Kritik

„Wonder Woman 1984“ auf Sky: Feministische Ikone mit fragwürdiger Botschaft

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Es war eigentlich anders geplant, aber 2021 scheint das ideale Jahr für die Fortsetzung des „Wonder Woman“-Franchises zu sein. Schließlich jährt sich der erste Comicauftritt der gefeierten Superheldin 2021 zum 80. Mal: Am 21. Oktober 1941 erschien der erste DC-Comic, in dem Wonder Woman an der Seite männlicher Superhelden für Recht und Ordnung sorgte.

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Wonder Womans Ursprünge: Pin-up und Propaganda-Instrument

Entwickelt hatte diese Superheldin der amerikanische Psychologe William Molton Marston, unter Mitwirkung seiner Ehefrau Elizabeth Holloway und ihrer gemeinsamen Lebensgefährtin Olive Byrne. Ja, im Hause Marston/Holloway/Byrne ging es polyamor und auch ansonsten für damalige Zeiten äußerst progressiv zu. Denn Wonder Woman war von Anfang an, wie es Marston selbst beschrieb, als „psychologische Propaganda“ für einen neuen femininen Archetyp konzipiert: stark, schön, gütig und gleichberechtigt. Als Inspiration diente ihm neben anderen die amerikanische Frauenrechtlerin Margaret Sanger.

Zugleich kam Wonder Woman in den ersten Comics in einem spärlich bekleideten hyperfemininen Look daher, der ihre der griechischen Mythologie entlehnte Origin-Story als Amazonen-Prinzessin mit der Pin-Up-Ästhetik der 1940er verschränkte. Die Superkräfte, die ihr Zeus zuteilwerden ließ, sollte Wonder Woman als unsterbliche, pazifistische Kriegerin dazu befähigen, die Menschen vor sich selbst zu retten.

Diese ursprüngliche Figurenkonzeption griff Regisseurin Patty Jenkins in ihrem Blockbuster „Wonder Woman“ weitgehend auf. Die Handlung war zur Zeit des Ersten Weltkriegs situiert und fokussierte die Heldinnenreise der furchtlosen Amazonen-Prinzessin Diana (Gal Gadot), die von ihrer Insel Themyscara an der Seite des amerikanischen Spions Steve Rogers (Chris Pine) nach Europa aufbrach, um den Krieg zu beenden. Diesen hatte – so ihre bestürzte Feststellung im Finale – nicht etwa Kriegsgott Ares, sondern die Menschheit selbst herbeigeführt.

„Wonder Woman 1984“ oder: Privilegien einer Halbgöttin

Überraschenderweise springt die nun erschienene Fortsetzung „Wonder Woman 1984“ vom düsteren Weltkriegsszenario gleich in eine schreiend bunte Version der 1980er nach Washington D.C. Wenn Diana nicht gerade Washingtons Einwohner*innen vor schweren Unfällen und Raubüberfällen rettet, arbeitet sie im Museen- und Galerienkomplex des Smithsonian und erinnert sich wehmütig an ihre große Liebe Steve zurück. Währenddessen regieren in Washington Geld und Gier und der Motivationsredner und Möchtegern-Ölmagnat Maxwell Lord (Pedro Pascal) verkündet im Fernsehen, dass jeder seine Träume erreichen kann. Und tatsächlich fällt Diana im Smithsonian bald ein antiker Stein in die Hände, der jedweden Wunsch erfüllt und als Plot-Katalysator Wonder Womans neues Abenteuer in Gang bringt – und eine Antagonistin.

Diese heißt Barbara Minerva (Kristen Wiig) und ist Dianas neue Kollegin am Smithsonian. Wiig muss sie zu Beginn als linkisches, bebrilltes Mauerblümchen-Stereotyp spielen, wie wir es etwa von Michelle Pfeiffer als Selina Kyle kennen (alias Catwoman in „Batmans Rückkehr“, 1992). Als Barbara an den antiken Stein gerät, wünscht sie sich Dianas Schönheit und Stärke, ohne zu ahnen, dass diese eine Superheldin mit übernatürlichen Fähigkeiten ist. Bald darauf ist Barbara mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet, dem reihenweise Männer verfallen und das sie – so drängen uns einige Szenen penetrant auf – endlich elegant auf High-Heels laufen lässt!

Zugleich findet Barbara Gefallen an der ebenfalls erworbenen körperlichen Kraft, mit der sie sich etwa gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr setzt. Doch anders als Selina Kyle/Catwoman steuert Barbara Minerva mit dieser Wandlung nicht auf ein moralisch ambivalentes Empowerment zu. Dies untersagt ihr dieser Film dezidiert. Vielmehr entwickelt sie sich im weiteren Verlauf zum Macht-Junkie, der nach mehr Einfluss giert und damit Diana in voller Wonder-Woman-Montur auf den Plan ruft. In misslungenen Dialogen versucht Wonder Woman Barbara daran zu erinnern, wie diese vor ihrer Wandlung war: unsicher, unsichtbar und schutzlos, aber so human und ungeheuer sympathisch! Die Stärke und das damit einhergehende Selbstbewusstsein einer Amazone, so vermittelt uns „Wonder Woman 1984“, darf man als Normalsterbliche aus der Distanz bewundern, ihr aber bitte nicht nacheifern.

„Imagine“ soziale Gerechtigkeit und Empowerment für alle

Wonder Womans arg empathieloser Umgang mit Barbara bettet sich in eine größere Erzählung um die globalen Folgen des Wunschsteins ein, der bald durch Maxwell Lord die Wünsche von Menschen allerorts erfüllt und damit Chaos und Zerstörung herbeiruft. Denn offenbar wünschen sich Menschen bei solch einer Gelegenheit nicht einfach nur sozialen Aufstieg und Gerechtigkeit, sondern sich nur gegenseitig die Pest an den Hals und unzählige Sportwagen. Nur das beherzte Eingreifen von Wonder Woman und ihre Botschaft, dass die Welt doch gut ist, wie sie ist und man eben nicht alles haben kann, bringt alle wieder zur Besinnung.

„Wonder Woman 1984“ trägt damit eine bemerkenswert beschwichtigende und reaktionäre Botschaft in sich, die so gar nicht in unsere über soziale Gerechtigkeit und Privilegien debattierende Gegenwart passen will. Was uns zurückführt zum März 2020, als Menschen weltweit vor einer sich rasend verbreitenden Pandemie erzitterten und Gal Gadot in einem Video gemeinsam mit Kristen Wiig und weiteren Schauspielkumpan*innen den John-Lennon-Song „Imagine“ anstimmte. Es sollte die Nicht-Berühmten/Nicht-Reichen beruhigen und inspirieren, ließ aber viele angesichts ihrer Existenznöte, der Privilegien der dort Singenden (und ihrer mäßigen Performance) irritiert und verärgert zurück. „Wonder Woman 1984“ scheint das filmische Pendant dieses gescheiterten Beschwichtigungsversuchs zu sein.

„Wonder Woman 1984“ ist seit dem 18.Februar 2021 auf Sky im Stream verfügbar.

Warner Bros.
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