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Highlight: Neue Alben, die 2018 erschienen sind

Jahresrückblick

6 Rap-Alben, die 2018 bleibenden Eindruck hinterließen

Pusha T – DAYTONA

Wenn man Merch mit dem Spruch „Rap Album Of The Year“ verkauft, muss man schon sehr überzeugt von seinem eigenen Werk sein – andererseits hat es Pusha T noch nie an Selbstbewusstsein gefehlt. Der Rap-Veteran, der nach dem Ende als Clipse-MC eine wechselhafte Zweitkarriere als Solokünstler, Kanye-West-Vertrauter, Designer und Labelboss einschlug, hat mit seinem dritten Solo-Album DAYTONA endlich das Album abgeliefert, das ihm und seinem Rap passt wie eine zweite Haut.

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Verdanken darf King Push das Kanye West, für den er über die Jahre immer wieder in die Bresche sprang, sich für kein Feature zu schade war und auch nach dessen politischen Entgleisungen für Verständnis und Toleranz plädierte. Ye dankte ihm diese Loyalität schon vor Jahren, indem er ihn zum Präsidenten seines Labels G.O.O.D. Music machte – und nun auch mit den maßgeschneiderten Beats für DAYTONA. Denn sie sind es, die das Album tragen, sei es den flirrenden Opener „If You Know You Know“, dessen dumpfen Bässe für jede Anlage ein Qualitätstest sind, oder das joviale King-Hannibal-Sample, das „Come Back Baby“ aus der dunklen Drogendealer-Gasse holt, in der Push den Track mit seinem verächtlichen Lines verortet.

Auf „What Would Meek Do?“ gibt sich das Mastermind hinter DAYTONA dann auch noch selbst die Ehre: Kanye West legt eine rasiermesserscharfe Performance hin, ohne seinem Bro Pusha T die Show zu stehlen. Nein, er wertet mit seinem Feature ein – auch wenn es gerade einmal 21 Minuten Spielzeit zu bieten hat – reichhaltiges Album nur noch weiter auf. Da kann man ruhig vom „Rap Album Of The Year“ sprechen.

Kooperation

Serious Klein – YOU SHOULD’VE KNOWN

Er hat sich schon etwas bitten lassen, aber man kann nicht behaupten, dass er die Leute nicht heiß gemacht hat: Serious Klein droppt seit Jahren Track um Track – und jedes Mal fragt man sich, wie das alles noch besser, größer werden soll. Die Antwort des Rappers aus Oer-Erkenschwick (kein Scheiß!): YOU SHOULD’VE KNOWN, ein Debütalbum, das ab sofort als Maßstab für Produktionen „Made in Germany“ herhalten wird.

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Über zeitlose und doch im Hier und Jetzt angesiedelte Beats, die ihm sein Hausproducer und Grammy-Gewinner Rascal bastelte, rappt „Seri“ über die ganz großen Themen: Tod, Trauer, Liebe. Auch an hochaktuelle Komplexe wie Migration und Identität wagt sich der Deutsch-Ghanaer mit heiligem Ernst und scharfer Beobachtungsgabe.

Die 16 Songs von YOU SHOULD’VE KNOWN lösen das Versprechen, das Serious Klein über die Jahre mit EPs wie „Summer 03’s Problem“ gestreut hat, ansatzlos ein. Tracks wie „91 Flex“ und „Boy Boy“ sind von internationaler Größe und müssen sich keineswegs vor denen der großen US-Rapper verstecken – einfach weil viele von ihnen besser sind als das, was momentan aus L.A., Atlanta und Chicago kommt. Alicia Keys lag gut mit ihrer Vorhersage: Serious Klein wird die Rap-Szene auseinandernehmen.

Kanye West – YE

Sicher nicht das beste Rap-Album 2018, geschweige denn im bisherigen Schaffen Kanye Wests. Doch mit YE dekonstruiert der Rapper, Produzent und Unternehmer weiter das Konzept „Album“ und pisst jedem und allem ans Bein. Das gerade einmal sieben Tracks umfassende Werk wurde großmäulig und mit langem Vorlauf angepriesen, doch erreicht lange nicht die Brillanz eines MY BEAUTIFUL DARK TWISTED FANTASY oder die Intensität eines YEEZUS.

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Doch das scheint Kanye West in den Kauf genommen zu haben, denn YE ist nur das Abziehbild einer Episode seines Lebens. Zu aktuell waren die besprochenen Themen, zu hastig die Beats produziert, als dass beim Release im Juni auch nur irgendetwas darauf hingewiesen hätte, dass West mit seiner berühmt-berüchtigten Perfektion (die etwa Pusha Ts DAYTONA auszeichnet) beim Projekt gewesen sei. So ist YE eine Studie der West’schen Bipolarität, seines Schlafentzugs und seiner Sprunghaftigkeit. Tracks wie „I Thought About Killing You“, „All Mine“ und „Wouldn’t Leave“,verraten mit ihrer überraschenden Simplizität den Charakter YEs als musikalisches Tagebuch.

Denn, abseits all der unausgegorenen Entscheidungen auf YE, spricht Kanye West auf diesem, seinem achten Studioalbum, mit uns, klagt und sinniert über seine Krankheit, seine Kontroversen und den Erwartungen und Verurteilungen der Öffentlichkeit. Und am Ende dieser Mini-Katharsis schält sich auf „Violent Crimes“ ein – zumindest etwas – selbstkritischer, reflektierter, nachdenklicher Ye, den er damals mit „Runaway“ ermächtigen wollte.

Bishop Nehru – ELEVATORS (ACT I & II)

Noch so einer, der sich mit seinem LP-Debüt ordentlich Zeit gelassen hat. Schon 2013 hatte Kendrick Lamar den damals 16-jährigen Bishop Nehru auf dem Schirm und nannte ihn seinen „neuen Lieblingsrapper“. Der junge New Yorker nutzte das Lob als Windschatten, um Kontakt zu seinem Idol MF Doom herzustellen und sich mit ihm vollkommen seiner Vision von zeitgeisty old-school hip-hop zu widmen.

Der erste Versuch, das gemeinsame Projekt NehruvianDoom, floppte vollkommen und auch ein kurzes Gastspiel auf Nas‘ Label Mass Appeal schien Bishop Nehru nicht zurück in die Spur bringen zu können. Er kehrte zurück zu seinem Mentor MF Doom und freundete sich mit Kaytranada an, der ihm endlich die nebelig-souligen Beats bastelte, die dem Rapper in den Jahren des Suchens nicht finden konnte.

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Und so ist ELEVATORS (ACT I & II) das Album geworden, das man seit Kendrick Lamars Props von Bishop Nehru erwartet hat: verwurzelt im 90er-NYC-Rap, fern jeglicher aktueller Trends wie Mumble-Rap und Trap, sein Flow ist melodisch und konsistent. ELEVATORS (ACT I & II) ist ein Befreiungsschlag für das ehemalige Wunderkind, das immer noch gerade einmal 22 Jahre alt ist und dem seine Karriere eigentlich noch bevorsteht. Doch von einem „PET SOUND des Raps“, für das Bishop Nehru das Album selbst hält, ist es in etwa so weit weg wie MF Doom davon weg ist, ohne seine ikonische Maske aufzutreten.

Travis Scott – ASTROWORLD

Travis Scotts drittes Studiowerk ist ein gutes, gigantisch produziertes Rap-Album. Obendrein hatte ASTROWORLD die krasseste Promokampagne des Jahres zu bieten. Seinen stilisierten aufblasbaren goldenen Kopf, der das Plattencover ziert, ließ Scott als Skulptur anfertigen und stellte diese dann wenige Tage vor Release kommentarlos vor Los Angeles‘ berühmten Plattenladen, Amoeba Music. Mehr brauchte es nicht für einen kurzlebigen Viralhype, an dessen Ende Travis Scott das Geheimnis um seinen riesigen Kopf lüftete und mit Albumtitel und Veröffentlichungsdatum rausrückte.

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Wie auch Michael Jackson sein HISTORY-Album bewarb, indem er Kopien der auf dem Artwork prangenden überlebensgroßen Statue seiner Selbst um die Welt schickte, ließ auch Travis Scott Duplikate seines ASTROWORLD-Schädels durch die USA touren – in einer Zeit aus Instagram, Snapchat und Co., in der zu Selbstdarstellungszwecken alles dokumentiert und geteilt werden muss („Pic or it didn’t happen“) ein genialer wie logischer Schachzug.

Der ganze Zirkus zahlte sich auch noch aus: ASTROWORLD landete in einem Dutzend Ländern, darunter den USA und Australien, auf Platz Eins der Album-Charts. Dem ein oder anderen Käufer war da sicherlich nicht bewusst, dass nicht alles Gold ist, was an ASTROWORLD glänzt. Mit Ausnahme von „Sicko Mode“ und „Stop Trying To Be God“ (feat. James Blake) reitet Travis Scott auf der recht langatmigen Platte gekonnt, aber eben auch etwas generisch, die Zeitgeist-Welle aus Trap-Beats, Autotune und dröhnenden Bässen.

Mac Miller – SWIMMING

Mac Miller hatte die programmatische Zeile seines fünften Studioalbums SWIMMING gleich an den Anfang gesetzt. Im Opener „Come Back To Earth“ hört man ihn feststellend kleinlaut singen: „I was drowning, but now I’m swimming.“ Der Rapper aus Pittsburgh wollte seine zuweilen harte Vergangenheit, die ihm Herzschmerz, Suchtkrankheit und Verhaftungen einbrachte, hinter sich lassen und wieder an der Oberfläche zurückkehren und durchatmen. Doch der Strudel zog Mac Miller wieder herunter in die kalte Dunkelheit. Am 7. September 2018 starb er an einer Überdosis Schmerzmittel – im Alter von gerade einmal 26 Jahren.

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Auf SWIMMING bewies Malcolm McCormick, wie Mac Miller mit bürgerlichen Namen hieß, zu was für einem guten Musiker er gereift war, seit er 2011 mit 19 sein Debütalbum BLUE SIDE PARK veröffentlichte. Dafür nahm er sich Zeit, kaum ein Song auf SWIMMING ist kürzer als vier Minuten, eine Handvoll sprengen die Fünf-Minuten-Grenze. Das nutzte Mac Miller um seine Selbstreinigungs- und Selbstfindungsgeschichten auf wolkigen California-Beats zu betten. Geholfen haben ihm dabei unter anderem Dev Hynes, Flying Lotus und Thundercat – also die Leute, die den zeitgenössischen HipHop wie wenig andere aus der zweiten Reihe geprägt haben. Tragisch, dass Mac Millers bestes, sein erwachsenstes Album auch sein letztes wurde.

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