„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 14: Mutter sind immer da (und wiederholen sich nie)

von
Jan Müller
Jan Müller

Mein erstes Mutter-Konzert erlebe ich 1991 im Hamburger Kaiserkeller. Der Club ist leider nicht so angenehm, wie es seine legendäre Beatles-Historie erhoffen lässt. Arne Zank und ich warten uns die Beine in den Bauch; von den Punk-Konzerten in Hafenstraße und Co. sind wir christlichere Anfangszeiten gewöhnt. Nach Mitternacht betritt die Band vor schmaler Audienz die Bühne. Was wir hören, bläst uns die Ohren weg: „Israel“, „Alt und schwul“ und „Alle Menschen sind gleich“.

Ein Besoffener bespritzt den Sänger Max Müller, von dessen Gesicht man übrigens aufgrund seiner langlockigen Haarpracht nur ein Stück Nase erkennt, mit Bier. Der schmale Müller prügelt den Störer von der nicht vorhandenen Bühne herunter. „Es gibt nichts Besseres / denn das ist das Leben / Es gibt etwas dagegen / und es gibt etwas dafür.“

Die Band hat sich anscheinend verwandelt

Drei Jahre später sehe ich Mutter das nächste Mal live. In der Zwischenzeit lernte ich Dirk kennen, gründete mit ihm und Arne unsere Band Tocotronic. Wir wurden soeben Teil der Hamburger Musikszene. Das Mutter-Album DU BIST NICHT MEIN BRUDER mit lärmenden Titeln wie „Lachen“ ist billig, „Michael“ und „Wie füreinander gemacht“ hatte ich rauf und runter gehört. Und nun präsentiert die Band zur Premiere von Jörg Buttgereits Film „Schramm“ (mit Mutter-Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf in der Hauptrolle und Musik von Max Müller) ihr neues Album HAUPTSACHE MUSIK.

Die Band hat sich anscheinend verwandelt: liebliche Melodien, sanfte Arrangements und noch immer beeindruckende Texte: „Wir sagen, dass wir alles wissen / Alles war schon einmal da / Und trotzdem suchen und vermissen / Warum ist keinem von uns klar / Wir sagen: Es ist nur Musik“. Mutter waren damals auch in der Hamburger Musikszene sehr geachtet, dass ihr Ansatz jedoch kompromissloser war, als der der meisten Hamburger-Schule-Protagonisten, war offensichtlich. Abgesehen von Kristoph Schreuf (Kolossale Jugend / Bon Scott) und dem gerade erst nach Hamburg gezogenen Tilman Rossmy (Die Regierung) war ja in diesen Kreisen der Begriff Rockmusik ohnehin ein Schimpfwort.

Mutters Musik ist fast immer ernst und vollkommen unironisch

Nach HAUPTSACHE MUSIK warteten alle auf das nächste Popalbum der Band. Mutter jedoch begaben sich in die Toskana und nahmen dort in einem Schweinestall das brachiale Noiserock-Album NAZIONALI auf. Es ist ihr radikalstes Werk. Ich muss zugeben, dass damals auch bei mir die Mundwinkel nach unten zeigten. Ich bin sperriger Musik nicht abgeneigt, aber hier brauchte ich einige Jahre, bis ich lernte, die Songs zu schätzen. „Es gibt nur eine Zeit / Die neue Zeit / Die alte Zeit ist tot“. „Die neue Zeit“ ist einer der größten der vielen großen Mutter-Songs.

Ich lernte die Band erst in den Nullerjahren persönlich kennen. Max Müller ist in einem Moment überaus selbstbewusst und wischt im nächsten Augenblick mit einem witzig-sarkastischen Spruch alles wieder beiseite. Ich empfehle unbedingt einen Blick auf seine Facebookseite, um einen Eindruck von seinem feinsinnigen Humor zu erhalten. In Mutters Musik wird deutlich: Sie ist fast immer ernst und vollkommen unironisch. Sie lässt Schmerz und tiefen Empfindungen freie Bahn. Sie kennt keine Tabus und keine Grenzen. Sie verschanzt sich nicht hinter Theorien.

Trotzdem fühlen Mutter sich nicht dazu verpflichtet, sich mit einer sakralen Aura zu umgeben

Bei den großartigen Konzerten der Band wälzt sich Max Müller karthatisch auf dem Boden herum. Und trotzdem fühlen Mutter sich nicht dazu verpflichtet, sich mit einer sakralen Aura zu umgeben. Diese Haltung hat sich auch immer wieder in skurrilen Aktionen widergespiegelt. Zum Beispiel in einem Boxkampf-Wettbewerb unter zwei Bandmitgliedern oder in einem Konzert, bei dem der Gesang des erkrankten Max Müller per Telefonschaltung aus dem Krankenhaus eingespielt wurde.

Dieser Doppelsinn macht Mutter noch außergewöhnlicher, als sie ohnehin schon sind. Mutter sind immer da. Ausgebliebenen kommerziellen Erfolg würden sie niemals mit Erfolglosigkeit verwechseln. Besetzungen wechselten. Sänger Max Müller und Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf bleiben konstanter Kern der Gruppe. Wenn man sie gerade aus den Augen verloren hat, erscheint ein neues Album. Sie wiederholen sich nicht. Sie machen weiter und schenken uns Musik und zeitlose Aphorismen. Zum Beispiel „die Alten hassen die Jungen / bis die Jungen die Alten sind“. Ich freue mich schon auf ihr nächstes Album!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 04/2022.


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