Kolumne

Warum es ok ist, anderen im öffentlichen Raum seine Musik aufzudrängen


Jan Müller erklärt, warum er sich auf Berlins Straßen über junge und alte Leute mit Boombox freut.

1979 erfand Sony den Walkman. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich das erste Gerät besaß, aber ich erinnere mich noch an den Flash, den ich erlebte, als ich zum ersten Mal mit Kopfhörern und Musik durch Hamburgs Straßen ging. Es fühlte sich an wie im Film: Ich konnte die Stimmung dieses Films durch die Wahl der Musik, die sich auf den von mir eingelegten Tapes befand, bestimmen. Und so lief ich ab dann meist mit den Dead Kennedys, X Ray Spex, den Specials oder auch den Fehlfarben auf den Ohren durch die Gegend.

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In den U-Bahnen der Stadt waren damals Plakate angebracht: „Aus dem Walkman tönt es grell – dem Nachbarn juckt’s im Trommelfell“. Ich denke, ich bin damals mit meiner Musik (die Lautstärke immer auf 10 aufgedreht) ziemlich vielen Leuten auf die Nerven gegangen. Aber: Es war nicht nur meine Schuld. Die Kopfhörertechnik war damals noch nicht so ausgeklügelt wie heutzutage. Der Sound strahlte mit voller Kraft auch nach außen.

Es gibt zu viel Hässlichkeit, zu viel Lärm und zu viel Verschmutzung durch ungewollte Musik

Dieses Problem hat sich heutzutage relativiert. Und wenn ich mich umschaue, zum Beispiel in der U-Bahn, dann bin ich schon froh, wenn jemand nur Musik hört und nicht auch noch zusätzlich in sein Handy starrt. Der Wunsch nach Abschirmung ist ohnehin verständlich. Es gibt zu viel Hässlichkeit, zu viel Lärm und zu viel Verschmutzung durch ungewollte Musik.

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Wir alle kennen zum Beispiel den Dudelfunk im Supermarkt. In meinem ganzen Leben hatte ich nur eine schöne Begegnung mit einem Supermarktradio. Das war in den Nullerjahren. Im Edeka ertönte plötzlich in dezenter Lautstärke „Shoplifers Of The World Unite“ von den Smiths. Welcher geniale Dissident hatte dies in den Sender eingespeist? Im Jahr 2024 wüsste ein Algorithmus dies zu verhindern. Daher bewaffne ich mich mittlerweile mit Noise-Cancelling, bevor ich einen Supermarkt betrete.

Boomboxes waren Meisterwerke des Produktdesigns

Bei all den Kopfhörern, Walkmen, MP3-Playern, iPods und Smartphones und der mit ihnen verbundenen Abkapselung von der Umwelt vergessen wir manchmal, dass es ja auch schon immer einen Gegentrend gab: Bevor der Walkman erfunden wurde, gab es bereits seit den 70er-Jahren die Boomboxes. Seinerzeit wurden sie oft zweifelhaft als „Ghettoblaster“ bezeichnet. Sie waren wichtig für die HipHop-Kultur. „My radio, believe me, I like it loud / I’m the man with the box that can rock the crowd / Walkin’ down the street, to the hardcore beat / While my JVC vibrates the concrete“, rappte LL Cool J.

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Die Boomboxes waren Meisterwerke des Produktdesigns. Silbern glitzernd, zum Teil mit zwei Tapedecks, vier Boxen und voller Equalizer. Und sie waren so schwer, dass sie sich am besten auf der Schulter tragend befördern ließen. Der Batterieverbrauch historischer Boomboxes war enorm. Das ist heute im Akku-Zeitalter nicht mehr das Problem, aber ästhetisch betrachtet sind die heutigen Bluetooth-Geräte ihren analogen Vorfahren weit unterlegen. Trotzdem: Ich spitze die Ohren, wenn Jugendliche mit ihr durch den Park oder die Straßen laufen und freue mich: Es sind ihre Zwänge, die sie mit Füßen treten.

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In Pandemie-Zeiten gab es zumindest hier in Berlin ein seltsames Phänomen. Einzelne ältere Herren bewegten sich mit einer laut aufgedrehten Boombox im Rucksack durch die Stadt. Was für Musik sie hörten, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht war es Goa oder EDM oder was weiß ich. Entweder fuhren sie langsam auf einem breit bereiften Fahrrad durch die Straßen oder aber sie liefen zügig. Gerne hätte ich sie angesprochen und nach der Idee, die hinter ihrem Auftritt stand, gefragt, aber bevor ich den Entschluss fassen konnte, waren sie schon wieder weg.

Bitte ohne kommerziellen Hintersinn

In meiner Kindheit wohnte eine Etage unter uns eine vierköpfige Familie. Mutter, Vater, Tochter, Kind. Ich erinnere mich, dass der Junge (ein paar Jahre älter als ich) ein Einzelgänger war. Nach Schulschluss drehte er die Stereoanlage auf. Er hörte ausschließlich Elvis (Presley, nicht Costello). Und auf seinem Fahrrad hatte er kleine Boxen an der Lenkstange montiert. Während er durch die Stadt fuhr, hörte er Elvis. Er hörte immer und ausschließlich Elvis. Damals machte ich mich mit meinen Freunden darüber ein wenig lustig. Im Nachhinein schäme ich mich. Dieser Junge war ein Poet, ein Romantiker.

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Bilanz ziehend denke ich, es ist schon irgendwie in Ordnung, anderen Menschen im öffentlichen Raum seine Musik aufzudrängen. Aber bitte ohne kommerziellen Hintersinn. Und bitte, bitte, bitte! nie in der Natur. Auf einer Wanderung saßen mir letztens vier Menschen in Funktionskleidung und mit Boombox im Nacken. Es lief irgendein nerviger Dreck, aber hier im Grün hätte vermutlich sogar der Gesang von Caruso gestört. Selbstredend quatschten sie außerdem auch noch laut in die Musik hinein. Schämt Euch, sangen die Vögel von den Bäumen herunter!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 3/2024.