Spezial-Abo

Kritik

Warum wir jetzt sofort über „Killing Eve“ reden müssen

von

Und noch eine Serie weggebingt. Das ist momentan das, wie sich Wochen und Tage besser von einander unterscheiden lassen – durch das Anfangen und Beenden von neuen Serien. Dabei ist das Genre egal, die Schmerzgrenze, was den Schlafmangel angeht, wird auch immer wieder neu eingepegelt. Aber eine Sache, die dieser ganze Serienmarathon mit sich bringt: Alles muss sich an „Killing Eve“ messen lassen. Das ist gar nicht mal so einfach. Denn von der von Phoebe Waller-Bridge kreierten Serie, die auf den „Villanelle“-Romanen von Luke Jennings basiert, geht eine ganz besondere Faszination aus.


An dieser Stelle findest du Inhalte von YouTube

Um mit Inhalten von YouTube zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.
Socials aktivieren

5 Gründe, warum „Killing Eve“ die Serie unserer Zeit ist – trotz einer lauen 3. Staffel

1. Phoebe Waller-Bridge ist verdammt einmalig

2018 ging die erste Staffel von „Killing Eve“ an den Start. Nach „Fleabag“ war es das Projekt von Phoebe Waller-Bridge, von dem man sich extrem viel erwartete. Und man wurde nicht enttäuscht. Wieder schafft es die Britin ein Projekt auf die Beine zu stellen, das verändert. Sie stellt uns Eve Polastri (Sandra Oh) vor – eine Frau, die sich nicht mit dem zufrieden gibt, was sie hat, und jedem zeigt, das es okay ist, nach mehr zu verlangen. Mehr zu wollen, Meinungen zu ändern, Bedürfnisse laut auszusprechen und ihnen auch nachzugehen. Ihre Protagonistin startet als gelangweilte MI5-Angestellte, die immer mehr macht und sagt, als es die Position von ihr verlangt. Das Resultat: Sie wird zur MI6-Agentin, die eine ganze Einheit leiten darf, um geheimnisvolle, weltweite Morde aufzuklären.

Es wäre keine Waller-Bridge-Story, würden wir nun wie im „Tatort“ nach der Täterin oder dem Täter suchen. Schnell spürt Eve die Auftragskillerin, alias Villanelle (gespielt von Jodie Comer), auf – darum geht es also nicht vordergründig. Es geht um die Psyche. Um das, was passiert, als Eve Villanelle kennenlernt und auch anders herum. Sie sind keine einfachen Fälle für einander, die es gilt, zu beenden. Die Frauen sind fasziniert von einander. Und das macht Phoebe Waller-Bridge so einzigartig. Sie schenkt uns nicht eine weitere Crime-Serie, sie lässt uns in die Köpfe der Personen hineinkrabbeln, um die es geht, und ihre Beweggründe studieren. Dabei gibt es Wirrungen, Sehnsüchte, Abgründe, die mal so aufrichtig schön sind, dass sie nur zu Eve gehören können und andere so abgrundtief schlimm und eklig, dass man sie Villanelle zuschreiben möchte. Aber die zwei Frauen sind immer beides: gut und schlecht, abstoßend und aufregend.

Ähnlich wie in „Fleabag“ setzt uns die britische Autorin antagonistische Charaktere vor, lässt uns nicht auf Distanz gehen, sondern sehr weit hineintreten in eine zunächst komplett abwegig erscheinende Geschichte, um sie dann erfahrbar zu machen. Das ist mehr als „The Fall: Tod in Belfast“, wo Ermittelnde mit dem Täter kommunizieren. Hier geht es um ein Verlangen, das man sich kaum traut, auszusprechen. Aber die Hauptfiguren machen das ständig. Sie sagen, was sie denken, gehen weiter, als man es zunächst glauben würde, und überraschen damit.

Das Problem an der ganzen Sache ist nur: Ab Staffel 2 von „Killing Eve“ übernahmen andere Autor*innen das Ruder und entwickelten die Serie zu einem Abklatsch seiner selbst. Die Frauen kreisen weiter umeinander, kriegen sich beständig nur halb und bis zur Staffel 3 ist immer noch nicht klar, wer denn nun eigentlich Villanelle überhaupt beauftragt (lediglich der Name, die „Twelve“ ist bekannt). Einzig die Morde bleiben konstant brutal und raffiniert zugleich. Auch da merkt man wieder, was man an Waller-Bridge hatte. Sie ließ die Serie funkeln. Und davon brauchen wir dringend mehr.

2. „Killing Eve“ besteht locker den Bechdel-Test

Man hört davon ja öfter, nur sieht man es immer noch viel selten in der Realität: Eine Serie kann tatsächlich auch ohne männliche Hauptcharaktere funktionieren. Auch Eves Ehemann Niko (Owen McDonnell) ist ein Nebenstrang zur Haupthandlung und Carolyn Martens (Fiona Shaw) als Head of MI6 ist so unabhängig, das sie nichts aus der Bahn werfen kann. Nicht mal der Tod ihres eigenen Sohnes hält sie davon ab, ihre Arbeit mit unbewegter Mine und einigen zynischen Sprüchen zu denjenigen zu verrichten, die ihr unterstellen, in diesem „Zustand“ und so voller „Emotionalität“ könne sie gar nicht arbeiten. Ja die Serie spielt sogar damit, dass immer etwas zu wenig von den Frauen erwartet wird. Das beginnt schon damit, dass niemand glaubt, Villanelle könnte eine Bedrohung sein, wenn man die große blonde Frau mit ihren großen Augen, der glatten Haut und dem aufgesetzten Lächeln so auf den ersten Blick sieht. Sie gibt die Frau in Nöten, das Dummchen, den gleichgültigen Hipster oder sonst wen, der sich gerne mal von einem Mann auf die Sprünge helfen lässt. Und dann bringt sie um. Schneidet auch mal Genitalien ab, lässt andere beim Morden zuschauen. Genießt diese Art der Aufmerksamkeit.

Und Eve? Die wirkt anfangs so glücklich in ihrer Beziehung. In ihren Strukturen. „Jetzt fehlen nur noch die Kinder“ würde manch einer sagen, aber darum geht es nicht. Wir sehen eine Frau auf der Suche nach dem, was sie erfüllt. Nur geht sie dafür nicht etwa wie in „Wild“ auf einen langen Trip. Sie nimmt ein Messer und sticht es Villanelle mitten in den Bauch. Sie lässt sogar mal den heiß geliebten Job für einen Augenblick fallen, dann probiert sie sich wieder im Reisen um die Welt, um den Wahrheiten näher zu kommen. Auch wenn sich die Serie Staffel für Staffel weiter öffnet und wir in Season 3 schließlich mit beispielsweise Dasha (Harriet Walter) eine weitere Killerin genauer kennenlernen, bleibt das Interesse vor allem bei Eve. Was will sie? Nie wird sich hier an Stereotypen bedient, die Antworten sind niemals einfach und so ist die Anspannung vor Staffel 4, die schon bestätigt wurde, auch wieder groß. Welche Serie kann das schon von sich behaupten?

3. Endlich wird Zuschauer*innen mal richtig etwas zugetraut

Die Hauptregel für das „Killing Eve“-Gucken lautet: Alles, was du bisher gedacht hast zu wissen, könnte falsch sein. Die Wendungen kommen oft und sie kommen auf eine Weise, wie man es sich kaum ausmalen könnte. Ist Eves Mann in Staffel 3 nun tot oder nicht? Für wen öffnet Villanelle ihr Herz noch, abgesehen von Eve? Könnte es nicht doch sein, dass es weitere Auftragskiller*innen gibt, die ebenfalls etwas drauf haben? Und wer sagt hier, dass die allerwichtigsten Charaktere nicht doch auch sterben können? Die Serie stellt alles auf den Kopf. Und um den Zuschauer*innen etwas zu erklären, braucht sie keine Flashbacks. Keine Wiederholungen. Keine Träume. Bekannte Sehmuster werden hier auf jeden Fall durchbrochen. Den Betrachter*innen wird beständiges Mitdenken zugetraut.

Als Erklärungen für Taten und Wendungen müssen außerdem keine Stereotypen herhalten. Warum tötet Villanelle? Fühlte sie sich zu oft missverstanden? Ist die Kindheit an allem schuld? Wohl kaum. Und mal abgesehen davon: Wie selten sind eigentlich Serienkillerinnen in der Film- und Serienwelt?

4. So eine Thriller-Serie kann auch Humor und Esprit haben

„Killing Eve“ ist ein Genre-Sprenger. Die Serie verändert das bisherige Verständnis von Crime-, Comedy- und romantischen Serien. Irgendwie hat dieses britische Format das alles in sich. Da gilt es Morde aufzudecken, es gibt unendlich viele gorige Momente, die einem wirklich nachhaltig den Appetit versauen. Laut der Film- und Seriendatenbank IMDb soll es allein in der ersten Staffel 27 Leichen zu sehen geben. Aber wir stumpfen nicht wie bei sonstigen Formaten des Genres ab. Weil uns nicht lediglich ein regloser Korpus aus der Nähe gezeigt wird, es wird eine Geschichte drum herum erzählt. Mal mit mehr Drama, mal mit mehr Humor.

Dazu gibt es die vermeintliche, verzwickte Love-Story, die eben noch auf anderer Ebene ansprechen will. Eve und Villanelle ziehen sich gegenseitig an. Sie küssen sich. Sie verletzen sich. Sie sehnen sich nacheinander, wollen sich nie nie wieder sehen, nur um sich dann zu fragen, was aus der anderen geworden ist. Staffel für Staffel werden die Gefühle der Frauen füreinander detaillierter wie auch komplexer dargestellt. Wir bekommen eine toxische Beziehung serviert, bei der wir mit debattieren wollen.

Neben all dem Hässlichen und Schönen bringt „Killing Eve“ wirklich oft zum Lachen. Wenn Villanelle auf der Straße zum Beispiel gefragt wird, ob man sie für Instagram fotografieren dürfte und sie verneint, weil das einfach nur „pathetic“ wäre. Oder wenn sie als Beifahrerin die Fensterscheibe anhaucht und dann für alle deutlich sichtbar „help“ dorthin schreibt, nur so aus einer Laune heraus. Oder wenn sie von ihren Arbeitgebern einen Psycho-Test aufgedrückt bekommt, den sie komplett sinnentfremdet. Generell ist es Villanelle, die selbst die schwächeren Folgen noch zu überragenden macht im Gegensatz zum großen Serienrest.

5. Die Musik spielt die dritte Hauptrolle – und sie macht süchtig

Schon mal was von der Band Unloved gehört? Seit „Killing Eve“ läuft, wird für ebendiese Band immer wieder die Shazam-App geöffnet, um zu schauen, was man sich da gerade anhört. Das 2015 in Kalifornien gegründete Trio bietet den Soundtrack zur gesamten Serie. Die Songs entwickeln sich zu beständigen Wegbegleitern, sodass man mit der Zeit glaubt, sie könnten die dritte Hauptrolle sein. Die Texte über Herzschmerz, Schuld und Sehnsucht ziehen sich wie eine Erzählerstimme durch die Folgen. Sie justieren den Ton, wenn es mal zu verspielt oder schwärmerisch werden könnte, hin zum Düsteren, Mahnenden.

Unloved selbst scheinen aber auch nur in der Serie richtig leben zu können. Hört man ihre Tracks außerhalb der Show auf Spotify, wirken sie deplatziert, aus der Zeit gefallen. Die Serie hat einfach so viel Zauber, dass sie selbst eine Band so sehr glänzen lässt, das sie nur innerhalb der Episoden existieren kann.


An dieser Stelle findest du Inhalte von Spotify

Um mit Inhalten von Spotify zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.
Socials aktivieren

In Deutschland läuft „Killing Eve“ bei StarzPlay. Alle drei Staffeln sind dort verfügbar. Und auch wenn die erste Staffel das wahre Meisterwerk ist, das uneinholbar bleibt und einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame verdient hätte, bleiben die beiden weiteren Staffeln ebenfalls ein spannendes Dokument einer Zeit, in der es langsam mehr Serien mit emanzipierten Frauen in relevanten Rollen gibt – oder besser gesagt eine Serie über zwei Frauen, bei denen man eigentlich nicht mal mehr eben darüber sprechen müsste, wie emanzipiert sie sind. Villanelle und Eve sind einfach too cool for school.


Emmys 2020: Nominierungen für „Watchmen“, „Unorthodox“ & „Beastie Boys Story“
Weiterlesen