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Highlight: 6 Rap-Alben, die 2018 bleibenden Eindruck hinterließen

Kommentar

Grammy Awards 2019: Worüber noch gesprochen werden muss

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden zum 61. Mal die Grammy Awards vergeben. Auch in diesem Jahr gab es bereits im Vorfeld der wichtigsten Musikpreisverleihung der Welt reichlich Diskussionen. Sei es um die angekündigte Abwesenheit der beiden Nominierten Kendrick Lamar – der die Grammy-Bühne in den vergangenen Jahren nutzte, um den USA den Spiegel vorzuhalten – und Childish Gambino – der die ohnehin tief gespaltene Nation mit seinem „This Is America“-Video bis ins Mark erschütterte. Sei es um das Rahmenprogramm, nachdem Ariana Grande Grammy-Produzenten Ken Ehrlich Lügen und Zensur vorwarf und auf einen Auftritt verzichtete (wie zuvor bereits, richtig, Kendrick Lamar und Childish Gambino).

Es war also alles angerichtet für eine einmal mehr emotional aufgeladene Grammy-Gala – und die lieferte in diesem Jahr wieder ordentlich Gesprächsstoff.

5 Dinge, über die nach den Grammys 2019 noch gesprochen werden muss

Childish Gambino schreibt Geschichte

Wir haben es ja bereits erwähnt: Wer im Vorfeld über die Grammys 2019 sprechen wollte, kam nicht an Donald Glover aka Childish Gambino vorbei. Der Rapper/Soulsänger/Schauspieler/Autor/Comedian war mit seiner als Rap-Track getarnten Sozialstudie „This Is America“ in vier Kategorien nominiert – und gewann in jeder von ihnen das goldene Grammophon. Dabei schrieb der 35-Jährige Geschichte, ist es ihm doch als erstem Künstler geglückt, mit einem Rap-Track sowohl den Grammy für „Song Of The Year“ (Hauptpreis für eine Komposition) als auch für „Record Of The Year“ (Hauptpreis für die Produktion eines Liedes) einzuheimsen.

Kooperation

Drei Jahre, nachdem sie Kendrick Lamars „Alright“ in den beiden Prestigekategorien unbedacht ließen, würdigte die Grammy-Academy mit „This Is America“ nun also endlich einen Rap-Song von unbeschreiblicher Wichtigkeit und Symbolik für die Black Community mit einem genreübergreifenden Preis. Ein Ausrufezeichen, das für die Zukunft der Grammys nur Gutes bedeuten kann.

Ariana Grande wütet wegen Mac Miller

Fast noch mehr als die Abwesenheit Childish Gambinos, beschäftigte die Presse in den vergangenen Tagen Ariana Grandes Abstinenz. Die Sängerin sollte und wollte auftreten, wurde von Programmplaner Ken Ehrlich zurechtgestutzt, bezichtigte ihn der Lüge und der Zensur ihrer „künstlerischen Kreativität“ und verzichtete entnervt komplett auf einen Besuch im Staples Center zu Los Angeles. Das hielt Ariana Grande jedoch nicht davon ab, die TV-Übertragung zuhause in der eigentlich für die Gala maßgeschneiderten Robe zu verfolgen und der Welt via Twitter ihre Wut über eine ganz bestimmte Entscheidung kundzutun: Mac Miller, Grandes 2018 verstorbener Ex-Freund, erhielt für sein letztes Album SWIMMING nicht posthum den Grammy für das „Best Rap Album“.

Auch wenn Ariana Grande ihre Tweets später löschte, schwirren sie nun als Screenshots bei Twitter herum. Daraus ist zu entnehmen: Ihr geht es nicht darum, dass Gewinnerin Cardi B die Auszeichnung nicht verdient habe, sondern um den Umgang der Grammy-Academy mit Mac Millers Mutter Karen, die – so scheint es – mit dem Versprechen zur Preisverleihung eingeladen worden sei, ihr verstorbener Sohn würde mit einem Preis gewürdigt werden.

So sehr wir eine solche Würdigung Mac Millers begrüßt hätten, wundern wir uns doch über eine Sache: Warum regt sich eigentlich niemand auf Twitter darüber auf, dass Pusha Ts DAYTONA nicht das „Rap Album Of The Year“ ist? Schließlich verkauft King Push bereits seit Monaten Merch mit diesem Versprechen!

Drakes „real talk“ wird einfach abgedreht

Rapgigant Drake wurde für seinen Über-Hit „God’s Plan“ (Nummer 1 in fast jedem Land der Welt, weit über 3 Millionen verkaufter Einheiten) mit dem Grammy in der Kategorie „Best Rap Song“ ausgezeichnet und hatte anscheinend ordentlich Gesprächsbedarf. Der Kanadier setzte also zu einer Universalpredigt über alles, was in der Unterhaltungs- und Preisverleihungsbranche falsch läuft, an: Geschmacksdiktat, torpediertes Selbstvertrauen, fehlende ethnische Diversität.

Es war nicht das erste Mal, dass Drake die Grammys mit diesen Problemen konfrontierte; um genau zu sein, war er nicht einmal der einzige Artist, der seine Siegesrede nutzte, um der veranstaltenden Academy an diesem Abend verbal einen mitzugeben. So gönnte sich auch Dua Lipa, die unter anderem geschlechterübergreifend als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde, einen Seitenhieb auf den scheidenden Grammy-Direktor Neil Portnow. Der hatte im vergangenen Jahr auf Kritik an fehlender Parität zwischen männlichen und weiblichen Nominierten reagiert, indem er von weiblichen Musikerinnen verlangte, sie sollten schlichtweg ihr künstlerisches Niveau steigern.

Doch anscheinend wollten sich die Grammy-Produzenten ihre schöne Fete nicht durch die Miesepeter Drake und Dua Lipa (weiter) kaputt machen lassen – und drehten beiden einfach das Mikro ab.

Country-Sängerin Kacey Musgraves siegt in der Kategorie „Album des Jahres“

Unabhängig davon, was man persönlich von Country, Kacey Musgraves und ihrem Album GOLDEN HOUR hält, egal, ob man die Musikerin aus Texas überhaupt kennt und lieber dem Black-Panther-Soundtrack den Grammy fürs Album des Jahres gegönnt hätte: Diese Entscheidung sagt nicht nur viel über den US-amerikanischen, ja in Teilen sogar globalen Musikmarkt aus, sondern auch über die Ausrichtung der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche.

Ebenso wie es bei uns in Deutschland Künstlerinnen wie Helene Fischer und Andrea Berg sind, die mit klar bürgerlichem Idiom und Duktus physische Verkaufsrekorde aufstellen und die größten Hallen und Stadien des Landes füllen, sind es in den USA eben Künstlerinnen wie Kacey Musgraves, die mit einem lokal-national verwurzelten hedonistischen Eskapismus eine weiße Mittelschicht an die Verbrauchermarkt-Theken und auf die Konzerttribünen locken.

Man mag Kacey Musgraves in Europa nicht kennen, in den USA funktioniert ihre Heile-Welt-Musik, die nach der Weite Texas‘ und der Hemdsärmeligkeit Nashvilles (und eben nicht nach der Auswegslosigkeit Comptons oder dem Frust Atlantas) klingt, bei dem gleichen Publikum, das in Deutschland zu Schlager und Volksmusik greift. Den Hörer erwarten keine Welten umstoßenden Veränderungen (vor denen er sich auch außerhalb seiner musikalischen Blase fürchtet?), hier ist Musik noch unterhaltender Zeitvertreib.

Verwerflich ist das nicht, es zeigt aber auch, dass die propagierte „America First“-Politik in der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche angekommen ist: Die Grammys geben ihren selbst gesetzten globalen Anspruch auf, um ihrem (weißen) Stammmarkt zu gefallen. Sollte Kacey Musgraves im kommenden Jahr in der Super Bowl Halftime Show auftreten – und die NFL damit ihre selbst gewählte No-Country-Agenda wieder beenden –, kann das niemanden überraschen.

Die Arctic Monkeys gehen leer aus – mal wieder

Zweimal nominiert, zweimal blöd aus der Wäsche geguckt. Damit steht die Band um Alex Turner 12 Jahre nach ihrer ersten Grammy-Beachtung bei 5 Nominierungen und weiterhin 0 goldenen Grammophonen. Dass es in der Kategorie „Best Rock Performance“ gegen den verstorbenen Chris Cornell für „Four Out Of Five“ schwer werden dürfte, war klar; dass sie sich in der Sparte „Best Alternative Music Album“ mit ihrer Kosmos-Lounge-Neugeburt TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO jedoch einem generischen Album wie Becks COLORS geschlagen geben müssen, grenzt schon an einen Skandal.

Auch nach 10 Jahren als „Resident Aliens“ in den USA und unzähligen ausverkauften Stadion-Shows von Los Angeles bis New York, scheint die Academy mit dem Quartett aus Sheffield zu fremdeln – was die Frage aufwirft: Was müssen die Arctic Monkeys denn noch tun, um endlich einen verdammten Grammy zu gewinnen?


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