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Kritik

„Little Fires Everywhere“ auf Amazon Prime: Zwischenmenschlich aufregend

Vorstadt-Idylle, Familienzwiste und 1990er-Jahre-Ästhetik: Trotz des hochkarätigen Casts mit Reese Witherspoon, Kerry Washington und Joshua Jackson scheint die achtteilige Serie „Little Fires Everywhere“ erst mal nur alte Standards aufwärmen zu wollen. Doch innerhalb der schmal gesteckten Grenzen entwickelt sich schnell eine psychologische Komplexität, die die Zuschauer*innen mitreißt. Hier sind noch fünf weitere Gründe und einige Spoiler, die diese Mini-Serie abfeiern und zum Pflichtprogramm erklären.

Erstens: Das Pferd von hinten aufgezäumt

Direkt am Anfang steht Mutter, Vorstadt-Despotin und Journalistin Elena Richardson (Reese Witherspoon) vor den kokelnden Überresten ihrer monströsen Oberschichten-Villa. Die Feuerwehr vermutet Brandstiftung, viele kleine Feuer hätten sich zu einem großen Brand entwickelt – und die Whodunit-Geschichte liegt zum Greifen nahe. Dass dieses Feuer viel mehr bedeutet, als das Ende eines Zuhauses für Elena, ihre vier pubertierenden Kinder und ihren Mann Bill (Joshua Jackson), stellt sich erst ganz am Ende heraus. Vorher wird ein Jahr zurückgesprungen – und auch zwischendrin wechselt man noch öfter die zeitliche Erzählperspektive. Um die trügerische Vorstadt-Idylle, die durch das Erscheinen der Künstlerin Mia Warren (Kerry Washington) und ihrer Tochter Pearl (Lexi Underwood) unfreiwillig auf den Kopf gestellt wird, spannt sich schnell ein Netz aus Lügen, Geheimnissen und Vorurteilen, die Elenas Bilderbuchleben zu zerstören drohen. Eine sehr amerikanische Drama-Soap, die allerdings schnell über sich hinauswächst und durch komplexes Storytelling beweist, dass scheinbar ausgefranste Geschichten mit dem richtigen Betrachtungswinkel immer noch ziemlich gut funktionieren können.

Zweitens: Eine Witherspoon-Produktion

Als Romanvorlage diente das gleichnamige Buch (auf Deutsch: „Kleine Feuer überall“) von Celeste Ng, das 2017 in den USA 48 Wochen in der Bestsellerliste der New York Times stand und an dem sich Reese Witherspoon mit ihrer Produktionsfirma „Hello Sunshine“ schon früh die Filmrechte sicherte. Nach der HBO-Serie „Big Little Lies“ (seit 2017) und „The Morning Show” (seit 2019) auf Apple TV+ schafft es die Schauspielerin nun auch auf Amazon Prime Video als Serienmacherin in die Welt der Streaming-Unterhaltung. Zuvor war sie übrigens mit ihrer alten Produktionsfirma „Type A Films“ an Filmen wie „Natürlich blond 2“ (2003) oder „Penelope“ (2006) als Produzentin beteiligt. Die vorschnell als eindimensionale, ewig oberflächliche Blondine aus „Pleasantville“ (1998) oder „Natürlich blond“ (2001) abgeheftete Witherspoon hat es aber spätestens als June Carter Cash in „Walk The Line“ (2005) zu gebührender Anerkennung als Darstellerin geschafft, inklusive Oscar als Beste Hauptdarstellerin. Und dennoch ist sie in der Rolle der oberflächlichen, herrschsüchtigen Blondine gleichzeitig doch wieder die perfekte Besetzung für eine der Hauptfiguren dieser neuen Serie. Nebenbei bemerkt war sie – ebenso wie Buch- und Co-Autorin Ng – Studentin an einer Elite-Uni (Literatur in Stanford für Witherspoon, Englisch in Harvard für Ng) – eine schmucke Vorkenntnis, die ihr bei dieser Serie sicherlich geholfen hat.



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