Popkolumne, Folge 133

Von „Hell“ zu „Dunkel“: Wer braucht heute noch Die Ärzte?

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

 

Mein Fanzine von 1996 mit Die-Ärzte-Interview. Wird im Verlauf der Kolumne noch mal wichtig.

Ä

Die Ärzte, das sind 2021 in ihrem Fun-Punk-Look eingefrorene Rockrentner – bei denen man sich schweren Herzens fragt: „Okay, kann ich die Toten Hosen nochmal sehen?“

Nein, Quatsch, liebe friends. Wer in dieser Kolumne auf solche Pauschalurteile aus ist, den muss ich „leider“ enttäuschen. Hier geht es vielmehr darum, Die Ärzte im neuen Jahrzehnt zu verorten. Abseits von den ätzenden Superlativen und dem Promogeklingel rund um ein neues Album – und genauso abseits der „Daumen runter“, die einem reflexhaft in der eigenen Bubble begegnen, wenn ein Act schon so lange dabei ist.

Anlass (aber nicht Verhandlungssache) dieser Kolumne ist natürlich der Release des jüngsten Die-Ärzte-Albums DUNKEL. Also, wie steht man selbst zur „besten Band der Welt“? Ich will es (für mich) rausfinden – mit einem Pro & Contra. Viel Spaß, Leute.

Familienschatz, der über Generationen weitergereicht wird. Mein Foto mit: Die Ärzte

Pro

  • „Teenagerliebe“ (Song)
  • Teenagerliebe (Eigene Beziehung zur Band)
  • Güte aus Chile
    Rod Gonzales besitzt immer sowas übertrieben Gütiges. Selbst Buddha würde neben neben dem beliebten gebürtigen Chilenen wirken wie ein Kirmesboxer auf Pep. Ich kann mich noch gut erinnern an CDs von Rumpelpunkern, die auf seinem Label Rod Rec rauskamen. Man vermutete bereits, dass er da dem ein oder anderen Buddy einfach einen Gefallen tat. Bewiesen haben mir das dann die Danksagungen einer Bronx-Boys-Platte. Die schreiben seinen Namen nämlich so: „Rod Komm-zahl-es“. Hat er offensichtlich auch getan. Ehrenmann.

  • Das Ebow-Feature
    Auf „Kerngeschäft“, einem Song des neuen Albums DUNKEL, findet sich eine Rap-Passage der kurdisch-deutschen Rapperin Ebow, die sich ihr Imperium in Wien aufgebaut hat. Neben diesem geschmeidigen Killer-Flow steht Ebow für migrantische, feministische und queere Perspektiven im Genre. Dass Die Ärzte sie auf dem Schirm und nun sogar auch auf Platte haben, da darf man ruhig ein wenig staunen.
  • Die Chemie
    Die Chemie zwischen Farin und Bela – oder meinetwegen auch die Spannung, die zwischen diesen beiden Figuren herrscht. Laurel und Hardy, Klaus und Klaus, Black und Decker, Sodom und Gomorra, Hanni und Nanni… es können alle anderen Duos einpacken. Nirgendwo knistert es mehr.
  • „Außerdem bin ich noch total Rock“
    Song und vor allem auch das Video zu „Rock’n’Roll Übermensch“

  •  Schnapsideen
    „1, 2, 3, 4, Bullenstaat“. Viel zu aufwendige Gadgets wie dieses Vinyl-Album mit Miniatur-Songs in ernstgemeinter Deutschpunk-Travestie, das nur auf Konzerten verkauft wird? Keine Band und schon gar keine dieser Größe hat so viel Respekt vor den eigenen Schnapsideen – oder auch nur annähernd so viele davon umgesetzt.
  • Der Die-Ärzte-Schlagzeuger: Vom Ritchie
    Der Auftritt des koboldigen Drummers von – natürlich – den Toten Hosen bei dem gelungenen Video zum DUNKEL-Song „Zeit für etwas Noise“. Vom Ritchie persifliert mit seinem Auftritt den nur scheinbar bestehenden Konflikt der beiden zentralen deutschen (Punk)Bands.

  • Super-Stimmung!
    Es existiert eine stählerne gute Laune, die die Band nie zu verlassen scheint. Ein bisschen besitzt das ewige Grinsen von Farin Urlaub etwas Unwirkliches, etwas Cartoonhaftes. Er zieht die Rolle seines eigenen Alter Egos einfach gnadenlos durch – und das sollte man zu schätzen wissen. Schließlich möchte man ja auch nicht Mickey Mouse auf der Toilette überraschen, genauso wenig sollen Die Ärzte je schlecht drauf sein.
    Bei ihrem Antagonisten Campino wird man schon genug mit dem Frust eines erfolgreichen Punks konfrontiert. Das zieht mich persönlich immer total runter. Wenn Leute, die so viel erreicht haben wie er, schon mies gelaunt sind wegen Weltuntergang beziehungsweise eines negativen Feuilletonartikels, wofür dann eigentlich der ganze Hustle?
    Nee, danke für die gute Laune, liebe Die Ärzte. Bestimmt auch nicht immer leicht.
  • „Ach, Sie suchen Streit?“
    Die späten Die Ärzte hätten den Biss verloren? Auf „Lasse Redn“ vom Album JAZZ IST ANDERS (2008) legten sie sich immerhin noch mit der mächtigen BILD-Zeitung an. Trauen sich nicht viele und wenn kommen sie selten so überlegen aus der Sache raus wie hier Die Ärzte.
  •  Support
    So ausgewählt (lies: selten) Die Ärzte mit Medien sprechen und so betont sie sich nicht vor jeden Karren spannen lassen, so unfassbar großzügig erlebt man die Band im sonstigen Zirkus deutschsprachiger Pop- bzw. Subkultur. Zuletzt im Gespräch mit Stefanie Sargnagel sagte diese zum Beispiel Folgendes, worin sich für mich eine große Qualität von Die Ärzte spiegelt:

„Ich wurde tatsächlich mal von Bela B. angeschrieben, weil ihm seine Lektorin eines von meinen Büchern gegeben hatte – und nach einer Lesung im Borchardt in Berlin kam Farin Urlaub zu mir und hat sich eine Signatur geholt. Das waren echt Schockmomente meines eigenen Fames: Meine Kindheitsidole Die Ärzte kommen auf mich zu. Irgendwann bringt einen ja wenig aus der Fassung, aber hier war es noch so: ‚Oh, Gott Bela B., wird er jetzt vielleicht bald mein boyfriend?‘“

  • Noch mehr Support
    Man muss es noch mal extra highlighten: Die Ärzte genügen sich nicht einfach selbst, sondern unterstützen Acts, die sie cool finden. Und damit meine ich nicht nur den gerade aufkommenden heißen Scheiß, der sie selbst in gutem Licht strahlen ließe. Nein, wenn man die Steine umdreht, entdeckt man immer wieder Spuren von Support, den Die Ärzte jemandem dagelassen haben. Gerade bei total nischigen Dingen – wie zum Beispiel dem Hörbuch des Book-On-Demand-Autoren Lars Gebhardt „Ein Goldfisch in der Grube“.
    Da hätte Bela B. nicht seine Stimme als Verkaufsargument reinbringen müssen. Hat’s aber getan.
    Aktuell erscheint die neue Platte der komprimierten, linken Noise-Core-Band Dÿse. Überraschender Gast auf ihrem Stück „Alles ist meins“: Farin Urlaub. War ihm einfach lieber so.

  • Leck mich, Social Media
    Die komplette Verweigerung, sich in sozialen Medien auszustellen beziehungsweise nahbar zu machen. War mir erst nicht sicher, ob ich das nicht zu Contra packen soll. Schließlich sind wir alle Sklaven von Zuckerberg und China (TikTok), warum soll es dann den Ärzten besser gehen? Aber hey, man muss auch gönnen können. Freuen wir uns doch gemeinsam darüber, dass Die Ärzte nicht dauernd Facebook und Instagram checken müssen. (#neid)

CONTRA

  • „Ein Lied für Jetzt“
    Der Corona-Beitrag von Die Ärzte im tiefsten Lockdown 2020. Das dementsprechend weit weniger aufwändige Video zeigt die drei dermaßen casual, dass man sofort merkt, man will bei dieser Band einfach nicht so dringend hinter die Inszenierung gucken.
    Und bei den mannigfaltigen Covid-Songs, die man in jener Zeit gehört hat, muss man auch sagen, dass es auch da einfach bessere Zeilen gab als diese:
    „Ich sitze zuhause und langweile mich / Klopapier und Nudeln sammle ich nicht“
  • Tagesthemen
    Die Ärzte erst bei den Tagesthemen und dann als Tagesgespräch. EinsA-Promo-Stunt, aber will ich mit meiner Mutter plötzlich über die Band reden, weil sie jetzt auch eine Meinung dazu hat? Lieber nicht. Außerdem hat es bei allem Übernahme-Charme schon ein wenig corporate gewirkt. Will sagen: Der Coolness-Transfer ging in die Richtung der antiken Sendung, für Die Ärzte war außer Reichweite dagegen nicht viel drin.

  • „Woodburger“
    Ein Text des Albums HELL, der die AfD wegen ihrer reaktionären Gesinnung mit Arschfick bestrafen will. Das ist einfach unterlegener Hetenhumor. Jener fördert, wenn es ums Schwulsein geht, zwanghaft eine Fokussierung bzw. Fetischisierung hin zu Analsex zutage. „Woodburger“ fabuliert sich eine krude Story zusammen, die außer gut gemeint wirklich nichts ist. Stilsicher und empathisch geht jedenfalls anders.
  •  Aber die Landschaft!
    Farin Urlaub fährt in den Urlaub und knipst – sind ja Ferien – viele Bilder. Der Blick auf die Welt, den die Fotos seiner kiloschweren Buchveröffentlichungen widerspiegeln, erinnert an GEO-Bildbände, die Motive werden zwanghaft symmetrisch inszeniert und sind oft einfach ziemlicher Traveller-Kitsch.
  • Die Solo-Platten
    Ey, endlich sagt’s mal einer (ich).
  • Leck mich, Facebook
    Postet man das Cover des Abschieds-Live-Albums „Nach uns die Sintflut“ von 1989, kann es gut sein, dass man von Facebook gesperrt wird. Internet gone mad. Das kann man streng genommen den Ärzten aber nicht vorwerfen…
  • Abstinenz
    Farin Urlaub trinkt keinen Alkohol. Weiß er nicht, was für ein fatales Signal er damit setzt? Da fühlen wir traurigen Trinker*innen uns doch nur noch schlechter als eh schon!
  • Die ungeile Platte „auch“ (2012)
  • Das Cover von „13“
    Das bemüht coole Motiv ließe sich höchstens noch der eine von Boss Hoss als Tattoo stechen.
  • Der Tanzende Teufel
    Bela B. liest 2019 den Drei-Fragezeichen-Klassiker „Der tanzende Teufel“ als Hörbuchversion. Zitat eines hochrangigen Kulturjournalisten, der aus Angst vor der Rache der Ärzte anonym bleiben will: „Bela B. kann nicht lesen. Ich meine es, wie ich es sage.“
    Wobei ich Bela B. als Sprecher des Hörbuchs von John Nivens „Kill Your Friends“ sehr verehre. Hier steht Aussage gegen Aussage.
  • Gitarrenrock
    Das ästhetische Korsett, in dem die Musik (sei sie im Detail auch noch so variabel) von Die Ärzte eingeschnürt ist, ist und bleibt Punkrock mit Gitarre. Dieses Genre evoziert 2021 mitunter ein tiefes Gähnen. Das liegt nicht an der Band selbst, dürfte aber dennoch einen ganz wesentlichen Aspekt darstellen, warum einen der Schlachtruf „Die Ärzte“ heute immer auch ins Gestern und nicht ins Heute schickt.

Ist das alles? (Fazit)

Es gibt hunderte von Aspekten hinsichtlich dieser Band, über die es sich den Kopf zu zerbrechen lohnt, das hier seien nur mal ein paar Hände voll gewesen. Mich überzeugen tatsächlich die Pro-Argumente weit mehr. Ich fürchtete im Vorfeld, es wird genau anders herum. Stattdessen wühle ich mich seit Tagen digital (Suchmaschine) und analog (Platten, Zeitschriften, Gegenstände) ins Die-Ärzte-Koma.

Wie schön, der eigenen Faszination mal wieder so nah zu sein beziehungsweise sich derart in Popkultur reinsteigern zu können – und vor allem auch mal angestaute Zweifel zu formulieren und zuzulassen. Mein Fazit: Die Ärzte haben immer für einen offen – und wenn man denkt, man muss nicht mehr hin, das ist ja okay, eigene Entscheidung. Aber wenn man wieder da ist – und das bin ich gerade – dann ist man froh drum.

Die ganz persönliche Playlist

Meine zehn liebsten Farin-Songs von Die Ärzte

01 „Als ich das Mädchen mit den Latzhosen sah (Schwanz ab)“
02 „Junge (Economy Version)“
03 „Madonnas Dickdarm“
04 „Ich weiß nicht, ob es Liebe ist“
05 „Saufen“
06 „Erna P.“
07 „Das ist Rock’n’Roll“
08 „El Cattivo“
09 „Ein Song namens Schunder“
10 „Buddys Hollys Brille“

Meine zehn liebsten Bela-Songs von Die Ärzte

01 „Als ich den Punk erfand“
02 „Rock’n’Roll Übermensch“
03 „Ich ess Blumen“
04 „Mysteryland“
05 „Bravopunks“
06 „Monsterparty“
07 „Ist das alles?“
08 „Wilde Welt“
09 „Alle auf Brille“
10 „Scheißtyp“

Wem das zu subjekt war: Hier die Top 50 der Die-Ärzte-Songs, gewählt von den Leser*innen des Musikexpress.

Okay, dann auch noch einen (beziehungsweise DEN) Song von Sahnie

01 „Wie ein Kind“

Überdimensionale Leseratten fressen die Erde auf 

Aktuell erschienen ist das Buch „100 Seiten. Die Ärzte“ (Reclam Verlag). Wo anderen Autor*innen sich bei sowas strecken müssen, um das vorgegebene Format zu füllen, hat mein Freund und popjournalistisches Krafttier Stephan Rehm-Rozanes hier einfach gefühlt 500 Seiten auf 100 komprimiert. In jedem einzelnen Satz stecken so unzählige bunte Informationen rund ums langlebige Punker-Phänomen. Etliches, was der süddeutsche Edel-Fan zutage fördert, dürfte die Band selbst nicht (mehr) gewusst haben. Humorvoll und verdichtet – und mit Bela- beziehungsweise Farin-Interviews.

DÄ-Autor mit Buch

Wie mich einmal Die Ärzte kennenlernen durften

Hinter dem anarchischen Auftreten von Die Ärzte herrscht sehr viel Kontrolle. Was macht man medial? Und vor allem: Was macht man alles nicht in und mit den Medien? So sind auch Interviews von Die Ärzte rar gesät. Wer allerdings eines bekommen hat: Na, euer freundlicher Erzähler hier! Richtig gelesen. Ich präsentiere nun einige Auszüge aus einem exklusiven Die-Ärzte-Interview. Okay, es ist schon ein wenig älter. Genau genommen 25 Jahre alt.

1996 traf ich blutjung und blutdumm auf die Band. Ich hatte ein Fanzine (Medium aus analoger Zeit, kann man sich heute vorstellen wie einen ausgedruckten Blog), das hieß „Die Spielhölle“. Und nur weil Die Ärzte die echte Journaille stets kurz hielten, hieß das nicht, dass sie nicht gern irgendwelchen Schülerzeitungen, Fanzinern und Halbbekloppten vor einem Konzert eine Audienz gewährten – Audienzen, die sie Stern, RTL und Focus zeitgleich verwehrten. So verhielt es sich auch in der Mehrzweckhalle von Neu-Isenburg 1996…

Das exklusive Ärzte-Interview
[Wortlaut, Rechtschreibfehler und Schriftbild wie Original]

linus: „macht das noch so viel spaß wie früher? also das interviewgeben?“
farin: „also, wir würden lieber aufs konzerte geben verzichten, als keine interviews mehr zu geben“
bela: „ich bin nur wegen den interviews dabei. von DEPP JONES (‚belas band in der ärzte-pause‘) wollt ja niemand was wissen.“

linus: „wie hat sich punk in den letzten 10 jahren gewandelt?“
farin (zu linus): früher waren punkrocker eher selten mit langen haaren und 70er jahre hemden unterwegs.“
bela: „in meiner alten punk-clique da ha’m die immer alle aus dem mund gestunken und geld geschnorrt – ja, und in meiner neuen punk-clique ha’m sie halt maßanzüge an und geben sich gegenseitig flugzeuge aus…“

linus: „wie lange muß man punk sein, um so zerfurcht auszusehen wie der schlagzeuger der toten hosen?“
farin: möchte gar nicht wissen, was du die gefragt hast, du arsch“

farin: „wißt ihr, wat ich echt geil finde. Wenn das so fortschreitet mit der selbstverständlichkeit von piercing, tätowierung und irokesen, dann ist man spätestens in zweieinhalb jahren mit pagenschnitt und normalem jeansanzug der könig.“

linus: „blumfeld?“
farin: „lieber in einen raum gehen, wo deren bücher stehen, als in einen, in dem ihre musik läuft…“
linus: „und tocotronic?“
bela: „was an tocotronic gut ist, daß sie die band sind, die die besten t-shirts anhaben. Also HSV- oder Kiss-shirts“
farin: „ick hab die noch nie jehört.“
bela: ich find die auch musikalisch ganz gut. bei dieser hamburger krankheit ist noch die beste band. trotzdem werden sie zu sehr gehypt.“

Das einzig überlieferte Foto aus jenem Backstage 1996.

Die Ärzte sind auch in der diesjährigen Oktoberausgabe des MUSIKäXPRESS vertreten – dieser liegt eine exklusive Flexi-Disc der Band bei, für die unter anderem ihr Song „Abends Billy“ exklusiv neu eingespielt wurde.

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