem traurige Folk-Songs: Lieder über die Vergänglichkeit der Dinge, Verletzung und suizidale Verzweiflung. „We’re all gonna die“, geht der Refrain von Fourth Of July. Der gebürtige Detroiter wiederholt diese Zeile ein ums andere Mal, flüsternd und fast hallend. Es ist vor allem die Musik, die himmlisch-verträumten Harmonien und erdigen Gitarrenklänge, die er zusammen mit seiner sehr guten, vierköpfigen Band spielt, die bei all der schmerzenden Wehmut Linderung verschafft: Man hört Mandolinen und Pedal-Steel-Gitarre, streichende Jazzbesen, Chimes und blubbernde Synthesizer. Der Songwriter selbst wechselt zwischen Klavier und Akustikgitarren – eine davon in rustikaler Kastenform, wie sie auch der Blues-Musiker Bo Diddley zu spielen pflegte. Am Ende von Vesuvius“ (von THE AGE OF ADZ), eines der wenigen Songs von Stevens‘ früheren Alben, steht mit einer Flöte vor dem Mikrofon – ein wenig so als wäre er für einen kurzen Moment wieder der kleine Junge aus seinen Liedern.



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