Reflektor

We wanna live like we’re going nowhere: Was Rickolus mit US-Bands wie Fuck gemeinsam hat

von
Jan Müller
Jan Müller

Am 28. Juni sitze ich mit Freunden im Schokoladen in der Ackerstraße in Berlin. Ich habe sie zum Konzert von Rickolus aus Florida mitgeschleppt. Eigentlich sollte er einen Monat lang gemeinsam mit Tocotronic unterwegs sein. Aber Corona machte uns einen Strich durch die Rechnung. Immerhin kann er uns nun für zwei mal vier Konzerte begleiten. Aber leider nicht in Berlin. Terminschwierigkeiten. Zumindest spielt er ein eigenes Konzert zwischen unseren beiden Tour-Blöcken in ebenjenem Schokoladen. Überhaupt ein Wunder, dass es diesen wundervollen Laden noch gibt. Mitten im herausgeputzten Berlin-Mitte. Und noch schöner, dass wir hier jetzt gemeinsam sitzen und Rickolus zuhören.

Ich freue mich, dass meine Freunde ebenso begeistert sind wie ich an jenem Tag im Jahr 2019, als mich mein Freund Rasmus fragte, ob ich ihn zu einem Konzert seines Freundes Rickolus begleiten würde und ich ohne große Erwartungen zusagte. Vor Ort war ich dann sofort hingerissen. Irgendwie passend, dass in diesem Text wiederholt die Vokabel „Freunde“ auftaucht. Denn auch in Rickolus’ Texten geht es viel um Freundschaft. Und natürlich um Liebe und um Familie. Er singt von seinem Sohn, der sich entschieden hat, keine Frau mehr zu sein („Jasper“), und er singt von der ersten Liebe seines Großvaters, die sich nicht erfüllte („Mary Manhattan“). Die Barrieren zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen verhinderten sie. Trotzdem macht Rickolus daraus keinen anklagenden Protestsong. Er erzählte mir: Es ist doch spannend, sich vorzustellen, wie mein Großvater als junger Mann fühlte. Und wäre diese Liebe nicht gescheitert: Ich wäre jetzt nicht hier.

Schön und erhaben

Auch diese Zurückhaltung im Urteil ist etwas, was die Songs von Rickolus wirklich schön und erhaben macht. „Yeah man, ist doch klar, ich singe von dem, was mir begegnet und was um mich herum passiert.“ All das ist auf seinen Alben und EPs nachzuhören. Mit BONES ist nun zum ersten Mal auch eine Platte auf einem deutschen Label erschienen (Buback Tonträger). Neben diesem Album empfehle ich euch allerdings auch die großartige „Archways“-EP. Rickolus ist einer dieser charmanten und bescheidenen Menschen, die in US-Musiker*innenkreisen so häufig anzutreffen sind. Man kann so viel von ihnen lernen. Sie sind professionell, aber immer voller Leidenschaft. Cool in jeder Lebenslage, aber nie arrogant.

Das liegt vielleicht auch daran, dass sie meist, bevor sie in Europa auftauchen, in der Regel schon unzählige Konzerte in ihrer Heimat gespielt haben. Ich erinnere mich daran, wie wir 1998 für ein Dutzend Konzerte mit Tocotronic die USA bereisten. Unsere Freunde der Band Fuck luden uns ein. Auf dieser unfassbar wundervollen und unsagbar mühseligen Tour lernten wir die USA von einer Seite her kennen, die Tourist*innen verschlossen bleibt. Wir spielten in Waschsalons, Billard-Hallen, in Läden, die keine Lizenz zum Getränkeausschank hatten und in denen sich die Gäste daher ihre eigenen Drinks mitbrachten.

Wir freuten uns bereits über in Chlorwasser aufgelösten No-Name-Cola-Sirup

Wir kamen in den Genuss einiger skurriler amerikanischer Regionalgesetze. In einem Club war es zum Beispiel verboten, Bier und andere alkoholische Getränke auf der Bühne abzustellen. Es war aber kein Problem, einen Stehtisch an die Bühne zu stellen, um dort den Bierhumpen abzustellen und aus ihm zu trinken. Wir begriffen, dass Catering und Freigetränke anders als in Deutschland in den USA kein Standard sind. Wir freuten uns bereits über in Chlorwasser aufgelösten No-Name-Cola-Sirup. Dennoch: Die Gastfreundschaft der Amerikaner hatte uns beeindruckt. Fast immer hatte sich jemand gefunden, in dessen Haus oder Wohnung wir schlafen konnten. Manchmal stand jedoch nur ein harter Küchenboden zur Verfügung. Und ich frage mich heute, warum keiner von uns nicht zumindest eine Iso-Matte dabeihatte.

In Cleveland schliefen wir im Club. Dirk hatte Geburtstag. Fuck bastelten ihm eine Krone aus goldener Alu-Folie und er durfte auf dem Schlagzeugteppich schlafen. Neben Fuck und uns spielten eigentlich immer noch zwei weitere Bands. Davon versuchte die eine meist wie Jon Spencer Blues Explosion zu klingen und die andere wie Tortoise. Das sind also die Bands, die dann den Sprung über den Teich nicht schaffen. Auch schön, diese mal zu erleben, dachte ich. Wir ließen nur wenige Thrift-Stores aus, denn Tim, Geoff, Kyle und Ted von Fuck liebten Thrift-Stores; wahrscheinlich weil man in ihnen so viel über die amerikanische Kultur lernen kann. Außerdem war es wunderschön, mit riesigen schmuddeligen Stofftieren auf den Schultern durch Chicago zu spazieren. Wenn ich mir Rickolus nun auf der Bühne anschaue, denke ich an unsere Freunde von Fuck zurück und erkenne viel von dem, was sie als Band auszeichnete auch in ihm.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2022.


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