Pokolumne, Folge 89

Wir sind wieder wer, aber wozu das alles – Paulas traurige Popwoche

von

🙁

Ich sag’s wie es ist: Mittlerweile will ich nur noch heulen. Wen diese Pandemie nicht so langsam mürbe macht, ist wohl sauprivilegiert, bereits zum Roboter gechippt und hat wahrscheinlich gar keinen Zugang zu Nachrichten. Neuer Höchstwert hier, widersprüchliche Aussagen von Experten da, die millionste Diskussion in Social Media dort und das politische Versagen gegenüber prekär Lebenden immer wieder. Und statt dass die mal eine Plattform bekommen, zerrt man eben lieber die bösen Feierleute vor Kameras und ins Internet, damit man sich daran abarbeiten kann. Nee, komm.

Jetzt also „Lockdown Light“, das bedeutet, dass grundsätzlich weiter geackert werden soll, nur eben nicht im Kulturbereich. Restaurants, Bars, Clubs, Theater, Opern, Konzerthäuser, Messen, Kinos, Freizeitparks, Diskotheken und Kneipen werden geschlossen. Soweit ich weiß, wurden Diskotheken gar nicht wieder eröffnet, dann bleibt es halt dabei. Also alles mit Unterhaltung ist futsch und vieles wird wahrscheinlich auch futsch bleiben, wenn nicht bald Hilfe kommt. Gottesdienste bleiben im Übrigen erlaubt. Wenigstens gibt man zu, dass an Gott glauben kulturlos ist, hähä. Durchimpfung wird vor 2022 nix und wer noch naiv wie ich glaubte, dass man mal für paar Monate durch die Scheiße muss, wird jetzt eines Besseren belehrt: Es wird noch ne ganze Weile Scheiße bleiben und auf dem Weg wird man Vieles verlieren.

Was Schönes

Gestern Abend noch mit einem Freund getroffen, der gerade in Köln war und eigentlich in Chemnitz wohnt. Wir haben am Eigelstein mit Kölsch auf CHEMNITZ KULTURHAUPTSTADT 2025 angestoßen, weil wir uns ehrlich darüber freuen. Bei aller berechtigten Kritik an Imagehuberei von Chemnitz, Deutschland und generell Europa ist es schön zu sehen, dass auch junge Leute in dieser Stadt (allen voran das wunderbare „Bikini Kommando“, bestehend aus Künstler:innen und Musiker:innen, checkt sie auf Instagram aus) ein so großes Erfolgserlebnis bekommen haben, ihre Arbeit Früchte getragen hat und, wenn es gut läuft, es Unterstützung hageln wird für kulturelle Programme. Schließlich kann man die Stadt jetzt immer wieder auf CHEMNITZ KULTURHAUPTSTADT 2025 festnageln, wenn sie sich mal wieder wenig bemüht, die alternative Szene zu unterstützen. Das wird geil.

Was Altes

„She had style, she had flair, she was there / That’s how she became the Nanny“ – so lange mein Amazon-Prime-Studi-Account noch gültig ist, rewatche ich die Nanny. Die Story ist easy, ihr kennt sie: Fran wird Nanny der Kinder von MISTER SHEFFIELD und bezirzt diesen dann einige Staffeln lang, bis sie endlich heiraten. Dazwischen gibt es einige Witze über das Thema Altern und Angst vorm Dickwerden. Aber es ist trotzdem eine gute Serie, weil sie wirklich immer noch witzig ist und voller toller Frauen. Frans Mutter und Großmutter sind die besten und Fran Drescher sowieso. Ihre Mimik und Stimme sind mindestens so legendär wie ihre Outfits und es macht überhaupt keinen Sinn, wieso eine Nanny sich jeden Tag ein neues Designer-Kostüm leisten kann. Aber das ist egal, weil die Welt der Serie eine geschlossene ist, mehr ein Bühnenstück als irgendwas anderes. Es kommt nichts von draußen rein und es gibt keine Politik. Super. Unlängst habe ich den Instagram-Account „What Fran wore“ entdeckt, auf dem alle Nanny-Outfits präsentiert werden. Will alle haben:

 

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Perry Ellis Portfolio (1992 Fall/Winter) Pink Suede Drum Major Jacket Worn in the episode Immaculate Concepcion [ Season 5 episode 19]

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Oh, und im April gab es eine Video-Reunion, bei der die erste Folge noch mal nachgespielt wurde:


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Was Neues

Über das neue Ärzte-Album kann ich noch nicht allzu viel sagen, habe es erst zweimal gehört. Es gefällt mir schon mal besser als die letzten beiden Alben, und generell höre ich die Ärzte nur bis „13“, was jetzt nicht affektiert gemeint ist, sondern da war ich halt noch live dabei und es ist Kindheitsrelated, danach hab ich mich dann für anderes interessiert. Also es ist mit diesem Ärzte-Album wie mit gutem Rotwein: Ich lass es erstmal sein und guck mal wie sich das noch entwickelt. Bis dahin höre ich das neue, schöne Debütalbum „Fake It Flowers“ von beabadoobee, deren Namen ich bald auch schon fast aus dem Kopf schreiben kann. Guter alter Indiepop und trotzdem null langweilig, da mache ich gern mit.

Super ist auch gerade das Feuerwerk, das Miley Cyrus mit ihren Coverversionen zündet. Blondie, Pearl Jam, The Cure, was kommt als nächstes? Metallica? Die nächsten Jahre mit Miley werden jedenfalls richtig gut. Es gibt echt keinen Grund mehr für Musik von Männern. Apropos, das Highlight meiner Musikwoche ist Folgendes: Die Postpunk-Band Culk aus Wien. „Nur Fraun, nur Fraun, nur Fraun“ heißt es im Hit „Nacht“ und mein Herz springt. Der Song handelt von der Angst nachts unterwegs zu sein und den Methoden die man eben so erfindet, um gefährlichen Männern auszuweichen. Es ist so gut und es klingt genau nach diesem Gefühl, das man halt leider so gut kennt:


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Was mit Kapitalismus

„The Bold Type“, zu sehen bei Amazon Prime, ist die Serie, die gerade niemand braucht. Fast schon auf satirische Weise zeigt sie, wie soziale Bewegungen durchkapitalisiert werden. Aber es ist glaube ich nicht kritisch gemeint. Die ganze Serie ist fieseste neoliberale Propaganda. Zuletzt kam die vierte Staffel raus und ich habe sie geglotzt, weil ich auf jedes New-York-Klischee und Stories um Frauenfreundschaften reinfalle, aber Aua. Es geht um drei Frauen, die bei einem Magazin arbeiten. Die eine als Autorin, die andere als Styling-Assistentin und die dritte als Social-Media-Redakteurin. Wer schon mal in den Medien gearbeitet hat, wird sich da null wiederfinden, aber was weiß ich schon über New York und Lifestyle. Jedenfalls wird immer alles irgendwie gut, nichts hat richtige Konsequenzen und die Protagonistinnen glauben immer wieder, dass sie ganz viel geändert haben, weil sich Diversität hier und da verkaufen lässt. Hin und wieder wird etwas „Wokes“ gesagt, aber es kommt einem immer wieder wie ein Witz vor, weil die Realitäten, um die es bei diesen politischen Ansichten gehen sollte, nur von außen mal in diese Welt rankommen, aber mehr irgendwie nicht. Die Hashtag-Kampagne als Serie. Dann glaubt man manchmal: Oh, es geht doch cool um mannigfaltige Sexualität und Identität und Abweichungen von traditionellen Frauenbildern, doch am Ende wird halt doch in weiß geheiratet. Aber klar: Weil man sich dazu entschieden hat. Man kann echt alles schaffen, wenn man nur seine Girls hat. Und Geld. Und Sicherheit. Und eine idealistische Chefredakteurin. Und nie gefeuert wird. Ich schwöre, beim nächsten Mal hab ich bessere Serien im Gepäck.


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Was noch Schlimmeres

Die „South Park“-Folge über Corona („Pandemic Special“) ist das Schlimmste was ich seit 100 Jahren gesehen habe. Immerhin, denn ich habe unlängst den Film „Betonrausch“ auf Netflix gesehen und auch schon mal was von Woody Allen. Aber diese „South Park“-Folge … Leute, Hände weg. Irgendwie dachte ich, ha, vielleicht kommt da eine interessante popkulturelle Notiz zum Zeitgeschehen, aber es war doch nur „South Park“! Hatte vergessen, wie es da läuft. Stinkend faul wurde eine pennälerhafte Pipikackapimmelbums-Geschichte zum Thema gestrickt und nicht mal naheliegende Witze mitgenommen, sondern einfach keine. Dabei hätte es richtig viel Potenzial gegeben:  Trump, Polizeigewalt, Maskenverweigerer und so weiter. Das wurde auch alles angerissen, aber alles steht unter diesem peinlichen Stern der Story, dass sich jemand durch das Penetrieren eines Gürteltieres Corona geholt hat und dann die Welt retten will, indem er durch Sperma in Weed … Ich hör lieber auf, sonst wollt ihr es doch noch gucken. Der einzig gelungene Strang ist der, wo es um die psychischen Folgen geht und die Kinder versuchen, etwas gegen die Depression zu unternehmen, aber das reißt das Ruder leider nicht mehr rum.

Ich geh jetzt wieder Nanny gucken.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

„NEVER FORGET – der 90er-Podcast“, Folge 14: Emo feat. Jan Schwarzkamp
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