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Highlight: 13 Acts, die wir auch nach ihrem Mainstream-Durchbruch gut finden

Arcade Fire Everything Now


Columbia/Sony/VÖ: 28.07.

In der Nacht fühlen sich Arcade Fire besonders wohl. In der Dunkelheit erdachten sie ihre Fluchtpläne durch Tunnelsysteme, stöberten in der NEON BIBLE, erinnerten sich an die Vororte ihrer Jugend, ließen sich von Glitzerlicht und Voodoo verzaubern. REFLEKTOR besaß nicht die besten Songs ihrer Karriere, aber die intensivste Atmosphäre: ein Post-Disco-Zauberwald, mit Masken und Themen der digitalen Gesellschaft. Einige hatten gewettet oder gehofft, die Band würde sich danach wieder auf ihre ursprüngliche Stärke konzentrieren: der Indierocksong als von der Gitarre geführtes Spektakel. Doch Arcade Fire sind noch nicht so weit.

Live ist das eine andere Sache, da lassen sie den Rummel zu. EVERYTHING NOW ist dagegen eher eine Laborplatte. Pop ist ein Ziel, der Titelsong legt die Lunte. Doch dann geht es wieder raus in die Nacht, „Signs Of Life“ hat Handclaps, Four-to-the-Floor-Drums und Synthiestreicher, willkommen in der Mutant-Disco! „Chemistry“ erinnert an die weißen Mainstreampopper, die Anfang der 80er-Jahre Reggae-Parodien in die Charts bringen wollten, zum Beispiel an Godley & Creme.

Interessant ist, dass Win Butler diese leichtfüßigen Stile eigentlich gar nicht kann, er singt unbeholfen, man denkt an deutsche Showmaster, die sich Anfang der 80er als Rapper versucht haben, weil das gerade „in“ war. Butler ist also kein guter Funk-, Soul- oder Disco-Sänger, was wiederum hilft, seine Botschaften zu vermitteln: Es geht um die Suche nach Leben in einer Zeit, die technisch rasante Fortschritte macht, gesellschaftlich aber gefährlich weit zurücktaumelt, wie ein angeschlagener Boxer, der sich in die eigene Ecke verkriecht, um nicht final auf die Bretter zu gehen.

Régine Chassagnes großer Moment ist „Electric Blue“, wieder Disco, hier aber feminin, in höchsten Registern – und elegant. Die beiden großen Momente kommen am Ende: „Put Your Money On Me“ geht mit seiner Liebe zu ABBA viel weiter als „Everything Now“, in Minute 3:30 drehen Arcade Fire das fabelhafte Stück in Richtung „The Winner Takes It All“ , das Ende nach knapp sechs Minuten kommt viel zu früh. „We Don’t Deserve Love“ erinnert an die überirdischen Hymnen der Flaming Lips, es ist das perfekte Lied für den Moment, wenn sich die Menschheit für einen anderen Planeten bewerben muss und mit der Frage konfrontiert wird, warum in Gottes Namen man die eigene Erde zerstört habe. Butler singt „try to figure it out, you’ll never figure it out“, die Band spielt dazu luftig-feierliche Popharmonien: So klappt das mit der Untermiete.

Arcade Fire in Berlin: Die größte Indierockband der Welt


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