„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 11: Wie es Stella Sommer schafft, nicht in die Mental-Health-Falle zu tappen

von
Jan Müller
Jan Müller

Für Mode habe ich mich wirklich noch nie interessiert. Weder bezüglich Kleidung noch in der Musik oder in anderen Bereichen. Das klingt jetzt vielleicht etwas kokett, muss ich doch zugestehen, dass ich in einer Band spiele, der eine zeitgeistige Sensorik zuerkannt wird. Außerdem ist es bestimmt nicht verkehrt zu sagen, dass wir mit Tocotronic insbesondere in unseren Anfangsjahren in mancherlei Hinsicht Trendsetter waren. Aber trotzdem, manche Dinge, die plötzlich in aller Munde sind, ohne wirklich noch reflektiert zu werden, schmerzen mich.

Vermutlich ist es einfach nur so, dass ich nicht das mag, was all die mögen, die sich bereitwillig etwas aufschwatzen lassen. Und allein deswegen waren mir Stella Sommer und ihre Band Die Heiterkeit seit jeher sympathisch. Im Jahr 2010 erschien die selbstbetitelte Debüt-EP der Band. Der Schrammelpop mit der geheimnisvollen tiefen Gesangsstimme war damals ebenso aus der Zeit gefallen, wie es nun die elegisch-entrückten Hymnen des aktuellen Sommer-Soloalbums NORTHERN DANCER zu sein scheinen. Stellt man die beiden Veröffentlichungen gegeneinander, so ist festzustellen: Es ist beeindruckend, welch eine Entwicklung die Musik Stella Sommers in den vergangenen zehn Jahren genommen hat. Interessanterweise blühte ihre Musik ganz besonders auf, seit sie sich vom Konzept Band verabschiedet hat.

Ihre Songs wirken teilweise, als seien es wiederaufgefundene, verloren geglaubte Klassiker

Mit ihrem aktuellen Album ist sie nun dort angekommen, wo sie vielleicht schon von Beginn an hinwollte: Ihre Songs wirken teilweise, als seien es wiederaufgefundene, verloren geglaubte Klassiker. Ihre Stimme wagt sich nun, sich an den entscheidenden Stellen aus dem Dunkel zu erheben. Ein Jahr zuvor, im Jahr 2019, veröffentlichte Stella Sommer das Album WAS PASSIERT IST mit ihrer Band Die Heiterkeit. Auch diese Gruppe betrieb sie hier schon im Alleingang. Und auch hier erlebten wir bereits ganz neue stimmliche Klangfarben.

Manch eine*r mag nun sagen: Dann höre ich doch gleich Lana Del Rey, die kommt wenigstens direkt aus Kalifornien, auf dessen frühe Sechzigerjahre sich die ganze Vergangenheitssehnsucht jeglicher Popmusik bezieht. Nun gut, gegen Lana Del Rey hab’ ich wirklich gar nichts. Aber ihre Musik ist natürlich etwas ganz anderes als die von Stella Sommer. Del Rey macht wundervollen Kirmes-Pop im Vintagegewand. Das meine ich wirklich nicht abwertend.

Sommer hinterlässt viele Fragezeichen

Und wer nun einwendet: Höre doch lieber Nico, dem sage ich: „Nein Danke, das ist mir viel zu morbide.“ Hildegard Knef? Toll, aber irgendwie doch überschätzt. Und Marlene Dietrich. Na klar, wunderbar. Sie war vermutlich einer der erhabensten Menschen, der jemals auf der Erde gewandelt ist. Aber warum denn eigentlich immer dieser Entscheidungsdruck? Und warum überhaupt diese Vergleiche? Was Stella Sommer macht, ist wunderbar und sie schreibt Texte, die mir nicht, wie es heutzutage leider oft üblich ist, mit einem Zeigefinger im Gehirn herumstochern.

Sommer hinterlässt viele Fragezeichen. Die machen natürlich sehr neugierig und sind spannend. Sie schreibt über sich selbst und gesteht sich dabei ein, nicht alles über ihre Person zu wissen. Dabei vermeidet sie jegliche Banalität und tappt deshalb nicht in die derzeit überall lauernde Mental-Health-Falle. Sie hat sich mit Die Heiterkeit zweimal auf wundervollste Weise neu erfunden und schreibt seit 2018 für ihre Soloalben englische Songs, die ebenso poetisch sind wie ihre deutschsprachigen Texte.

Auf NORTHERN DANCER (hinreißend schön produziert von Max Rieger) findet sich kein modischer Schnick-Schnack. Aber natürlich ist der Sound sehr modern. Ach ja und zu guter Letzt: Stella Sommer hat, das durfte ich im Reflektor-Gespräch erfahren, einen sehr trockenen Humor. Sie ist witzig. Über diese sehr schöne Charaktereigenschaft verfügen nicht allzu viele Musiker*innen.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 01/2022.


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