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Album der Woche

King Krule Man Alive!


Young Turks/XL/Beggars/Indigo

von

Junge Eltern wissen, was passiert, wenn das Kind plötzlich da ist: Man tut nun Dinge, deren Sinnhaftigkeit man selbst nicht versteht. Junge Eltern greifen sich ein Stofftier und tun so, als könne es sprechen. Sie schaufeln Pastinakenbrei in sich hinein, um ihn dem Kind schmackhaft zu machen. Und überall im Haus stellen sie das Radio an, in der Hoffnung, die ständige Geräuschkulisse möge das Kind beruhigen, wenn es nicht schlafen will. Wenn es einfach nicht schlafen will.

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Archy Marshall ist vor wenigen Monaten zum ersten Mal Vater geworden, er steckte damals mitten in den Aufnahmen zu diesem Album, seiner dritten Platte als King Krule. Bis dahin war der Prozess abgelaufen wie zuvor, Marshall residierte als Künstler-Flaneur in Südlondon, die Leute dort gingen normalen Jobs nach, er hatte in den Tagesstunden viel Zeit totzuschlagen, ging in den Pub, soff, schaute sich die Leben um ihn herum an und schrieb abends angemessen benebelt Songs über Kopfverletzungen und die Zumutungen des Einkaufs in einem modernen Supermarkt. Diese Arbeitsweise sorgte dafür, dass sich die Aufnahmen hinzogen, sodass sein Plan nicht aufging, das Album vor der Geburt des Kindes fertig zu bekommen. Daher stand mitten im Prozess ein Umzug an: Raus aus der Stadt, ab aufs Land, in den Nordwesten der Insel, zur Mutter und zum Kind.

MAN ALIVE! spielt an zwei Orten. Das Album bietet Großstadtsongs, die kaum jemand so dicht schreiben, arrangieren und produzieren kann, wie King Krule. „Stoned Again“ erinnert an Mike Skinners Erzählungen als The Streets, doch neigt King Krule nicht dazu, seine Situation als Slapstick zu betrachten, das Stück ist eine rabiate Abrechnung mit dem Benebeltsein: Ein handgespielter HipHop-Beat trottet voran, die Gitarre spielt gespenstisch, ein Saxofon dröhnt, Marshall verzweifelt an sich selbst. Nein, das ist kein guter Trip, aber das Stück ist überragend. „Comet Face“ beginnt dann nach dem Aufwachen, nun beobachtet Marshall die anderen draußen, fragt sich, was mit ihnen passiert sein muss, der Song besitzt die hektische Dringlichkeit des Postpunk, wieder seufzt ein Saxofon des Todes, es ist der vierte Track von MAN ALIVE! – und doch ist man schon ziemlich fertig. Das sind die City-Songs.

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„Perfecto Miserable“ spielt in einer anderen Umgebung. Marshall klingt müde, nuschelt „you’re my everything“, lässt das Stück dahinfließen, wie es der immermüde Damon Albarn auf seinen besten Solostücken macht. Marshall sagt, er habe beim Radiohören mit Baby sehr viel Musik aufgeschnappt, die er gar nicht so sehr gemocht, die ihn aber dennoch beeinflusst habe, insbesondere dieser lasche Bossanova-Pop, mit dem Informationsprogramme ihre Schreckensnachrichten umranden, damit den Hörern zwischen Krieg und Brexit nicht die Lust am Café Latte vergeht. „Perfecto Miserable“ klingt nach einer Albtraumversion dieser Radiomusik, bei „Airport Antenatal Airplane“ imitiert King Krule mit seiner Heimelektronik die fluffigen Latinbeats. Wieder nuschelt er nur noch, ein Stil, den Robert Wyatt im britischen Pop etabliert hat. Der laute, schreiende King Krule aus den ersten Stücken ist verschwunden, erhält aber noch eine letzte Botschaft vom Lande: „(Don’t Let The Dragon) Draag On“. Doch die Reise geht weiter: „Theme For The Cross“ ist Ambient-Jazz, „Underclass“ ein Song für die letzte Hotelbar, die noch geöffnet hat. Der Künstler gibt hier den Parallelwelt-Sinatra, den er schon auf seinen allerersten Aufnahmen draufhatte, als er sich noch Zoo Kid nannte. Am Ende stehen Bläser, die dieses Stück tatsächlich ins Swingen bringen. Richtig wach wird das Album danach nicht mehr, es schläft vor Erschöpfung ein.

Und nun viel Spaß, aus diesem Trip Lieder für die Playlisten zu extrahieren. Das kann man natürlich machen. Aber es ist definitiv die größere Freude, sich MAN ALIVE! komplett hinzugeben, mit der Folge, dass man sich, egal wo im Album man sich befindet, schon auf die anderen Dimensionen dieser Platte freut. Was auch bedeutet, dass das Sequencing nicht verhandelbar ist.


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