Album der Woche

Torres Thirstier


Merge/Cargo (VÖ: 30.7.)

von

Torres, ein Name wie Türme! Aber keine efeudekorierten Märchentürmlein, sondern Türme, die flink übers Schachfeld jagen – je später der Abend, je weiter die Partie, desto wendiger und wuchtiger. Schachfans (und Future-Schachfans, die gerade auf Netflix „Damengambit“ gesehen haben) wissen: Am Ende des Abends sind zwei Türme sogar noch mächtiger als die omnipotente Dame. Davon weiß Mackenzie Ruth Scott, 30, die sich auf der Bühne Torres nennt, viele Lieder zu singen. Nicht nur dass sich Torres gern als „ass man“ bezeichnet und auf ihrem dritten Studioalbum THREE FUTURES (2017) auch noch mackerhaft-breitbeinig fürs Cover posierte – nein, auch die Torres-Umgangsformen sonst sind wenig damenhaft, wenn man ihr dämlich kommt.

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Ironie der Geschichte, dass ihr altes Label 4AD Records (The National, Beirut, Future Islands) aus dem vereinbarten Drei-Platten-Deal schon nach einer Platte ausstieg; nach besagtem Album, das ausgerechnet THREE FUTURES hieß. Laut Aussage von Torres fand das Label sie dann doch zu wenig kommerziell. Ihre Reaktion auf Twitter damals: „I wish them all the best. Also, fuck the music industry.“ Hahaha.

Nun also fickt Torres die Musikindustrie

Nun also fickt Torres die Musikindustrie. Mit THIRSTIER erscheint schon ihre zweite Platte auf dem durch Grunge indie-groß gewordenen Label Merge. Zwar hantiert Torres mit schmalerem Budget als bei 4AD, doch zugleich mit breiter aufgeklappter Klangpalette. Noch breiter als ihre „Mackerbeine“ auf dem alten Cover. Kaum dachte man, zum Beispiel bei der jüngsten Garbage– Platte, jetzt ist aber wirklich Endstation Rock erreicht, kommt Torres mit Stadion-Rock de luxe um die Ecke, ein Genre, das zuletzt ja nur noch Arcade Fire beherrschten – aber selbst die nur noch routiniert.

Bei Torres hingegen klingt alles frisch; noch nie war sie so vielseitig und vielsaitig drauf, auch wenn sich das bei den beiden Vorgängern THREE FUTURES (2017) und SILVER TONGUE (2020) schon abgezeichnet hat, dass das noch steiler nach oben geht und sie sich nicht mehr mit dem auch schon tollen Lofi-Schrammel-Rock der frühen Tage begnügt. Doch auf ihrer fünften Platte nun übertrifft Torres, sich noch mal selbst. Dieser fulminante Aufstieg auf den Klangthron lässt sich allenfalls noch vergleichen mit Mitski, die in den letzten Jahren ähnliche Schritte ging.

Auf der Messerschneide zwischen heimischen Alltagsproblemen und unheimlichen Abgründen

Der THIRSTIER-Opener „Are You Sleepwalking“ hat was von Muse zu glorreichen Zeiten; „Kiss The Corners“ erinnert an den Vocal House von Robyn; „Hand In The Air“ ist Glam-Punk à la Placebo. Dazwischen gibt es, perfekt balanciert, emo-balladeske und sogar countryeske Minuten. Die Texte bewegen sich oft auf der Messerschneide zwischen heimischen Alltagsproblemen und unheimlichen Abgründen: Irgendwie ist da ein Laptop plötzlich verschwunden, dabei hat das Paar doch überall nachgesehen, wo es abgeblieben sein könnte – sogar im Eisfach. Einzige Lösung: Eine von beiden (Torres singt ja meist Frauen an, mal mehr, mal weniger deutlich) war Schlafwandeln. Oha.

Im Videoclip zu „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“, einem Song mit Lady-Gaga-würdiger Hook, tritt Torres übrigens zusammen mit ihrem Girlfriend, der Malerin Jenna Gribbon auf, die gerne nackte Frauen malt, auch mal im Fight. Umgekehrt kuschelt Torres mit einem Dino. Freude an Sprachklang merkt man Torres, die bekennender Fan der großen Selbstzweifel-Lyrikerin Sylvia Plath ist, ohnehin oft an: „I hounded you to stay on the ground / It’ll haunt me forever the way you came down.“ Ach, da stimmt einfach alles! Ein Klangdonnerwetter aus Türmen, mit dem Torres die Partie gegen jede Dame derzeit gewinnt. Und gegen die Typen ja eh. Jetzt müssen nur noch die Stadien wieder aufmachen für Torres-Konzerte.


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