Popkolumne, Folge 188

Zwischen Künstlern, die für nichts etwas können und Sluts, die an allem schuld sind – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Moinsen, das wird jetzt wieder so eine anstrengende essaymäßige Kolumne wo ich 1000 Querverbindungen ziehe, angefangen vom Woodstock 1999 bis zu Incels heute, tut mir Leid und schnallt euch an.

Wie das Pepe-Silva-Meme: Paula in der vergangenen Woche bzgl. 2000er Slut-Kultur

Okay, wie ihr alle habe ich die dreiteilige Doku über das Woodstock 1999 namens „Trainwreck: Woodstock ’99” auf Netflix gesehen (Soethof und Volkmann berichteten bereits). Ich will jetzt alles Wichtige, was dazu schon gesagt wurde, gar nicht wiederholen, ich fand die Doku wie viele andere irgendwie schon heftig, aber auch nicht so gut. Es war so: Najaaa, schlechtes Wasser, viel Müll, Hitze, alles zu teuer, Rumgemackere, paar Sachen anzünden – wer schon mal auf einem Festival oder in Hamburg war, kennt’s. Aber ich bin, seit ich das erste Mal davon erfahren habe, SÜCHTIG nach allem was Woodstock betrifft, das Wissen um dieses Festival hat mich damals sozusagen anpolitisiert, ich wäre da gewesen – und zwar 1969, genau wie 1999, wenn ich gekonnt hätte und ich würde auch heute noch hingehen. Ich liebe Festivals und Friedensbekenntnisse und ich weiß was daran nicht stimmt, aber ich liebe die Utopie. Einmal war ich auf dem Przystanek Woodstock in Polen und es war spitze: billiges Bier, Peace Patrol statt Polizei, selbstgebaute Hütten, okaye Bands.

Über die Mackerkultur ums Millenium herum und die Wut junger Männer wurde auch schon viel gesagt, und ich verstand ca. 2002, als es Marilyn Manson in Michael Moores „Bowling for Columbine“ sagte, dass wir Kids jedes Recht auf Wut hatten wegen lügenden Politikern, drohendem Krieg, Zukunftsangst, den Hass schürenden Medien, der Enttäuschung über die vorherigen Generationen – und dass Unterhaltungskünstler damit überhaupt gar nichts zu tun haben, weil sie nur irgendwas spiegeln und so weiter. Das musste über die Jahre von progressiver Seite oft wiederholt werden, weil immer klarer wurde, dass es nur halb stimmte: Bands, die Gewalt propagieren, Computerspiele, in denen man sie nachahmt und das Internet, indem die echten Bilder dazu verbreitet werden können und sich zu echten Taten verabredet werden kann – das alles hat nichts mit der Radikalisierung von Männern zu tun. CUT! Irgendein Incel hat mal wieder Leute erschossen und ein Manifest hochgeladen.

In der HBO-Doku zu Woodstock ’99 „Peace, Love, and Rage“ (die viel besser ist als die von Netflix und durch die klar wird, dass es weitaus schlimmer war als ich oben beschrieb – zum Beispiel wurden einige Frauen vergewaltigt) fiel dann eine Aussage, auf der ich seitdem viel rumdenken musste. Es ging darum, wie viele Mädchen und junge Frauen sobald Kameras auf sie gerichtet wurden (auch von MTV) ihre Shirts hochzogen um ihre Brüste zu zeigen. Jemand sagte dann, dass es das gewesen sei, von dem Mädchen und junge Frauen eben dachten, das es von ihnen erwartet wird. Und tatsächlich, wenn ich an sichtbare Millenial-Mädchen denke, stelle ich fest: Sie waren nicht wütend wie die Jungs, sie waren vor allem nackt. Der ehemalige MTV-VJ Dave Holmes sagt in der HBO-Doku über die wütenden Woodstock-Jungs den guten Satz: „They were mad at us because we took their MTV away and gave it to their little sisters”. Gemeint war, dass auf MTV nun eben auch die schwulmädchigen Backstreet Boys liefen, die viel kapitalistischer waren als die mega unkapitalistische Undergroundband Korn.

Für die Mädchen selbst gab es folgende Positionen auf MTV: Arschwackeln, „Wohoo“ beim Springbreak schreien, Datingshows, Bitchfights. Einiges davon nannte man „Reality Shows“. Das war die Realität. Junge, wilde GIRLS, sluts, whores, bitches, selbstbewusst, doof, aber schlau. Das wurde viel gesagt in den 2000ern: Sie stellt sich doof und das ist eigentlich total schlau. In dem tollen satirischen Film „Mean Girls“ stellt sich Lindsay Lohan (als Cady) doof und wirft sich an die „Plastics“ ran um sie auszukundschaften und sich mit ihren coolen Außenseiter-Freunden drüber lustig zu machen. Sie zieht ein pinkes Shirt an, um sich an die Girl-Gang ranzuschmeißen, aber es reicht nicht, dass es pink ist, es ist viel zu weit. Es muss kurz sein, sexy. Und an Halloween verkleidet sich Cady gruselig statt slutty, das nächste Fail. „Mean Girls“ hatte es schon 2004 auf dem Schirm und thematisiert: Die Wut von Mädchen sollte sich nur gegeneinander und gegen den eigenen Körper richten. Wir Noobs haben aber das Falsche draus gelernt.

Stattdessen wurden GIRLS immer stärker zur Ware. Während der Ära Britney / Lindsay / Paris / Pussycat Dolls / Xtina gaben sie zwar schon viel von ihrem Körper preis, aber das reichte natürlich nicht. Magazine wie FHM baggerten um noch weniger Hüllen, Paparazzi gaben sich Mühe, unter ihre Röcke zu fotografieren und die ersten Internetfakes machten die Runde. Dann kam „The Most Hated Man On The Internet“ (ebenfalls eine Netflix-Doku). Ein Typ, wie aus einer „Jackass“-Folge rausgepurzelt, der hätte auch bei Woodstock ’99 in der ersten Reihe rumnerven können: Hunter Moore, der Gründer der Webseite „Is Anyone Up?“, die von 2010 bis 2012 online war. Leute konnten Fotos von Frauen, die sie kannten, einsenden, sich dadurch an ihnen rächen oder sie einfach so bloßstellen, dazu gab es Infos über die Frauen, wie ihre Namen, ihren Wohnort und Links zu ihren Facebookprofilen. Viele der Fotos waren gestohlen.

Auch hier musste ich wieder viel an das Verständnis-Gerede denken. Hunter Moore war alles egal, er hatte keine Empathie. Die Wut junger Männer – sie reagiert sich eben ab an Dingen: Zäunen, Bühnen, Frauen. Frauen als Kollateralschaden der Genies und Abgehängten. Ich erinnere mich gut, nicht an die Seite, aber an die Zeit. Wir hatten unsere ersten Smartphones, schickten Leuten Fotos, spielten auch mit Anzüglichkeiten rum, why not. Aber eingeimpft war: Nie darfst du dein Gesicht und deinen Körper auf einem Bild gleichzeitig haben. Egal wie sehr man jemandem vertraute, die Bilder konnten immer in falsche Hände geraten. Unsere Körper konnten zur Ware werden, ob wir wollten oder nicht. Es gab damals Celebrity-Leaks – und unsere männlichen Freunde kannten sie. Es gab Frauen, die reagierten (auch in der Doku kommt eine diesbezüglich zu Wort) darauf so, dass sie selbst Fotos von sich in Umlauf brachten, auch ein paar Stars machten es so. Wenn man es nicht verhindern kann, muss man es selbst machen. Das ist der faulste Kompromiss der Welt. Später nannte man es dann Empowerment. OnlyFans und Co. bauen darauf.

(Podcastempfehlung an der Stelle: „Hype & Hustle – Die OnlyFans Revolution“)

2011 gab es die ersten Slutwalks gegen Victim Blaming und Vergewaltigungsmythen, voll gut, voll notwendig, aber eben wieder eine Umwandlung, eine Umdeutung, eine Umlenkung. Mit der Rolle der Kat (Barbie Ferreira) in „Euphoria“ gab es eine gute Darstellung dieses Dilemmas: Es gibt heimliche Aufnahmen von ihr beim Sex, die werden ins Internet gestellt, sie wird ausgelacht, auch weil sie dick ist. Empowerment aus Not: Sie zieht sich „freiwillig“ im Internet aus, wird „fuckable“, tut wie ihr geheißen, erfüllt ihre Rolle und profitiert scheinbar davon. Sie wird dann zum unempathischen Arschloch, wie es Girlbosse werden sollen.

Die Früchte der Slut-Kultur ernten wir noch heute. Welche Lehren haben wir denn so aus den 2000ern gezogen? Man entkommt dem Ganzen meist nicht, aber man kann es kapitalisieren. Man kann als Frau seine eigenen Fotos verkaufen, bevor es andere tun und man kann als Mann verbal misogyn rumrandalieren und damit TikTok-Star werden. All das ist „selfmade“ und „reality“. Die Ergebnisse: Gamergate, Incels, der organisierte Hass auf Amber Heard, zum Beautydoc rennende Teenies, psychische Krankheiten und so weiter. Weil wir halt viel zu lange dachten, Männerwut wäre harmlos und die Ausbeutung von Frauenkörpern kritisieren prüde.

Aber es scheint jetzt loszugehen. Nach dem Y2K-Hype beginnt die große Abrechnung. #FreeBritney war nur der Vorbote, die „Girls“ der 2000er fangen an, ihre Geschichten zu erzählen und sie sind wütend. Evan Rachel Wood, die bekannt wurde durch ihre Rolle in „13“, hat mit „Phoenix Rising“ (zu sehen bei WOW) kürzlich eine Doku veröffentlicht, bei der sie vom Grooming von „Ich-provoziere-doch-nur“-Marilyn Manson erzählt, von seinen Manipulationen, seinem Missbrauch, den Vergewaltigungen, der Folter, seinem Rassismus und Antisemitismus. Die Doku erzählt aber auch von ihrer Branche, in der Mädchen sexualisiert, ihre Grenzen überschritten werden, sie ausgebeutet und fallen gelassen werden.

Ebenso unerträglich ist die Geschichte von Jennette McCurdy, bekannt geworden als Sam von „iCarly“ und „Sam & Cat“. 2017 gab sie bekannt, nie wieder schauspielern zu wollen und durch ihr Buch „I’m Glad My Mom Died“ – jaaa, es heißt echt so, schaut euch erstmal das Cover an! – weiß man jetzt auch wieso. Sie hasst schauspielern und wollte nie Schauspielerin werden, wurde von ihrer Mutter gedrängt, kontrolliert, manipuliert und missbraucht. Das Buch ist hart zu lesen, merkt man doch währenddessen, was man als Popfan gern allzulang ignoriert hat. Nämlich dass hinter den süßen lustigen Teeniestars (die wenn sie „größer“ wurden allzuoft als Schlampen abgewertet wurden) echte Kinder steckten, die echte Arbeit abliefern mussten. Auch McCurdy hält sich nicht zurück mit Kritik an der Branche, mit diesem ganzen System, das den Druck immer aufrecht erhielt und das bei vermutlich allen körperliche und psychische Schäden hinterlassen hat. Und das Buch zeigt die ganze Problematik der „Momager“ gut auf, der Frauen, die ihre Töchter zu ihrem Produkt machen, denn klar, ohne die Mittäterschaft von Frauen geht das natürlich auch alles nicht.

Aber ich will versöhnlich enden, Leute. Mit ein paar Tipps:

  • Der Film „Anything’s Possible“, bei dem Billy Porter Regie geführt hat, ist ein Coming-Of-Age-Film über ein trans Mädchen (Kelsa, gespielt von Eva Reign) und einen Jungen (Khal, gespielt von Abubakr Ali), die sich ineinander verlieben und mit dem was die Außenwelt für Probleme damit hat, konfrontiert werden. Irgendwie kriegen sie das alles ganz toll hin, alle sind am Ende reflektiert, entspannt und alles geht auf. Es ist eher ein Märchen, aber toll. Warum die beiden High School Teenager sein müssen, ist mir nicht ganz klar, sind die Schauspieler*innen ja selbst schon mindestens Mitte 20 … Aber wir sind offenbar immer noch obsessed mit Teens.
  • Wie du ein cooler Typ bist und die Reißleine ziehst, bevor du andere verletzt, macht Tom Holland vor. Er sprach kürzlich über soziale Medien und Mental Health.
  • Einer meiner liebsten 2000er-Songs ist „Sunshine“ von Lil’ Flip feat. Lea. Er ist voller misogyner Scheißzeilen. Gott sei Dank bin ich jetzt alt und Leute covern die Songs meiner Jugend. Die 2022-Version von Tyga, Jhené Aiko und Pop Smoke ist nicht nur geiler, sie kommt auch ohne frauenverachtenden Müll aus. Es war also die ganze Zeit nicht nötig? Mindblown.

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