Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 13: … DEEP DIVE IM ARCHIVE

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. uncanny valley

Earth Wind & Fire sind auf TikTok zum Meme geworden. Das Bläser-Intro von „September“ untermalt Videos, die von Vorstellungen handeln – also beispielsweise: So sollten meine 20er eigentlich sein – bis dann der Gesang des Songs einsetzen würde, eigentlich, denn das Intro beginnt von vorne, aber verzerrt: Denn dann kam die Pandemie. Das unheimlich verzogene Intro illustriert nun die von den Vorstellungen entrückte Realität: zu Hause sitzen, Angst haben, nicht feiern. Es ist, als sei „September“ eine Socke, auf links gezogen wirkt sie seltsam fremd, denn ihre Nähte sind sichtbar.

Ähnlich verhält sich die Serienfortsetzung „And Just Like That …“ zum Original „Sex And The City“. Es ist die Ursprungsserie, auf links gezogen. Am Ende von „SATC“ stand das Liebesgeständnis von Mr Big, der für die Protagonistin Carrie stets unerreichbar war. Das Sequel beginnt mit seiner erneuten Abwesenheit: Er stirbt. Das Auf-links-Ziehen der „SATC“-Socke zeigt: Ein Mann taugt nicht als Lebensziel, denn unter Umständen lebt man länger. Die ehemalig Zeitgeistigen – Carrie, Miranda und Charlotte – zeigen in „AJLT“ ihre Nähte. Sie agieren weiß – also rassistisch, obwohl sie es doch nicht wollen – und irritiert, wenn sie lernen, dass Geschlechterrollen eben wirklich Rollen sind. Und dann zieht auch noch die Realität an den Fäden der Socke: Mehrere Frauen erheben Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Mr.-Big-Darsteller.

2. indie archive

Aber nicht alles, was weiß und alt ist, ist heute unangenehm. Alte weiße Helmut-Lang-Hemden beispielsweise wickelt man sich jetzt um Hüfte oder Oberkörper. „Last season“ heißt jetzt „archive“. Denn die neuesten Kleider tragen können ja alle – die Geld haben. Schwerer ist es, Altes zu tragen, das nahtlos ins Jetzt passt.

Taylor Swift, Neil Young und Joni Mitchell graben seit Monaten in den eigenen Archiven. Wet Leg haben mit ihren lethargisch gesprochen Spaß-Lyrics über Gitarren („I went to school and I got a degree / I went to school and I got the big D“) die Teenagers aus Paris („Homecoming“) aus dem 2007er Archiv geholt. Es ist wird also circa noch drei bis vier Monate dauern, bis Skinny Jeans „archive“ genug sind, um wieder getragen zu werden.

3. fashion roadkill, roadkill fashion

Glamour darf – auf den ersten Blick – nicht mehr wie Glamour aussehen. Also Feinkost ist immer noch Glamour, ja, aber man muss ihn in einer Lidl-Tüte zu Fuß nach Hause tragen. Carries Mann ist 2022 also tot, und sie muss zur Hüft-OP – und das in Birkenstocks und Socken. Danach noch in eine Snapple-Flasche pullern, weil Miranda, die ihr bei dem Toilettengang Post-Hüft-OP helfen sollte, gerade verhindert ist – also von einer non-binary Person gefingert wird. Glamour muss nach Pisse und Arbeit riechen.

Paula Hartmann ist die Tochter einer Bänkerin und eines Arztes aus Charlottenburg-Wilmersdorf, die mit ihren gesungenen Soft-Rap-Lyrics den Eindruck erwecken möchte, sie käme aus einer Plattenbausiedlung: „Kann nicht sing’n und fühle Stille sehr / Bis Gropius noch drei Station’n“ heißt es in „Kein Bock“. Oder: „Ich leb’ im höchsten Turm in einer Stadt gebaut aus Schrott“ in „Truman Show Boot“.

Ihre Videos stellen Mehrfamilienhäuser, Baustellenfahrzeuge, Asphalt und öffentliche Toiletten aus. Alles ist so kalt ausgeleuchtet, als befände man sich in einem Parkhaus-Aufzug, in dem man natürlich Hoodie trägt, und darüber die obligatorische schwarze Pufferjacke – also Ninties Rap-Archive. Hartmann versucht eine Billie Eilish mit Aszendent Jasna Fritzi Bauer (aus Helene Hegemanns „Axolotl Overkill“ von 2017) zu erschaffen. Also Glamour ja, aber eben aufgewachsen in Bochum mit einer alleinerziehenden Mutter auf Hartz 4. Relatable soll Glamour sein. Für die Masse. Die ihn kaufen soll. Paula Hartmann ist Schauspielerin, seit sie sechs Jahre alt ist.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 03/2022.


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