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Kritik

„Zero“ (Staffel 1) bei Netflix: Facetten der Unsichtbarkeit (Kritik)

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Man muss es Netflix lassen: Wenn es um unterrepräsentierte Gruppen in der Serienlandschaft geht, geht der Streaming-Dienst gern mit gutem Beispiel voran und finanziert Erzählungen, die es ansonsten schwer auf dem Markt gehabt hätten. Dies trifft auch auf die italienische Netflix-Produktion „Zero“ zu. Eine Serie, die vor allem die Schwarzen Bewohner*innen eines benachteiligten Viertels in Mailand fokussiert. Einer von ihnen ist der junge Omar (Giuseppe Dave Seke), der, ohne es zu wissen, über besondere Fähigkeiten verfügt.

Hier geht es zum Trailer von „Zero“.

Vom Teilnahmslosen zum Superhelden

Dass Omar seine Kräfte bislang noch nicht entdeckt hat, mag zum einen daran liegen, dass er einfach vielbeschäftigt ist: Als Pizzabote kurvt er für einen spärlichen Lohn nonstop mit seinem Fahrrad durch die Gassen und über die prächtigen Plätze von Mailand. Seine spärliche Freizeit verbringt er in der Wohnung, die er sich mit seinem Vater und seiner Schwester Awa (Virginia Diop) teilt. Hier widmet er sich seiner Leidenschaft für Mangas und zeichnet und entwickelt eigene Comicbücher. „Was ein Schwarzer aus Mailand mit Mangas zu tun hat? Nichts. Ich habe mit Nichts etwas zu tun“, erklärt Omars Stimme aus dem Off und vermittelt uns damit seine Ausgangssituation: Omar fühlt sich grundsätzlich von seiner Umgebung nicht wahrgenommen, weder von den an ihm vorbeischauenden Kunden, denen er ihre Bestellung liefert, noch von den Nachbar*innen in seinem Barrio, das für ihn mehr ein Gefängnis als eine Heimat darstellt. Zudem ist das Verhältnis zu seinem Vater angespannt. Omar wirft ihm vor, seine Mutter vor Jahren vertrieben zu haben.

Unbeteiligt und unzugehörig bewegt sich Omar also durch sein junges Leben. In der ersten der acht Episoden von „Zero“ soll sich dies aber gehörig ändern. Bei einer Pizzaauslieferung lernt Omar die junge Architekturstudentin Anna (Beatrice Grannò) kennen, die ihn in seinem Wunsch nach Veränderung bestärkt und ihn an den Kern der „Broken Windows“-Theorie heranführt: „Unternimmt man nichts, wird es schlimmer.“ Zurück im Barrio wendet Omar Annas Ratschläge sogleich an und versucht den grassierenden Vandalismus zu bekämpfen, nur um kurze Zeit später vom jungen Shariff (Haroun Fall) gejagt zu werden. In Todesangst gelingt es Omar zum ersten Mal, unsichtbar zu werden und dem Angriff zu entkommen.

Fünf Freunde und ihr Barrio

In den weiteren 25-minütigen Episoden erzählt „Zero“ von Omars Selbstfindungsprozess, der sich nicht nur um die Entdeckung seiner Superkraft dreht, sondern auch um sein erwachendes Interesse an der ihn umgebenden Community. Der etwas ungestüme Shariff ist nämlich gar kein schlechter Kerl, sondern kämpft gemeinsam mit seinen Freunden Momo (Dylan Magon), Inno (Madior Fall) und Sara (Daniela Scattolin) für den Erhalt ihres Barrio, aus dem sie ein Immobilienunternehmen verdrängen will. Omar, den die Freunde fortan Zero nennen, soll ihnen dabei behilflich sein. Gentrifizierung, Racial Profiling, der Graben zwischen Arm und Reich – all diese Themen finden Eingang in diesen Kernplot. Drum herum geht es noch dazu um Omars Beziehung zu Anna, seine Familie und das mysteriöse Verschwinden seiner Mutter.

Ideenreiches, hübsches Füllmaterial

Dies erzählt „Zero“ recht unterhaltsam in kurzen Episoden, die zudem optisch glänzen: Die Kamerafahrten lassen Mailand in elegant-urbaner Eleganz erstrahlen und Omar entgleitet im Zuge seiner Unsichtbarkeit in eine wie gemalt erscheinende Welt. In diesen Animationseffekten und Omars Liebe zu Mangas lässt sich auch der Einfluss des italienischen Comic-Künstlers Menotti erkennen, der „Zero“ gemeinsam mit dem Drehbuchautor und Schauspieler Antonio Dikele Distefano entwickelt hat. Man schaut dem engagierten Cast gern zu und findet Sympathiefiguren.

Nichtsdestotrotz wird im Verlauf von „Zero“ ein Potenzial zu einer komplexeren Verzahnung gewichtiger Themen deutlich, als es die Serie je einlöst. Statt einer eingängigeren Erkundung von Omars Superkraft und der Metropolen allerorts betreffenden Problematik von Quartiersaufwertung und Verdrängung, geht „Zero“ lieber den einfachen Weg der effektvollen Twists und treibenden Handlung. Und so bleibt der letzte Eindruck von „Zero“ als einer hübsch gefilmten, kurzweiligen Serie, die schnell verdaut und wieder vergessen ist. Dies ist besonders schade, wenn es um die Repräsentation von Gruppen und Themen geht, die ansonsten selten fiktional in Erscheinung treten. Wenn diese wie im Fall von „Zero“ (oder auch jüngeren Netflix-Serien wie „Schnelles Geld“ und „Sky Rojo“) als belangloses Füllmaterial für den Streamingdienst herhalten müssen, tritt der erhoffte positive Effekt einer vielfältigen Serienlandschaft gar nicht ein.

Die erste Staffel von „Zero“ mit acht Folgen ist seit dem 21. April 2021 auf Netflix erhältlich. Sie sind zwischen 21 und 27 Minuten lang.


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