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Meinung

Drei Momente, in denen man Fynn Kliemanns und Olli Schulz‘ „Hausboot“-Doku infrage stellen muss

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Seit Dienstag, 9. März 2021, zeigt Netflix ein neues deutsches „Original“ im Stream: In der vierteiligen Doku „Hausboot“ begleiten wir den Heimwerker, YouTuber, Werber, Unternehmer, Musiker und Influencer Fynn Kliemann sowie den Musiker, Entertainer und „Fest & Flauschig“-Podcaster Olli Schulz bei ihrem eigentlich zum Scheitern verurteilten Versuch, aus Gunter Gabriels hinterlassenem Hausboot eine Art Wohlfühlstudio für Bands zu machen. Anfangs geben sie sich enthusiastisch, versichern der Tochter des 2017 verstorbenen Gabriels etwa, dass „der Tisch hier, die Decke, überhaupt das Wohnzimmer hier ja noch völlig okay seien, das lassen wir so!“. Im weiteren Verlauf, in dem sie das Boot entrümpeln und mithilfe von Fachleuten hinter Wände und unter Böden schauen, dämmert ihnen, dass sie nichts weiter als einen maroden Haufen Schrott gekauft haben und kritisieren sich – zu spät – selbst dafür: „Wenn 100 Leute das Boot besichtigten und nicht haben wollten, hätten wir uns nicht über unser vermeintliches Glück freuen sollen“, sagt Kliemann in einer Szene sinngemäß zu Schulz. „Wir hätten merken müssen, dass das hier ein Himmelfahrtskommando ist.“ Und damit wären wir schon bei einem von mehreren Punkten, an denen man die trotzdem sehr unterhaltsame, kurzweilige und gute Dokumentation „Das Hausboot“ infrage stellen muss.

1. So dumm kann keine*r sein

Wer kauft bitte ein uraltes Hausboot für 20.000 Euro, ohne das Objekt vorher von einem Gutachter oder einer Gutachterin prüfen zu lassen? Da auf diesem Fehler von Schulz und Kliemann die gesamte Fallhöhe des Plots von „Das Hausboot“ fußt, muss man sich als Zuschauer*in fragen dürfen, ob die ja nun nicht dummen Schulz und Kliemann wirklich so dumm und kurzsichtig waren – oder ob sie aus erzählerischen Gründen bloß so tun. Jeder Blick auf ein Detail des Schiffes offenbart weitere, teilweise schier unbezahlbare Kostenpunkte. Sie lassen für 5000 Euro Lack auftragen, der ein paar Wochen später wieder abgeschliffen und neu aufgetragen werden muss. Sie entkernen das Wrack bis auf seine letzten verrosteten Stahlstreben. Allein der spätere Sandschliff im Rumpf des Bootes kostete 1000 Euro pro Tag – nur für den Sprit des Generators. Über Monate hinweg wurden etliche Menschen beschäftigt und hoffentlich auch dafür bezahlt, ein Schrottobjekt wieder tauglich zu machen, das man wohl für einen Bruchteil der Kosten hätte neu bauen können. Wäre aber keine Story gewesen, schon klar. Da Kliemann und Schulz aber trotz ihres jeweiligen Erfolgs keine Millionäre sein dürften und im weiteren Verlauf der Doku sogar den interessierten Tim Mälzer als Investor nicht ins, Achtung, Boot holen, liegt der Verdacht nahe: Die Kosten, die geschätzt ins Sechsstellige gegangen sein dürften, muss Netflix doch teilweise mitbezahlt haben. So oder so: Der wahre Held der Doku ist ihr Projektleiter und Allround-Profi Max, der – da Geld offenbar irgendwie doch keine Rolle spielt – für jedes Problem eine Lösung findet und die Launen und fixen Ideen von Schulz und Kliemann sehr lange sehr entspannt aushält. Bis ihm irgendwann doch mal der Kragen platzt.

2. Humor, der mindestens unsensibel wirken kann

Kliemann und Schulz sind nicht das, was man heutzutage typischerweise als „alte weiße Männer“ umschreiben würde. Sie würden sich wahrscheinlich selbst als „woke“ bezeichnen. Männer sind sie aber schon, und „Männer-Humor“ kommt in zwei Szenen in „Das Hausboot“ aus ihnen heraus: Einmal begehen sie ihr Hausboot mit Innen-Architektin Vivian Graé und diskutieren darüber, wer von ihnen welchen Raum bekommt. „Du kriegst den Einzelraum“, sagt Kliemann zu Schulz. Der antwortet grinsend: „Die kleine Wichskabine!“ „Ja, die kleine Wichskabine“, sagt Kliemann, und alle lachen. Auch Graé, mutmaßlich aber nur aus Höflichkeit: So einen Spruch sollte man 2021 höchstens noch in der Herrenumkleide reißen, aber nicht in Anwesenheit einer Frau. Vielleicht sieht Graé das wirklich nicht so schlimm an, wollen niemanden bevormunden. Nur zu Bedenken geben: Einer Frau ungefragt Bilder männlicher Masturbation in den Kopf zu setzen, kann durchaus als unsensibel bis übergriffig gewertet werten.

In einer anderen Szene liegen Kliemann und Schulz in einer kleinen Schlafkabine, kuscheln und betrachten den an die Wand gemalten Leuchtturm. Der gefällt ihnen nicht so gut, aber „wenn du hier liegst, sieht das aus, als ob Dir ein Pimmel auf dem Kopf wächst!“, sagt Schulz – und Kliemann wirft seine Beine über den Kopf und hält seinen fiktiven Leuchtturm-Penis fest. Gut, keine Frau im Raum, aber eine Kamera. Alle lachen. Lustig? Geht so.

Fynn Kliemann in der Doku „Das Hausboot“

Und dann wäre da noch die Büste im Wohnzimmer: eine ausrangierte Schaufenster-Puppe, deren Oberkörper auf einer Kommode steht. Eine weibliche Puppe mit freigelegter Brust. Auch hier mag man sagen: Mei, es ist nur eine halbe Schaufenster-Puppe. Die leider aber sinnbildlich dafür steht, dass hier vorrangig Männer am Werk waren und als Studiogäste wohl auch sein werden. Die stören sich mutmaßlich nicht daran. Anwesende Frauen eventuell schon.

Über die Glorifizierung des „deutschen Jonny Cash“ Gunter Gabriel haben wir an dieser Stelle noch nicht einmal gesprochen:

Wenn es diese drei für sich gesehen kleinen Szenen – Szenen übrigens, die dem männlichen Autor dieses Textes auch kaum aufgefallen wären, hätte ihn seine Frau nicht darauf hingewiesen – in die Serie geschafft haben, ist davon auszugehen, dass im Laufe der Bauarbeiten noch dutzende weitere solcher Sprüche gefallen sind. Pimmelhumor halt, harmlosestenfalls. Dass sie überhaupt zu sehen und zu hören sind, könnte man Kliemann und Schulz andererseits fast wieder zugute halten: Sie geben damit mutmaßlich zu, neben guten Witzen auch vor Altherren- beziehungsweise Teenager-Humor nicht gefeit zu sein. So wie an anderen Stellen deutlich wird, wie ungemütlich Olli Schulz offenbar sein oder werden kann. Hätte er im Schnitt auch kicken lassen können, das. Wollte es anscheinend drin lassen. Fair enough.

Edit: In einer früheren Version dieses Meinungstextes war explizit von Sexismus die Rede. Gemeint war dies nicht als Unterstellung gegenüber den Protagonisten, sondern als Hinweis, genannte Szenen in diese Richtung rezipieren zu können. Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, haben wir den Begriff entfernt.

3. Die Corona-Party

Als die Planungen und Umbauten des Hausboots, das ein Studio werden soll, begannen, konnte noch niemand ahnen, dass nicht nur mangelnde Kohle oder Motivation, sondern auch eine weltweite Pandemie ihnen einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Hat sie schlussendlich nicht, weil die Arbeiten im Frühjahr 2020 schon weit genug fortgeschritten waren. Ab wann die Dreharbeiten unter Corona-Bedingungen weitergingen, sehen wir an der Stelle, an der Produzent Moses Schneider lediglich mit dem Usus gewordenen Fistbump begrüßt wird. Fragwürdig bleibt aber die Tatsache, dass die Einweihungsfeier des Bootes – das entgegen Schulz‘ Vorschlag leider nicht auf den Namen „G.Unter“ getauft wurde – trotzdem, in kleinerer Runde, stattfindet. Da stehen dann rund 20 Menschen auf dem Dach des Bootes ohne Masken und allzu viel Abstand, stoßen an, freuen sich wohl auf nicht nur einen Drink und versacken später in der Couchecke im Boot. Als Zuschauer*in freut man sich einerseits für das Team und seine Leistung – und denkt sich andererseits: „Selbst so eine Party habe ich schon sehr lange nicht mehr mitgemacht.“ Wir gehen fest davon aus, dass alle Beteiligten, wie bei derartigen Produktionen üblich, vorher auf Corona getestet wurden. So viel Geld dürften Netflix, Kliemann und Schulz ja wohl auch noch übrig gehabt haben. Aber ein kleines bisschen Partyneid, der bleibt.

„Das Hausboot“, vier Folgen á 30-45 Minuten, seit 9. März 2021 auf Netflix im Stream verfügbar

Screenshot / Netflix

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