„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 13: Wie sich Die Ärzte zu dadaesken Meisterdichtern entwickelten

von
Jan Müller
Jan Müller

1984 war ich ein klitzekleines dreizehnjähriges Kind. Trotzdem besaß ich schon einige Punkschallplatten und -kassetten. Unter ihnen Slime, OHL, GBH oder auch den wundervollen Hamburg-Sampler WATERKANT-HITS mit Bands wie Knallschoten, Oxenschwanz, Channel Rats, HH Milch und Massaker. In eben jenem Jahr stieß ich dann auch auf eine sehr eigenwillige Berliner Compilation-LP: EIN VOLLRAUSCH IN STEREO * 20 SCHÄUMENDE STIMMUNGSHITS.

Ich war begeistert von dem Ansatz dieses Albums. Der oft allzu verbissene Gestus der damaligen Punk-Szene wurde hier in vielfältiger Weise unterlaufen. Etwa durch die Deutsche Trinkerjugend. Mit ihrem Bandkonzept, dem Alkohol bedingungslos zu huldigen und nur Trinklieder zu verfassen und dieses Treuebekenntnis auch zu leben, hat sich diese Band dann leider auch ziemlich bald zu Grunde gerichtet. Frau Suuhrbier hingegen spielten einen eigenwilligen-Schlager-Rock-A-Billy.

Die Begeisterung darüber, dass man im Punk wirklich jede Thematik in Songform gießen kann

Und auch Die Ärzte ließen sich für mich mit ihren drei auf der LP enthaltenen großartigen Songs „Zum Bäcker“, „Vollmilch“ und „Zitroneneis“ schlecht einordnen. Sie bestätigten meine Begeisterung darüber, dass man im Punk wirklich jede Thematik in Songform gießen kann. Als ich meinem Schulkameraden Hans von meiner Ärzte-Entdeckung berichtete, erwiderte er ein wenig geringschätzig, dass diese Band doch aus der „Bravo“ hinreichend bekannt sei. Im Gegensatz zu mir las Hans dieses grauenerregende Blatt. Trotzdem überreichte er mir wenig später eine Kassette: Auf der A-Seite befanden sich Die Ärzte mit der Mini-LP UNS GEHT’S PRIMA und der DEBIL-LP; auf der B-Seite hingegen tosten die Angry Samoans und die Dead Kennedys aus den USA. BASF C-90 Chromdioxid.

Ich hörte beide Seiten im Wechsel unzählige Male. Allerdings hing ich meine Leidenschaft für Die Ärzte auch nicht an die große Glocke, denn sie waren ja in meiner kleinen Underground- und Fanzine-Welt Mainstream, mussten also heimlich gut gefunden werden. Glücklicherweise wurde ich irgendwann selbstbewusst genug, um die Heimlichtuerei zu beenden. Bald schon waren es eher die ernsthafteren Songs der Band, als die Blödelknüller, die es mir angetan hatten. Immerhin brachte ich es Ende der 80er-Jahre während eines Zelturlaubs auf Sylt mit Freunden fertig, aufgrund von äußerst starkem Liebeskummer, nach dem massenweisen Genuss von Grüne-Banane-Likör und unter wiederholtem Abspielen des Songs „Wie am ersten Tag“ des dritten Ärzte-Albums, gegen unser Zelt zu kotzen. Sehr zum Ärger meiner Mitreisenden.

Eigentlich alle Die-Ärzte-Alben nach der Neugründung sind eine eklektizistische Mixtur

Vor einiger Zeit berichtete mir ein Freund, dessen Musikgeschmack unantastbar ist, dass er einst, in Prä-Streaming-Zeiten, ein solches Verlangen nach eben jenem Song entwickelt hatte, dass er aus dem Haus stürmte, um das Ärzte-Album zu erwerben, das diesen Song enthält. Ich kann dieses Verlangen gut verstehen. 1993, im Jahr der Neugründung der Ärzte und der Gründung meiner eigenen Band Tocotronic, befand ich mich mal wieder in Kreisen, in denen es nicht wohlgelitten war, Die Ärzte zu mögen. Aber das war mir egal. Natürlich kaufte ich mir ihr neues Album.

Ich habe ihre Entwicklung seitdem über all die Jahre mit viel Sympathie verfolgt. Sie schufen diverse, dem Song „Wie am ersten Tag“ ebenbürtige Liebeslieder. Aber außerdem öffneten sie sich in diverse Richtungen, sodass eigentlich alle Ärzte-Alben nach der Neugründung eine eklektizistische Mixtur sind. Seit „Schrei nach Liebe“ gibt es immer wieder engagierte Songs. Auf dem Album DUNKEL erklingt sogar ein durch und durch vernünftiges Plädoyer für die Demokratie.

Von urkomischen Couplet-haften Songs über grandiose Selbstbezichtigungen bis zum dadaesken Meisterwerk

Aber auch der Humor verfeinerte sich über die Jahre. Nach und nach verschwanden die zweifelhaften Geschmacklosigkeiten vom „Elke“-Kaliber. Ihr Witz reicht nun von urkomischen Couplet-haften Songs („Die Allerschürfste“) über grandiose Selbstbezichtigungen („Goldenes Handwerk“) bis zum dadaesken Meisterwerk („Rock’n’Roll-Übermensch“). Und um ein letztes Beispiel zu bringen: Der Song „Ich am Strand“ hat mich in seiner sachlichen Traurigkeit jüngst derart so sehr erwischt, dass mir die Tränen übers Gesicht rannen. Was zum Schluss erwähnt werden muss: Die Ärzte haben seit ihrer Neugründung einen dauerhaften Bassisten gefunden. Ich freute mich sehr. Denn ich kannte Rod Gonzales bereits vom WATERKANT-HITS-Sampler als Mitglied der Band Massaker. Der Kreis schloss sich. Ich bin froh, dass Die Ärzte wieder da sind. Mögen sie uns noch lange erhalten bleiben.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 03/2022.


Fuck you very, very much: Was Paula Irmschler über Popkultur und Abtreibung sagt
Weiterlesen