Interview

Slowdive im Interview: „Trauer ist unmöglich zu heilen“


Slowdive versuchen, dem Tod etwas entgegenzusetzen. Ein Gespräch über Trauer, Opulenz und Comebacks.

Sechs Jahre nach ihrem selbstbetitelten Comeback-Album schaffen Slowdive eine neue irre Soundweltdichte und versuchen, dem Tod etwas entgegenzusetzen, das weniger endgültig erscheint. Zum Beispiel Opulenz statt Minimalismus. Die früheren Shoegaze-Helden geben sich offen: Konfetti fürs Oversharing!

Was ist euer Geheimnis? Was macht euch so zufrieden? Mit diesen Fragen will man eigentlich sofort das britische Quintett belagern, nachdem man ihrem Auftritt beim Berliner Synästhesie Festival im November 2022 gesehen hat. Denn mal ehrlich: Das beständige Lächeln von Rachel Goswell (Stimme und Gitarre) war wirklich ohrenbetäubend, Neil Halstead (ebenfalls Stimme und Gitarre) ruhte so unfassbar selbstsicher in sich, dass das nicht mehr dem Introvert-Shoegaze und Dream Pop zuzuordnen sein konnte und Gitarrist Christian Savill sowie Bassist Nick Chaplin schauten dermaßen aufmerksam-fröhlich ins Publikum, als sei ihnen eine Zukunft mit zehnfach-verdoppelten Spotify-Erlösen versprochen worden. Selbst Simon Scott blinzelte mit einer Sonnen-Miene hinter seinen Drums hervor, dass man die Frage nach der duften Laune als möglichem Dauerzustand ernsthaft stellen kann. Denn vor allem steht ihre Ausstrahlung im Kontrast zu dem, was bei der Band intern passierte: Goswell verlor ihre Mutter und Scott den Vater.

Als dennoch für 2023 eine neue Platte angekündigt wurde – die fünfte seit der Gründung 1989 und die zweite nach ihrem 2017er-Comeback-Album – war klar, dass hier etwas im Gange ist, das dieser Gruppe eine Motivation gibt, auf eine Weise weiterzumachen, die auch nach so einer ausdauernden gemeinsamen Zeit jedem Bandmitglied erlaubt, sich so auszudehnen, dass es sich selbst auf der Bühne in alle Richtungen ausstrecken kann, als wäre es gerade ins heimische Bett gefallen und hätte nur noch das Kissen kurz ausschütteln müssen.

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EVERYTHING IS ALIVE klingt auf Albumlänge dann tatsächlich wie der Sofia-Coppola-Film, den die Regisseurin machen würde, wenn sie nach Italien ziehen und nur noch Salsiccia-Pizza essen würde. Die acht Tracks strahlen diese Art von Üppigkeit aus, die Zeitsprünge möglich machen. Die alles hören und fühlen lassen; und trotzdem kann man nicht den Finger genau darauf halten, wieso man sich gut und schlecht zugleich fühlt.

Während Goswells Katze eine Maus durch ihre Wohnung trägt, tasten wir uns im Gespräch mit ihr und Christian Savill an die großen Themen wie Familie und Tod heran, um dann mit dem im Baulärm sitzenden Neil Halstead über den Wechsel vom ursprünglich favorisierten Minimalismus zur Opulenz zu sprechen. Aber auch über die Vergangenheit, als sie sich allesamt mit den verschiedensten Musik-Backgrounds kennenlernten und nun gemeinsam neu beginnen – und das trotz allem mit jeder Menge Hoffnung.

Willkommen zurück im Album-Tour-Zyklus: Wie viel Vorfreude habt ihr aufs Tourleben?

CHRISTIAN SAVILL: Auf diesen ganzen Band-Alltag habe ich gerade wieder große Lust. Aber äquivalent dazu bin ich auch wahnsinnig nervös. Ähnlich wie zu den Anfangstagen fragt man sich wieder: „Was werden die Leute bloß von mir und uns denken? Was wird passieren?“ Oder wie ist es bei dir, Rach?

RACHEL GOSWELL: Die Frage nach dem, was passieren wird, stelle ich mir schon auch häufiger. Zum einen gesellschaftlich, aber auch ganz praktisch, wenn ich darüber nachdenke, wie es aussehen soll, wenn ich nicht zu Hause bin. Da wir mit Slowdive in den vergangenen Jahren nicht immens viele Konzerte weltweit gegeben haben, kennt mein Sohn noch nicht meinen Tour-Alltag. Er wusste schon eine zeitlang, dass ich manchmal auch für eine Weile weg sein kann und so richtig erklären kann er sich das nicht, aber mittlerweile ist er 13 Jahre alt und kriegt mehr mit… Ich habe ihn erst kürzlich zu einem Gig mitgenommen und sein Vater meinte, er hätte sehr amüsiert zugeschaut und danach wollte er auf dem Handy sehr lange Fotos von mir durchscrollen. Also er bekommt, glaube ich, grundsätzlich mit, was ich mache. Und ich denke, er wird mich unterwegs immer wieder zu den komischsten Zeiten via Facetime erreichen wollen, wie ich ihn kenne. Es ist schon so: Auf ein Kind mit zusätzlichen Bedürfnissen ist man nie vorbereitet. Ich ahnte in meiner Schwangerschaft nichts davon, es hätte letztlich für mich auch nichts geändert, aber es war schon ein Schock zu Beginn. Und seitdem gehe ich sehr demütig durchs Leben. Wenn ich mitbekomme, dass er glücklich ist, verdoppelt sich das Glück für mich. Und zu hören, dass er sich bei unserer Show amüsiert hat, ist für mich die Welt.

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2010 wurde Rachel Goswells Sohn Jesse taub und mit dem CHARGE-Syndrom geboren, was bei ihm zu Sehstörungen und mit fünf Monaten zu einer Operation wegen eines Herzfehlers führte. Goswell, die bereits seit 2006 mit anhaltendem Tinnitus sowie Ohr- und damit zusammenhängenden Balance-Problemen zu kämpfen hat, zog sich nach der Geburt ihres Kindes aus dem Bandleben zurück – endgültig, wie sie dachte. Doch Halstead bat sie schon 2013 darum, wenigstens bei seinen Solo-Gigs in London live dabei zu sein. Sie fühlte sich bereit dazu, sich zumindest mit Unterbrechungen wieder in die Musikwelt zurück zu wagen. Im Jahr 2017 dann sogar mit dem selbstbetitelten Slowdive-Comebackalbum und nach der Corona-Pandemie mit einem neuen Heranwagen an „das Band-Ding“ – jetzt auch mit einem weiteren Album und einer ausgedehnten Tour. Goswell und Halstead, beide inzwischen 52 Jahre alt, kennen sich seit den 70ern, als sie in Reading kurz hintereinander ihren Gitarrenunterricht absolvierten. Dennoch war nicht sofort klar, dass sie zusammen in eine Band passen würden …

NEIL HALSTEAD: Es ist schon irgendwie unglaublich, dass wir immer noch miteinander zu tun haben. Wir alle – also nicht nur Rachel und ich – starteten mit einem so unterschiedlichen musikalischen Background. Aber irgendwie half der uns seit jeher, dass wir gemeinsam auf den Punkt eine Spannung in der Musik erschaffen konnten, die wir allein gar nicht hinbekommen hätten. Zusammen können wir auf eine gewisse Weise auch naiver an die Musik herangehen.

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Inwiefern unterscheidet sich euer Musikgeschmack heute noch?

HALSTEAD: Nick ist der 80s-Alternative-Typ, der The Cure und New Order mag und das auch in sein Bassspiel deutlich einbringt. Aber er hält keine Sekunde Ambient aus, was ich dagegen sehr liebe. Rachel hat beständig Goth gehört und das versucht sie einfließen zu lassen. Christian und Simon waren immer schon mehr auf der Indie-Seite der Dinge. Das führt dazu, dass wir uns heute noch häufig sehr deutlich sagen müssen, wenn wir was im Studio nicht mögen, aber dadurch fühlt sich immerhin nie jemand angegriffen, weil wir unsere unterschiedlichen Ecken längst kennen. Oft genug sind sie auch der Grund, weshalb wir uns in der Mitte treffen und daraus was Neues machen. Dieses Mal war der Plan: Innerhalb der Musik mehr Freiraum finden. Und neben dem Organischen das Elektronische mehr zulassen.

Wie ist für dich die Zeit nach dem Beenden und vor dem Veröffentlichen des Albums?

HALSTEAD: Es ist schon komisch, denn ich weiß jetzt schon, dass ich das Album ab jetzt wohl nie wieder hören werde. Einfach, weil wir es auf Tour abändern werden. Nichts bleibt so, wie du es auf der Platte hörst. Und für mich erscheint das nur richtig, denn wir Menschen entwickeln uns beständig weiter und ein Album ist dieses statische Etwas, von dem man sich als Musiker ablösen können muss.

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Du musstest dich aber auch von dem Traum einer minimalistischen Slowdive-Platte verabschieden, richtig?

HALSTEAD: Das stimmt, anfangs hatte ich diese vielen Songparts, die so Minimal-Electro waren, weil ich auch nicht in der Stimmung für Gitarre und den typischen Slowdive-Sound war. Ich wollte an etwas arbeiten, das einen neuen Strang in der Slowdive-Welt ergeben sollte. 40 Tracks habe ich schließlich an die Band geschickt.

Hast du gerade 40 gesagt? 4 0 ?

HALSTEAD: Es war eine Höllen-Arbeit! Aber am Ende teilte ich ja hauptsächlich Ideen und noch nicht fertiges Material, von dem ich immer die Hoffnung hatte, dass es zu einer ganzen Story werden könnte. Und nun haben wir diesen opulenten, emotionalen Eklektizismus zusammengebastelt. Wir kamen allesamt aus einer Phase unseres Lebens zusammen, in der sich vieles schwer und unklar anfühlte. Erst dachten wir an „Everything Is A Lie“ als Titel. Aber dann wollten wir es nicht vollkommen düster angehen. Und eben ein bisschen mehr Raum für andere Dinge lassen.

EVERYTHING IS ALIVE soll nun auch etwas Hoffnung mit sich bringen. In Zeiten von Klimakrise und gespaltener Gesellschaft, die ihren Frust im Internet herausbrüllen kann, wollen sie gegen die scharfen Kanten anspielen. Ein bisschen Luft in die Stickigkeit des Augenblicks und des Unausweichlichen bringen. Selbst sind sie dabei aber nicht vor den alltäglichen Gefahren gefeit…

GOSWELL: Als wir das Album aufnahmen, nutzten wir die Pausen ständig, um am Handy zu sein. Neil war da noch der vorbildlichste und hielt auch mal einen Moment ohne Internetzugang aus. Aber das dann auch nur, um uns alle darauf hinzuweisen, wie schlimm es wäre, dass wir so süchtig seien. Und eigentlich bin ich die Erste, die sagt, dass wir die Smartphones auch in der Tasche lassen können. Ich bin ein selbsternannter „Oversharer“, ich brauche dafür nicht mein Telefon. Ich kann auch mit den anderen über die Musik reden! (lacht)

SAVILL: Bevor wir im Oktober 2020 mit den Albumaufnahmen loslegten, nutzten wir die Zeit, um uns bewusst ohne Handys zusammenzusetzen und einfach nur zu reden. Wir wollten uns als Band neu kennenlernen und gemeinsam neu beginnen. Das war schon etwas Besonderes, gerade weil solche fokussierten, gemeinsamen Stunden wieder flöten gehen, wenn es nur noch um das Produzieren einer Platte geht. Aber vorher sprachen wir mal ausgiebig miteinander.

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Das ist der Part, den ich mir so schwer vorstellen kann, denn es ging bei diesen Gesprächen ja wohl auch viel um den Tod. Rachels Mutter und auch Simons Vater starben, kurz bevor ihr mit dem Album begonnen habt. Den beiden Verstorbenen ist das Werk gewidmet. Häufig haben Menschen Angst vor Gesprächen über den Tod. Viele wenden sich sogar von den Trauernden ab. Ihr habt das Thema in den Vordergrund gestellt und labelt es nun mit EVERYTHING IS ALIVE – was zwei enorme Schritte sind, wenn man bedenkt, dass das alles so nah an euch dran war und ist. Aber ist es tatsächlich so linear, wie es jetzt für mich klingt?

GOSWELL: Trauer ist etwas Wellenartiges, sie ist deshalb ziemlich schwer zu greifen. Und auch zu verstehen. An manchen Tagen fühlt man sich so okay, dass man es fast als „normal“ bezeichnen möchte, und dann kommt der nächste Trauerschub und erwischt einen eiskalt. Simon und ich verloren nur wenige Monate nacheinander ein wichtiges Familienmitglied. Das brachte uns auch näher zueinander. Nur wir wussten, wie es sich wirklich anfühlt, was wir durchmachen und wie wir uns gegenseitig zum Durchhalten bringen können. Wir hatten ja echt keinen Plan, wie es weitergehen soll. Die Studiozeit im Herbst 2020 war dann überraschend hilfreich. Wobei ich nicht sagen kann, dass es ein richtig heilendes Element hatte. Trauer ist unmöglich zu heilen. Aber es gibt jetzt einen Umgang damit.

Hast du Angst vor dem Tod?

GOSWELL: Die hatte ich nie. Das muss wohl daran liegen, dass sowohl meine Oma wie auch meine Mutter Krankenschwestern waren und mit dem Thema und ihrem Alltag auf der Arbeit sehr offen umgegangen sind. Krankheiten und Tod waren regelmäßige Gesprächsthemen in unserer Familie. Das Reden darüber zu scheuen, hätte für sie bedeutet, wegzusehen. Die schwierigen Dinge im Leben zu ignorieren und damit auch den Blick für alles andere nicht richtig offen zu haben. Das habe ich übernommen.

Warum habt ihr unbedingt 2020 mit den Albumaufnahmen loslegen wollen und euch nicht doch mehr freie Zeit gegönnt?

GOSWELL: Weil meine Mutter Slowdive liebte und wir diese Platte so gemacht haben, dass sie sie abgenickt hätte. Alle in der Band kannten sie und auch Simons Vater, weil sie ständig bei den Konzerten waren. Wir wollten etwas erschaffen, das den beiden gefallen hätte. Das sollte ganz unmittelbar passieren. Und so konnte ich jetzt auch den Gig in Exeter spielen, der der erste in der Gegend ohne meine Mutter war. Das ließ mich schon schwer schlucken, aber man braucht für sich ein Narrativ, um auf den Beinen bleiben zu können. Meine Mutter zu verlieren, war ein bedeutender Verlust für mich. Ich musste mich bisher nicht von engen Vertrauten und Freund:innen verabschieden. Ich wusste lange nicht, wohin mit mir. Was macht man mit diesen ersten Malen: den ersten Geburtstag ohne die Mutter, das erste Weihnachten ohne sie?

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Immer wieder nennen sich die Slowdive-Mitglieder im Gespräch gegenseitig die „dysfunktionale, selbstgewählte Familie“. Savill betitelt Schlagzeuger Scott sogar als „Dad“ in der Runde. Ja, sie würden längst nicht mehr in der Musik-Bubble sein, wenn sie nicht das Miteinander so schätzen würden. Wo sie sonst zu finden wären? Ein bisschen haben sie allesamt schon ihren Ausstieg aus dem schnellen Alltag eingeläutet: die Natur ruft. Halstead hat sein Plätzchen am Meer gefunden, an dem er von Tourist:innen in Ruhe gelassen wird und in der Stille auch mal richtig Nachdenken kann. Und damit ist er nicht allein.

GOSWELL: Ich will präsent sein in diesen schweren, komplizierten Zeiten. Das bedeutet auch für mich, dass ich jeden Tag draußen in der Natur unterwegs sein muss. Zwei Stunden mindestens. Ich weiß, ich bin ein Hippie. Aber Simon ist der Krasseste – der ist nur draußen am Rumlaufen und nimmt dort Vogel- und Wassersounds und so was auf.

SAVILL: Das wäre nichts für mich. Ich brauche immer wieder Leute um mich herum. Klar, ich lebe auch eher ländlich und es kann vorkommen, dass ich beim Joggen keinem einzigen Menschen begegne, aber das ist genau das, was mich nach einer Weile regelrecht verrückt macht. Dann muss ich wieder in die Stadt und unter Leute und kann wieder besser atmen. Ich brauche die Mischung.

GOSWELL: Also nein, ich bin ganz glücklich, wenn ich niemanden sehen muss. Es hat auch echt etwas Magisches, wenn man weiß, dass Bäume untereinander kommunizieren können – das Bewusstsein für diese Art von Leben reicht mir eigentlich schon und ich habe das Gefühl, niemals ganz allein zu sein. (lacht)

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