Popkolumne, Folge 193

25 Dinge, die ich beim Ed-Sheeran-Konzert gelernt habe

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

01 ZAHLEN
Drei ausverkaufte Shows im ehemaligen Waldstadion hintereinander feuert Ed Sheeran ab, pro Termin macht das 61.000 Gäste, also 183.000 insgesamt an einem einzigen Wochenende.

02 ANREISE
Niemand kann bei so einem Mega-Event parken. Die wütend und verwirrt um das Venue kreisenden Opfer in ihren SUVs starren aus ihren Scheiben. All is lost. Eine Megafonstimme befiehlt ihnen, am weit entfernten Flughafen Frankfurt zu parken und sich aus Sportflugzeugen über dem Stadion abwerfen zu lassen. Okay, letzteres stimmt nicht, aber das davor ist schon hart genug für alle motorisierten Ed-Sheeran-Ultras.

03 ANREISE (REPRISE)
Wanderer, kommst du heutzutage zu großen Popkonzerten… Dort starren sie dich an, Herden von staksigen E-Rollern.

04 GIB MIR TIERNAMEN
Als ich Kind war, nahm mein Vater mich mit ins Fußballstadion von Frankfurt. Es trug den märchenhaften Namen „Waldstadion“, lag es doch versteckt in einem solchen. Heute allerdings muss sich dieser Ort „Deutsche Bank Park“ schimpfen lassen, bis vor kurzem noch war es mit der entmenschten Schmähung „Commerzbank Arena“ betitelt. Danke für Nichts, Kapitalismus.

05 URINMANGEL
Rollt man in einer Menschenmasse auf ein Stadion zu und der Anlass ist Fußball, weiß man auch ohne jahreslanges Studium der Urologie, wie fragil die männliche Blase zu sein scheint. Fußball-Event heißt, im Slalom zwischen den unzähligen Wildpinklern die letzte Meile zu laufen. Von diesem Golden-Shower-Flashmob wissen die feinen Fans von Ed Sheeran allerdings nichts. Niemand uriniert hier auf die Wege. Vielleicht einer der größten Unterschiede zu Fußballfans. Vielleicht ja sogar ein gutes Omen!

06 LIEBESGRÜSSE AUS DEM FOODCOURT
Zu den Füßen des malerischen Brutalismus-Koloss a.k.a. „Deutsche Bank Park“ staunen die hungrigen Reisenden nicht schlecht: Fliegende Händler mit frittiert riechenden Kitteln haben Stand um Stand, Pommesbude um Cocktailbar aufgebaut. Wen wundert’s? Ed Sheeran, das ist einfach mehr als Musik, das ist Emotion, das ist Empowerment, das ist Verdauung. Und wer öfter auf Events dieser Größenordnung ist, weiß auch: Hier fahren nicht mehr dreckig weiße Anhänger mit Namen wie Wurst-Willy oder Bier-Ede auf, sondern stylishe Foodtrucks, auf denen geschrieben steht „Unsere tägliche Pommes gib uns heute“ oder „Garden of Eating“. Preise dementsprechend.

07 BÜHNENBILDER
Die megalomanische Bühnenkulisse wirkt wie eine Mischung aus Hardrock-Café-Interieur, den „Mad Max“-Filmen und der Leuchtreklame eines durchgeknallten Nagelstudios.

08 ED SHEERAN FAMILIENMENSCH
Die älteren der Musikexpress-Leser*innen werden sich erinnern, wie die Bevölkerung sich einst nach Bethlehem aufmachte, um sich schätzen zu lassen. Ähnlich ist auch die Prozession zur Ed-Sheeran-Messe, Generationen rosig vereint in ihrer Liebe zu dem 31-jährigen Kuschelrocker. Neben diesen harmonischen Konstellationen wirke ich auf die anderen Besucher*innen (als einziger unbegleiteter Mann) offensichtlich wie der Kannibale von Rotenburg. Kann man auch nichts machen.

09 KONZERTPROFIS
Bei 61.000 Gästen wundert es kaum, dass das Publikum nicht nur aus der Umgebung stammt, sondern sich mitunter von weit her angereist sieht. Hinter mir sitzen Mutter und ein paar Töchter offenkundig aus dem Raum Stuttgart. Sie sind nicht wirklich zufrieden mit der Tatsache, dass sie Einlass (der war 16 Uhr) mit Konzertbeginn von Ed Sheeran (der wird um 20 Uhr 15 sein) verwechselten. „Die anneren Leute kommen jedsch erscht“, sagt eine der vom stundenlangen Sitzen zermürbten Töchter neidisch. „Desch sin hald Kondscherprofis“, erwidert die müde Mutter. Eine weitere Tochter: „Oder es hän im Internet geschtanne.“

10 GAME OF THRONES
Aber ich will mich nicht über diese Familie erheben. Okay, ich als Konzertprofi ahnte schon, dass Ed Sheeran nicht vom Einlass bis zum Schluss der Veranstaltung auf der Bühne stehen würde, das wären immerhin sechseinhalb Stunden – aber dafür beziehe ich den Großteil meiner Ed-Sheeran-Kenntnisse daraus, dass ich einst seinen Cameo-Auftritt bei „Game Of Thrones“ sah. Und damals, muss ich gestehen, enttäuscht war, dass er nicht wie die meisten in der Serie bestialisch umgebracht wurde. In Sachen Textsicherheit dürften mich die erschöpften Schwäbinnen gleich noch ziemlich in die Schranken weisen.

11 FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE SAGEN LEISE „SERVUS“
Wer bis hierhin kritisch gelesen hat, dem ist der fortschrittsfeindlich jammernde Unterton meines Textes sicher nicht verborgen geblieben: „Warum heißt das Ding nicht mehr Waldstadion?“, „Warum gibt es hier nicht mehr nur Bier aus einem Kelch sondern Bowls und Cocktails?“ und ähnliches Mittelalter-Mimimi. Doch ich möchte sagen, der Zeitgeist hat auch gute Seiten: Zum Beispiel wären noch vor zehn Jahren Acts wie Fury In The Slaughterhouse bei jemandem wie Ed Sheeran im Vorprogramm gewesen oder irgendeine andere folkige Typentruppe, die bei derselben Plattenfirma gesignt ist. Diese malebonding Reflexe ändern sich gerade in der Musikbranche und das sieht man auch hier im Line-Up: Vor dem beliebten rothaarigen Nagetier spielen zwei female Acts, Cat Burns und Griff.

12 GRÜNER WIRDS NICHT
Ach so, und weil sich bei dem sensiblen Thema „mehr Diversität auf Bühnen“ schnell alle schnappatmigen Dieter Hallervordens des Internets um den Verfall von Livemusik sorgen (schließlich können nur richtige Männer Gitarre, das weiß man doch), seien beide Acts hier eingebettet. Um wirklich jedem zu beweisen, dass es sich um tolle Künstler*innen handelt und es wirklich einen Gewinn darstellt, dass sie diese große Bühne hier bekommen.

13 GRIFF
Apropos Griff… Die Engländerin mit jamaikanisch- und chinesischen Eltern entschuldigt sich beim Publikum erstmal für ihren Namen: „I heard in german it’s something like a doorknob“. Das fände sie auch nicht ideal, allerdings sollten wir doch einfach immer, wenn wir von nun einen Türgriff anfassen, an sie denken. „Lustig“, denke ich zuerst – dann allerdings, „um Himmels Willen, hoffentlich kriege ich diesen Link je wieder aus meinem System raus.“

14 GRIFFS SCHUHE
Leider konnte ich diese trotz ihrer Größe nicht im Bild festhalten, aber zumindest habe ich euch den passenden Tweet von der Buchautorin Ilona Hartmann dazu herausgesucht.

15 KEINE INTERNETVERBINDUNG
Auf Großevents ist ja immer jede*r im Netz, weshalb man selbst gefühlt als einziger nicht mehr reinkommt. So gehen beim einläutenden Countdown (Zehn runterzählende Minuten angezeigt auf einer LED-Wand) um mich herum alle live, ich dagegen kann nicht mal ein Taubsi bei Pokemon Go fangen, „No Service“. So vertreibe ich mir die Zeit, indem ich versuche bei so vielen Übertragungen wie möglich von hinten reinzuwinken. Lebensleistung Photobomb.

16 FAIR WARNING
Geil, es geht endlich los. Ed Sheeran kündigt an, heute vor allem sein aktuelles Album „=“ (sprich „equal“) zu spielen. Als höflicher Engländer ergänzt er: „Falls das jemand von euch nicht mag, möchte ich mich entschuldigen, das werden jetzt ziemlich öde anderthalb Stunden für euch.“

17 VERSEXTE FAMILIENUNTERHALTUNG
Okay, ein bisschen kenne ich mich nun doch aus mit Ed Sheeran. Wobei mich persönlich am meisten fasziniert, wie das hemdsärmelige Honigkuchenpferd in seinen Texten anzüglicher klingt als die meisten Glam-Rock-Bands der Achtziger. Beweise? Gern! So steigt Ed Sheeran in sein Set gleich mal ein mit dem Song „Blow“.
Und der geht unter anderem so:

„You red leather rocket, you little foxy queen
Everybody’s watching, pretty little thing
Baby, tell me, what′s your fantasy?
Come closer, let’s talk about it
You want white lines in a limousine
Whipped cream, and everything in between, yeah“

Und dann würden selbst Mötley Crüe rot werden, wenn das alles in diese mäßig verschleierte Cumshot-Referenz im Refrain mündet:

„I’m comin′, baby
I′m gunnin‘ for you, yeah
Locked, loaded, shoot my shot tonight
I′m comin‘, baby“

18 JUICY FOLKSONGS
Man muss nicht jede Person im Stadionrund fragen, um zu ahnen, dass die meisten nicht mit der fröhlichen Penis-Prosa ihres Superstars vertraut sind. Grund dafür ist natürlich das Geschenk der Sprachbarriere. Von jener profitiert Ed Sheeran nicht zu knapp. So weiß er in einer Ansage zu berichten, dass seine Musik am meisten in Deutschland geschätzt würde. Hier fülle er größere Hallen oder eben sogar Stadien als überall sonst. Sagt’s und haut gleich schon wieder seinen nächsten juicy Folksong mit Happy End raus.

19 KEIN SCHÖNER LAND
Das sei allerdings nicht immer so gewesen, ergänzt er. Lange habe er auch hierzulande in mäßig gefüllten Läden gespielt: „Wird es auch noch mal besser?“ habe er traurig sein Management gefragt. „Ja, wenn du die Deutschen einmal hast, dann bleiben sie bei dir.“ Die Zuschauer*innen johlen bei dieser Aussage, dass sie von Nation wegen so treue Kerlchen seien. Erzähl uns mehr von uns, Ed!

20 WENN BLITZE STREIKEN
Plötzlich wird unser Gitarren-Animateur ernst: Das Konzert müsse wegen einer Unwetterwarnung unterbrochen werden, die Kombination aus soviel Technik und möglichem „lightning strikes“ sei zu gefährlich. Die Familie hinter mir hat dafür wenig Verständnis, „wieso gehdn der jetzsch wieder?“ Eine Tochter übersetzt: „Das Licht streikt.“ Mutter: Ah so!“

21 DIE WELLE
Die Zwangspause vertreiben wir musikbegeisterte Normies uns mit der La Ola – als wäre wieder Davis-Cup-Finale gegen Frankreich mit Michael Stich, Eric Jeelen und Boris Becker.

22 NIEDERSCHLÄGE MUSS MAN AUCH AUSHALTEN KÖNNEN
Das Gewitter zieht zwar fix vorüber, lässt aber einen infernalischen Regen als Platzhalter zurück. Ed Sheeran, der heute Abend über eine runde Bühne im Innenraum tobt und alle, die davor stehen, werden von nun an nass wie ein Eimer. Doch das tut dem Elan keinen Abbruch, im Gegenteil: „Ich liebe es, wenn es regnet. Das macht die Show immer besser, weil die Leute gar nicht mehr anders können, als zu feiern.“ Optimismus ist eine Waffe, denke ich, während der tropfende Sheeran tatsächlich recht behält.

23 R.I.P. HELMUT KOHL
„Perfect“, eines der wenigen Lieder, in dem es um Liebe statt um‘s Bumsen geht, widmet der Sänger und Brite nun seiner Queen Elizabeth II. Das sind so Sachen, da würde man sich wundern, wenn sie seinerzeit Thees Uhlmann oder Juju für Helmut Kohl getan hätten, als jener verstarb. Bei der Monarchie läuft’s allen allerdings gut rein. Auch hier im „Deutsche Bank Park“, wirken die Leute – zumindest einigermaßen – ergriffen.

24 KEIN ZWEIFEL
Übrigens: Nur mit einer Gitarre – eine auf Plattformen im Innenraum verstreute Band kommt nur ganz vereinzelt zum Einsatz – ein ganzes Stadion zu bespaßen, das ist wirklich etwas, das man auch erstmal schaffen muss. Wer das nicht ganz ironiefrei konstatieren kann, sollte fürs MAD-Heft schreiben. Und das möchte ich nach dem Tod von Herbert Feuerstein nun wirklich nicht.

25 ALLZU FRIEDLICHES ENDE
Doch alle angeleitete Großevent-Ekstase hat Grenzen. So kommt es mit dem Ende der Show auch zu keinen aufgewühlten Gefühlsausbrüchen, die aus zigtausend Kehlen Zugaben einfordern würden. Nein, „Tschüss, kommt gut nach Hause“ und das war’s, if you don’t cry, it isn’t love. Deutschland, wie man es kennt: treu wie Scheiße am Fuß und emotional wie Exceltabelle.

Bonuslearning: AFTER HOUR
Richtig spannend wird es also erst wieder bei der After Show Party. Die steigt mehr als überraschend bei einem Oktoberfest-Ableger in Frankfurt. Dort taucht der Superstar frisch geföhnt und in Lederhosen (!) auf. Die Bierhumpen stemmenden Zufällsgäste können ihr Glück kaum fassen: „Wer is’n das?“, „Glaub, irgendwie so’n Sänger.“

Okay, die meisten wissen, wen sie vor sich haben und genießen den Moment – und mit den Moment genießen meine ich natürlich das Smartphone zücken, alle filmen hier einfach mal geschlossen die erneute Performance von „Perfect“ mit. So geht Event in der Neuzeit. Im verblichenen Waldstadion hätte man darüber gemeinsam mit Pommes-Rudi den Kopf geschüttelt und dann an einen Baum gepinkelt.Heute mag die Welt immer noch bizarr und übergriffig sein, aber eben anders bekloppt.

Naja, immerhin Abwechslung.

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