Popkolumne, Folge 126

„If bein‘ fine was a crime“: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Dings, ich war zelten. Mit den Freunden in einem verwilderten Garten. Mit der Heckenschere eilte ich durch die Botanik, bereit jeden Ast, der im Wege sich befand, wegzuottern. Paar Tage nicht duschen. Viecher untenrum. Schief schlafen. Schokobrötchen, Wodka-O. Also alles wie immer, nur weniger Internet. Sauschön. Wollte mich dann mal informieren, wie die Songlage zum Thema Zelten & Camping so aussieht, doch das ist wirklich ein Weg, den man nicht gehen will.

Deswegen nur so viel, auch, weil ich so froh bin, wieder zu Hause (Kölle) zu sein:

Sehnsuchtsort der Woche: Die Welt von Silk Sonic

Sollte ich mal anfangen zu skaten, habe ich auf jeden Fall schon meine Nummer 1. Silk Sonics neuen Überhit „Skate“. Kennen eh schon alle.

Aber we need to talk about die beiden: Was machen Bruno Mars und Anderson .Paak da? Schon wieder? Wie konnten sie auf „Leave The Door Open“ noch eins draufsetzen? Wie soll man das Warten auf den nächsten Schlag nur aushalten? Wohin soll das noch führen? Und wann kommt das verdammte Album? Es ist als würde jemand im Nebenzimmer ein unnormal geil riechendes Gericht kochen, seit gefühlt einer Ewigkeit köchelt es und riecht nach Zuhause plus etwas das man noch nie gerochen hat, aber sofort in seinen Fressmund manövrieren will… Man darf probieren, jaaa, aber das ganze Gericht in seiner Geilheit ist einfach nicht erahnbar.

GEBT DAS ALBUM. Finish me already! Nehmt uns in eure Welt, in der alles schön, sepia, lieb, sexy, etwas ironisch und gut und voller Liebe ist. Alles ist scheiße auf dieser Welt, aber Silk Sonic haben es noch nicht mitbekommen, wir müssen sie unbedingt in Ruhe lassen bis sie uns das Album (für das es sogar schon einen Wikipediaeintrag gibt) gönnen… Nicht wecken!

Album der Woche: Ja, welches wohl?

Ich las die Tage einen Musikkritiker-Text über das neue Album von Billie Eilish, wo mal wieder gesagt wurde, man könne ja nichts gegen Eilish sagen, man darf sie eigentlich nicht kritisieren, man mache sich dann verdächtig und sie sei unantastbar für ihre Fans, die dann auch immer gleich die ganze Generation sind. Weiß nicht genau, welche Generation diese Leute meinen, weil Billies Generation ist wahrscheinlich so vielfältig interessiert wie keine zuvor und Billie hat ihre Fans überall. Ich glaube, sie meinen mit Generation nicht das Alter, sondern eher so „die Neuen“.

Das sind vornehmlich halt Mädchen und Frauen, die als Fans mit eigener Expertise früher nicht so sichtbar waren und nicht viel mitzureden hatten. Man nahm sie nur als kreischende Boygroup- oder nachkaufende Diven-Konsumentinnen wahr, aber jetzt schlagen sie zurück und erklären auch noch, warum sie etwas mögen und verteidigen Musik wie es bisher nur Fans von Kulttypen vorbehalten war.

Der Personenkult um Billie Eilish ist zu groß, finden die Andreasse dieser Welt, die ihrerseits einen Bob-Dylan-Schrein in der Stube haben. Klar wirken diese Neuen komplett übermächtig, wo die Welt doch bis vor kurzem noch ganz anders eingerichtet war (Festival-Line-Ups zeugen noch von dieser alten Welt). Dabei gibt es Kritik an Eilish ziemlich viel, auch von Fans oder eben Nichtmehrfans ihrer Generation. Kritik wird jetzt bei HAPPIER THAN EVER allerdings sehr schwierig, weil das Album wirklich so übertrieben gut ist, weil Billie es halt einfach wirklich drauf hat.

Ob die epochale Vorabsingle „NDA“, das verträumte „Billie Bossa Nova“, das starke, wütende „Happier Than Ever“, meine Lieblingsode ans Leben „My Future“, die Spoken-Word-Ansage gegen misogyne Lappen „Not My Responsibility“, das herzzereißende „Male Fantasy“, und noch so vieles mehr – das Album ist ewig lang und nicht lang genug. Ich hätte gern was kritisiert, wenn es etwas geben würde. Keine Chance. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal ins Gras gelegt habe, um einfach nur Musik zu hören, aber sie hat das geschafft. Billie Eilish hat hier vielleicht nichts weniger getan als die Gattung Album zu retten.

Aufreger von vor zwei Wochen: Helge Schneiders Konzertabbruch

Wie gereizt die Stimmung momentan ist, konnte man gut an der Debatte um Helge Schneiders Konzert in Augsburg erkennen. Was war geschehen? Ihm passte das (coronakonforme) Konzept nicht, bei dem die Besucher:innen ihm in Strandkörben lauschen sollten und am Platz mit Getränken bedient wurden. Ihn nervte das Rumgelaufe irgendwann und der Umstand, dass man auf der Bühne kaum Resonanz bekam, weil alles was nicht bereits in den Körben verhallt, spätestens dazwischen untergeht. Hätte er vielleicht vorher wissen können, war aber wohl nicht so. Nach 40 Minuten brach er das Konzert dann ab, weil für ihn kein gutes Gefühl rüberkam.

Ich fand ganz spannend, wieviel dieser Fall offengelegt hat. Das absurdeste war natürlich, dass Schneider zum Querdenker gemacht wurde, was schlichtweg gelogen war, denn er hat nichts in diese Richtung gesagt. Viele offenbarten aber auch, dass sie Künstler für Produkte halten, die liefern müssen, egal was kommt. Man hat ja bezahlt, also tanz! Gleichzeitig zeigt es auch Schneiders Privilegien. Der Hate wäre viel größer ausgefallen, hätte sich das zum Beispiel eine junge Frau „rausgenommen“. Sie wäre eine übergeschnappte Diva, arrogant und zickig. Und dass es für die Leute, die am Veranstaltungsort arbeiten, scheiße ist, kommt natürlich noch dazu.

Für mich wäre die Sache geritzt gewesen, hätte Helge sich nach dem Abbruch an den Ausgang gesetzt hätte und die Diskussionen selbst geführt, die wahrscheinlich das Personal führen musste. Ansonsten finde ich, dass er schon Recht hat. Diese Coronalösungen sind nicht für jede:n das Richtige, Vieles wird auch nur halbherzig organisiert und umgesetzt, wegen „Hauptsache es findet mal wieder irgendwas statt“. Und niemand sollte liefern müssen, meiner Meinung nach. Schneider will jetzt jedenfalls, um zu beweisen, dass er ein guter Mensch ist, 20 000 Euro an Flutopfer spenden. Na dann ist ja alles wieder gut.

Sport für die Augen der Woche: MTV-Memes

Ich „staunte nicht schlecht“, als mir vor einer Weile so ein richtig peinliches Boomer-Meme zum Thema „Musik“ in die Timeline gespült wurde. Und damit meine ich, dass ich sehr wohl schlecht staunte. Wer macht bitte das Social-Media-Game von MTV Germany? Andreas aus der Billie-Eilish-Story? Aber seht selbst. Viel Spaß mit diesem Fremdscham, dem ASMR für uns Übrige.

Erstmal: der Klassiker. Mädchen kennen keinen Song dieser einen Band, von der wirklich der letzte Steinmensch Lieder kennt. Und blabla Rocksex ist auch sehr schwer zu verstehen. Als wärs nicht eh komplett egal.

Hier direkt mein Liebling. Cardi B als hatebar zu inszenieren, was ein lamer Versuch. Wie man so sehr beweisen kann, keine Ahnung zu haben – im Übrigen offensichtlich auch nicht von MTV und seiner Bedeutung für HipHop – ist zumindest mutig. Natürlich wenig subtil auch wieder der Frauenhass. Und dann noch das mit der CD.

Man kann aber auch direkt abkupfern von Witzaccount69 aus dem Jahre 2003.

Hä? Nein.

Und hier die Erklärung? Leute, 40 Jahre ist für diese Art „Witze“ eindeutig zu jung. Bitte mehr Mühe geben!

Die schnelle Rubrik

Song der Woche: Madeline Juno – „Sommer, Sonne, Depression“

Weil die beste Therapie halt nicht Auto und Musik ist, sondern richtig echte Therapie und bessere Lebensumstände.

Video & Aktion der Woche:  BLOND – „Du und Ich“

Weil ich mir auch schon oft überlegt hab, was passieren würde, wenn man auf sexuelle Übergriffe und Anmachen „eingehen“ würde, weil es vielen Typen vor allem um Machtdemonstration geht. Passend zur VÖ des Videos haben Blond gemeinsam mit dem Wildwasser e.V. in Chemnitz die „Hütte der sexualisierten Gewalt“ aufgebaut.

Podcast der Woche: „Terror am OEZ – Fünf Jahre nach dem Anschlag in München“

Weil hier sehr gut ausgelotet wird, wo die Probleme der Kategorisierung eines solchen Falles als „Terror“ oder „Amoklauf“ liegen, wieso das überhaupt wichtig ist und wieso es hochgefährlich ist, dass noch immer zu wenig über Internetdynamiken bekannt ist, die unter anderem zu solchen Taten führen können.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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