Reflektor

Die Linke: Was Jan Müller mit Sting und Noel Gallagher gemeinsam hat


Jan Müller erklärt in seiner Kolumne, wie er und andere Artists mit ihrer Linkshändigkeit umgehen.

„Schönen Guten Tag, mein Name ist Jan Müller, ich schreib nur mit nem Filzstift, denn ich kann’s nicht mit dem Füller.“ Diese Zeilen für unser gemeinsames Projekt Dirty Dishes dichtete mein Freund Rasmus Engler (der „Toco Blues“, 2007). Der Vers ist gar nicht so fern der Realität getextet, wie man es zunächst vermuten könnte. Ich kann nämlich wirklich nicht mit dem Füller schreiben. Um das zu erläutern, muss ich ein wenig ausholen: Ich bin Linkshänder. Schändlicherweise überredete mich irgendwann in meiner Grundschulzeit meine Klassenlehrerin, es doch mal beim Schreiben „mit der rechten Hand zu versuchen“.

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Warum eine Pädagogin Ende der 70er-Jahre noch einen derart überholten und unsinnigen Vorstoß wagte, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum meine Eltern nicht frühzeitig einschritten. Dem einige Wochen währenden Experiment war kein Erfolg beschieden. Ich schrieb zwar bald wieder mit links, so wie meine führende rechte Hirnhälfte es vorgibt. Dennoch verursachte dieser Menschenversuch bei mir eine nachhaltige kalligraphische Verwirrung. Ich wusste nun gar nicht mehr, was richtig ist, und mein Schriftbild war aus Sicht der Lehrer fortan katastrophal.

Meine Eltern nahmen es mit Humor: „Das Kind wird Arzt!“ Als dann der Füller auf dem Lehrplan stand, war sofort klar, dass dieses Instrument für mich ungeeignet ist. Ich war der Einzige in der Klasse, der mit Kugelschreiber schreiben durfte. Trotzdem waren meine Klassenarbeiten oft so unleserlich, dass ich sie im Lehrerzimmer noch einmal abzuschreiben hatte.

Ich spiele als Linkshänder ein Rechtshänder-Instrument

Irgendwie gefällt es mir, als Linkshänder zumindest in einem klitzekleinen Punkt nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. In einer anderen Zeit hätte diese kleine Abweichung größere Nachteile mit sich gebracht. Der Teufel hält den Dreizack in der linken Hand. In der Vergangenheit hatten Linkshänder in Deutschland schwer zu leiden. Galten mitunter als vom Bösen besessen. Auch heute noch haben sie überall, wo Religionen einen hohen Einfluss haben, einen schweren Stand. In nahezu allen großen Religionen gilt die linke Hand als unrein.

Kurt Cobains „Smells Like Teen Spirit“-Gitarre wird in London ausgestellt

Als mein Freund Arne Zank und ich in Teenagertagen gemeinsam unsere erste E-Gitarre kauften, dachte ich gar nicht an das Thema Linkshändigkeit. Im „Musikkeller“ in Hamburg St. Georg fragten wir den Verkäufer, wie rum man das Ding denn eigentlich zu halten habe. Der Verkäufer blickte uns verständnislos an, gab uns dann aber bereit willig Auskunft. Auch unser nächstes gemeinsames Instrument, ein wundervoller DDR-Bass (Musima de Luxe 25 B) war für Rechtshänder vorgesehen. Vermutlich fiel mir das Erlernen auch wegen meiner Linkshändigkeit schwer. In unserer ersten gemeinsamen Band „Meine Eltern“ wurde ich dann, vielleicht auch aus diesem Grund, weder Gitarrist noch Bassist, sondern Sänger. Das war übrigens keine gute Idee.

So mächtig ist das Vermächtnis von Jimi Hendrix wirklich

Nachdem ich dann irgendwann wieder beim Bass angelangt war, versuchte ich nach Jahren tatsächlich noch einmal von rechts auf links umzulernen, aber das schien mir völlig absurd zu sein. Ich spiele also als Linkshänder ein Rechtshänder-Instrument. Das ist übrigens die vermutlich einzige musikalische Technik, die ich mit Sting gemeinsam habe. Noel Gallagher und Mark Knopfer machen es genauso. Neben Linkshänder-Bässen gibt es andere speziell für Linkshänder angefertigte Werkzeuge, mit denen ich nichts anfangen kann. Scheren, Dosenöffner, Anspitzer etc.

Wir Linkshänder freuen uns, wenn wir einander begegnen

Trotzdem, wir Linkshänder freuen uns, wenn wir einander begegnen. Linkshändigkeit ist ein harmloses und schönes Anderssein. Und natürlich blicke ich sehr interessiert darauf, welche Musiker:innen Linkshänder sind. Es sind doch wirklich so einige dabei: Beethoven, Mozart, Kurt Cobain, Tony Iommi, Sting, Courtney Barnett, Guido vom Flockenberg, Paul McCartney und Ringo Starr. Die Frühen im Bereich der Popmusik mussten, wenn sie nicht Unsummen ausgeben wollten, kreativ sein: So drehte z.B. Jimi Hendrix seine Fender Stratocaster einfach um und zog die Saiten in umgekehrter Reihenfolge auf. Die große Blues-Musikerin Elizabeth Cotten verzichtete sogar auf das Ummontieren der Saiten. Diese Technik wird heute als Cotten-Picking bezeichnet.

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Gibt es eigentlich Rechtsrock-Musiker, die Linkshänder-Gitarren spielen? Vermutlich nicht. Es würde ihrem kleinmütigen Weltbild widersprechen. Wirklich verblüfft hat mich, dass der Rechtshänder Greg Sage, Sänger und Gitarrist der von den mir hoch verehrten Wipers, als Rechtshänder eine Linkshänder-Gitarre spielt. Queerness at it’s best! Ach so, zu guter Letzt: Heutzutage schreibe ich gerne mit der Hand. Dennoch: Füller sind wirklich vollkommen überholt. Sie sind überflüssig. Insbesondere Linkshänderfüller. Lang lebe der Kugelschreiber!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.steadyhq.com/de/reflektor

Jan Müller von Tocotronic trifft für seinen „Reflektor“-Podcast interessante Musiker*innen. Im Musikexpress und auf Musikexpress.de berichtet er von diesen Begegnungen. Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 10/2023.