Popkolumne, Folge 88

Google, Rammstein, Sorry3000 – Volkmanns Popwoche geht hoch

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LOGBUCH KALENDERWOCHE 43/2020

Draußen wird es immer feindlicher: Das Wetter, die Leute, die Seuche, 11.000 Neuinfektion an einem Tag. Der Herbst-Blues dürfte 2020 kein Nischen-Hit sein, sondern richtig hoch in die Charts einsteigen. Was soll man machen? Nun, ich zum Beispiel konnte mich diese Woche von den düsteren Aussichten ablenken durch ein Interview mit Christian „Flake“ Lorenz, der Dünne von Rammstein, wer kennt ihn nicht! Seine beiden Bücher „Der Tastenficker“ und „Heute hat die Welt Geburtstag“ (beides Fischer Verlag) habe ich wirklich gern gelesen. Unterhaltsam, komplett unverstellt. Das Zweite wirft dabei übrigens noch mal ein gänzlich anderes Licht auf das martialische Phänomen Rammstein. Flake selbst zelebriert darin die Rolle des angetrunkenen Hans im Glück mit Nerdbackground. Unbedingt zu empfehlen. Im Interview sprachen wir allerdings über eine Band, die er in den 80ern betrieb – und die komplett Untergrund war. Nein, es wird nicht um Feeling B gehen, sondern um Die Magdalene Keibel Combo. Zu lesen demnächst auf musikexpress.de. 


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HIRNFICK DER WOCHE: „THE SOCIAL DILEMMA“

Diese Netflix-Doku wird dich dazu bringen, noch mal mit ganz anderen Augen durch deine Timelines zu scrollen. Ja, und zwar mit folgendem Gedanken: „Wer von meinen friends ist so durch, dass er diese Kulissenschieberei von einem Film wirklich für eine ernst zu nehmende Enthüllungssendung hält?“ Aufgrund des positiven Feedbacks jedenfalls habe auch ich „The Social Dilemma“ gesehen, ich war durchaus neugierig, was man erfahren würde über die Media-Konzerne Twitter, Facebook, Google etc., die unseren Alltag bestimmen. Doch schon die ersten Einstellungen machen unmissverständlich deutlich: Um aus dieser Doku Informationen zu ziehen, wird man sich durch eine aufgeblasene, hysterische, von sich selbst besoffene Erzählform quälen müssen, die neben Spielszenen und animierten Grafiken vor allem durch die Hölle eines unablässig aufwallenden Bedeutsamkeits-Soundtracks aus Geigen und Cello schickt. Stimmung geht hier eindeutig über Info. Mit den manipulativen Mitteln dieser neuen Generation von Netflix-Dokus soll also die manipulative Realität der New Media entlarvt werden? Da hat sich der Bock ja schön zum Gärtner gemacht.

Aber bei allem Spaß an prätentiösen Trash, spätestens wenn der Facebook-Algorithmus in einer Spielszene von drei Menschen dargestellt wird, die in einer Kommandobrücke die Aktion eines Users aufgeregt zu steuern suchen, wird es echt zu haarsträubend. Nicht nur diese Szene nährt selbst simplifizierte Verschwörungstheorien, die es doch zu outen vorgibt. Social-Media-Konzerne ziehen sich unsere Daten wie ein Dieb und haben mit ihren individualisierten „Bubble-Wahrheiten“ Anteil an der Spaltung der Gesellschaft. Das will ich nicht klein reden … Dennoch, für so riegelblöd, wie einen diese Alarmismus-Doku verkaufen will, möchte ich von meinem TV einfach nicht gehalten werden.


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Das Interview gibt es auch als Videofassung bei Instagram in den Stories @musikexpressmagazin und @linusvolkmann

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: SORRY3000

Halle an der Saale is calling: „S.O.S. for love“. Ich bin irgendwie überzeugt (seit dem mir der brennende Dornbusch in Form ihres Instagram-Accounts erschien), es ist meine biblische Bestimmung, immer wieder auf Sorry3000 hinzuweisen. Also stelle ich hier noch mal diese tolle Neo-Electroclash-Band ins Licht, deren Debütalbum (WARUM OVERTHINKING DICH ZERSTÖRT) jetzt endlich erschienen ist.

Wie ist es euch Anfang des Jahres im Quasi-Lockdown ergangen mit der Band?

FRANK LEIDEN: Natürlich ist das mit dem Lockdown für alle, die was mit Musik zu tun haben und auftreten, grundsätzlich total scheiße gewesen. Für uns auch ein bisschen, denn wir hatten endlich eine Booking-Agentur, die hat uns die tollsten Konzerte organisiert – und im gleichen Moment kommt der Lockdown. Das war schon doof.

STEFANIE HEARTMANN: Ich fand’s aber auch gut, weil Popstar sein total anstrengend ist – und dann konnte man endlich mal chillen.

Ihr habt oft Promis (Böhmermann, Bela B, Dieter Bohlen, Sido, Kate Bush, Charlotte Würdig, Stereo Total, Sportfreunde Stiller u.a.) getaggt in eurem Insta-Game. Wie ist euer Fazit hinsichtlich dieses Promo-Moves?

STEFANIE HEARTMANN: Wenn wir resümieren, müssen wir leider allen Newcomern da draußen davon abraten. Es haben viel mehr Leute überhaupt nicht reagiert. Die wenigen Leute waren: Du, Linus, zum Beispiel, Markus Kavka, immerhin auch, Jan Müller. Aber der große Teil hat echt nicht reagiert. Viel besser: Fatoni auf der Autobahnraststätte ansprechen oder nach dem Konzert stalken. Klappt besser!

Das Grundgefühl eures Albums wirkt auf mich kokett und ironisch. Augenzwinkern als Waffe. Aber womit ist es euch selbst hinsichtlich Sorry3000 bitterernst?

FRANK LEIDEN: Also Linus, was du vielleicht als ironisch wahrnimmst, meinen wir wirklich bitterernst. Das sind immer persönliche Nöte, über die wir da singen, auch wenn man’s nicht auf den ersten Blick erkennt. Zum Beispiel wollen wir wirklich fit sein und es klappt halt nicht immer. Oder man wird nicht geliebt, weil man nicht politisch genug ist. Das ist ja auch ein ernstes Problem. Und bei Nasenspray müssen wir sagen: Wir haben natürlich keine Nasensprayabhängigkeiten (zum Glück!), aber diesen Kontrollwahn, diesen Irrsinn, den meinen wir ernst.


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AUSSTELLUNG DER WOCHE: HAUCK & BAUER

Der Psychologe zu einem Elternpaar: „Ihr Kind ist nicht hochbegabt, sie sind nur beide sehr, sehr dumm.“ Wer hierzu nicht den entsprechenden Cartoon vor Augen hat, hat wirklich was verpasst in den viralen Humor-Geschehnissen der letzten Jahre. Es handelt sich hierbei um einen der vielen Klassiker des Duos Elias Hauck (Zeichnung) und Dominik Bauer (Text). Ihr Witz spielt sich ab im Spannungsfeld zugänglicher Pointen und neurotisch befeuertem Alltagswahnsinn. So gelingt es Hauck & Bauer, in ihren Cartoons gleichsam nett und freundlich aber auch sehr speziell zu sein.

Eine große Einzelausstellung ist nun in der Frankfurter Caricatura eröffnet worden, Anke Engelke (für deren Sendung die beiden einst tätig waren) hielt die Laudatio, der Cartoonist Gymmick (aktuell auch die Stimme von Ton Steine Scherben) sang ihnen ein paar Lieder. Ein schöner Abend. Die Ausstellung selbst funktioniert als große Werkschau: Einfach mal unzählige Cartoons in Reihe gehangen, paar frühe Flyer, eine Art Büste und fünf, sechs alte Fotos dazu, fertig. Was jetzt nicht gerade besonders innovativ wirken mag, erweist sich hier allerdings passend. Denn es ermöglicht einen Museumsbesuch, der sich anfühlt, als würde man in ein übergroßes Hauck-&-Bauer-Sammelband einchecken. Und bitte, wer wollte das nicht schon mal?

„Hauck & Bauer – Cartoons“ Caricatura Frankfurt, noch zu sehen bis 07.03.2021

Elias Hauck und Dominik Bauer bei ihrer Ausstellungseröffnung (Foto: Linus Volkmann)

NEWCOMER DER WOCHE: DURCH&DURCH

So new sind die Wahl-Kölner mit ihrem Indie-Funk eigentlich gar nicht, sie haben schon vor einigen Jahren einen Monat lang jeden Abend im deutschen Pavillon von Disney World gespielt. Saufen mit Schneewittchen inklusive. Verrückte Geschichte, aber dafür fehlt hier der Platz, bitte selbst mehr dazu herausdetektiven. Wofür allerdings genügend Raum zur Verfügung steht, ist für diesen liebevollen Selfmade-Clip, den man einsortieren könnte unter „OK Go ohne Budget“.


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MEME DER WOCHE

Quelle: @bandmemes666

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.17): Fischmob

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

 FOLGE 17: Fischmob

HERKUNFT: Hamburg
BESTAND: 1993 – 1998
GENRE: Alternative Rock
DISKOGRAPHIE:
2 Alben, MÄNNER KÖNNEN SEINE GEFÜHLE NICHT ZEIGEN und POWER
ERFOLGE: Höchste Charts-Platzierung POWER auf #29 der deutschen Verkaufsliste.
TRIVIA: Die Plattenfirma bezahlte der Band und etlichen befreundeten Rappern (Stieber Twins, Michi Beck, Smudo u.a.) eine Reise nach Thailand für den Videodreh zu „Susanne zur Freiheit“. Den Höhepunkt des Clips stellt dabei Dendemann dar, wie er auf einem Elefant reitet.

PRO
Der Peak von lustigen, coolen Dudes, die in den 90ern auf Deutsch gerappt haben. Einige unvergessene Live-Auftritte und lässige Witze überdauern. Ihr Swag war damals den allermeisten anderen Crews weit überlegen.

CONTRA
Hört man heute die Songs, beschleicht einen das Gefühl, dass Fischmobs Werk die Zeit nicht überdauert hat. Im Gegenteil: Die Beats und Sounds wirken zeitverhaftet und die Trademark-Albernheit’n’Arroganz der Band bei der Deliverance erscheint vor den gar nicht mehr so überzeugenden Stücken eher ein bisschen peinlich im Rückblick.


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