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Und die Götter machten Liebe: So mächtig ist Jimi Hendrix‘ Vermächtnis wirklich

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+++ Dieser Artikel erschien im Musikexpress 10/2015 und wurde am 18. September 2020, an Jimi Hendrix‘ 50. Todestag, online veröffentlicht. +++

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Knapp vier Jahre waren Jimi Hendrix vergönnt, seine Vision zu formulieren: von 1966 bis zu seinem beschissen frühen und unnötigen Tod im Alter von 27 Jahren am 18. September 1970 – und wenn man richtig ehrlich ist, reden wir sogar von einem noch knapper bemessenen Zeitraum, nämlich der lächerlich kurzen Spanne von 20 Monaten, in der die Jimi Hendrix Experience ihre drei Alben, ARE YOU EXPERIENCED, AXIS: BOLD AS LOVE und ELECTRIC LADYLAND, erträumte, die einzigen Studioarbeiten von Hendrix, die zu seinen Lebzeiten fertiggestellt werden konnten. Danach mäanderte er in den Untiefen kreativer Konfusion, kämpfte gegen Blockaden, Verunsicherung, innere Dämonen und gegen Drogen, die ihm an allen Ecken und Enden zugesteckt wurden. Er bekam nichts mehr gebacken, kein neues Material wurde veröffentlicht, die Diskrepanz zwischen den Sounds in seinem Kopf und der Musik auf den Bändern war zu groß. Aber die kurze Zeit davor hat ausgereicht, Hendrix zu einem der Unsterblichen werden zu lassen, zum Inbegriff einer ganzen Jugend, die die Gegenkultur als das einzige Vehikelbegriff, um aus der ganzen Scheiße rauszukommen: Vietnam, Unruhen, Unzufriedenheit. Hendrix sollte ihr Retter sein, der die Kinder mit seiner mal betörenden, mal entmenscht aufkreischenden Gitarre aus dem Schlamassel führen sollte.

Die kurze Zeit hatte ausgereicht, Hendrix zu einem Unsterblichen werden zu lassen

In seiner knappen Zeit definiert Hendrix die Elektrogitarre neu, erweitert das Vokabular und die Möglichkeiten seines Instruments mehr als irgendein Künstler vor oder nach ihm. Er spielt es mit der Inbrunst eines Besessenen und dem Verlangen eines Freiers und der Zärtlichkeit eines Liebenden und der Erfahrung eines Liebhabers. Er versteht es, sein Instrument klingen zu lassen, als würden die Götter sich lieben, als würde in der Entfernung eine Wildkatze fauchen, als würden kleine Sandschlösser ins Meer rieseln. Hendrix’ Musik ist eine höchst sinnliche Erfahrung, eine durch und durch sexuelle Angelegenheit. Bist du erfahren, fragt er, und alle nicken natürlich verständnisvoll, weil, klar, damit kann er doch nur Drogen meinen, den himmlischen Stoff, psychedelische Erfahrung. Aber natürlich geht es auch um Sex, mehr als bei den meisten anderen zumindest. Mehr als bei seinen Vorbildern, den Beatles und Dylan: Wenn die Experience aufdreht, wenn sie anklinkt-einklinkt-ausklinkt, dann ist das eine Experience nicht nur für den Kopf, sondern auch für den Körper. Hendrix küsst seine Gitarre, er leckt sie, er fickt sie, er spritzt auf sie ab. Wir haben die Bilder gesehen. Und tja, wie sollte man ihn sonst beschreiben, diesen zügellosen Akt der Liebe zwischen Hendrix und seinem Instrument, den er mit der Welt geteilt hat?

Er verbindet Können, Technik, Talent, Feeling und Fantasie. Er ist seiner Zeit entrückt und weit voraus, die Musik ist geerdet in den Traditionen, im Blues, im Jazz, im Rhythm’n’Blues, im Rock, aber sie schert sich nicht darum. Die Experience ist Hier und Jetzt und Morgen und Übermorgen, eine Utopie, ein Versprechen. Die Beatles haben sich längst ins Studio zurückgezogen, wo sie sich zerfleischen, Dylan leckt in der inneren Emigration physische und psychische Wunden. Und so trägt Hendrix das Kreuz, das er nie tragen wollte. Er wird, worum er sich nie gerissen hat: das Gesicht der Gegenkultur, ewiger Headliner der großen Rockfestivals, ein Konterfei auf unzähligen Plakaten und Buchdeckeln, weil den Leuten nichts Besseres einfällt, als sein „broken face with the curly hair“ (Klappentext von AXIS: BOLD AS LOVE) überall da draufzupflastern, wo man rüberbringen will, dass die neue Musik Befreiung und Freiheit bringen soll. Hendrix gehört sich schließlich nicht mehr selbst, ist öffentliches Eigentum, eine Trademark, ein Markenzeichen, das Coca-Cola einer Revolution, die bestimmt bald kommt, aber sich doch nicht einstellen will.

Von dem schlechten Trip, der kommen wird, ahnt Hendrix noch nichts, als er am 18. Juni 1967 am letzten Abend des Monterey Pop Festivals am Bühnenrand steht und den Who dabei zusieht, wie sie ihre Instrumente zu Kleinholz verarbeiten. Er sollte Schiss davor haben, nach ihnen auf die Bühne zu gehen, aber Jimi steht positiv unter Strom: Nichts und niemand wird ihm diesen Moment vermiesen, den größten Moment seiner Laufbahn, die Heimkehr des verlorenen Sohnes in die Vereinigten Staaten. Nicht einmal ein Jahr ist vergangen, seitdem Chas Chandler ihn auf Anraten von Keith Richards’ Freundin Linda Keith im Cafe Wha?, 115 Macdougal Street in Greenwich Village, gesehen hat, wo er als Jimmy James And The Blue Flames auf sich aufmerksam machen will. Chandler ist Bassist der Animals, ein hemdsärmeliger, trinkfester 27-Jähriger aus dem Norden Englands, ein Geordie, dem bewusst ist, dass Millionenerfolge wie „The House Of The Rising Sun“ gestern waren und es jetzt nur noch abwärtsgeht. Er will in die Produktion einsteigen und sucht nach einem Künstler, den er aufbauen kann. Hendrix weiß, dass er mit seiner Gitarre die Welt in Flammen setzen will, hat aber keine Ahnung, wie er das anstellen soll. Chandler reicht ihm den Brandbeschleuniger. Am 24. September 1966 kommen sie in London an, verlieren keine Zeit: Chandler verpasst seinem Schützling den Namen Jimi Hendrix, stellt ihm mit Noel Redding und Mitch Mitchell zwei junge Musiker an die Seite und lässt sie auf die Menschheit los.



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