Reflektor

Angeschissen: Warum Jens Rachut keine Kompromisse eingehen kann und will

von
Jan Müller
Jan Müller

„Und mein Herz es ist am Kochen / Und der Mond er kotzt / Und die Welt die schießt sich selber tot / Und die Menschen stinken bis sie irgendjemand killt / Und alle sind in großer Not / Alles wär völlig geil wenn die Liebe nicht ist / Und das ganze doofe drumherum / So c‘mon schönes Mädel sei mal richtig schlau / Zeig mir Deinen Rücken und alles ist vorbei.“ Das sind Zeilen von „Rücken“, einem Song des ersten Albums von Jens Rachuts Band Angeschissen. Die von 1984 bis 1989 existierende Band thematisierte zwischenmenschlichen Schmerz. Der Name Angeschissen klingt also nur auf den ersten Eindruck hin ordinär.

Rachuts Bandnamen sind ohnehin allesamt legendär: Fickfehler, Permanent Frozen, Das Moor, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Kommando Sonnenmilch, Oma Hans, Rattengold, Nuclear Raped Fuck Bomb, Alte Sau und Maulgruppe. Ohne Zweifel ist Rachut ein Mensch, der mit Sprache umgehen kann. Im oben zitierten Text kümmert die Sprache sich nicht um die Grammatik. Denn die Poesie steht über irgendwelchen Regeln.

Kein Stillstand, keine Wiederholung, sondern Entwicklung

Jens Rachut kann und will keine Kompromisse eingehen, und er will sich nicht dorthin begeben, wo er sich unwohl fühlt. Das geschieht bei ihm aus Instinkt und Geschmacksgründen, weniger aufgrund von ideologischen Vorbehalten. Diese Konsequenz hat ihn innerhalb der Punk-Szene und weit darüber hinaus zu einer Legende gemacht. Ich bedauere manchmal, dass manch eine*r anhand aller Bewunderung von Rachuts Haltung seine Musik und seine Texte aus dem Blick verliert. Seit Ende der 80er-Jahre veröffentlicht er mit seinen wechselnden Bands beständig Alben. In seinem Werk ist kein Funken von dem, was die in die Jahre gekommene Punk-Szene meist so langweilig macht: kein Stillstand, keine Wiederholung, sondern Entwicklung.

Über die Jahre öffnete er sich. So weist zum Beispiel HITSIGNALE, das sehr empfehlenswerte aktuelle Album seiner Band Maulgruppe, starke elektronische Anteile auf. Seine andere aktive Band Alte Sau verzichtet komplett auf Gitarre und Bass. Hier erzielt sein stimmlicher Vortrag in Verbindung mit einer Orgel einen besonders betörenden Effekt. Wie alle guten Texter hatte aber Jens Rachut seine Sprache schon auf dem ersten Album gefunden. Seitdem erweitert er seinen Kosmos. Er ist Könner und Suchender zugleich. Und so findet er Bilder, die kein anderer findet: „Und dann schwitzen wie ein Sofa da in Singapur oder zittern wie ein Bretterzaun im Tschad“ (Oma Hans).

Rachut versteht es, einen in den Bann zu ziehen

In seinen Texten gelangen wir in abseitige Regionen der Welt und wir begegnen außergewöhnlichen Tieren und wirklichen Problemen, aber auch lustigen Geschichten; wie zum Beispiel der von dem Menschen, der eine mikroskopisch kleine geigenspielende Frau in sein Ohr schickt, um einen quälenden Tinnitus aus diesem herauszulocken. Der Plan scheitert. Tinnitus und Geigerin gründen in seinem Gehörgang gemeinsam eine Band.

Rachut versteht es, einen in den Bann zu ziehen. Als 17-Jähriger bin ich seinem Charisma bei einem Konzert der Band Angeschissen erlegen. Er war damals schon Mitte 30 und wirkte finster und zerlebt. Unter den Augen hatte er dunkle Ränder und seine Zähne waren nur noch Ruinen. Kleidung hat für ihn anscheinend auch die Funktion, Lächerlichkeit zu erzeugen. Ob das nun in Gummistiefeln in Verbindung mit grellbunten, abgeranzten 70er-Jahre-Klamotten geschieht, wie damals bei Angeschissen, oder mittels irgendwelcher schottischer Tam o‘ Shanters, mit welchen 2014 die komplette Band Rattengold behauptet war.

„Uhren und Zäune“

Wenn Jens Rachut bei einem Konzert in der richtigen Umgebung ist, dann macht er die besten Ansagen der Welt. Ich erinnere mich an das Jahr 1992 in der Hamburger Kneipe Treibeis, wo er den Song „Weil es ist so wahr“ seiner Band Blumen am Arsch der Hölle ansagte. Er schrie wie besessen ins Mikrofon: „Es gibt zwei Dinge, die uns alle in Arsch machen. Warum wir rauchen und saufen und schlagen …“ – dann senkte er die Stimme: „Und diese Dinge sind Uhren und Zäune!“

Ohnehin vermag er mit seiner Stimme viel. Er kann gewaltige eruptive Ausbrüche erzeugen. Und er hat es immer geschafft, Mitmusiker*innen zu finden, die ihm gerecht werden. Ich nenne hier stellvertretend zwei Schlagzeuger: den legendären Stephan Mahler und den tragischerweise 1996 verstorbenen Marc Wills. Über die Jahre ist es Rachut gelungen, sich der Totalverweigerung zu verweigern. Man kann ihm am Theater und sogar im Fernsehen als Darsteller begegnen. Er hat mehrere Hörspiele geschrieben und arbeitet an einer Oper und einem Roman. Und die Alben all seiner Bands sind sogar auf den üblichen Streamingportalen abrufbar. Als Tonträger erscheinen sie bei einem sehr empfehlenswerten Punklabel aus Jena. Major Label nennt es sich passenderweise. Jens Rachut ist jetzt 68. Er wirkt nicht so, als habe er vor, aufzuhören.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 08/2022.


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